Archiv für März 2013

„Gibt es das auch für Jungen?“ Teil 2. Die Praxis.

Ich habe bis 2h Nachts bei towardthestars.com gesurft, einem wunderbaren Online-Shop für Kindersachen, die nicht den Geschlechterstereotypen entsprechen. Ich habe mir zu dem Thema noch viele Gedanken gemacht und festgestellt, dass ich unbewusst in meinem Post ‚3 Jahre, 5 Monate“ eher die ‚jungstypischen‘ Sachen als ‚Indiz‘ dafür, dass die Kleinkindphase vorbei ist, beschrieben habe. Dabei zeigt ja nicht nur die Dino- und (seufz)Schießleidenschaft, dass wir es mit keinem Kleinkind mehr zu tun zu haben. Ich hätte auch beschreiben können, wie süß, vernünftig und lieb das Kind mit Babys/Kleinkindern umgeht. Das ist ja mal ein klares Anzeichen dafür, dass er keines mehr ist. Oder dass er mittlerweile im Haushalt tatsächlich helfen kann, statt zusätzliche Arbeit zu machen. Wie geduldig er seiner Babypuppe ein Verbot erklärt. Aber anscheinend ist bei mir das Großwerden doch unbewusst stark mit ‚Junge werden‘ verknüpft. Gut, das kann auch daran liegen, dass diese Monster-Dino-scharfe Zähne-Peng -Leidenschaft tatsächlich NEU und ungewohnt ist. Genau dieses Gefühl, sich an die neue Altersphase erst gewöhnen zu müssen, wollte ich beschreiben. Wie auch immer – es ist eine spannende Phase und ich freue mich darüber, was Kind alles macht und spielt. Ich guckte dann noch ein bisschen im Internet nach Puppentragen und ging beseelt von den tollen Bildern und Ideen bei towardthestars ins Bett.
Am Morgen kämpfte das Kind mit seiner Strumpfhose. Ich tröstete: „Bald wird es endlich warm, dann braucht man keine Strumpfhosen. Wenn es richtig warm ist, darf man sogar kurze Hose tragen.“ Kind: „Ja, wenn es warm ist, kann ich auch Kleidchen tragen.“ Ich: „Ja, das stimmt. Kannst du machen. …Eigentlich tragen ja Mädchen Kleidchen. Aber wir können ja deine Freundin fragen, ob du eins ausleihen darfst. Nee, wenn du das möchtest, dann können wir mal gucken, ob wir für dich eins finden.“
Das ist das, was ich gesagt habe, aber ich dachte: „Hoffentlich vergisst er es wieder.“
Spielzeug und Bücher sind für mich kein Thema.
Aber mit Kleidung/Accesoires ist es nicht so einfach. Bisher hatte mein Sohn in dem Bereich noch keinen Herzenswunsch. Aber er hat schon oft Sachen erwähnt, wie das mit dem Kleid, bei denen ich mich frage, ob ich diese Wünsche erfüllt hätte, wenn er ein Mädchen wäre. Und wenn ich für ihn einkaufe und es die Shirts/Socken/Schuhe im Angebot einmal für Jungen und einmal für Mädchen gibt, wähle ich eigentlich immer die Jungssachen. Oft passt es, weil das Grün schöner ist, als das grelle Lila oder weil die Piraten-Regenjacke spannender ist als die Blümchenjacke. Aber manchmal gibt es ‚für die Jungs‘ nur Langweiliges, ‚für die Mädchen‘ hingegen z.B. Eulenprints und Kind mag Eulen. Trotzdem kaufe ich das Rüschen-Eulen-Shirt nicht. Und wenn ich mit Kind einkaufe, dann schlage ich ihm die ‚Mädchensachen‘ oft gar nicht erst vor.
Ein sehr häufiger Dialog zwischen uns: Er: „Ich will auch Ohrringe!“ Ich: „Ja, wenn du erwachsen bist, kannst du welche haben.“ Er: „Wenn ich erwachsen bin, will ich Ohrringe!“ Ich stand im Spielwarengeschäft schon oft vor so kindgerechten Aufkleberohrringen und ich denke, einem Mädchen hätte ich sie längst gekauft. Meinem Jungen habe ich sie nicht gekauft und gedacht: „Du hast eh kein Geld. Er braucht das nicht. Er hat eh genug Zeug.“ Was definitiv auch stimmt.
Aber bei anderen genauso unnötigen Sachen kann ich doch oft nicht widerstehen. Ausgerechnet bei Aufkleberohrringen und Kinderschmuck, ebenso wie bei einem rosa Rüschenshirt mit Igelprint, nach dem das Kind bei dm gefragt hat, war ich diszipliniert. Und wenn ich ehrlich bin – ich weiß, dass ich einem Mädchen schon längst lauter kindgerechten Schmuck und Spängchen gekauft hätte – schon weil ich solche Sachen als Kind liebte.
Ich bin mir dieser Diskrepanz bewusst und finde es eigentlich nicht richtig. Es ist nicht das, woran ich glaube. Ja, Herzenswünsche würde ich erfüllen, die gab es bisher im Bereich Kleidung/Schmuck noch nie und darüber bin ich froh. Nicht weil ich Angst hätte, mein Sohn wäre mit Spängchen und Kette kein richtiger Junge oder sonstwas, sondern weil es für mich eine Horrorvorstellung ist, dass andere Kinder mein Kind auslachen oder ärgern.
Ich bin in der Unterstufe heftig gemobbt worden. Ich hatte jeden Tag Angst, zur Schule zu gehen, Panik vor Gruppenarbeit und Klassenfahrt.Unter anderem über meine unmodische Kleidung wurde gespottet.
Mein Kind soll nie in diese schreckliche Situation kommen. Natürlich wünsche ich mir ebenso wenig, dass er zu einem Mobber oder zum angepassten Mitläufer wird.
Ich möchte ihm mitgeben, dass er zu sich stehen kann, auch wenn er Gegenwind bekommt, auch wenn er eine andere Meinung oder einen anderen Geschmack hat. (Das konnte ich damals nicht. Ich sagte zwar im Unterricht zu Themen unerschrocken meine Meinung, aber ich erinnere mich auch daran, wie ich verzweifelt vor den beliebten Mädchen stand und sagte: „Was kann ich tun, damit ihr mich mögt?“)
Dass Kinder lernen, zu denken und zu sagen: „Ihr habt Pech gehabt, wenn ihr mich nicht mögt.“ ist enorm wichtig. Aber ich finde es sehr problematisch, wenn Eltern nicht merken, dass ihr Kind, anders ist, als andere Kinder, dass es uncoole Kleidung trägt, nicht mitreden kann. Kinder wollen dazugehören. Bei allem Idealismus dürfen Eltern das nicht vergessen und sollten auch das Bedürfnis nach Angepasstheit bei ihrem Kind ernst nehmen.
So sehr ich mich über sexualisierende und/oder erwachsene Kindermode aufrege, leide ich auch direkt irgendwie, wenn ich eine 12-Jährige in kindlichem Pferdepulli /einen 12-jährigen mit Schnürschuhen sehe, die sich offensichtlich unwohl in ihrer Haut fühlen (ich spreche hier nicht von Kindern, die diese Sachen selbstbewusst gerne tragen) und verspüre das dringende Bedürfnis mit diesem Kind modische Kleidung shoppen zu gehen. Mit ihm fernzusehen und ihm coole Musik zu zeigen. Natürlich sind das nur meine eigenen Gefühle in dem Moment, ich kenne ja nicht die Hintergründe. Ich bin als ehemals gemobbtes Kind besonders sensibilisiert für sowas. Aber ich bin auch sensibilisiert für die ganze Ungleichbehandlung, die ich im Post Teil 1 geschildert habe. Wenn ich dafür kein Bewusstsein hätte, wenn es mir nicht ein superwichtiges Anliegen wäre, etwas woran ich fest glaube, dann würde ich vielleicht mein Kind mit den modischsten, coolsten, angesagten (und stereotypen) Sachen zuschütten. Ich habe erlebt, wie es sich anfühlt, wenn es heißt: „Du bist hässlich, was hast du denn an, ist das von der Altkleidersammlung.“
Ich kann Eltern, die nicht bereit sind, dem Wunsch ihres Kindes nach ‚unpassendem‘ entgegenzukommen und es mit ‚passenden‘ Markensachen zuschütten, damit es bloß nicht unbeliebt wird, sehr gut verstehen.

