Tattoos aus zwei Welten

Heute war ich mit I. in einem Laden mit Kindersachen und erlaubte ihm, zwei kleine Tattoos auszusuchen.
Die Verkäuferin zeigte auf eine blaue und auf eine rosa Box und meinte: „Hier sind die Tattoos für Jungs und hier sind die für Mädchen“.
Ich erwiderte: „Quatsch. Es ist doch alles für alle da.“
„Na ja“ sprach die Verkäuferin „Jungs suchen sich doch meistens andere Sachen aus als Mädchen.‘
In dem Moment entschied sich I. für 2 Tattoos aus der „Mädchenkiste“, nämlich für einen Hasen und eine Nixe.
Ich war, ehrlich gesagt, sehr froh, dass er mit seiner heutigen Auswahl das Klischee der Verkäuferin nicht bestätigte.
Als wir aus dem Laden raus waren, lachten wir über Hasen „nur für Mädchen“.
„Nur Mädchen dürfen Hasen als Haustiere haben!“, rief ich. „Jungs haben Meerschweinchen!“ Wir lachten und ärgerten uns zugleich.
I. sagte: „Das nächste Mal sage ich, wenn jemand so was sagt, antworte ich: Ich verstehe nur Bahnhof!“
Das ist eine gute Antwort.

Frozen für alle! Über unsere Eiskönigin-Liebe und Merchandising

Viele Eltern gruselt es vor Merchandise-Produkten und sie versuchen, Kinderklamotten und -Sachen mit HeldInnen aus Filmen und Serien zu umgehen.
Mir geht es da anders, ich habe schon immer besonders gerne Fan-Artikel verschenkt, denn ich finde: Wenn jemand Fan von etwas ist, dann drückt er/ sie damit einen Teil seiner Persönlichkeit aus. Wenn jemand leidenschaftlich gern eine Band, eine Serie, die Heldin eines Films, eine Sängerin, einen Roman, eine Farbe, einen Stil… mag, dann steckt ein Teil seiner Seele darin… oder wird darin gespiegelt. Wenn ich einen Fan-Artikel verschenke, zeige ich damit dem Menschen, dass ich seine Interessen und Leidenschaften sehe und anerkenne und weiß, dass sie zu ihm gehören. Ich ermutige ihn, sich auszudrücken und seiner Umgebung den Stempel von dem, aufzudrücken, was ihm wichtig ist.
Insofern schenke ich Fan-Artikel besonders gerne Teenagern (z.B. Band-Shirt oder Poster), aber auch Erwachsenen (z.B. Tasse der Lieblingsserie) und Kindern.
Die Heldinnen und Helden unserer Kinder sagen so viel aus über ihre Träume und ihre oft (noch) versteckten Seiten. Deswegen würde ich sie nie als Konsummist abtun, sondern nachfragen und zuhören. Es kommen interessante Antworten.
Wenn ich I. frage, was er an Star Wars so toll findet, höre ich: „Die Raumschiffe! Die Kämpfe! Die Lichtschwerter! Und dass ich den Film noch nicht gucken darf. Ich finde ihn soooo spannend, weil ich so gespannt bin!“
Ich könnte mich darüber mokieren, dass er und etliche Kindergartenkinder Fan eines Films sind, den sie noch nie geguckt haben. Stattdessen entdecke ich gerade das Star Wars Universum für mich, kann die Faszination, die davon (schon seit Ewigkeiten) ausgeht, immer mehr nachvollziehen. Als ich den Film vor Jahren sah, bin ich eingeschlafen und konnte nie was damit anfangen, aber gerade bekomme ich Lust, ihn nochmal zu gucken.
Man könnte jetzt sagen, dass das Ernstnehmen der kindlichen Interessen nicht heißen muss, dass man Zeug kauft.
Das stimmt auch. Ich habe I. auf ein Shirt ein Star Wars – Motiv gemalt und er findet es toll. Außerdem könnte man gemeinsam zum favorisierten Thema basteln.
Aber ich finde, wenn man eh Klamotten oder Gebrauchsgegenstände kauft, kann man auch die mit den gerade beliebten Aufdrücken kaufen. Es ist schön zu sehen, wie I. sich freut, wenn seine Sachen zu ihm passen.

Aber.
Seit einiger Zeit sehe ich Merchandise-Produkte viel kritischer. Und zwar seit das Merchandising zum Film „Frozen – die Eiskönigin“ angefangen hat.
Mittlerweile gibt es einfach überall einfach alles mit Anna und Elsa, Olaf und Sven.
Und dadurch gerät dieser wundervolle Film total in den Hintergrund. (Star Wars – Fans würden wahrscheinlich dasselbe über Star Wars sagen… Da kann ich aber nicht mitreden (bisher), da ich früher, wie gesagt, dabei eingeschlafen bin.)
In letzter Zeit bekomme ich oft mit, dass viele Eltern so genervt vom Frozen-Hype sind, dass sie sich wundern, wenn ich anfange, vom Film zu schwärmen. Ich habe den Eindruck, es ist, als würden diese Tonnen an Frozen-Sachen die hohe Qualität des Films infrage stellen.

„Frozen“ ist in meinen Augen ein feinsinniger Film über Trauma, Depression und vor allem Heilung, über das Rauskommen aus einer Erstarrung. Es ist die Heldinnengeschichte von Elsa und die Heldinnengeschichte von Anna. Der Film berührt so viele Menschen so tief, weil er etwas universell Menschliches meisterhaft erzählt. Der Soundtrack ist fantastisch und das Titellied „Let it go“ hat völlig verdient einen Oskar gewonnen. Jedes Mal, wenn ich es höre, kriege ich Gänsehaut – immer noch.

The wind is howling like the swirling storm inside
Couldn‘t keep it in
Heaven knows I try

Don‘t let them in, don‘t let them see
Be the good girl you always have to be
Conceal, don‘t feel, don‘t let them know
Well now they know

Diese Zeilen und die dazugehörige Musik haben eine gewaltige Kraft und sprechen überall auf der Welt Menschen aus der Seele.
Der Film ist warmherzig, liebevoll und zeigt richtig starke Prinzessinen.
Am Ende boxt die starke Anna den hinterhältigen Hans mit voller Kraft ins Wasser! Und Sven, ihre echte Liebe, ist ein eher weicher und sensibler Mann.
Aber nicht sein Kuss erlöst Anna, wie zunächst erwartet wird, sondern die Schwesternliebe!!! Das ist so eine wichtige Botschaft.
Und auch wichtig: Als es doch ans Küssen geht, FRAGT Sven, ob er Anna küssen darf!

So, genug geschwärmt, schließlich sollte es in diesem Text in erster Linie um Merchandising gehen. Darauf komme ich jetzt zurück.
Mich stören zum einen die extrem omnipräsenten Frozen-Sachen. So ist ein Fan-Artikel nichts Besonderes mehr, kein Ausdruck einer Liebe, so wie es eigentlich mit einem Fan-Artikel sein sollte.
Mich stört aber ganz besonders, dass Frozen-Artikel speziell für Mädchen vermarktet werden. Das impliziert, es wäre ein Film speziell für Mädchen (als gäbe es sowas). Und kein wunderbarer Film für ALLE. Dadurch sehen sich vielleicht einige Jungs den Film gar nicht erst an oder scheuen sich, ihre Liebe zum Film auszudrücken.
Indem es die obligatorische „Für Jungs“ und „Für Mädchen“-Version eines Artikels zur Zeit im „Frozen – “ und „Spiderman – „/ „Star Wars“ – Look gibt (z.B. Schuhe), wird die Botschaft ausgesendet, dass es sich um einen Mädchen- und um einen Jungsfilm handelt. Das finde ich total traurig. Und ich fange an, dieses Merchandising-Ding zum Teufel zu wünschen, denn das hat nichts mehr mit den Wesen von Fan-Artikeln zu tun, wie ich das am Anfang des Textes beschrieben habe.
Einige Läden haben zwar immerhin auch in der Jungs-Abteilung Frozen-Kleidung im Angebot. Aber nur mit den männlichen Protagonisten – Sven und dem Schneemann Olaf. Dabei sind Anna und Elsa die eindeutigen Hauptpersonen und Heldinnen des Films. Das ist schade und so typisch für unsere Gesellschaft. Als Junge ein Fan von einer Mächen- oder Frauenfigur zu sein scheint tabuisiert zu sein. Seeräuberkind Pippi Langstrumpf ist gerade noch ok, aber eine Prinzessin geht gar nicht.
(Schrieb ich schonmal darüber, dass es jetzt ein männliches Pendant zu Conny gibt? Conny für Mädchen und Max für Jungs. Als würden Jungs anders zum Zahnarzt gehen und schwimmen lernen als Mächen.)

