Archiv für April 2013

Gedichte für Kinder

Als ich gestern in die große Mayersche am Neumarkt fuhr, um mir für die Uni ‚Kasimir und Karoline‘ und ‚Die Ratten‘ zu kaufen, nahm ich mir fest vor, ohne Umwege zu den Reclamheften und zur Kasse zu gehen, denn ich musste mich beeilen und sparsam sein.
Ich schaffte es einigermaßen schnurstracks zu dem gelben Regal und zurück, hatte neben der Seminarlektüre dann aber doch noch ein Kinderbuch in der Tasche:
‚Meine Feste, deine Feste, kleine Feste. Gedichte für Kinder‘ vom Reclam Verlag. (www.reclam.de/detail/978-3-15-01899/Meine_Feste__deine_Feste__kleine_Feste“)

Das Büchlein im klassischen Reclam-Format, aber mit einem gut designten, bunten Titelblatt kostete 4 Euro. In dieser ganz neuen Reihe ‚Gedichte für Kinder‘ gibt es noch :
ABC und Tintenklecks; Von der Erde bis zum Mond; Allerlei Getier; Rätsel, Reim und Regenbogen; Im Land der Fantasie; Ich und du und große Leute; Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann. Es handelt sich um Anthologien, die Gedichte ganz unterschiedlicher DichterInnen enthalten.

I. war erst einmal nicht besonders interessiert, weil es in dem Buch wenige Bilder gibt und keine spannende Geschichte. Aber als ich ihm einige Gedichte vorlas, von denen ich annahm, dass er sie lustig finden könnte, guckte er ganz erstaunt, lachte über die Wortspiele und wollte doch immer mehr hören. Ich glaube, mit diesem Gedicht hatte ich ihn:

(…) Es sitzen da an einem Tisch:
Herr Fischent und Frau Entenfisch,
Herr Hahnenhund, Frau Schnauzerhuhn,
Die wollen sich recht gemütlich tun,
Dazu kommt noch Frau Schlangenspatz,
Mit ihrem Freund Herrn Ratzenkatz
. (…)
(Heinrich Hoffmann)

Er hat sich über die ‚seltsame Kaffee-Gesellschaft‘ kringelig gelacht.
‚Die vier Jahreszeiten‘ von Mascha Kaleko, die ich schön finde, fand I. langweilig und unterbrach mich schon beim Frühling:

Mit duftenden Veilchen komm ich gezogen,
Auf holzbraunen Käfern komm ich gebrummt,
Mit singenden Schwalben komm ich geflogen,
Auf goldenen Bienen komm ich gesummt.
Jedermann fragt sich, wie das geschah:
Auf einmal bin ich da
.

Mehrmals hören wollte er:

Ich heiße Fritz,
unser Hund heißt Spitz,
Miezevater unser Kater.
Papa heißt Papa,
Mama heißt Mama;
meine Schwester heißt Ottilie:
das ist unsere ganze Familie.
Wir hätten noch gern eine Kuh und ein Pferd dazu
.
(Emil Weber)

Uns beiden gut gefallen und I. zum Lachen gebracht hat das ‚Mag-Lied‘:

Ich mag dich kreuz und quer
Ich mag dich hin und her
Ich mag dich sauber
Ich mag dich dreckig
Ich mag dich rund
Ich mag dich eckig
Ich mag dich wie du bist
Ich mag was in dir steckt
Du bist perfekt

Ich mag dich haargenau
Ich mag dich gelb und grau
Ich mag dich grün und blau
Ich mag dich pink
Ich mag dich ponk
Ich mag dich blubbs
Ich mag dich schwubbs
Ich mag dich bunt, kariert
gestreift, liniert, gescheckt
Du bist perfekt

(Andreas Remenyi)

Und besonders mochten wir ‚Küssen‘ von Paul Maar, dem Autor vom ‚Sams‘:

Jeder weiß, wie küssen geht,
jeder, wie ein Kuss entsteht:
Man macht die Lippen spitz und rund
und küsst sich einfach auf den Mund.

Mancher Kuss ist schmatzig laut,
mancher dauert ziemlich lange,
mancher Kuss ist wie ein Hauch,
landet sanft auf Omas Wange
oder auch auf Babys Bauch.