Es ist wohl für alle Eltern, die ihr Kind möglichst genderneutral erziehen wollen, ein Balanceakt. Letztlich beeinflussen die Eltern nur zu einem Teil (etwa 30%?) die Sozialisation ihrer Kinder und das ist auch ok so. Ich denke, ich mache schon vieles richtig, indem ich meinem Sohn zum Spielen und Lesen selbstverständlich‘beides‘ anbiete; ihm öfters sage, dass ihm ein Kleidungsstück gut steht; dass er schön ist; dass ich stolz auf ihn bin, wie er sich um das Baby im Cafe gekümmert hat. Aber ich stelle mir oft vor, dass er tatsächlich mal ein Kleid in den Kindergarten anziehen will und wie ich ihm das erlaube, aber Angst habe. Bei uns im Kindergarten ist eine tolle Atmosphäre. Einmal hat wohl ein Kind mein Kind wegen seiner Latzhose etwas aufgezogen, da meinte die Erzieherin direkt, dass die Latzhose eine super Arbeiterhose ist. Deshalb ist für mich folgende Vorstellung am Beängstigsten: Das Kind sucht sich für die Schule eine rosa Schultüte oder einen Feenranzen aus. Mit schlechtem Gewissen versuche ich ihn zu manipulieren, erfülle letzlich seinen Herzenswunsch und habe Alpträume von einem gemobbten Kind. Eigentlich ist das nicht so aktuell. Wenn er sich heute einen Ranzen aussuchen würde, würde er sich recht wahrscheinlich Baustelle oder Dinos aussuchen. Und es sind noch ein paar Jährchen bis dahin. Aber ich habe das Szenario oft im Kopf, weil ich das Gefühl habe, dieser Balanceakt wird immer schwieriger, je älter das Kind wird.