I. ist, wie ich, ein großer Frozen-Fan. Er kennt den Film in- und auswendig.
Letztes Jahr spielte er oft Elsa, wobei er im Kreis lief und „Let it go“ sang.
Wenn er das Lied auf englisch hört, übersetzt er es simultan auf deutsch. Er guckt ganz konzentriert, hebt den Zeigefinger und sagt, wie aus der Pistole geschossen: „Der Schnee glänzt weiß auf den Bergen heut‘ nacht.“ usw.
Er spielt so gerne mit seinem Lego – Frozen -Schloss.

Letztens waren wir in einem Spielwarenladen und ich rief aus: „Schau, hier gibt es ja ganz viele Frozen-Sachen“!
Der Verkäufer rümpfte die Nase und sagte zu Ivo: „Du bist doch nicht etwa Frozen-Fan, oder!?“
Ich erwiderte: „Das ist doch ein toller Film!“
Er hielt inne, schien eine Sekunde in sich zu gehen und renkte ein: „Stimmt.“
Freudig fügte er hinzu: „Und es soll bald einen zweiten Teil geben!“

Als würde er sich wieder erinnern, dass Anna und Elsa eigentlich Protagonistinnen eines guten Films sind und nicht nur die Verzierung von Haarspängchen.

Mein Sohn mag Star Wars und Superhelden und er mag Frozen.
Ich kann seine Faszination für ersteres absolut nachvollziehen, aber streng genommen ist er er nur von Frozen ein „richtiger Fan“ – denn er hat bisher weder Star Wars noch Spiderman geguckt, Frozen aber viele Male.
Aber ihm wird signalisiert, dass Frozen nichts für ihn sei. Zum Beispiel wenn er einen Schuhladen betritt.
I. ist begeistert von den Frozen- und von den Star Wars – Schuhen und entscheidet sich schließlich für die Star Wars – Schuhe. Ich bin erleichtert, denn in den Frozen-Schuhen würde er bestimmt ausgelacht werden.
Die Frozen-Schuhe sind sehr pink, obwohl pink eigentlich überhaupt nicht zum Film passt.
Die Entscheidung ist für I. ok so… er ist schließlich ebenso Star Wars – Fan.
Aber diese Aufteilung ist einfach nur zum Kotzen.
Insofern… habe ich doch ein großes Problem mit Merchandise-Produkten – denn in der Form unterstützt es nicht mehr den Selbstausdruck, sondern zwingt diesen in Schubladen.

#bloggerfürflüchtlinge / Lauter sein.

In den letzten Tagen kamen mir einige Artikel über die sogenannte „Flüchtlingseuphorie“ unter, in welchen die Welle des Engagements kritisiert wurde. Alle würden auf den Zug aufspringen in diesem „Flüchtlingssommer“ und was würde danach kommen, wenn die Euphorie abgeebbt sei? Viele würden sich nur als guter Mensch fühlen wollen… vor allem diejenigen, die die ankommenden Züge mit Luftballons und Kuscheltieren begrüßen. Das sei ja wohl keine nachhaltige Hilfe.
Mit dem unsäglichen Artikel von Jan Fleischhauer bei Spiegel Online will ich mich gar nicht befassen und ihn auch nicht verlinken.
Mit dem Text von Antiprodukt „Flüchtlingskrise 2015, ich war dabei“ (http://antiprodukt.de/fluchtlingskrise-2015-ich-war-dabei/) hingegen würde ich mich gern näher befassen, denn vielem widerspreche ich, einiges finde ich aber auch wichtig.

Mich ärgert der Tenor dieser Artikel, denn hier werden engagierte Menschen (wenn auch nicht absichtlich) kritisiert und indirekt auch beschämt für ihr Engagement. Das finde ich schade.
Ich freue mich unglaublich über die vielen Menschen, die in Dortmund, München und vielen anderen Städten gekommen sind, um den Flüchtlingen zu zeigen, dass sie willkommen sind. Viele auch mitten in der Nacht, z.B. die wunderbare Mutter & Mensch. (https://muttermensch.wordpress.com/2015/09/07/was-fuer-ein-wochenende/)
Jeder Luftballon, jedes „Refugees welcome“, jede Schokolade für die Kinder ist wertvoll. Denn diese Gesten zeigen den Menschen, dass sie willkommen sind.
Die Begrüßungen sind vielleicht nicht nachhaltig, aber laut. Und das ist dringend nötig, weil die rechte Szene zu laut ist. Pegida, „besorgte Bürger“, die ganzen Neonazis, sie sind zu laut. Um die 200 Anschläge auf Flüchtlingsheime im ersten Halbjahr 2015 dröhnen im Ohr.
Das, was passiert ist, lässt sich nicht wieder gut machen, aber wir müssen lauter sein.

Laute, euphorische Begrüßungen an den Bahnhöfen können hoffentlich den geflüchteten Menschen zeigen, dass sie bei den Menschen in Deutschland willkommen sind.
Antiprodukt schreibt in seinem Text „Flüchtlingskrise 2015, ich war dabei“ von
„einer bizarren Euphorie und ‚Hoffnung‘, die beschworen wird, denn, so zeigt sich aktuell ja ‚Wir (Deutschen) sind doch gar nicht so.‘, oder auch: ‚Es gibt sie noch, die Guten.‘ “.

JA!
Wir (Deutschen) sind doch gar nicht so.
Es gibt sie noch, die Guten.

Das finde ich verdammt wichtig. Gerade nach Heidenau u.s.w. Es zu leben und auch zu zeigen.
Den geflüchteten Menschen – Sie sollen sich willkommen fühlen.
Den ganzen Nazis und Rassisten. – Sie sollen sich nicht als Mehrheit fühlen.
Allen Menschen, die Vorbilder, Inspiration und Ideen brauchen, um sich zu engagieren. – Sie sollen sich willkommen fühlen, zu helfen. Jede_r, wie er/ sie kann. Jede Geste zählt.

Ich finde, wenn in einem Text abschätzig von Bahnhofseuphorie und Luftballons geschrieben wird, kann das demotivieren, zu helfen und Flagge zu zeigen.
Daraus spricht eine irgendwie puritanische Geringschätzung von schönen Dingen, die einfach Freude machen und gar nicht nachhaltig sind. (Im Übrigen sind gerade solche schönen Dinge und Erlebnisse sehr nachhaltig, denn solche ‚Bausteine guter Erinnerung‘ stärken die menschliche Resilienz. Aber das nur am Rande.)
Geflüchtete Kinder freuen sich doch ebenso wie nicht geflüchtete Kinder über Schokolade und Luftballons. Und wenn Kinder, die Schlimmes erlebt haben, sich freuen, ist das wertvoll. Punkt.
Wenn gelebt und vermittelt wird: Jede_r hilft, wie er/ sie kann, engagieren sich immer mehr Menschen, alle auf ihre Weise.
Ich finde, die Medizinstudentin Maria Schütte, die in Budapest Flüchtlinge medizinisch versorgt, ist eine Heldin! (https://www.youtube.com/watch?v=FDTPYsI8quA). So als Beispiel.
Aber die Konsequenz daraus kann nicht sein, dass alle mit dem Wunsch, zu helfen, aber ohne medizinische Ausbildung/ Arabischkenntnisse/ viel Zeit/ viel Geld/ Organisationstalent u.s.w. entmutigt werden.
Ich finde großartig, dass sich zur Zeit so unterschiedliche Menschen mit so unterschiedlichen Projekten engagieren, mit ihren Talenten, auf ihre einziartige Art und Weise, das sieht man in den regionalen Facebook-Gruppen. Das soll so weitergehen! Niemand sollte sich davon abhalten lassen, auf SEINE/ IHRE Art und Weise etas zu tun.
In einer Facebook-Gruppe fragte eine Sängerin nach Heimen, in denen sie auftreten könnte, um den Geflüchteten eine Freude zu machen.
Und ich finde das super. Alle Menschen freuen sich über Musik und Zerstreung, aber nicht alle haben das Geld, um auf Konzerte zu gehen.
Oder an den heißen Tagen wurde bei Facebook Eis vorbeibringen organisiert.
Durch so kleine Aktionen werden auch diejenigen animiert, mitmachen, die gerade nicht viel Zeit und Energie haben.
Ich persönlich habe gezielt überlegt, was ich außer Sachspenden mit 2 Monate altem Baby tun könnte – etwas, das in meinen momentanen Babyalltag passt.
Ich plane gerade eine Krabbelgruppe mit geflüchteten und nicht geflüchteten Müttern (ich werde darüber noch berichten). Wenn ich ein schlechtes Gewissen bekommen würde, weil andere Hilfe woanders dringender ist, würde ich mich wohl gelähmt fühlen und nichts tun.
Und ich bin sehr dankbar, dass tolle Menschen aus den Facebook-Gruppen rumfahren und Sachspenden abholen.
Wenn mein Baby größer wird, werde ich wahrscheinlich Theaterprojekte mit geflüchteten Kindern machen und mich allgemein mehr engagieren, aber ich würde z.B. keine Kleiderspenden sortieren. Denn da wäre ich Chaotin nicht besonders hilfreich.

