Der Junge mit den roten Fingernägeln

– I. kam mit Nagellack in den Kindergarten. Stolz lief er zu seinem Freund und rief: „Guck mal, ich habe Naggellack!“ Der Freund guckte interessiert, aber sein Vater lachte: „Ja, bist du denn ein Mädchen!?“ Ich erwiderte: „Auch Jungs dürfen Nagellack tragen.“

– I. kam auf der Kindergarten-Familienfreizeit in der Eifel mit roten Fingernägeln und bunter Kette und Armband zugleich an. Sein Outfit entlockte einigen anderen Eltern, vor allem den Vätern, interessante Kommentare. Von „Was hast du mit deinem Sohn gemacht?“ über „Gibs zu, hast du dir eigentlich ein Mädchen gewünscht?“ bis „Hey, ich bin das gewöhnt, ich arbeite gegenüber Timp“ (einem Travestielokal). Da fiel mir ehrlich gesagt keine Antwort ein. Immerhin waren die Kommentare an mich gerichtet und nicht direkt an I. Geärgert hat mich, dass mir ernsthaft unterstellt wurde, ich hätte ihm die „Mädchen“ – Sachen irgendwie aufgeschwatzt. (Ungläubig: „Er wollte das echt selber haben?“ – „Nein, ich habe gesagt, wenn du dir die Nägel nicht lackieren lässt, gibt es kein Sandmännchen“.)
Tatsächlich ist I. eines Morgens mit der fixen Idee, sich die Nägel zu lackieren, aufgewacht. Während ich noch im Halbschlaf war, lackierte er sich die Nägel mit einem lila Filzstift. Als ich wach war, machte ich ihm echten Nagellack drauf, womit er sehr zufrieden war.
Die Kinderkette und das Armband habe ich ihm gekauft, weil er sich Schmuck wie die Mama wünschte und er will sie ganz oft anziehen („Mama, wo ist meine Kette?“)
Getröstet hat mich ein Gespräch mit I.s Erzieher abends am Lagerfeuer. Der findet es super, dass I. manchmal rote Fingernägel hat und seine Babypuppe mitbringt. Als Mann im Frauenberuf hat er einen differenzierten Blick auf Geschlechterrollen und wir hatten ein gutes Gespräch über Kinderkleidung, Spiele u.s.w.

– I. wird mit blauen Sandalen, Jeansshorts und einem sehr buntem Shirt mit Kakadus, Wolken und Luftballons für ein Mädchen gehalten. Da hatte er gerade weder Schmuck an, noch lackierte Fingernägel. Lange Haare hat er auch nicht. Es lag also an dem Shirt. Ja, dürfen Jungs denn nichts Buntes mit Vogelmotiv anhaben?!

– Wir gehen in ein Schuhgeschäft, um Sandalen zu kaufen. I. steuert zielsicher ein knallpinkes, glänzendes und glitzernes Paar an. Ich stelle mir vor, was für Kommentare diese Schuhe auslösen würden, wenn schon die Nägel so kommentiert wurden. Deshalb will ich sie I. nicht kaufen. Ich sage I., dass sie ungesund für die Füße und schwitzig-unbequem sind und wir extra gute Sandalen kaufen wollten. Was auch stimmt. Ich will nicht sagen „Das sind Mädchensandalen“ und biete I. sogar von den guten Sandalen ein dezent altrosa Paar mit Blumen an. Ich bin erleichtert, dass er das nicht will. Aber er will auch keine neutralen Sandalen, sondern unbedingt unbedingt die glitzerpinken. Er hat sich in diese Sandalen verliebt. Obwohl ich die Fußgesundheit auf meiner Seite habe, fühle ich mich schlecht, weil ich sie einem Mädchen sicher gekauft hätte, denn sie waren nicht teuer. Schließlich lässt I. sich zu blauen Sandalen mit Ernie und Bert überreden. Und ich verspreche ihm, dass wir mal was anderes mit Glitzer kaufen. Er freute sich später über glitzerne Wickie-Zahnbürsten.
Ich ärgere mich über die Gesellschaft, weil ich mein Kind eigentlich nicht in seinem Geschmack manipulieren will.
Aber meine Entscheidung war richtig, denn wenn er richtig gemeine Kommentare zu seinen Traumsandalen gehört hätte, würde er sich vielleicht auch nicht mehr trauen, seine Kette anzuziehen oder mit dem pinken Puppenbuggy spazieren zu gehen.,

Ich finde es übrigens ziemlich normal, dass Kinder Glitzer und starke Farben wie Pink lieben.
Warum sollte das nur Mädchen vorbehalten sein?