Wenn du denkst, nur Menschen küssen,
liebes Kind, da täuscht du dich.
Nicht nur Zoobesucher wissen:
Auch Schimpansen küssen sich.

Jungs sind einfach wilder.

Bei einem schönem Kindergeburtstag: Das Thema ‚Jungen und Mädchen sind ja sooo verschieden.“ kam irgendwie ständig auf. Ein Vater fand schade, dass er mit dem Kind nicht so viel Autos spielen kann, weil er ja ein Mädchen hat. Dann ging es darum, dass Jungen ja immer lieber mit Autos spielen und Mädchen lieber mit Puppen. Einer der Jungen habe zwar die neue Puppe seiner Schwester gefüttert, aber trotzdem. Ich warf ein, dass I. sehr gern mit Puppen spielt.
Ich hatte zuvor erzählt, dass ich als Kind ein richtiges Puppenkind war und immer noch Puppen und Zubehör liebe und keinen Hehl aus meiner Begeisterung für den Puppenwagen des Geburtstagskindes gemacht. Wahrscheinlich deswegen und weil I. gerade mit einem Bagger spielte, erntete ich etwas ungläubige Blicke. Ich hatte ein bisschen den Eindruck, dass man dachte, ich würde meine Puppenleidenschaft nur auf I. projizieren. (Dabei schläft der Süße gerade mit seinem Baby im Arm.)
Irgendwann im Laufe der Feier fiel natürlich der Klassiker ‚Jungen sind wilder‘.
Als die Mädchen später Puppen samt Puppenwagen holten und I. auch mitspielen wollte, schlichtete ein Vater den Streit um den Wagen und die Puppen so: „Und du I., kannst ja den großen Jungen spielen und mitlaufen und auf die Mädels aufpassen.“

Schon seltsam… Wenn es um Kleidung geht, kann ich es ja nachvollziehen, wenn man Bedenken hat, wenn das eigene Kind aus dem Rahmen fällt. Habe ich auch. (siehe Post: Gibt es das auch für Jungen? Teil 2.) Aber was Spielzeug betrifft – wir alle wollen doch, dass unsere Söhne zu liebevollen Vätern unserer Enkelkinder werden oder (um mal lieber keine Ansprüche zu stellen :) ) zu liebevollen Erwachsenen. Warum in aller Welt sollten Jungs dann keine Puppenpapas sein?

In der Uni: bei der ersten Seminarsitzung von „Mütter-Frauen-Töchter-Konstrukte der Weiblichkeit im Drama“ kam die Dozentin auf sex vs gender und Geschlechterstereotypen zu sprechen, gab gute Beispiele… Viele meldeten sich und meinten, es gäbe sehr wohl angeborene Unterschiede, begründet mit Argumenten wie: ‚Ich mag aber Glitzer und Rosa. es beruhigt mich irgendwie.‘ Und: ‚Ich habe drei Jungs und sie sind alle wilder als Mädchen.‘ Ich mag auch Glitzer und Rosa, aber nicht, weil ich eine Frau bin. Mein Junge ist nicht sehr wild. Einfach weil er vom Typ her ruhiger ist.

Übrigens hat I. letztens als wir bei der Musikgruppe die Stoppersocken vergessen hatten, aus dem Korb mit Ersatzsocken zielsicher die pinken Socken gegriffen.
Er durfte sich beim Geschenkekauf für das Geburtstagskind auch eine Kleinigkeit aussuchen und suchte sich rosa Schmetterlings-Elfen-Tattoos aus.
Ich kaufe Kleidung meist ohne I. und er besitzt keine pinken Stoppersocken. Denn wie die Meisten gucke ich gar nicht bei der Mädchenabteilung, wenn ich nach Klamotten für ihn suche. Ja, ich werde ihm nicht ‚Mädchensachen‘ aussuchen, solange er sie sich nicht wünscht.
Aber es ist schon erstaunlich, wieviel immer der ‚Biologie‘ zugeschrieben wird, obwohl wir für ein Kind von dem Moment an, an dem die Ärztin beim Ultraschall das Geschlecht erkennt, immer wieder eine Wahl treffen. Eltern, Freunde und Verwandte suchen Mädchensachen und Jungensachen aus.
Auch mein kleiner Puppenpapa hat fast nur Pullis mit Aufdrücken von Autos, Baggern, Wikingern, Piraten und Dinos. Die habe ich ihm gekauft oder er hat sie geschenkt bekommen. Noch sucht er sich manchmal pinke Socken und Elfentattoos aus, aber letztens schon sah er bei dm ein dunkelblaues Ringelshirt mit kleinen roten Herzchen: „Ist das ein Mädchenshirt, Mama?“ Sehr wahrscheinlich, dass er spätestens als Schulkind keine pinken Socken mehr aus dem Korb nehmen wird.
Aber wo ist da bitteschön die Biologie?