Wenn ein Mensch „nur“ die Energie/ Möglichkeit hat, am Gleis „Refugees welcome“ zu rufen, sollte er nicht demotiviert werden.
Wenn ein Mensch, das was er eh gerne tut, mit oder für Flüchtlinge tun will, sollte er nicht demotiviert werden! Helfen muss nicht anstrengend sein.
Und aus welchen Motiven ein Mensch hilft oder auch ein Unternehmen spendet, finde ich sowieso nicht relevant. Wir Menschen sind doch eh so gestrickt, dass ganz unterschiedliche Motive – sowohl, als auch – übereinander liegen. Und nicht entweder, oder.
Helfen darf kein Wettbewerb sein.

Ich musste an die Maus Frederick aus dem gleichnamigen Bilderbuch von Leo Lionni denken. Während alle Feldmäuse fleißig Vorräte für den Winter sammeln, tut Frederick nichts und wird dafür von den anderen Mäusen gerügt. Er sagt, er sammle für die langen Wintertagen Farben, Wörter und Sonnenstrahlen. Und tatsächlich – als die Vorräte der anderen alle sind, machen Fredericks andersartige Vorräte den restlichen Winter weniger trist.
Jede_r hat eben etwas Anderes beizutragen.

ABER.
In Antiprodukts Text steht auch einiges, das ich wichtig und richtig finde.
Oft frage ich mich tatsächlich, ob Helfende sich Gedanken darüber machen, wie ihre Hilfe beim Gegenüber ankommt. Ich spreche hier nicht davon, dass man sich beim Helfen gut fühlt, das finde ich normal und menschlich. Sondern von mangender Empathie, wie das Gegenüber sich fühlen könnte.
Antiprodukt hat einen Facebook-Screenshot seinem Text beigefügt: „Hab ich schon erwähnt, dass man für 10 Euro im Monat solchen süßen Leuten aus dem Bürgerkrieg helfen kann?“ Darüber, wie daneben das ist, braucht man gar nicht erst zu reden. Und auch nicht von verdreckten und verschlissenen Kleiderspenden und unnützen Krimskrams im Müllsack.

Aber dieser Abschnitt von Antiprodukts Text macht mich nachdenklich: „obendrauf gepackt werden acht Plüschtiere, persönlich übergeben von deutschen Kleinkindern, die hier noch etwas lernen können.“
Denn jeden Tag lese ich in den regionalen Facebook-Gruppen Anfragen diese Art: „Ich möchte spenden, aber nicht beim DRK, sondern die Sachen persönlich übergeben mit meinen Kindern. Denn die sollen dabei was lernen.“ o.ä.
Ich stelle es mir aber angenehmer vor, aus einer vorsortierten Kleiderkammer etwas auszusuchen, als von fremden Menschen etwas anzunehmen.
(Auch ich möchte meinem Sohn natürlich etwas „vermitteln“, aber ich denke doch, es reicht, dass er mein Vorbild mitbekommt, wenn er will, auch etwas aussortiert und hoffentlich bald einfach so Kontakt mit geflüchteten Kindern hat, unabhängig von Spenden.)
Zu dem Thema hat Betül Uelusoy einen sehr guten und sehr lesenswerten Text geschrieben: https://betuelulusoy.wordpress.com/2015/09/08/spenden-wenn-die-wuerde-abhanden-kommt-2/
Ich zitiere aus Ulusoys Text:
„Wir fühlen uns gut, wenn wir geben. Wir gefallen uns in dieser Rolle. Geben ist leicht. Was schwierig ist, ist nehmen. Denken wir auch an die Gefühle derer, die nehmen müssen oder ist uns unser Geben und unser Wohlbefinden wichtiger? Diese Frage stelle ich mich in letzter Zeit immer öfter. Ich habe das Gefühl, dass uns manchmal die Empathie verloren geht, während wir eifrig dabei sind, zu helfen. Unsere Empathie für die Würde anderer. (…)
Als wir neulich Süßigkeiten für das Opferfest eingekauft haben, kamen nur die Dinge in den Einkaufswagen, die uns persönlich schmecken. Das mag nach einem Luxusproblem klingen, aber wir haben den Luxus zu sagen: „Das schmeckt mir nicht“, während wir ihnen alles selbst aussuchen und vorsetzen und noch dazu ’strahlende Augen‘ erwarten.
Ich finde, das ist ein schwieriges Thema. Diese Menschen sind tatsächlich auf so viel angewiesen, von der Unterhose, bis zur Mahlzeit. Gleichzeitig sind viele Helfer einfach nur herzensgute Menschen, die es gut meinen. Wie schafft man also den Spagat zwischen helfen zur Gewissensberuhigung und würdevoller Hilfe der Unterstützung Willen. (…)
Wenn mich also das selbe Schicksal ereilen sollte, wünsche ich mir würdevolle Hilfe. Was würde ich in dieser Situation wollen? Solange wir nicht vergessen, diesen Maßstab anzulegen, ist wohl viel getan.“

Sich kritisch (und zugleich wohlwollend) zu reflektieren beim Helfen ist wichtig.
Ich überlege auch schon länger hin und her, wie die Verpflegung der Krabbelgruppe gestaltet werden sollte, ohne dass es gönnerhaft rüberkommt und somit unangenehm für die geflüchteten Mütter. Es ist nicht so einfach – aber ich lasse mit davon nicht entmutigen.
Einen Spruch Mohammeds, den Ulusoy zitiert, finde ich bei der Entscheidungsfindung hilfreich: „(…) Ein Mann, der so spendete und es derart verbarg, dass seine linke Hand nicht wusste, was seine rechte Hand spendete.“

Statt vollkommen unterschiedliche Projekte und Formen des Helfens zu hierarchisieren und helfenden Menschen „niedere“ Motive zu unterstellen, wäre es sinnvoll, zu hinterfragen, wie unsere Hilfe beim Gegenüber ankommt.
Seien es medzinische Versorgung, Kleiderspenden, Dolmetschen, Eis (ver-) teilen, Frisieren, Socken stricken, gemeinsam kochen, Schilder hochhalten, Drogerieartikel kaufen, Geschenke für Bayram packen, Flüchtlinge anstellen, bei sich wohnen lassen, bei Behördengängen begleiten, gemeinsam basteln, Geldspenden, Trageberatung…
All dies kann achtsam und respektvoll den geflüchteten Menschen gegenüber erfolgen oder auch nicht.
Wenn wir die Würde unseres Gegenübers achten,
ist all dies wichtig.

Jungsmama!?

Ich bin eine Jungsmama. Denn ich habe zwei Jungen. I. hat vor 2 Monaten einen kleinen Bruder bekommen!
Soweit so logisch. Soweit so gut.
Aber ich mag diesen Begriff nicht: „Jungsmama“. Und den Begriff „Mädchenmama“ mag ich genauso wenig. Denn sie stehen normalerweise für mehr, als dass man zwei Kinder desselben Geschlechts hat.
#jungsmama
#mädchenmama
„Ich bin eine Jungsmama“ – heißt das, ich kenne mich mit Star Wars, Dinos und Baggern aus? Ist es bei uns zuhause lauter, wilder, rabiater, dreckiger?
„Sie ist eine Mädchenmama“ – also ist sie Expertin für Feen, Glitzer und Nagellack, fürs Basteln, Malen und Zickereien?
Ist es wirklich so einfach?
Jungen können so unterschiedlich sein – die einen wilder und die einen zarter. Und dann hat auch noch jeder Junge wilde und zarte Seiten.
Und jetzt lies nochmal diese Zeile und setze „Mädchen“ für „Junge“ ein.

