„Gibt es das auch für Jungen?“ Teil 2. Die Praxis.

Ich habe bis 2h Nachts bei towardthestars.com gesurft, einem wunderbaren Online-Shop für Kindersachen, die nicht den Geschlechterstereotypen entsprechen. Ich habe mir zu dem Thema noch viele Gedanken gemacht und festgestellt, dass ich unbewusst in meinem Post ‚3 Jahre, 5 Monate“ eher die ‚jungstypischen‘ Sachen als ‚Indiz‘ dafür, dass die Kleinkindphase vorbei ist, beschrieben habe. Dabei zeigt ja nicht nur die Dino- und (seufz)Schießleidenschaft, dass wir es mit keinem Kleinkind mehr zu tun zu haben. Ich hätte auch beschreiben können, wie süß, vernünftig und lieb das Kind mit Babys/Kleinkindern umgeht. Das ist ja mal ein klares Anzeichen dafür, dass er keines mehr ist. Oder dass er mittlerweile im Haushalt tatsächlich helfen kann, statt zusätzliche Arbeit zu machen. Wie geduldig er seiner Babypuppe ein Verbot erklärt. Aber anscheinend ist bei mir das Großwerden doch unbewusst stark mit ‚Junge werden‘ verknüpft. Gut, das kann auch daran liegen, dass diese Monster-Dino-scharfe Zähne-Peng -Leidenschaft tatsächlich NEU und ungewohnt ist. Genau dieses Gefühl, sich an die neue Altersphase erst gewöhnen zu müssen, wollte ich beschreiben. Wie auch immer – es ist eine spannende Phase und ich freue mich darüber, was Kind alles macht und spielt. Ich guckte dann noch ein bisschen im Internet nach Puppentragen und ging beseelt von den tollen Bildern und Ideen bei towardthestars ins Bett.
Am Morgen kämpfte das Kind mit seiner Strumpfhose. Ich tröstete: „Bald wird es endlich warm, dann braucht man keine Strumpfhosen. Wenn es richtig warm ist, darf man sogar kurze Hose tragen.“ Kind: „Ja, wenn es warm ist, kann ich auch Kleidchen tragen.“ Ich: „Ja, das stimmt. Kannst du machen. …Eigentlich tragen ja Mädchen Kleidchen. Aber wir können ja deine Freundin fragen, ob du eins ausleihen darfst. Nee, wenn du das möchtest, dann können wir mal gucken, ob wir für dich eins finden.“
Das ist das, was ich gesagt habe, aber ich dachte: „Hoffentlich vergisst er es wieder.“
Spielzeug und Bücher sind für mich kein Thema.
Aber mit Kleidung/Accesoires ist es nicht so einfach. Bisher hatte mein Sohn in dem Bereich noch keinen Herzenswunsch. Aber er hat schon oft Sachen erwähnt, wie das mit dem Kleid, bei denen ich mich frage, ob ich diese Wünsche erfüllt hätte, wenn er ein Mädchen wäre. Und wenn ich für ihn einkaufe und es die Shirts/Socken/Schuhe im Angebot einmal für Jungen und einmal für Mädchen gibt, wähle ich eigentlich immer die Jungssachen. Oft passt es, weil das Grün schöner ist, als das grelle Lila oder weil die Piraten-Regenjacke spannender ist als die Blümchenjacke. Aber manchmal gibt es ‚für die Jungs‘ nur Langweiliges, ‚für die Mädchen‘ hingegen z.B. Eulenprints und Kind mag Eulen. Trotzdem kaufe ich das Rüschen-Eulen-Shirt nicht. Und wenn ich mit Kind einkaufe, dann schlage ich ihm die ‚Mädchensachen‘ oft gar nicht erst vor.
Ein sehr häufiger Dialog zwischen uns: Er: „Ich will auch Ohrringe!“ Ich: „Ja, wenn du erwachsen bist, kannst du welche haben.“ Er: „Wenn ich erwachsen bin, will ich Ohrringe!“ Ich stand im Spielwarengeschäft schon oft vor so kindgerechten Aufkleberohrringen und ich denke, einem Mädchen hätte ich sie längst gekauft. Meinem Jungen habe ich sie nicht gekauft und gedacht: „Du hast eh kein Geld. Er braucht das nicht. Er hat eh genug Zeug.“ Was definitiv auch stimmt.
