Jungs sind einfach wilder.

Bei einem schönem Kindergeburtstag: Das Thema ‚Jungen und Mädchen sind ja sooo verschieden.“ kam irgendwie ständig auf. Ein Vater fand schade, dass er mit dem Kind nicht so viel Autos spielen kann, weil er ja ein Mädchen hat. Dann ging es darum, dass Jungen ja immer lieber mit Autos spielen und Mädchen lieber mit Puppen. Einer der Jungen habe zwar die neue Puppe seiner Schwester gefüttert, aber trotzdem. Ich warf ein, dass I. sehr gern mit Puppen spielt.
Ich hatte zuvor erzählt, dass ich als Kind ein richtiges Puppenkind war und immer noch Puppen und Zubehör liebe und keinen Hehl aus meiner Begeisterung für den Puppenwagen des Geburtstagskindes gemacht. Wahrscheinlich deswegen und weil I. gerade mit einem Bagger spielte, erntete ich etwas ungläubige Blicke. Ich hatte ein bisschen den Eindruck, dass man dachte, ich würde meine Puppenleidenschaft nur auf I. projizieren. (Dabei schläft der Süße gerade mit seinem Baby im Arm.)
Irgendwann im Laufe der Feier fiel natürlich der Klassiker ‚Jungen sind wilder‘.
Als die Mädchen später Puppen samt Puppenwagen holten und I. auch mitspielen wollte, schlichtete ein Vater den Streit um den Wagen und die Puppen so: „Und du I., kannst ja den großen Jungen spielen und mitlaufen und auf die Mädels aufpassen.“

Schon seltsam… Wenn es um Kleidung geht, kann ich es ja nachvollziehen, wenn man Bedenken hat, wenn das eigene Kind aus dem Rahmen fällt. Habe ich auch. (siehe Post: Gibt es das auch für Jungen? Teil 2.) Aber was Spielzeug betrifft – wir alle wollen doch, dass unsere Söhne zu liebevollen Vätern unserer Enkelkinder werden oder (um mal lieber keine Ansprüche zu stellen :) ) zu liebevollen Erwachsenen. Warum in aller Welt sollten Jungs dann keine Puppenpapas sein?

In der Uni: bei der ersten Seminarsitzung von „Mütter-Frauen-Töchter-Konstrukte der Weiblichkeit im Drama“ kam die Dozentin auf sex vs gender und Geschlechterstereotypen zu sprechen, gab gute Beispiele… Viele meldeten sich und meinten, es gäbe sehr wohl angeborene Unterschiede, begründet mit Argumenten wie: ‚Ich mag aber Glitzer und Rosa. es beruhigt mich irgendwie.‘ Und: ‚Ich habe drei Jungs und sie sind alle wilder als Mädchen.‘ Ich mag auch Glitzer und Rosa, aber nicht, weil ich eine Frau bin. Mein Junge ist nicht sehr wild. Einfach weil er vom Typ her ruhiger ist.

Übrigens hat I. letztens als wir bei der Musikgruppe die Stoppersocken vergessen hatten, aus dem Korb mit Ersatzsocken zielsicher die pinken Socken gegriffen.
Er durfte sich beim Geschenkekauf für das Geburtstagskind auch eine Kleinigkeit aussuchen und suchte sich rosa Schmetterlings-Elfen-Tattoos aus.
Ich kaufe Kleidung meist ohne I. und er besitzt keine pinken Stoppersocken. Denn wie die Meisten gucke ich gar nicht bei der Mädchenabteilung, wenn ich nach Klamotten für ihn suche. Ja, ich werde ihm nicht ‚Mädchensachen‘ aussuchen, solange er sie sich nicht wünscht.
Aber es ist schon erstaunlich, wieviel immer der ‚Biologie‘ zugeschrieben wird, obwohl wir für ein Kind von dem Moment an, an dem die Ärztin beim Ultraschall das Geschlecht erkennt, immer wieder eine Wahl treffen. Eltern, Freunde und Verwandte suchen Mädchensachen und Jungensachen aus.
Auch mein kleiner Puppenpapa hat fast nur Pullis mit Aufdrücken von Autos, Baggern, Wikingern, Piraten und Dinos. Die habe ich ihm gekauft oder er hat sie geschenkt bekommen. Noch sucht er sich manchmal pinke Socken und Elfentattoos aus, aber letztens schon sah er bei dm ein dunkelblaues Ringelshirt mit kleinen roten Herzchen: „Ist das ein Mädchenshirt, Mama?“ Sehr wahrscheinlich, dass er spätestens als Schulkind keine pinken Socken mehr aus dem Korb nehmen wird.
Aber wo ist da bitteschön die Biologie?


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