Als ich schwanger mit dem zweiten Jungen war, meinte ein befreundeter Vater: „Oha, zwei Jungs! Da wird es hoch hergehen bei euch!“ Lustig finde ich, dass dieser Vater 3 äußerst energiegeladene Töchter hat.
Ein anderer Vater meinte: „Zwei Jungs! Eine Fußballmannschaft!“ Gerade war Frauen-WM.
Eine Bekannte fand (als es noch nicht klar war, ob es ein Mädchen oder Junge ist): „Wenn es ein Mädchen wird, wird I. ein richtiger großer Bruder, der sein Schwesterchen beschützt, schööön! Und wenn es ein Junge wird, dann kriegt er einen Spielkameraden, das ist auch sehr schön!“
Muss man ein Schwesterchen mehr beschützen als ein Brüderchen?
Und kann ein Junge mit einem anderen Jungen besser spielen? (Diese Vorstellung vom Spielkameraden ist sehr weit verbreitet.)

Wenn man noch einen Jungen oder noch ein Mädchen bekommt, wird man besonders stark mit den herrschenden Geschlechterrollen konfrontiert.
Damit, was es heißt, in unserer Gesellschaft, ein Junge oder ein Mädchen zu sein.
2kindchaos hat sehr beeindruckend darüber gebloggt, wie es war, als sie mit dem zweiten Mädchen schwanger war: „Ach, Sie bekommen noch ein Mädchen? Mein Beileid.“
(http://www.2kindchaos.com/blog/entry/gesellschaft/2015/06/15/ach-sie-bekommen-noch-ein-maedchen-mein-beileid)

Wir haben alle unsere Vorstellungen und Bilder im Kopf. Ich auch. Das ist ok. Aber ich finde es wichtig, sie zu reflektieren. Zum Beispiel stelle ich mir vor, wie ich mit meiner Tochter im Teenageralter shoppen gehen würde und dann würden wir uns mit unseren Einkäufen in ein Cafe setzen und ganz lange von Frau zu Frau reden.
Das ist eine schöne Vorstellung. Aber wer weiß, ob meine fiktive Tochter nicht lieber mit ihren Freundinnen shoppen gehen würde?
Ebenso wie I. oder M. mal Spaß daran haben könnten, mit mir in die Stadt und ins Cafe zu gehen. Oder auch nicht.
Ja, ich würde so gern all die süßen Kleidchen und Spängchen kaufen. Das könnte ich die ersten 2, 3 Jahre exzessiv machen, wenn ich eine Tochter hätte. Aber dann würde sie sowieso ihren eigenen Geschmack entwickeln und vielleicht keine Kleidchen und Spängchen mögen.
Ein Bekannter, der zwei Mädchen hat, stellt sich oft vor, wie es wäre, noch einen Jungen zu haben, mit dem er seine Leidenschaft für Fußball teilen könnte. Aber ich weiß nicht, ob er schon probiert hat, seine Töchter für Fußball zu begeistern. Ich glaube, nicht. Vielleicht würden sie es mögen, vielleicht auch nicht. Vielleicht würde nur eine Tochter Feuer fangen. Bei einem Jungen wüsste er es auch nicht.
Wenn man feste Vorstellungen hat, die man nicht hinterfragt, kann man leicht enttäuscht werden.
Es kann ja außerdem sein, dass aus einem Sohn irgendwann eine Tochter wird oder andersherum – wenn ein Mensch transsexuell ist. Die Persönlichkeit, das Wesen, bleibt aber bestehen. Ein Mann kann zu einer Frau werden, eine Geschlechtsumwandlung machen lassen, sich umbenennen – und bleibt doch derselbe Mensch.
(Ich empfehle den wunderbaren Film „Laurence anyways“ von Xavier Dolan.)

Kinder sind in erster Linie einzigartige Persönlichkeiten.
Naomi Aldort leitet ihr Buch „Von der Erziehung zur Einfühlung“ mit folgendem Zitat ein:

„Nichts, was aus dir wird, kann mich enttäuschen. Ich habe keine vorgefasste Meinung, was du sein oder tun sollst. Ich habe keinerlei Wunsch, dich vorherzusehen, nur den, dich zu entdecken. Du kannst mich nicht enttäuschen.“
– Mary Haskell

Lassen wir uns überraschen von unseren Mädchen und Jungen, von unseren Kindern.

Vielen, vielen Dank, Mama!

Ich lese gerade Alfie Kohns „Liebe und Eigenständigkeit“ und Naomi Aldorts „Von der Erziehung zur Einfühlung“.
Das heißt, ich habe den Kohn fast fertig gelesen, Aldorts Buch gekauft, reingelesen (es hat mich direkt begeistert!), dann aber beiseite gelegt, um Kohn fertig zu lesen.
(Ich nehme mir immer wieder vor – ich glaube, seit ich lesen kann – erst ein anderes Buch anzufangen, wenn ich das eine ausgelesen habe, aber na ja… )
Wenn ich beide dann gelesen habe, werde ich berichten.
Aber von einer Sache, die mich beeindruckt hat, möchte ich schonmal erzählen.
Ich habe mich beim Lesen sehr in meinem „Erziehungsstil“ und in meiner Intuition bestätigt gefühlt. Beispielsweise habe ich schon oft zu hören bekommen, dass ich zu viel mit I. diskutiere. Ich fühle mich aber nicht wohl mit „Weil ich es sage“ und „Weil ich deine Mutter bin“. Wenn ich Kohn und Aldort lese, werde ich direkt gelassener und entspannter I. gegenüber, weil ich das Gefühl habe, dass ich es richtig mache. Ich fühle mich dabei ermutigt, auf meine Art mit I. umzugehen, aber auch weiter zu gehen als bisher und einige Gewohnheiten zu überdenken.
Zum Beispiel das Danke und Bitte sagen.
Ich erinnere mich, dass ich als Kind sehr dazu gedrängt wurde und dass das sehr unangenehm war.
Und dennoch ist es leider so, dass auch ich I. (wird im Oktober 6) damit in den Ohren liege. Ich flöte zwar nicht für alle hörbar: Wieeee sagt man!?, ich schimpfe nicht, ich zwinge ihn nicht, aber dennoch: Ich flüstere (in einem netten, nicht mahnenden Tonfall, aber -ja- dennoch): „Hast du Danke gesagt?“ oder „Sag mal Danke!“, wenn I. eine Wurst beim Metzger kriegt/ Gummibärchen in der Apotheke/ ein Geschenk von den Großeltern.
Ich bin immer wieder genervt, weil er ohne Erinnerung meinerseits einfach nicht „Danke“ sagt.
Ich finde, dass das Bedanken keine leere Höflichkeitsfloskel ist, sondern für eine Geste, mir der man ausdrückt, dass man die Bemühungen des Gegenübers wertschätzt. Das habe ich I. schon mehrmals erklärt und trotzdem denkt er zu selten daran.
Mir scheint, besonders selten, wenn ich ihm etwas schenke. Auch wenn er sich offensichtlich freut. Auch in dem Fall sage ich (und komme mir dabei blöd vor, aber mache es trotzdem): „Und was kann man sagen?“
Auch „sag mal Entschuldigung“ oder „du musst dich jetzt entschuldigen“ höre ich mich viel zu oft sagen. Auch wenn ich schon lange denke, dass es nicht richtig ist, zum Entschuldigen zu drängen.
Vom Zauberwort habe ich auch schon oft gefaselt, auch wenn I. schon als Dreijähriger feststellte: „Bitte ist kein Zauberwort. Ein Wort, das eine Kerze in einen Wal verwandeln würde, das wäre ein Zauberwort.“

Kohn hat mich dazu gebracht, diese ganze Bitte-Danke-Tschuldigung-Sache zu reflektieren und zu hinterfragen. Ich beschloss, komplett darauf zu verzichten, diese Wörter einzufordern. Im Nachhinein die Situation besprechen – ja, je nachdem. Aber nicht mehr dieses: „Was könnte man sagen…?“ nachdem er ein Geschenk ausgepackt hat.

Nun brachte ich I. letztes Wochenende zwei Barbies von den Hofflohmärkten (coole Sache!) mit. Einen Ken, der sowohl wie ein Prinz, als auch wie ein Superman aussieht und eine Fee. I. hat sich Barbies sehr gewünscht und hat sich irre gefreut. Das war nicht zu übersehen. Bedankt hat er sich trotzdem nicht, aber ich hielt mich zurück und sagte nichts.
Abends vorm Einschlafen dann: „Vielen, vielen Dank für die Barbies, Mama!“
Das sagte er so andächtig, so zärtlich, so leidenschaftlich,
Noch nie hatte er sich SO aufrichtig und herzlich für etwas bedankt.
Und am nächsten Morgen, er wachte auf und – bedankte sich nochmal!
„Mama, vielen, vielen Dank, dass Du mir die Barbies mitgebracht hast. Ich habe mich sooo gefreut!“

Sein Dank kam vom Herzen.
Es war wie ein Geschenk für mich.
Ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg bin und ich spürte, wie sinnlos es ist, auf das Aussprechen der „Zauberwörter“ zu bestehen. Man kann darüber sprechen, dass Menschen sich darüber freuen und sich wertgeschätzt fühlen, wenn man sich bei ihnen bedankt, ja. Aber man muss nicht drängen.
Letztlich glaube ich, dass I. oft so überwältigt ist, wenn er sich freut – so sehr mit Freuen beschäftigt ist – dass er in dem Moment einfach nicht daran denkt, sich zu bedanken. Bei mir kann er es auch später machen, so wie er sich für die Barbies bedankt hat. Bei Fremden, die er eher nicht wiedersehen wird, ist das schwieriger. Aber das ist nicht schlimm.