Der Opa hat noch keine Kinder.

I. war krank. Wir kuschelten und ich sang ihm ‚Häschen in der Grube… armes Häschen bist du krank?‘ vor, mehrmals. Dann fragte ich ihn, ob ich jetzt mal was anderes singen sollte, ich könnte ja auch das Liederbuch holen. I. überlegte und sagte: „Das Lied, das du eben gesungen hast, das passte zu mir.
Ich bin dahingeschmolzen.

Im Radio lief heute ‚Haus am See‘ von Peter Fox. I. lauschte und fragte: „Mama, ist das ein Frühlingslied?“

Wir fuhren letzte Woche mit dem Zug nach Bielefeld. I., ganz beeindruckt: „Der Zug ist noch schneller als der Mixer!“ (Lieblingsküchengerät)

Abends: „Mein Magen knurrt nach Milchflasche.“

„Papa, du bist ein alter Mann, weil du groß bist.“

„Ich habe mal eine echte Pippi Langstrumpf gesehen und dann haben wir uns verabredet!“

„Wenn ich ein Vogel oder eine Rakete bin, dann fliege ich!“ –“Aber du bist ein Mensch.“
„Aber ich male mir eine Lernkarte und die lerne ich und dann bin ich ein Vogel oder eine Rakete und kann fliegen“.

„Wenn ich mal zum Ritter geschlagen bin, will ich alles tragen, was ein Ritter braucht.“

„Der Opa hat noch keine Kinder, oder?“

Einem Dreijährigen müsste man mit Aufnahmegerät hinterherlaufen. Ständig lachen wir uns über eine Äußerung von ihm schlapp. So oft denke ich mir: „Unbedingt, unbedingt später notieren“ und vergesse es dann leider doch. Am ehesten schaffe ich es, mir kurze Sätze wie „Babys denken, Krokodile wären ausgestorben“ zu notieren.
Schwierig ist es, seine langen Geschichten festzuhalten. Er erzählt mittlerweile die verrücktesten Sachen, hat die lustigsten Spielideen. Oft handelt es sich um irgendwelche haarsträubenden Geschichten über Wölfe, Füchse und feuerspeiende Stöcke.
Ansonsten ist zur Zeit sein Lieblingsspiel: Mama und/oder Papa sind Babys und er ist wahlweise ein großer Junge oder unser Papa. Wenn ich dann anfange, zu notieren, werde ich als Baby natürlich unauthentisch und I. erinnert mich vehement daran, nicht aus der Rolle zu fallen. Aber eine Mitschrift habe ich doch:

„Und dann will ich spielen, ich bin ein großer Junge und am Sprungbecken. und ihr seid kleine Babys und wollt auch springen und ich sage euch: Nein. Nur wenn ihr größer seid. Dann muss man auch schwimmen üben“.

Das Spiel spiele ich viel lieber mit, als z.B. Biene Maja und Fräulein Cassandra, denn als Baby/ Kleinkind brauche ich mir nichts ausdenken, sondern nur ständig zu fragen: „Papaaaa, darf ich zum Mittagessen Schokooo/mit der Säge sägen? Wa-ruuum? Darf ich das, wenn ich erwachsen bin?“ (was I. superlustig findet) und mich dann an I.s Kommentaren und Belehrungen erfreuen.
Letztens hat der Papa, also I. dem Baby, alo mir tatsächlich erlaubt, im Bett einen Lolli zu lutschen. Das Baby freute sich natürlich, aber I. ist ein strenger Regisseur:
„Nein, nicht leise sagen, du musst laut „JA“ schreien, guck mal, so: JAA! Ich sag jetzt nochmal, dass du den Lolli darfst.“