3 Jahre, 5 Monate

„Seine große, lange Flinte schießt auf dich den Schrot. Schießt auf dich den Schrot. Dass dich färbt die rote Tinte und dann bist du to-o-ot!“ – Das Kind hat sein Lieblingslied zur vollen Lautstärke aufgedreht und singt mit. Bei der Vertonung folgt auf ‚Schrot‘ ein Paukendonner, das den Schuss darstellen soll. Bei jedem ‚Schuss‘ zielt er mit seinem imaginären Gewehr. Ich beobachte meinen Sohn fasziniert, wie er jeden Paukeneinsatz genau abpasst. ‚Fuchs du hast die Gans gestohlen‘ – auf Repeat.
Ich hasse dieses Lied. Ich kann es nicht mehr hören. Und überhaupt – war das mal mein Baby? Mein tapsiges Kleinkind? Ich will die momentane Faszination für Gewehre und die ‚Peng Peng‘-Schreierei nicht überbewerten. Ich kann mir aber ständige Kommentare wie „Das ist aber ein gemeiner Jäger“ oder „der arme Fuchs“ nicht verkneifen. Ich beschließe die Faszination in ’sinnvolle Bahnen zu lenken‘ und besorge Buch samt CD ‚Peter und der Wolf‘.
Kind lauscht mit offenem Mund. Später klimpert er auf dem Klavier seiner Großeltern. Die tiefen Töne kündigt er als Wolf an und die hohen als Vöglein. „Ich mache jetzt für euch Kasperle-Theater mit Musik.“ Er läuft zwischen Klavier und Türrahmen – der Bühne – hin und her.
„Ich bin der Wolf. Ich brauche noch einen Schauspieler, der das Vöglein spielt.“
Ich strahle wie der Weihnachtsbaum und würde am liebsten alle Welt zu der Aufführung meines Wunderkindes zusammentrommeln. Was für ein tolles Alter.

In 3 Jahren ist das winzige Baby zum plappernden, singendem, springendem, schlingelndem Jungen geworden. Wie fühlte es sich damals an, wenn ich ihn stillte? Das gierige Nuckeln. Das ‚Abdocken‘ und satte Schmatzen. So lange her. Ich muss in mich gehen, die Augen schließen, um mich zu erinnern, wie es sich angefühlt hat. Das viele Kuscheln, auch in der Trage war schön. Heute wird ein Kuss von mir manchmal weggewischt und es heißt: „Mama, ich will meine Ruhe. Geh weg!“ Natürlich ist es super, dass er seine Bedürfnisse artikulieren kann, aber in solchen Momenten sehne ich mich ein bisschen nach der Knuddelbaby-Zeit zurück. Oder wenn ich ihn von seiner Freundin/vom Kindergarten abhole und Kind sich gar nicht freut, mich zu sehen, weil er noch bleiben will.

Andererseits: Wie anstrengend das war, als er nur an meiner Brust einschlief. Als es eine hohe Kunst war, ihn ‚abzudocken‘, ohne dass er aufwachte. Die Sorgen, Zweifel und Aufregung als ich das erste Mal nach der Geburt einen ganzen Abend aus war, beim Mika-Konzert, und auf dem Rückweg die nassen Flecken auf dem Shirt. Die höllischen Schmerzen beim Milchstau. Das stundenlange Herumtragen eines brüllenden Babys im Fliegergriff. Der Muskelkater im Arm. Diese Hilflosigkeit. Der Schlafmangel. Wenn Kind mal krank ist, frage ich mich, wie wir das früher gemacht haben mit schlaflosen Nächten als Normalzustand.

Neulich waren wir nach einer langen Winterpause im Zoo.
Ich: „Welche Tiere fandest du besonders toll?“
Kind: „Ich fand alle Tiere toll. Aber die gefährlichen Tiere mit den scharfen Zähnen fand ich am spannendsten.“
Er stellte im Zoo Fragen über Fragen, die ich nicht beantworten konnte, also las ich mir die Schilder durch, an denen ich bei vorherigen Zoobesuchen vorbeigegangen war. Es war interessant. Ehrlich gesagt, hatte ich bisher eher die Menschen im Zoo beobachtet als die Tiere.
Nun hielten wir uns sehr lange im Terrarium auf und ich musste feststellen, dass ich anscheinend noch nie im Terrarium des Kölner Zoos war (oder, was wahrscheinlicher ist, seit dem Grundschulalter nicht mehr da war und mich nicht mehr erinnere) und ich sah zum ersten (?) Mal ein Chamäleon aus der Nähe. Es war wunderschön. Der Tomatenfrosch war lustig und ich überwand sogar ein bisschen meine Spinnenangst.
Als er noch ein Kleinkind war, war der Zoobesuch ein netter Ausflug, bei dem er lange die Erde neben dem Flamingogehege studierte und sich ganz doll über die Enten freute. Das war sehr süß und ich machte sehr viele Fotos von ihm und den Enten, aber irgendwann dachte ich, dass wir die Enten auch for free im Volksgarten hätten sehen können. Den Vorschlag, mal zu den anderen Tigern zu gehen, beantwortete er mit hysterischem Kreischen.
Kreischen kann er auch noch mit 3 sehr gut – nicht dass hier Missverständnisse aufkommen. ;)
Aber zum Fotografieren kam ich beim letzten Zoobesuch gar nicht, weil wir gemeinsam den Tomatenfrosch, den Doktor- und den Königsfisch und die Riesenwanzen entdeckten.
Na ja, die Wasserfälle bei den Elefanten und im Tropenhaus waren immer noch mindestens genauso spannend.
Auch wenn ich manchmal die Babyzeit vermisse – ich freue mich so darauf, mit meinem Kindergartenkind die Welt zu entdecken (und dabei auch einige Wissenslücken aufzuholen).
Ich kann jetzt schon den Stegosaurus vom Diplodocus unterscheiden.
Bald werden wir Astrid Lindgren und Tove Jannson lesen können.
Und auf das erste Mal Kino freue ich mich schon so sehr!
Dieser Satz ist so extrem abgelutscht, aber – Wahnsinn, wie die Zeit verflogen ist. Dieses Gefühl ist irgendwie schwer zu fassen.
Jetzt ist er 3 Jahre und 5 Monate alt. Die berühmten ersten drei Jahre sind um, ein ganz neuer Abschnitt hat begonnen.
Wenn sich das Kindergartenkind, müde vom Peng-Peng, abends zum Vorlesen ankuschelt und ganz babyhaft an seiner Milchflasche nuckelt, ist es schön.


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