Umso wichtiger, jetzt das Puppenhausspiel zu genießen, bevor es ihm irgendwann zu peinlich wird und es aus dem Zimmer raus soll. Das mit den Klamotten, Schultüten und Ranzen wird sich schon zeigen. Ich bin mir meiner Ängste bewusst und mein Kind wird später wissen, was ihm wichtig ist und wofür er das Risiko eingehen will, ausgelacht zu werden und wofür nicht.

Signor Verde

Signor Verde‘ ist ein veganes Cafe/Bistro. Hier gibt es Kaffee, Frühstück, Mittagessen, Abendkarte, Eis, Kuchen, Torten komplett ohne tierische Produkte. Früher war das Cafe am Mauritiuswall, ich kannte es damals nicht.
Jetzt befindet sich die ‚meat free zone‘ direkt am Bahnhof Süd gegenüber den Fahrradständern, bzw an der Haltestelle ‚Eifelwall‘ der Linie 18.
Als ich in der StadtRevue die Ankündigung gelesen habe, wurde ich neugierig.
Ich bin nicht Veganerin, aber durch eine vegane Freundin kam ich hin und wieder in den Genuss veganen Schokokuchens oder veganer Dips und war erstaunt, wie gut sie doch schmeckten, denn eigentlich bin ich Milchprodukte-Junkie. Ich esse alles mit Käse oder Quark und liebe Pudding und Milcheis. Aber es scheint auf die richtige Zubereitung anzukommen. Die vegane Freundin ging mit mir mal ins Kalker Trash Chic Burger essen und ich war begeistert von einem veganem Burger Hawaii. Mir fehlte weder das Fleisch noch der Käse.
In Kalk bin ich leider kaum, daher war ich im Trash Chic bisher nicht oft.
Ich glaube, mit ‚Signor Verde‘ wird das anders. Die Lage ist für mich super. Und ich versuche gerade Vegetarierin zu werden (mehr dazu folgt), es fällt mir aber nicht einfach, weil mir Fleisch gut schmeckt, ich herzhaften Geschmack brauche und nur Salat, Suppen und Gemüse nicht mag. Fleisch-Ersatzprodukte schmecken mir. Da kommt mir das ‚Signor Verde‘ mit veganem Döner oder ‚Braten‘ gerade recht.
Außerdem verträgt mein Sohn Milch nicht gut und seit das festgestellt worden ist, kochen wir mit Sojasahne, Sojajoghurt und Reis-/ Sojamilch. Ich habe mich daran gewöhnt und finde Sojasahne-Saucen ebenso lecker wie Sahnesaucen, auch Sojapudding schmeckt. Nur Sojamilch pur /Soja-Eigengeschmack mag ich immer noch nicht. Jedenfalls setze ich mich mit Ersatzprodukten anders auseinander als früher.
Ich war also ziemlich gespannt, als ich das ‚Signor Verde‘ betrat.
Rechts ist eine Theke, links stehen Sessel und dann geht es lang nach hinten durch, vorbei an einer gemütlichen Nische mit Eckbank für größere Gruppen. Hinten stehen gemütliche Sofas mit Leuchten und ein Klavier. Also eher Cafe- als Restaurantatmosphäre, was mir sehr gut gefällt. Es ist etwas dunkel und in den Fenstern sind Muster aus buntem, überwiegend grünem Glas. Eine urige Mischung aus Irish Pub und Cafe Duddel. Ich mag beides. Wer hellere Locations mag, wird sich hier vielleicht nicht so wohl fühlen. Wenn es (denn mal) Frühling wird, wären ein paar Außenplätze schön. Für Abends finde ich die Schummrigkeit sowieso perfekt, aber leider hat das Cafe nur bis 22Uhr geöffnet (bisher). Es findet aber regelmäßig eine vegane Cocktail night mit open end statt.
Da war ich mit Freundinnen und der Laden war ziemlich voll. Wir hatten köstlichen Pina Colada getrunken und hätten es nicht herausgeschmeckt, dass er vegan ist, wenn wir es nicht gewusst hätten.
Auch der Milchkaffee war lecker. Der Latte Machiatto schmeckte mir hingegen zu sehr nach Soja. Ansonsten habe ich bisher noch nichts gegessen, weil ich gerade pleite bin. Nächsten Monat werde ich im ‚Signor Verde‘ essen gehen und berichten.
Wenn ich bei Facebook (http://www.facebook.com/signor.verde) Fotos von veganer Schwarzwälder Kirschtorte, Käsekuchen, Cupcakes oder Semmelknödel mit Champignon-Rahm-Geschnetzeltem sehe, läuft mir schon das Wasser im Mund zusammen.
Kind darf wegen der Kuhmilchunverträglichkeit nur Sorbeteis essen. Wenn es endlich warm wird, will ich mit ihm Eis essen gehen, auch mal einen Eisbecher. Im ‚Signor Verde‘ soll es demnächst milchfreies Vanille- und Schokoeis geben und auch Eisbecher wie Spaghetti- oder Erdbeerbecher! Spätestens im Sommer sind wir dann Stammgäste.