Superheld Zauberalarm Dunkler Lord

I. ist gerade im Superheldenfieber. Er ist fasziniert von Batman, Superman, Spiderman. Wobei er Vorlieben hat, wie er mir neulich erzählte:
Ivo: „Ich mag Superman eigentlich lieber als Batman. Superman kann Laser aus den Augen sprühen, aber Batman ist einfach nur ein außgewöhnlich sportlicher Mann.“
Heute holte ich vom Kindergarten einen Superhelden ab. Er hatte ein superscharfes Schwert, das als gewöhnlicher Stock getarnt war und trug einen Superumhang, der wie eine gewöhnliche übergeworfene Kapuzenjacke mit Käppi drüber aussah.
Er hieß – Der dunkle Lord.
Ich stutzte.
Ich warte sehnsüchtig auf den Tag, an dem ich mit I. zusammen Harry Potter lesen darf.
Aber ich muss mich noch gedulden. Woher kennt er also den Dunklen Lord? Wohl irgendwo aufgeschnappt, so wie die Namen der Star Wars Helden. Aber – wieso denn der dunkle Lord? Wieso nicht Voldemort oder wenigstens Der, dessen Name nicht genannt werden darf?
Ich bin zu sehr Harry Potter-Fan, um zuzulassen, dass mein Knd sich der Dunkle Lord nennt. Das geht nicht. Da stellen sich mir die Nackenhaare auf. Normalerweise mache ich so etwas nicht, ich bewerte I. Spiel nicht, aber ich konnte nicht anders, als anzufangen, auf I. einzureden, dass der dunkle Lord gar kein guter Superheldenname ist.
Weil Voldemort der böseste Zauberer überhaupt ist. Fand I. gut.
Er hat Harry Potters Eltern getötet! – I. interessierte sich brennend dafür, wie genau er sie umgebracht hat.
Nur seine Anhänger, die anderen Bösen nennen ihn Der dunkle Lord!
Harry Potter ist mein Lieblingsbuch und es ist so komisch, wenn Du Dich dunkler Lord nennst!
Na gut, I. wollte sich einen anderen Namen überlegen und kam auf Alanus. Ich war begeistert! Wohl zu sehr, denn I. fand plötzlich, dass Alanus so kompliziert sei, dass er ihn sich nicht merken könne.
Zauberalarm wollte er statt dessen heißen! Auch gut. Bloß nicht dunkler Lord.

Aber als ich meinem Freund beim Abendessen vom Superhelden, der erst Dunkler Lord und dann Zauberalarm hieß, erzählte, meinte I. plötzlich:
Ich heiße jetzt Zauberalarm Dunkler Lord. So will ich heißen, das bestimme nämlich alleine ich und das ist meine Meinung!
Recht hat er, natürlich.
Dann erzählte ich I. noch ganz viel über Harry Potter. Natürlich keine Details über Vodemort (also ich nenne ihn nicht den Dunklen Lord!), aber vom Hogwarts-Express, vom sprechenden Hut, von Bertie Botts Bohnen, von Quidditch…
I. saugte alles auf.

…ich freue mich SO SEHR auf diesen Moment, wenn es soweit ist.

Neues über I.,Pink, Zöpfchen, Lego Movie…

Gestern waren I. und ich in einem Klamottenladen, als I. hörte, wie eine Frau die Verkäuferin fragte: „Ich suche Softshelljacken. Für Jungs.“
I. schnaubte: „Jacken für Jungs… Alle Jacken sind doch für Jungen und Mädchen!“
Hach. Schön!

In I.s Kindergarten hat sich was verändert. Früher war es so, dass blöde Kommentare über pinke Shirts oder Nagellack wenn, dann eher von Erwachsenen kamen, nie von Kindern. Aber neuerdings geben die zwei ältesten Vorschuljungs in I.s Gruppe den Ton an und wenn I. was „mädchenhaftes“ an hat, ärgern sie ihn. Deshalb will I. seine pinken und rosa Sachen, auch die „Jungsshirts“ mit pinken oder lilsa Akzenten nicht mehr im Kindergarten tragen. Ansonsten zieht er sie gern an und ich freue mich, dass er sich trotz Gegenwind seinen Geschmack und Selbstausdruck bewahren kann. Ihn trifft es sehr, dass die Beiden ihn ärgern, denn er mag sie und findet sie cool. Oft spielen sie mit ihm, sie spielen eigentlich gerne zusammen und plötzlich fangen sie doch an zu ärgern. Ich glaube, dieses hin und her belastet I. besonders.
Als I. immer wieder davon erzählt hat, gingen bei mir direkt die Alarmglocken und ich habe mich gefragt, ob I. wohl grundsätzlich und auch von anderen geärgert wird und ein Außenseiter in der Gruppe geworden ist. I. hatte immer eine tolle Clique in seiner Gruppe, allerdings ist nun sein bester Freund aus der Clique weggezogen und I. vermisst ihn sehr. Dann auch noch die zwei Vorschuljungs. Ich wurde in der Schule gemobbt, daher stoßen die Alarmglocken bei mir alte Erinnerungen an. I.s Erzieher erzählte aber, dass die Jungs wohl gerade alle ärgern, sehr dominant sind und I. keinesfalls ein Außenseiter ist. Er verprach, noch mehr als bisher die Situation im Auge zu haben. Das beruhigte mich. Außerdem erzählte die Mutter von I.s Kindergartenfreundin, dass die zwei die Freundin auch ärgern würden. Ihr Halstuch sei ein Babyhalstuch und sie würde babyhaft malen. Eigentlich nehmen sie alles als Anlass zum Ärgern. Mal war es I.’s weiße Unterhose, die sie an Babywindeln erinnerte und mal der Schwanz vom Drachen seines Drachenshirts, der irgendwie komisch war.
Ich freue mich, dass die Zwei im Sommer zur Schule gehen werden, dann wird I. das älteste Kind in der Gruppe sein. Das wird die Dynamik sicher ändern.
I. möchte sich unbedingt die Haare wachsen lassen und dann einen Zopf wie sein Papa haben. Er wartet sehnsüchtig darauf, dass er sich ein Zöpfchen machen kann, das hält. Er will „erst Haare so lang wie Papa, dann so lang wie die von Rapunzel!!“. Als er mit Zöpfchen im Kindergarten war, kamen natürlich blöde Kommentare und dann war er mehrmals hin- und hergerissen, ob er mit Zöpfchen in den Kindergarten soll oder nicht.
Zum Glück ist es nicht mehr so lange hin bis zu den Sommerferien und I. hat tolle ErzieherInnen. Eine Erzieherin hat ihm ein rosa Haargummi geschenkt, eine Praktikantin hatte wohl gesagt, dass sie sein Zöpfchen toll findet und er hat erzählt, dass eine andere Erzieherin seinen Pulli mit grau-blau-altrosa Streifen wohl besonders schön gefunden hätte und dann hätten viele das auch gesagt.

Gestern Abend haben wir zu dritt den Lego Film geguckt. Erst fand ich ihn ziemlich langweilig. I. war gebannt und mein Freund war begeistert, dass einfach alles aus Lego gebaut und animiert war, sogar Wellen im Meer, Explosionen und Duschwasser. Er und I. lieben Lego, ich kann damit persönlich wenig anfangen und mag Playmobil viel lieber. Aber dann hat mir der Film doch sehr gut gefallen, als er zum Ende hin seine Botschaft entfaltete: Dass die unterschiedlichen Lego-Welten nicht starr getrennt sein sollten, sondern dass kunterbunt gemixt gebaut und kombiniert werden kann, ohne Anleitung! Einhorn-Kitty mit Batman! Genauso spielt I. gerne: Neulich erlebten die Fillys mit Batman und seinem Batmobil ein Abenteuer.
Ich hätte es toll gefunden, wenn im Film die „Jungs“– und „Mädchen“ – Lego-Welten noch mehr durchmischt worden wären. Der Schwerpunkt lag eher darauf, dass kreativ gebaut wird. Sehr schönes Ende, in dem ein Junge seinen Vater überzeugen kann, ihn endlich mit seiner bis dato unantastbaren im Keller aufgebauten Lego-Welt spielen zu lassen.
Insgesamt ein sehenswerter Film, der I. sehr begeistert und direkt zum Lego-Raumschiffe bauen inspiriert hat!