Aber bei anderen genauso unnötigen Sachen kann ich doch oft nicht widerstehen. Ausgerechnet bei Aufkleberohrringen und Kinderschmuck, ebenso wie bei einem rosa Rüschenshirt mit Igelprint, nach dem das Kind bei dm gefragt hat, war ich diszipliniert. Und wenn ich ehrlich bin – ich weiß, dass ich einem Mädchen schon längst lauter kindgerechten Schmuck und Spängchen gekauft hätte – schon weil ich solche Sachen als Kind liebte.
Ich bin mir dieser Diskrepanz bewusst und finde es eigentlich nicht richtig. Es ist nicht das, woran ich glaube. Ja, Herzenswünsche würde ich erfüllen, die gab es bisher im Bereich Kleidung/Schmuck noch nie und darüber bin ich froh. Nicht weil ich Angst hätte, mein Sohn wäre mit Spängchen und Kette kein richtiger Junge oder sonstwas, sondern weil es für mich eine Horrorvorstellung ist, dass andere Kinder mein Kind auslachen oder ärgern.
Ich bin in der Unterstufe heftig gemobbt worden. Ich hatte jeden Tag Angst, zur Schule zu gehen, Panik vor Gruppenarbeit und Klassenfahrt.Unter anderem über meine unmodische Kleidung wurde gespottet.
Mein Kind soll nie in diese schreckliche Situation kommen. Natürlich wünsche ich mir ebenso wenig, dass er zu einem Mobber oder zum angepassten Mitläufer wird.
Ich möchte ihm mitgeben, dass er zu sich stehen kann, auch wenn er Gegenwind bekommt, auch wenn er eine andere Meinung oder einen anderen Geschmack hat. (Das konnte ich damals nicht. Ich sagte zwar im Unterricht zu Themen unerschrocken meine Meinung, aber ich erinnere mich auch daran, wie ich verzweifelt vor den beliebten Mädchen stand und sagte: „Was kann ich tun, damit ihr mich mögt?“)
Dass Kinder lernen, zu denken und zu sagen: „Ihr habt Pech gehabt, wenn ihr mich nicht mögt.“ ist enorm wichtig. Aber ich finde es sehr problematisch, wenn Eltern nicht merken, dass ihr Kind, anders ist, als andere Kinder, dass es uncoole Kleidung trägt, nicht mitreden kann. Kinder wollen dazugehören. Bei allem Idealismus dürfen Eltern das nicht vergessen und sollten auch das Bedürfnis nach Angepasstheit bei ihrem Kind ernst nehmen.
So sehr ich mich über sexualisierende und/oder erwachsene Kindermode aufrege, leide ich auch direkt irgendwie, wenn ich eine 12-Jährige in kindlichem Pferdepulli /einen 12-jährigen mit Schnürschuhen sehe, die sich offensichtlich unwohl in ihrer Haut fühlen (ich spreche hier nicht von Kindern, die diese Sachen selbstbewusst gerne tragen) und verspüre das dringende Bedürfnis mit diesem Kind modische Kleidung shoppen zu gehen. Mit ihm fernzusehen und ihm coole Musik zu zeigen. Natürlich sind das nur meine eigenen Gefühle in dem Moment, ich kenne ja nicht die Hintergründe. Ich bin als ehemals gemobbtes Kind besonders sensibilisiert für sowas. Aber ich bin auch sensibilisiert für die ganze Ungleichbehandlung, die ich im Post Teil 1 geschildert habe. Wenn ich dafür kein Bewusstsein hätte, wenn es mir nicht ein superwichtiges Anliegen wäre, etwas woran ich fest glaube, dann würde ich vielleicht mein Kind mit den modischsten, coolsten, angesagten (und stereotypen) Sachen zuschütten. Ich habe erlebt, wie es sich anfühlt, wenn es heißt: „Du bist hässlich, was hast du denn an, ist das von der Altkleidersammlung.“
Ich kann Eltern, die nicht bereit sind, dem Wunsch ihres Kindes nach ‚unpassendem‘ entgegenzukommen und es mit ‚passenden‘ Markensachen zuschütten, damit es bloß nicht unbeliebt wird, sehr gut verstehen.