Ich würde ‚Signor Verde‘ nicht nur Veganern empfehlen, sondern auch Menschen mit Kuhmilchunverträglickeit/Laktoseintoleranz, natürlich Vegetariern, allen, die weniger tierische Produkte essen wollen oder sich für veganen Lebenswandel interessieren und auch ganz normalen Allesessern. Denn das, was ich bisher probiert habe, war lecker und auch die Atmosphäre fand ich jedesmal nett und einladend.

Signor Verde
Otto-Fischer-Str.1
50674 Köln
geöffnet: di – fr 10.00 – 22.00 uhr & sa 11.00 – 22.00 uhr & so 11.00 – 18.00 uhr

Gibt es das auch für Jungs?

„Dupps hat Lust auf einen Happs! Sie frisst sich durch die Post, knabbert am Sofa und nascht an der Lampe. Doch dann fällt ihr Blick auf Tuffels Po. Zubeißen oder nicht?“
Das Bilderbuch ‚Dupps macht Haps‘ von Polly Dunbar (http://www.carlsen.de/hardcover/dupps-macht-happs/21049) über das Krokodil mit dem Beißdrang will das Kind immer wieder hören und ich lese es gerne vor. Mir fiel auf, dass ich immer wieder „ER frisst sich durch die Post… Doch dann fällt SEIN Blick auf Tuffels Po…“ lese. Auch andere Vorleser_innen machen immer wieder denselben Fehler und merken es gar nicht.
Vielleicht liegt es daran, dass es eher unüblich ist, dass im Bilderbuch ein beißwütiges Krokodil weiblich ist. Wenn in Bilderbüchern Tiere anthropomorph dargestellt werden, dann sind Tiger, Haie, Krokodile meist die Jungen. Es gibt sicher viele Gegenbeispiele und ich kenne dazu keine Forschung. Aber dieser Versprecher unterschiedlicher Vorleser_innen scheint mir kein Zufall zu sein. Ich habe auch noch nie ein Mädchenshirt mit einem Krokodil gesehen. Die gefährlichen Tiere mit den scharfen Zähnen finden sich allesamt in der Jungenabteilung. Dinos, Tiger, Haie, Piranhas sind besonders beliebt. Hasen, Mäuse, Pferde und Katzen sind ab allerspätestens Größe 92 den Mädchen vorbehalten.
Von Schmetterlingen, Blumen, Feen, Elfen, Prinzessinen, Cupcakes auf der einen und Flugzeugen, Autos, Baggern, Schraubenziehern, Piraten, Monstern, Drachen und Robotern auf der anderen Seite ganz zu schweigen. Bei den (Baby-) Jungs überwiegen die Wörter/ Ausdrücke ‚adventure‘, ‚worker‘, ‚builder‘, ’strong‘, ‚boys at work‘, ‚wild‘, ‚Monster‘ und ‚Rabauke‘. Auf Mädchenbäuchen ist zu lesen: ‚peace‘, ‚flower‘, ’sweet‘, ‚dream‘, ‚princess‘, ‚beauty‘.
(Oder auch bei Otto: ‚In Mathe bin ich Deko.‘)
Ich mag rosa. Und ich mag blau. Finde ich persönlich viel schöner als oliv oder beige. Meiner Meinung nach sind nicht die Farben, sondern eher diese Aufdrucke und Motive das Problem. Schon den Allerkleinsten werden damit Rollenklischees übergestülpt. Jungs lernen füh, dass Schmetterlinge und Pferde Mädchensache sind und Mädchen lernen früh, dass Dinosaurier und Piraten Jungsthemen sind. Schade. Wenn ich jetzt noch anfange, über die Spielwarenindustrie und die Spielzeugwerbung zu schreiben, wird der Post zu lang. Aber es ist schon erstaunlich, wie wenige kleine Jungen mit Puppenbuggys zu sehen sind, auch im Kölner Süden. Und wieviele kleine Jungs auf dem Spielplatz die Buggys der Mädchen ausleihen/wegnehmen. Und wie oft ich schon auf dem Spielplatz Gespräche a la „er schiebt so gerne Puppenwagen, aber sein Papa will nicht, dass er einen kriegt‘ belauscht habe (ja, im Kölner Süden). Puppenküchen zumindest haben viele Jungen. Aber Babypuppen samt Zubehör, geschweige denn Puppenhäuser oder Biegepuppen – eher nicht (so mein Eindruck). Und wenn ein Junge eine Puppe hat, dann ist es meist ein Puppenjunge. Dass ein Puppenpapa seinem Puppenmädchen die langen Haare kämmt, ist… unüblich. Aber dass die Puppenmama ihren Puppenjungen wickelt – klar, doch.