Pinkt stinkt nicht.

Heute morgen war ich bei einem Kinderflohmarkt, wo ich folgendes Gespräch miterlebte:
Kundin (hatte gerade Autobettwäsche bezahlt): „Toll, vielen Dank! Sonst müsste er noch in Prinzessin Lillifee-Bettwäsche der Großen schlafen.“
Verkäuferin: „Um Gottes willen!!! DER ARME! Nein, auch wenn wir hier in Köln sind, sowas muss man ja nicht forcieren. Wenn’s von selber kommt, ok. Aber man muss es nicht forcieren.“
Ich dachte, mir fallen gleich die Ohren ab. Dieser Jungssachen vs Mädchensachen Unsinn, den hört man ja leider täglich. Ich kann es nicht mehr hören. Aber die Aussage dieser Mutter implizierte ja noch viel mehr. Auch schon oft gehört, aber es machte mich wieder so, so wütend. Die Homophobie dahinter. Als wäre Homosexualität („…auch wenn wir hier in Köln sind“) etwas Unerwünschtes. Nach dem Motto: Wenn’s so ist, ist es eben so, aber wenn es sich vermeiden lässt… Als ließe es sich vermeiden. Als ließe sich die sexuelle Orientierung unserer Kinder beeinflussen. Und schließlich: Als hätte das Schlafen in Lillifee-Bettwäsche, tragen von/ spielen mit „Mädchensachen“ IRGENDWAS damit zu tun.
Mich kotzt das alles so an. Ich lebe noch nicht mal auf dem Land. Der Kindergarten, in dem der Flohmarkt stattfand, ist in der Kölner Südstadt!
Das Gespräch ging noch weiter: Die Kundin erzählte: „Boah, mein Sohn will total oft Sachen von seiner großen Schwester anziehen. Wie er zuhause manchmal rumläuft, schrecklich!!“
Ich konnte das Ganze nicht unkommentiert lassen, habe aber leider nur gesagt: „Also mein Sohn liebt rosa und ich finde es schön. Ich bin gerade sehr froh, einen Pulli mit rosa für ihn gefunden zu haben.“ Worauf beide Frauen mich kurz irritiert anschauten, dann wendeten sie sich ab und die Verkäuferin sagte zur Kundin: „Bei uns ist es genau andersrum. Meine Tochter ist so burschikos, immer will sie nur Hosen tragen, ich würde ihr doch so gerne mal ihre hübschen Kleidchen anziehen, sie hübsch machen… sie sagt, warum muss mein Bruder denn keine Kleider tragen und ich sage: Er ist ja auch ein Junge….“
Ich ging weiter.
Ich freute mich über meine Schnäppchen, den rosa-grau-blau geringelten Pulli und das grüne Poloshirt mit der rosa Aufschrift für meinen Sohn. Ich wusste, ich hatte I.s Geschmack getroffen. (Ich bin immer auf der Suche nach „Jungs-Sachen“ in/mit seinen Lieblingsfarben pink, rosa oder lila. Ich meine diese Anführungsstriche sehr, sehr dick, denn ich wünschte, es gäbe diese dumme Aufteilung in Jungs – und Mädchensachen nicht. Und I. mag auch gern Rüschen, Glitzer, alles aus der Mädchenabteilung. Aber in seinem Kindergarten weht der Wind jetzt rauher und traurigerweise kann bereits ein pinker Farbtupfer von den großen Jungs blöd kommentiert werden. Das macht I. was aus und er fühlt sich oft hin- und hergerissen zwischen seinem Geschmack und dem Wunsch, von den Größeren anerkannt zu werden. Wenn die Klamotte auch „Jungs“-Attribute aufweist, kann er seine Lieblingsfarben tragen, ohne das Risiko einzugehen, geärgert zu werden. Zu dem ganzen Thema habe ich vor langer Zeit bereits gebloggt, siehe „Der Junge mit den roten Fingernägeln, 1&2″)
Ich war also zufrieden mit meiner Flohmarktausbeute und I. freute sich tatsächlich sehr, als ich nach Hause kam.
Aber die Wut bleibt.
Die Wut auf die Homophobie und Heteronormativität, die einem im Alltag immer wieder auflauert. Die Wut darüber, dass es immer noch nicht selbstverständlich ist davon auszugehen, dass ein Kind später homo-, hetero-, oder bisexuell sein wird und alles völlig gleichwertig ist. (Die Heteronormativität und wie man damit als Eltern umgeht, ist ein Thema für einen ganzen Post…)
Die Wut auf diese verdammte Gesellschaft, in der Pink, rosa, Glitzer, Feen für Jungs immer noch ein Tabu sind.
Mein Sohn ist neidisch auf die Röckchen der Mädchen, die beim Drehen so schön schwingen und er ärgert sich mit mir darüber, dass Röcke und Kleider in unserer Gesellschaft den Mädchen vorbehalten sind. Er hatte mal ein Tutu fürs Tanzen, aber jetzt mit 5 trägt er es nicht mehr.
Er ist jetzt 5 1/2, cool sein ist wichtig. Gerade sind Superhelden und Star Wars besonders angesagt. Waffen, Laserschwerter, spektakuläre Kämpfe faszinieren ihn. Aber er hat sich auch noch seine Liebe für Filly-Pferde und Feen bewahrt, mit seinen Freundinnen spielt er stundenlang mit dem Filly-Schloss oder mit Barbies. Mit mir spielt er am liebsten Fillys oder Babypuppen. Dann ist er 4-facher, sehr treusorgender Papa und ich die Oma (von Lisabella, Lisa, Carlotta und Filippa). Er liebt seine pinke Haarbürste mit Glitzerkrone. Neben vielen Superhelden- Drachen- und Piratenshirts hat er wenigstens etwas rosa und pink in der Garderobe. Ich bin dankbar, dass er sich das alles trotz des rauhen Windes bewahren konnte.
Und ich bin sehr stolz auf ihn, weil er davon überzeugt ist, dass die Aufteilung in Jungs- und Mädchensachen Quatsch ist.
Letztens fragte er mich:
„Mama, was steht auf meiner Hose?“
– „Boys Wear, das heißt Jungenkleidung.“
„So ein Quatsch, es gibt doch nicht Hosen nur für Jungs oder nur für Mädchen! DAS HABEN DIE NUR GEMACHT, DAMIT MAN DIE HOSEN NICHT TEILT!“, entgegnete er empört. Und das mit dem Teilen – darauf ist er selber gekommen!! Über den kommerziellen Aspekt davon, dass es jeden Pups in zweifacher Ausführung gibt, haben wir nie gesprochen.

Wild sein, Piraten, Glitzer, gefährliche Monster, schöne Prinzen und Prinzessinnen, Kämpfen, Stark sein, Raubtiere, zart sein, sich schmücken und schminken, Superheldinnen und Superhelden, sich kümmern, Babypuppen versorgen, Roboter, Technik, Weltraum, Feen und Elfen, Drachen, Schwerter, Schmetterlinge.
Für alle!
Jeder und jede sollte sich aussuchen können, was sie/ ihn fasziniert und interessiert ganz ohne die Label „Für Jungen“ oder „Für Mädchen“.
Selbstverständlich dürfen sich Mädchen für die Puppen entscheiden und Jungs für die Autos. Aber auch andersherum. Und für Beides! Die meisten Kinder mögen nämlich eine breite Palette an Themen und Aktivitäten, je nach Alter, Phase und auch Typ/ Charakter in unterschiedlicher Gewichtung. Das hängt von vielen Faktoren ab, aber nicht vom Geschlecht. Die künstliche Einschränkung in „Für Jungs“ und „Für Mädchen“, die meines Erachtens immer weiter fortschreitet und nun auch auf Literatur, Sach- und Schulbücher übergeht, geht mit starker Normierung einher – sehr starren Vorstellungen davon, wie ein Junge oder ein Mädchen zu sein hat. Wer der Norm nicht entspricht, fällt auf. Das macht es Kindern schwerer, ihre ganze Persönlichkeit zu entfalten, ihre wilden und ihre zarten Seiten.

Pink stinkt nicht.
Pink ist für alle da.

