Siri Hustvedt – The sorrows of an American

Eine lange Krankheit führt zu einem traumähnlichen Zustand, in dem Phantasien und Erinnerungen am Kranken vorüberziehen, heißt es in Schlinks „Der Vorleser“.
Siri Hustvedt beschreibt in ihrem Roman „The sorrows of an American“ (2008) auch solch einen Zustand, aber der Protagonist Eric ist nicht krank, sondern trauert.
Im ersten Jahr nach dem Tod seines Vaters fühlt sich der New Yorker Psychoanalytiker noch einsamer, als er es nach der Trennung von seiner Frau eh schon war. Nur zu seiner Schwester, der Schriftstellerin und Philosophin Inga und ihrer Teenie-Tochter Sonia hat er eine innige Beziehung. Als Eric die Memoiren und Briefe seines norwegischen Vaters liest, entdeckt er einen geheimnisvollen Brief, aus dem hervorgeht, dass dieser in einen Todesfall verwickelt war. Inga und Eric schließen sich zusammen, um der Sache auf die Spur zu kommen und befragen Verwandte. Eric geht die Tagebücher seines Vaters auf der Suche nach einem Schlüssel durch und Hustvedt lässt den Leser daran teilhaben: Ein Handlungsstrang des Romans besteht aus Tagebuchpassagen, die übrigens original von Hustvedts verstorbenem Vater stammen.
Eric beschäftigt aber auch die Jamaikanerin Miranda, die mit ihrer kleinen Tocher Eglantine in sein Haus gezogen ist. Er verliebt sich in die schöne und unnahbare Illustratorin und freundet sich mit der quirligen Eggie an. Umso mehr trifft ihn, dass anscheinend jemand die beiden stalkt.
Außerdem wird Inga von einer Journalistin verfolgt, die auf ein Geheimnis aus dem Leben ihres verstorbenen Mannes, des berühmten Schriftstellers Max, aus ist.

„The sorrows of an American“ ist ein leiser Roman. Er ist aus der sehr bewussten, reflektierten und unaufgeregten Perspektive des Psychoanalytikers Erik geschrieben. Berufsbedingt ist dieser zu tiefer Introspektion fähig und das hat auf die Leserin/ den Leser eine interessante Wirkung: Obwohl hier aus Ich-Perspektive erzählt wird, hatte ich immer den Eindruck, eine Geschichte in dritter Person zu lesen. So ist der Erzählstil eine gelungene Mischung aus Einfühlung und distanzierter Beobachtung.
Aber auch Eriks Introspektion ist nicht allumfassend und für die Leser bleibt noch genug zwischen den Zeilen herauszulesen. Als er in den Memoiren seines Vaters die Stelle liest, an der dieser den viel zu netten und großzügigen Großvater beschreibt, denkt Eric darüber nach, dass der Vater sich nicht bewusst war, dass er eigentlich sich selbst beschrieben hat. Ich dachte als Leserin, dass Eric sich aber auch nicht bewusst war, dass er eine Beschreibung von sich selbst las. Für mich war das eine der berührendsten Stellen im Roman.
Nebenbei fand ich die Details aus Erics Arbeitsalltag interessant. Beispielsweise werden die Mechanismen von Übertragung und vor allem Gegenübertragung sehr anschaulich dargestellt. Die Beschreibungen der Sessions mit Erics Patienten nehmen einen recht großen Platz im Roman ein. Durch sein Bewusstsein für die bei ihm durch Patienten ausgelösten Emotionen (Gegenübertragung) durchzieht den Roman die Erkenntnis: Der Übergang von psychischer Gesundheit zu psychischer Krankheit ist fließend und wir alle sind mehr oder weniger gestört. In „The sorrows of an American“ hat jede Figur ihre Gespenster und Geister unterm Bett. Das gefiel mir.
Es war spürbar, dass Siri Hustvedt sich sehr umfassend mit Psychologie, Psychotherapie und Neurologie beschäftigt hat; wie auch schon in „Was ich liebte“ nehmen diese Themen einen großen Raum ein. Deshalb sollte man sich schon ein bisschen dafür interessieren, um den Roman zu mögen.
Auch wenn man eher klassischen Spannungsaufbau mag, wird man sich vielleicht mit „The sorrows of an American“ schwertun. Die Geschichte fließt ruhig und unaufgeregt dahin und doch fand ich sie unheimlich spannend, denn es gibt immer wieder Momente, die auf einen Höhepunkt hindeuten könnten. Kleine unheimliche Momente. Wenn dieser immer wieder ausbleibt, wird die Atmosphäre umso gespannter.
So ging es mir beim Lesen ständig. Es war als würden sich immer mehr dunkle Wolken ballen und doch ging das Gewitter an mir vorüber.
Zudem hatte ich „Was ich liebte“ im Kopf. Da plätscherte die Handlung dahin, die Protagonisten wurden zu immer besseren Bekannten und als man es am wenigsten erwartete, schlug das Schicksal b.z.w. die Schriftstellerin zu. So war ich auch hier beim Lesen ständig auf der Hut. Als sich alle Wolken aufgelöst hatten und ich mich entspannte, gab es doch noch einen überraschenden Knall. Aber hier war die Autorin doch gnädiger als bei „Was ich liebte“. Das fand ich richtig und passend. Das Buch handelt schließlich von einem besonderem Jahr, das von Eric und Inga rückblickend „a year full of secrets“ genannt wird. Das Jahr ging vorüber, auch wenn es Spuren hinterlassen hatte und ihr Alltag normalisierte sich langsam,aber sicher – wie nach einer langen Krankheit.