Ebenso frage ich mich, warum der Carlsen-Verlag es für nötig befunden hat, ein Conni-Äquivalent für Jungen zu enwickeln. http://www.carlsen.de/max „Das starke Buchprogramm für Jungs! Von den kleinen Vorlese-Fans ab 3 Jahren bis zu den Lese-Helden ab 7! Jungen ticken einfach anders als Mädchen. Für ihre individuelle Entwicklung brauchen sie männliche Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Vorbilder für den Alltag, die mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben wie sie selbst.“ Aha. Ich wüsste jetzt nicht, warum sich ein Junge nicht damit identifizieren können sollte, wie Conni das Seepferdchen macht, zur Musikschule geht, einen Bruder bekommt, in den Urlaub fährt und eingeschult wird. Warum er für dieselben Sachgeschichten einen Max brauchen sollte. Schließlich geht es bei Conni ja nicht darum, wie sie ihre Tage kriegt, sondern z.B. darum, wie sie mit ihrer Familie umzieht. Ziehen Jungs anders um als Mädchen oder was? Also mein Sohn identifiziert sich so sehr mit Conni, dass ich sie bald nicht mehr sehen kann. (Vielleicht gebe ich meine Weigerung, diese Max-Bücher zu kaufen, doch mal zwecks Abwechslung auf.) Ernsthaft: Als wären Jungen nicht in der Lage, sich mit Mädchen zu identifizieren und umgekehrt.
Manchmal habe ich den Eindruck, bald wird es keine Kinderbuchabteilung mehr geben, sondern wie bei den Klamotten eine Jungenbuch- und Mädchenbuchabteilung. Gruselige Vorstellung. Das Kinderüberraschungsei gibt es ja auch schon in zwei Ausführungen. Alles gibt es jeweils ‚für kleine Räuber/Helden‘ und ‚für Prinzessinen‘, seien es Babyrasseln, Cornflakes oder Schränke.
Die extreme Aufteilung in Mädchen- und Jungenkosmos erstreckt sich sogar auf Kleinkindfreundschaften. Wenn Mädchen&Mädchen/Junge&Junge gemeinsam buddeln, heißt es: „Wie schön die besten Freunde spielen“. Wenn Junge&Mädchen gemeinsam buddeln: „Ui, was für ein süßes Paar. Die beiden flirten schon wieder“. Ich finde diese Kommentare mittlerweile einfach nur zum Kotzen.
Genauso wie ich es nicht fassen kann, wie oft ich in 3 Jahren auf Spielplätzen und Krabbelgruppen schon gehört habe: „Jungs sind eben wilder.“, „Typisch Jungs und Technik“ (meist bezogen auf Babys, die Mamas Handy haben wollen) und so weiter und so fort.
Die Mehrheit scheint fest an ‚Typisch Mädchen‘ und ‚Typisch Junge‘ und angeborene Charaktermerkmale abhängig vom Geschlecht zu glauben.
Ich glaube an angeborene Charaktermerkmale unabhängig vom Geschlecht. Die einen Kinder sind eher wild und laut, die anderen eher ruhig und schüchtern. Manche sind musisch begabt, andere eher handwerklich. Das hat herzlich wenig mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit Temperament und Neigungen. Die einen passen eben mit ihrem Wesen in die Norm, die anderen nicht.
Wenn es heißt, dass der Deutschunterricht den Jungen nicht gerecht wird, weil das Lesen lernen zu wenig anhand von Abenteuergeschichten und ‚jungsspezifischen Themen‘ geschieht, dann würde ich es anders formulieren: Der Deutschunterricht wird den Kindern
nicht gerecht, die gerne Abenteuergeschichten, Fußball oder Piraten mögen. Eine größere Bandbreite an Unterrichtsmaterialien, die Kindern mit unterschiedlichen Interessen gerecht wird, muss her.
Wenn der Einwand lautet, dass Kinder mit Abenteuer-/Piraten-/Drachenvorlieben in der Mehrzahl Jungs sind, dann sage ich: Das liegt nicht an den Jungsgenen, sondern an der Sozialisation, die sie bis zum Lesealter bereits durchlaufen sind.
Hier würde ich wieder bei den Dinopullis und männlichen Krokodilen ankommen und mich im Kreis drehen.
Kinder sind in erster Linie Kinder und erst in zweiter Linie Junge oder Mädchen.
Die schwedische Kita Egalia sehe ich trotzdem kritisch, ebenso wie radikale Versuche einer geschlechtsneutralen Erziehung, bei der das Umfeld des Kindes sein Geschlecht nicht erfahren soll. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gut fürs Kind ist, im Gegenteil.
Ich wünsche mir einfach, dass Jungen nicht als unjungenhaft bezeichnet werden, wenn sie an Karneval als schöner Prinz gehen, statt als gefährlicher Pirat und dass Mädchen nicht als unmädchenhaft gelten, wenn sie als Baumeisterin gehen. Ich wünsche mir, dass Kinder ihre Persönlichkeit entfalten können, ohne Angst haben zu müssen, kein richtiger Junge oder kein richtiges Mädchen zu sein.
In der Praxis ist das nicht immer einfach. Mir ist wichtig, dass mein Kind seine Persönlichkeit unabhängig von Geschlechternormen entfalten kann, aber ich habe auch das Bedürfnis ihn davor zu schützen, dass er geärgert oder ausgelacht wird. Dieser Balanceakt ist Thema für einen seperaten Post. Es ließe sich noch viel schreiben. Die Kinder, die heute mit diesen (oft subtilen) Geschlechterstereotypen aufwachsen, werden die Väter, Mütter, Chefinnen, Chefs und Politiker_innen von morgen sein.