Über die Onlinepetition

Vor einigen Tagen las ich in den Nachrichten über die Onlinepetition „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ des Lehrers Gabriel Stängle (https://www.openpetition.de/petition/online/zukunft-verantwortung-lernen-kein-bildungsplan-2015-unter-der-ideologie-des-regenbogens). Es geht um Protest gegen die geplante Bildungsreform in Baden-Würtemberg, die die Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt im Lehrplan verankern soll. Ich war ich entsetzt über die rege Zustimmung (am 11.11. 89.197 Unterstützer) und über die Flut an homophoben Kommentaren unter der Petition.
Ich hätte dieses Ausmaß an Homophobie und eine so häufige Verharmlosung der Petition nicht erwartet.
Bei Facebook wurde geschrieben, die Petition sei einfach „freie Meinungsäußerung“ und das wurde auch von den Betreibern von „openpetition.de“ gesagt. Die Petition wurde immer noch nicht entfernt.

Mir standen beim Lesen dieser „freien Meinungsäußerung die Haare zu Berge. Da gibt es nichts zu verharmlosen.
– Die Verfasser nennen ‚die Akzeptanz sexueller Vielfalt‘ eine ‚pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung‘. Sie meinen, die Leitprinzipien ’schießen über das Leitziel „Verhinderung von Diskriminierung“ hinaus‘. Aha. Sexuelle Vielfalt soll also nicht diskriminiert, aber auch nicht akzeptiert werden.
– Sie fordern ‚ein „Nein“ zur Überbetonung einzelner Gruppen und ihrer Interessen‘. Wie kann von einer Überbetonung die Rede sein?
– Sie fordern ‚ein uneingeschränktes „Ja“ zum Wissenschaftsprinzip in Schule, Unterricht und Lehrerbildung und lehnen ideologische Kampfbegriffe und Theoriekonstrukte ab.‘ Wissenschaftsprinzip?!?
So viel zum „Wissenschaftsbegriff“ weiter unten in der Petition: ‚In „Verankerung der Leitprinzipien“ fehlt komplett die ethische Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils, wie die höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, die auffällig hohe HIV-Infektionsrate bei homosexuellen Männern, wie sie jüngst das Robert-Koch-Institut (5) veröffentlichte, die deutlich geringere Lebenserwartung homo- und bisexueller Männer, das ausgeprägte Risiko psychischer Erkrankungen bei homosexuell lebenden Frauen und Männern.‘
Zunächst einmal: Was ist ‚EIN LSBTTIQ-Lebensstil‘?? Wie aufschlussreich, dass alle Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle einen einheitlichen Lebensstil haben. Besonders der Lebensstil eines intersexuellen Neugeborenen würde mich mal interessieren.
Was dann folgt ist Missbrauch wissenschaftlicher Daten und Manipulation der übelsten Sorte.
Der Petitionsverfasser ist studierter Lehrer. Er muss im Studium gelernt haben, Ergebnisse wissenschaftlicher Studien kritisch zu hinterfragen – nach Ursache, Wirkung, externen Variablen, Reliabilität und Validität. Man muss dafür kein Ass in Forschungsmethoden sein. Also gehe ich davon aus, dass er damit bewusst manipulieren will. Und zwar Menschen, die nicht gelernt haben, Studien zu hinterfragen und denen Angst einflößende Krankheiten und die Erwähnung des Robert-Koch-Instituts als Argumente reichen.
Dass die Ursache einer höheren Suizidgefährdung nicht die Homosexualität ist, sondern die Folgen von Diskriminierung aufgrund der Homosexualität – geschenkt! Eine Quellenangabe fehlt sowieso.
Für die unfassbar dreiste Aussage, homo- und bisexuelle Männer würden eine geringere Lebenserwartung haben, gibt es natürlich auch keinen wissenschaftlichen Beleg. Die einzige Quellenangabe ist die Studie des Robert-Koch-Institut.
Ich finde diese Art der Manipulation tragisch. Nichts schürt mehr Angst, als Suizidgefährdung (2 mal erwähnt). Da unterschreibt man unter Umständen lieber die Petition.
Das alles impliziert, dass LGBT einen promiskuititiven und drogenabhängigen ‚Lebensstil‘ pflegen und eh nicht lange leben.
Und diese Petition soll nicht zutiefst homophob sein!?!

Bei Facebook (oder auch z.B. in der FDP) schrieben viele, dass sie Respekt für Schwule und Lesben hätten, aber dass sie Regenbogenfamilien nicht als gleichwertig anerkennen könnten und deshalb keine gleichgeschlechtlichen Paare mit Kindern in den Schulbüchern sehen wollten. Denn die Kinder sollten die heterosexuelle Familie weiterhin als Norm kennenlernen.
Dieser Einstellung liegt unter anderem die weit verbreitete Prämisse zugrunde, dass ein Kind Mutter und Vater braucht, weil sie unterschiedliche Rollen und Funktionen erfüllen.
Ich bin mir sicher, dass Mütter und Väter Kindern gleichermaßen die Welt zeigen und Geborgenheit bieten können.
2 Väter können alles außer Stillen. Stillen ist gesund, aber es geht auch ohne!
2 Mütter können alles inklusive Stillen. Trösten und Toben. Das können sich erschreckend viele aber nicht vorstellen.
Dann habe ich oft das Argument gehört, die Natur/ Gott habe es so eingerichtet, dass nur Mann und Frau Kinder zeugen können. Na, da muss man aber auch gegen die Empfängnisverhütung sein, wenn der Sinn der heterosexuellen Partnerschaft die Fortpflanzung ist.
Der Grundton in vielen Kommentaren, die ich gelesen habe, war: Nichts gegen Homosexuelle, Diskriminierung ist falsch, aber müssen damit schon Grundschüler in Berührung kommen!?
Meiner Meinung ist genau das Diskriminierung. Wenn man nicht will, dass etwas als genauso normal angesehen wird und dem Nachwuchs vermittelt wird.
Bei solchen Äußerungen scheinen Homosexuelle immer irgendwie „die Anderen“ zu sein. Eine Minderheit und nicht eine gleichwertige Version der Sexualität und Liebe.
Ihr 89.507 Unterstützer der Petition, was ist mit euren Kindern??? Sind die etwa alle heterosexuell? Ist die Möglichkeit ausgeschlossen, dass sie homosexuell bi oder auch transsexuell sind? Bzw es sich ab der Pubertät zeigt?
Mir ist nicht nur wichtig, dass mein Sohn von Anfang an weiß, dass gleichgeschlechtliche Liebe normal ist, weil ich ihm Toleranz vermitteln will, sondern vor allem weil:
…er sich normal, gut und richtig fühlen soll, falls er schwul ist! (und das wird sich in der Pubertät zeigen.)
Das kann doch genau so gut sein, wie heterosexuell oder bi. Er soll sich in jedem Fall richtig fühlen, wie er ist. Es kann auch sein, dass er irgendwann feststellt, dass er transsexuell ist (Zu dem Thema kann ich übrigens den grandiosen Film ‚Lawrence anyways‘ wärmstens empfehlen). Es ist alles ok.
Im übrigen haben Eltern eh keinen Einfluss, auf die sexuelle Orientierung und Identität ihres Kindes, ob sie wollen oder nicht.
Warum wird die Debatte eigentlich nicht mal aus dieser Perspektive geführt??
Das Wichtigste bei der Bildungsreform ist doch, dass sich die „Betroffenen“ wohl fühlen.
Zugespitzt gesagt: Sexuelle Vielfalt soll nicht im Lehrplan verankert werden, damit unsere heterosexuellen Kinder Toleranz lernen.
Sondern damit unsere homosexuellen, heterosexuellen, transsexuellen, intersexuellen Kinder sich wohl fühlen, wie sie sind. Dafür ist wichtig, dass die Schulbücher, die Medien, die Bilderbücher u.s.w. nicht mehr heteronormativ sind. Das ist noch ein weiter Weg.
Ein Weg in die Richtung, dass Hitzlpergers Coming-Out kein Tabubruch mehr ist, sondern dass es selbstverständlich ist, dass Fußballer natürlich genauso homo-wie heterosexuell sein können.
Die geplante Bildungsreform in Baden-Würtemberg ist ein wichtiger Schritt!
Ich würde mir sehr wünschen, dass ich mal als Lehrerin auf Richtlinien verweisen kann, wenn ich meinen Werten entsprechend unterrichte und Eltern ein Problem damit haben.
Ich möchte einen Beitrag leisten, damit Kinder und Jugendliche sich in ihrer Andersartigkeit wohlfühlen, wie sie sind. In ein paar Jahren als Sonderpädagogin/ Lehrerin und ich würde auch gerne Kindertheater machen, das Normen und Rollenklischees auf den Kopf stellt. Sowohl bewusst thematisierend als auch nebenher. Dann hat die Protagonistin halt zwei Mamas, aber es ist nicht das Thema des Theaterstücks.
Passende Bilderbücher zur Bühnenadaption gibt es leider noch nicht besonders viele…
Aber einige sehr schöne gibt es bereits, dazu wird es sicher noch einen Post geben. Und ich habe selber einige Bilderbuchideen.