Ich kann „The sorrows of an American“ sehr empfehlen, auch wenn ich „Was ich liebte“ noch viel spannender und gewaltiger fand.
Aber dieser Roman hat seine eigenen Stärken. Eine, die ich noch nicht erwähnt habe, ist die innige Geschwisterbeziehung zwischen Inga und Eric, die ihnen Trost spendet und Halt gibt. Auch ich als Leserin fühlte mich bei den unheimlicheren Passagen irgendwie davon beruhigt.
Wenn Inga und Erik sich etwas wehmütig an die Spiele aus ihrer Kindheit erinnerten, z.B. an den Ritter, der die Prinzessin befreit, musste ich immer wieder an Ingeborg Bachmanns wunderschönes Gedicht „das Spiel ist aus“ denken. Jetzt habe ich dazu endlich die passende Geschichte im Kopf.


Mein lieber Bruder, wann bauen wir uns ein Floß
und fahren den Himmel hinunter?
Mein lieber Bruder; bald ist die Fracht zu groß
und wir gehen unter

Mein lieber Bruder; wir zeichnen aufs Papier,
viele Länder und Schienen.
Gib acht, vor den schwarzen Linien hier
fliegst du hoch mit den Minen.

Mein lieber Bruder, dann will ich an den Pfahl
gebunden sein und schreien.
Doch du reitest schon aus dem Totental
und wir fliehen zu zweien.

Wach im Zigeunerlager und wach im Wüstenzelt,
es rinnt uns der Sand aus den Haaren,
dein und mein Alter und das Alter der Welt
mißt man nicht mit den Jahren.

Laß dich von listigen Raben, von klebriger Spinnenhand
und der Feder im Strauch nicht betrügen,
iß und trink auch nicht im Schlaraffenland,
es schäumt Schein in den Pfannen und Krügen.

Nur wer an der goldenen Brücke für die Karfunkelfee
das Wort noch weiß, hat gewonnen.
Ich muß dir Sagen, es ist mit dem letzten Schnee
im Garten zerronnen.

Von vielen, vielen Steinen sind unsre Füße so wund.
Einer heilt. Mit dem wollen wir springen,
bis der Kinderkönig, mit dem Schlüssel zu seinem Reich im
Mund,
uns holt, und wir werden Singen:

Es ist eine schöne Zeit, wenn der Dattelkern keimt!
Jeder, der fällt, hat Flügel.
Roter Fingerhut ist’s, der den Armen das Leichentuch
säumt,
und dein Herzblatt sinkt auf mein Siegel.

Wir müssen schlafen gehn, Liebster, das Spiel ist aus.
Auf Zehenspitzen. Die weißen Hemden bauschen.
Vater und Mutter sagen, es geistert im Haus,
wenn wir den Atem tauschen.


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