3 Jahre, 5 Monate

„Seine große, lange Flinte schießt auf dich den Schrot. Schießt auf dich den Schrot. Dass dich färbt die rote Tinte und dann bist du to-o-ot!“ – Das Kind hat sein Lieblingslied zur vollen Lautstärke aufgedreht und singt mit. Bei der Vertonung folgt auf ‚Schrot‘ ein Paukendonner, das den Schuss darstellen soll. Bei jedem ‚Schuss‘ zielt er mit seinem imaginären Gewehr. Ich beobachte meinen Sohn fasziniert, wie er jeden Paukeneinsatz genau abpasst. ‚Fuchs du hast die Gans gestohlen‘ – auf Repeat.
Ich hasse dieses Lied. Ich kann es nicht mehr hören. Und überhaupt – war das mal mein Baby? Mein tapsiges Kleinkind? Ich will die momentane Faszination für Gewehre und die ‚Peng Peng‘-Schreierei nicht überbewerten. Ich kann mir aber ständige Kommentare wie „Das ist aber ein gemeiner Jäger“ oder „der arme Fuchs“ nicht verkneifen. Ich beschließe die Faszination in ’sinnvolle Bahnen zu lenken‘ und besorge Buch samt CD ‚Peter und der Wolf‘.
Kind lauscht mit offenem Mund. Später klimpert er auf dem Klavier seiner Großeltern. Die tiefen Töne kündigt er als Wolf an und die hohen als Vöglein. „Ich mache jetzt für euch Kasperle-Theater mit Musik.“ Er läuft zwischen Klavier und Türrahmen – der Bühne – hin und her.
„Ich bin der Wolf. Ich brauche noch einen Schauspieler, der das Vöglein spielt.“
Ich strahle wie der Weihnachtsbaum und würde am liebsten alle Welt zu der Aufführung meines Wunderkindes zusammentrommeln. Was für ein tolles Alter.