Im übrigen sind kleine Kinder noch viel flexibler und offener als Erwachsene.
Kennt ihr dieses schöne Video?
http://www.youtube.com/watch?v=8TJxnYgP6D8

Fast 4

Ich komme nicht mit, ich komme einfach nicht mit.
I. erzählt die lustigsten Geschichten, erfindet die kreativsten Schimpfwörter (und ahmt die unkreativsten nach), stellt die interessantesten und tiefgründigsten Fragen, findet die ausgefuchstesten Argumente, spielt die süßesten Theater- und Tanzstücke vor und ich komme einfach nicht mit.
Ich würde am liebsten alles notieren, aufnehmen. Ähem, und belauschen, wenn er mit seinen Freunden zusammen ist und mitten in der niedlichsten Verhandlung die Tür schließt.
Als es noch darum ging, neue Wörter zu lernen, war das Mitschreiben viel einfacher.

Heute rief er seiner Freundin hinterher: „Du gestorbene Kastanie, du blöde!“, als er sauer war. Wie kommt er darauf?
Standardspruch, wenn er etwas haben/ machen will, was er nicht darf: „Bitte,bitte, dann bin ich auch dein allerallerbester Freund!“
Und wenn er trotzdem nicht darf: „Ich bin nie mehr dein allerbester Freund!“
Er wünscht sich einen Pippi Langstrumpf-Piraten-Feen-Geburtstag mit viel Glitzer. Er will sehr viele Freunde einladen und ich sage, dass es leider nicht geht, weil unsere Wohnung zu klein ist. Sein Vorschlag: „Wir können umziehen!“ – in einem Tonfall, als würde ich mal wieder nicht auf das Naheliegendste kommen.
Er hat ein Fernrohr erfunden gebastelt, mit dem er bis zu seinen Urgroßeltern in Leverkusen schauen kann.
Wir spielen Polly Pocket und er überlegt sich: „Das sind zwei Mädchens. Sie heißen Lilly und Jojo. Sie sind Sternfeen.“
Wir reden viel über Gott und darüber, wo er ist und wie er aussieht. I. stellt so viele Fragen, ich versuche sie zu beantworten. Oft sage ich, dass ich das und das glaube, aber auch nicht weiß warum und wo und wie genau.
Er hat die Oma damit beeindruckt, dass er, als sie „König der Löwen“ gelesen haben, erzählt hat, dass Gott im Himmel ist, aber auch überall und dass die, die sterben, zu Gott in den Himmel kommen.
Er betet: „Lieber Gott, danke, dass es keinen Räuber Hotzenplotz gibt. Amen.“ (Als großer Hotzenplotz-Fan, der die Bücher, das Hörspiel,den Film und das Theaterstück verschlungen hat) Und: „Lieber Gott, danke, dass es Barbies gibt. Und dass ich Bücher habe. Amen.“
Babys sind ein großes Thema, I. liebt Babys, ist sehr süß zu ihnen. Und ihn interessiert, woher sie kommen. Das erste Aufklärungsbuch haben wir gelesen und besprochen.
I. tanzt so gerne und wünscht sich ein Tattoo-Kleid (ein Tütü). Und eine Geige.
Er singt und singt und ruft alle zusammen, um ein Theaterstück zu sehen.
Müllwagen und Bagger faszinieren ihn nicht mehr wie früher. Er findet jetzt alles spannend, was nach Abenteuer und Zauber riecht:
Feen, Piraten,Drachen, Prinzessinnen, Ritter, Riesen, Zwerge, Räuber. Pippi Langstrumpf.
Wenn er sich sehr freut, sagt er: „Noch nie in meinem Leben (hatte ich xy/ ist xy passiert)!“ Oder: „Das ist die längste Pommes der Welt“, „Das ist der schönste Tag in meinem Leben!“
Buchstaben findet er spannend und fragt oft, ob wir ihm schreiben helfen könnten. Er kann schon seinen Namen schreiben, mehrere Buchstaben…
Er fängt an, Sachen zu entziffern und scheint zu ahnen, was für eine Welt sich ihm da auftut.
Er vermisst seine beste Freundin, wenn er sie zu lange nicht sieht. Es ist so eine Freude, ihnen beim Spielen zuzusehen. Wie sie Rollen verhandeln, in die Rollen schlüpfen, sich gegen die Erwachsenen verbünden…: „Wir wollen uns aber nicht anziehen. ODER?“ (Verschwörerischer Blick zur Freundin.) „Die Mamas sind blöd, ODER?“ Hmpf.
Als seine beste Freundin bei ihm übernachtet hat, hörten wir die beiden flüstern: „Komm, wir gehen jetzt zu meinen Eltern und sagen, wir können nicht schlafen und wollen noch was essen, oder?“ Sie kamen Hand in Hand und verschwörerisch strahlend in unser Zimmer getapst. Und nachdem wir sie zurückgeschickt haben: „Komm, wir gehen nochmal ins große Zimmer und sagen, dass wir altes Brot essen wollen.“ (!?)
I. bestellt im Restaurant und Cafe selber, er weiß genau, was er will: „Bitte Pommes mit Majo und Ketchup und eine Apfelschorle ohne Sprudel!“
Als unsere Straße abgesperrt war, ist er zu den Polizisten gegangen und hat sie gefragt, was denn passiert sei.
So oft bin ich erfüllt mit Stolz und Dankbarkeit.
Und manchmal muss ich angesichts so mancher seiner Aussagen schlucken.
Zum Beispiel neulich meinte ich: „Deine Musiklehrerin J. ist so nett, ne?“ Und er: „Ja! Ich wünschte, sie wäre meine Mama und du wärst meine Musiklehrerin.“ Ich: Schluck. „Aber ich würde dich sehr vermissen!“ Er: „Du könntest ja auf mich aufpassen.“ Ich nahm es nicht persönlich.Trotzdem.
Und neulich holte ich ihn vom Kindergarten ab und die Erzieherin erzählte, sie hätte I. beim Essen ermahnt und später hätte er zu seinem Freund gesagt: „Wenn ich mal ein Schießgewehr habe, schieße ich die Erzieherin tot.“ Da war ich ääääh… platt und wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Ich habe mir das Gefühl gut gemerkt, für später im Beruf, wenn ich Eltern oft solche Berichte erstatten werde müssen. Ich will nicht vergessen, wie man sich da als Elternteil fühlt.
Ja, nicht nur Theater und Tütüs, auch Schießgewehre, Pistolen, Schwerter und Kämpfe sind zur Zeit beliebte Themen und Spiele. Das finde ich vollkommen ok, aber ich habe versucht, ihm zu erklären,warum man nicht sagt und spielt, dass man jemanden totschießt.
Ich staune jeden Tag, wie groß mein Kleiner ist.
Es ist oft anstrengend, wie viel er diskutiert und argumentiert, aber ich finde es trotzdem gut. Die Regel „Nein heißt nein“ gilt bei mir für mich (um konsequent zu bleiben), nicht aber für ihn.Es ist meine Aufgabe,bei meinem Nein zu bleiben, wenn es mir wichtig ist, aber es ist nicht seine Aufgabe, mein „Nein“ widerspruchlos zu akzeptieren. Ich finde gut, wenn er nach Argumenten sucht, um mich zu überzeugen, auch wenn es oft nervt. (Und hin und wieder kommt auch ein „Okeeey.“ oder „Na gut“ oder „Menno“ ohne argumentieren.)
Manchmal überzeugt er mich tatsächlich, z.B. mit: „In Kakao ist auch Wasser und Wasser ist gesund“.
Mit dem „allerbesten Freund“ überzeugt er mich natürlich nicht, aber ich höre es insgeheim gerne, es ist so süß, wie er dabei ausdrucksstark die Augen aufreißt. Oder: „Meine Hose/ meine Füße… wollen einfach nicht!“ (Achselzucken, hochgezogene Augenbrauen) Auch beliebtes Argument, sehr leidend vorgetragen, sogar mit geschlossenen Augen und schwacher Stimme: „Aber ich brauche frische Luft!“
Fast 4 Jahre ist ein tolles Alter.