Es ist wohl für alle Eltern, die ihr Kind möglichst genderneutral erziehen wollen, ein Balanceakt. Letztlich beeinflussen die Eltern nur zu einem Teil (etwa 30%?) die Sozialisation ihrer Kinder und das ist auch ok so. Ich denke, ich mache schon vieles richtig, indem ich meinem Sohn zum Spielen und Lesen selbstverständlich‘beides‘ anbiete; ihm öfters sage, dass ihm ein Kleidungsstück gut steht; dass er schön ist; dass ich stolz auf ihn bin, wie er sich um das Baby im Cafe gekümmert hat. Aber ich stelle mir oft vor, dass er tatsächlich mal ein Kleid in den Kindergarten anziehen will und wie ich ihm das erlaube, aber Angst habe. Bei uns im Kindergarten ist eine tolle Atmosphäre. Einmal hat wohl ein Kind mein Kind wegen seiner Latzhose etwas aufgezogen, da meinte die Erzieherin direkt, dass die Latzhose eine super Arbeiterhose ist. Deshalb ist für mich folgende Vorstellung am Beängstigsten: Das Kind sucht sich für die Schule eine rosa Schultüte oder einen Feenranzen aus. Mit schlechtem Gewissen versuche ich ihn zu manipulieren, erfülle letzlich seinen Herzenswunsch und habe Alpträume von einem gemobbten Kind. Eigentlich ist das nicht so aktuell. Wenn er sich heute einen Ranzen aussuchen würde, würde er sich recht wahrscheinlich Baustelle oder Dinos aussuchen. Und es sind noch ein paar Jährchen bis dahin. Aber ich habe das Szenario oft im Kopf, weil ich das Gefühl habe, dieser Balanceakt wird immer schwieriger, je älter das Kind wird.

Umso wichtiger, jetzt das Puppenhausspiel zu genießen, bevor es ihm irgendwann zu peinlich wird und es aus dem Zimmer raus soll. Das mit den Klamotten, Schultüten und Ranzen wird sich schon zeigen. Ich bin mir meiner Ängste bewusst und mein Kind wird später wissen, was ihm wichtig ist und wofür er das Risiko eingehen will, ausgelacht zu werden und wofür nicht.


4 Antworten auf „„Gibt es das auch für Jungen?“ Teil 2. Die Praxis.“


  1. 1 Julie 06. April 2013 um 18:42 Uhr

    Ich bin absolut deiner Meinung. Habe mich auch mit einer Freundin vor ein paar Tagen über das Thema unterhalten und dich dabei zitiert!

  2. 2 aisle 11. April 2013 um 22:57 Uhr

    This is specifically what I used to be seeking for, many thanks

  3. 3 fashion, baby! 16. April 2013 um 7:04 Uhr

    Ein toller Post, und auch wenn ich als Mutter eines Mädchens nicht vor der Spängchenfrage stehe, weiß ich trotzdem genau was Du meinst. Auch wenn es in unserem Haushalt viel rosa gibt, will ich, daß meine Tochter alle Optionen hat, und das bezieht sich natürlich auch auf Kleidung.

    Und jetzt werfe ich erst mal einen Blick auf towardthestarts!

    War schön, Dich gestern Abend kennengelernt zu haben!

    Viele Grüße
    Nadine

  4. 4 Administrator 18. April 2013 um 12:36 Uhr

    Danke, Nadine, dein Kommentar freut mich total – gerade weil dieser Post ziemlich persönlich geworden ist und ich beim Posten unsicher war…
    Ich fand es auch schön dich kennengelernt zu haben!!
    Habe eben deinen (sehr guten) Post über die Lesung gelesen – danke, dass du über meinen Blog geschrieben hast. und das mit dem Trinken gehen könnte man ja noch nachholen ;)

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