In 3 Jahren ist das winzige Baby zum plappernden, singendem, springendem, schlingelndem Jungen geworden. Wie fühlte es sich damals an, wenn ich ihn stillte? Das gierige Nuckeln. Das ‚Abdocken‘ und satte Schmatzen. So lange her. Ich muss in mich gehen, die Augen schließen, um mich zu erinnern, wie es sich angefühlt hat. Das viele Kuscheln, auch in der Trage war schön. Heute wird ein Kuss von mir manchmal weggewischt und es heißt: „Mama, ich will meine Ruhe. Geh weg!“ Natürlich ist es super, dass er seine Bedürfnisse artikulieren kann, aber in solchen Momenten sehne ich mich ein bisschen nach der Knuddelbaby-Zeit zurück. Oder wenn ich ihn von seiner Freundin/vom Kindergarten abhole und Kind sich gar nicht freut, mich zu sehen, weil er noch bleiben will.

Andererseits: Wie anstrengend das war, als er nur an meiner Brust einschlief. Als es eine hohe Kunst war, ihn ‚abzudocken‘, ohne dass er aufwachte. Die Sorgen, Zweifel und Aufregung als ich das erste Mal nach der Geburt einen ganzen Abend aus war, beim Mika-Konzert, und auf dem Rückweg die nassen Flecken auf dem Shirt. Die höllischen Schmerzen beim Milchstau. Das stundenlange Herumtragen eines brüllenden Babys im Fliegergriff. Der Muskelkater im Arm. Diese Hilflosigkeit. Der Schlafmangel. Wenn Kind mal krank ist, frage ich mich, wie wir das früher gemacht haben mit schlaflosen Nächten als Normalzustand.

Neulich waren wir nach einer langen Winterpause im Zoo.
Ich: „Welche Tiere fandest du besonders toll?“
Kind: „Ich fand alle Tiere toll. Aber die gefährlichen Tiere mit den scharfen Zähnen fand ich am spannendsten.“
Er stellte im Zoo Fragen über Fragen, die ich nicht beantworten konnte, also las ich mir die Schilder durch, an denen ich bei vorherigen Zoobesuchen vorbeigegangen war. Es war interessant. Ehrlich gesagt, hatte ich bisher eher die Menschen im Zoo beobachtet als die Tiere.
Nun hielten wir uns sehr lange im Terrarium auf und ich musste feststellen, dass ich anscheinend noch nie im Terrarium des Kölner Zoos war (oder, was wahrscheinlicher ist, seit dem Grundschulalter nicht mehr da war und mich nicht mehr erinnere) und ich sah zum ersten (?) Mal ein Chamäleon aus der Nähe. Es war wunderschön. Der Tomatenfrosch war lustig und ich überwand sogar ein bisschen meine Spinnenangst.
Als er noch ein Kleinkind war, war der Zoobesuch ein netter Ausflug, bei dem er lange die Erde neben dem Flamingogehege studierte und sich ganz doll über die Enten freute. Das war sehr süß und ich machte sehr viele Fotos von ihm und den Enten, aber irgendwann dachte ich, dass wir die Enten auch for free im Volksgarten hätten sehen können. Den Vorschlag, mal zu den anderen Tigern zu gehen, beantwortete er mit hysterischem Kreischen.
Kreischen kann er auch noch mit 3 sehr gut – nicht dass hier Missverständnisse aufkommen. ;)
Aber zum Fotografieren kam ich beim letzten Zoobesuch gar nicht, weil wir gemeinsam den Tomatenfrosch, den Doktor- und den Königsfisch und die Riesenwanzen entdeckten.
Na ja, die Wasserfälle bei den Elefanten und im Tropenhaus waren immer noch mindestens genauso spannend.
Auch wenn ich manchmal die Babyzeit vermisse – ich freue mich so darauf, mit meinem Kindergartenkind die Welt zu entdecken (und dabei auch einige Wissenslücken aufzuholen).
Ich kann jetzt schon den Stegosaurus vom Diplodocus unterscheiden.
Bald werden wir Astrid Lindgren und Tove Jannson lesen können.
Und auf das erste Mal Kino freue ich mich schon so sehr!
Dieser Satz ist so extrem abgelutscht, aber – Wahnsinn, wie die Zeit verflogen ist. Dieses Gefühl ist irgendwie schwer zu fassen.
Jetzt ist er 3 Jahre und 5 Monate alt. Die berühmten ersten drei Jahre sind um, ein ganz neuer Abschnitt hat begonnen.
Wenn sich das Kindergartenkind, müde vom Peng-Peng, abends zum Vorlesen ankuschelt und ganz babyhaft an seiner Milchflasche nuckelt, ist es schön.

Serienjunkies

Ich bin zur Zeit süchtig nach ‚Parenthood‘. Die NBC-Serie über die große Braverman-Familie ist wie für mich geschaffen – die Story. Die vielschichtigen und liebenswerten Charaktere, die ein kompliziertes Beziehungsgeflecht ergeben. Die grandiosen Schauspieler (u.a. Lauren Graham aus ‚Gilmore Girls‘), der Soundtrack, die realistische (soweit ich es beurteilen kann) Darstellung eines Jungen mit Asperger. All das macht mich süchtig und ‚Parenthood‘ zu meiner Lieblingsserie.
Ich denke, alle die ‚Gilmore Girls‘ mochten, werden auch ‚Parenthood‘ lieben. Aber ‚Parenthood‘ ist anders und noch besser. Ernster. Die Charaktere sind so viel facettenreicher und auch die Themenstränge/Geschichten sind weniger ‚harmlos‘ und tiefgründiger als bei ‚Gilmore Girls‘.

Ansonsten warte ich darauf, dass in April die neuen Folgen von ‚Game of Thrones‘ rauskommen. Ich hätte ja nie gedacht, dass ich Fan einer Mittelalter-Fantasy-Serie werden könnte, aber auch hier: Vielschichtige Charaktere gespielt von wunderbaren Schauspielern und ein kompliziertes Familiengefüge. Mit Kampf um den Thron. Und es ist wirklich atemberaubend spannend.

Auch freue ich mich auf die zweite Staffel ‚Girls‘ von und mit Lena Dunham, die vor kurzem rausgekommen ist. Diese neue Anti-‘Sex and the city‘-Serie über 4 New Yorker Freundinnen Mitte 20 in prekären Jobs und schwierigen Beziehungen ist sehr besonders, witzig und vor allem ziemlich realistisch. Die Serie ist das Gegenteil von Hochglanz, mit vielen Sex- und Nacktszenen von nicht perfekten Körpern und einem tollen Soundtrack.

Es gibt also mehr als genug Serienfutter für den Junkie in mir.

Aber auch das Kind hat mit zarten drei Jahren schon seine Serien: Biene Maja und neuerdings Pippi Langstrumpf (von 1969).
Und ich muss gestehen – auch ich liebe beide. Sogar die Titellieder ‚Hey Pippi Langstrumpf‘ und ‚In einem unbekannten Land‘ gehen mir (noch) nicht auf die Nerven.
Dem Kind zum Aufwachen ‚Hey Pippi Langstrumpf‘ anzumachen wirkt Wunder. Wenn alle Weckversuche scheitern und er nur grunzt und brummt und sich in die Kissen zurückfallen lässt, brauche ich nur das aktuelle Lieblingslied anzumachen und das zerknautschte, schlaftrunkene Kind schnellt hoch und strahlt. Aber auch ich kriege davon gute Laune.

‚Biene Maja‘ und ‚Pippi‘ sind schön langsame Serien.
Die Blumen- und Grasbilder in ‚Biene Maja‘ sind so ruhig, verglichen mit heutigen Serien und Filmen. Das ist echt angenehm. Das Kind findet die Geschichten, in denen meist eins der Insekten gerettet wird, superspannend. Alle Insekten-Protagonisten sind irgendwie schrullig-einmalig-liebenswert. Und die Stimmen von Maja und Willi finde ich toll.
An Karneval ging Kind als Biene Maja und ich war zum ersten Mal seit der Grundschule richtig verkleidet und ging – als Fräulein Cassandra. Er hatte mich überredet.

‚Pippi Langstrumpf‘ ist seine erste Serie mit richtigen Schauspielern. Ich war mir unsicher, ob er noch zu klein dafür ist (3 Jahre, 4 Monate), aber wir sind jetzt bei Folge 5 und er liebt es und wirkt nicht überfordert.
Jim Knopf hingegen haben wir ausprobiert und erstmal auf Eis gelegt. Er fand es gut, aber die Handlung war einfach zu kompliziert. Die Pippi-Geschichten sind einfacher. Die Gauner, die Pippis Gold klauen wollen, findet er witzig und dass Pippi so stark ist, dass sie ihr Pferd hochheben kann, noch witziger.
Pippi macht alles, was man nicht darf und das trifft genau seinen aktuellen Humor.
‚Pippi und die Geister‘ fand Kind besonders spannend – aber nicht gruselig –
Zitat: „Es gibt keine Gespenster, weil – die sind schon ausgestorben!“