P.S. Man kann natürlich der Meinung sein, dass Nagellack nichts an Kinderhänden verloren hat, auch nichts an Mädchenhänden. Dass Kinderschmuck unnötig ist und pinke Glitzersandalen eine Geschmacksverirrung sind. Ich sehe das nicht so.


8 Antworten auf „Der Junge mit den roten Fingernägeln“


  1. 1 Agnes 07. Juli 2013 um 13:40 Uhr

    Was für klasse Zeilen. Ich hab hier auch einen kleinen Mann der daheim gern die Absatzschuhe der großen Schwester anzieht und auf bunte Shirts steht, ich verbiete es nicht und versuche ihn auch nicht zu verbiegen. Denn jeder sollte doch das ausleben können was ihm gefällt.

  2. 2 Heidi 07. Juli 2013 um 20:15 Uhr

    ich finde es toll und lass meinen sohn ebenfalls solche dinge tun. am meisten mag er meinen rosa labello und seine babypuppe im lila buggy. er nimmt sie mit in den kiga, und umsorgt sie so, wie er es bei mir an seiner kleinen schwester sieht. wiegt sie in den armen, hält sie an die brust, wickelt sie, redet in einer hohen stimme mit ihr, streichelt sie

  3. 3 Namea 07. Juli 2013 um 22:56 Uhr

    Mein Sohn fährt auch auf vieles ab was rosa ist und glitzert, besonders Hello Kitty. Als er gerade vier war, mochte er auf einmal verschiedene T-Shirts nicht mehr in die Kita anziehen, z.b. ein grün-orangenes oder ein rotes mit Bär drauf, weil es Mädchensachen seien. Ich war traurig und schockiert, dass das schon so früh losgeht. Nach mehreren Monaten, in dem ich das Thema immer wieder aufgegriffen habe, hat er einen rosa-lila Pulli mit Hunden drauf bekommen, den wollte er dann gerne mal anziehen. Am Morgen hat er sich dann doch nicht so recht getraut, doch er wollte so gerne. Also habe ich ihm mehrere Sätze vorgeschlagen, die er Kindern sagen könnte, die ihn deswegen verspotten wollen. Einen fand er gut und dann hat er es gemacht. Er hat den Satz auch angewendet und war abends ganz stolz. Jetzt möchte er „Mädchenschuhe“ haben und ein Kleid. Und ich werde es ihm kaufen, habe aber auch bedenken, was dann passiert, wenn die anderen alle sagen, das sei nur für Mädchen usw.? Ich überlege, ob ich ihm sage, dass er das eher nur zu Hause tragen soll? Eine Erzieherin in der Kita hat aber auch gemeint, dass sie da nichts sagen, weil das bei Kindern in dem Alter normal sei. Ich denke, das sollte generell normal sein, dass man anziehen kann, was man möchte, aber immerhin…vielleicht probiert er es einfach aus, wenn er möchte, und wenn nicht kann er sie immernoch zu Hause tragen.
    Ich habe mit ihm auch darüber gesprochen, dass manche Leute denken, rosa dürften nur Mädchen anziehen, aber dass das ja garnichts damit zu tun hat, ob man ein Mädchen oder ein Junge ist, welche Farbe man trägt. Farben gehören allen und bestimmen nicht, wie ich bin. Das kann man nur selber fühlen. Aber dass eben früher viele dachten, Mädchen müssen so, und Jungs so aussehen und sich benehmen, und dass heute das viele immernoch so sehen, dass das aber blöd ist. Und der Satz, den er sich aus allen Alternativen rausgepickt hat war dann “ Dann sag ich, dass ich trotzdem noch ein Junge bin“.
    Wenig später war ich morgens unter der Dusche und rasierte meine Beine, und er war dabei und fragte: was machst du da? Haare weg. Warum? Weil die meisten das von Frauen erwarten und sonst ständig blöde Kommentare machen. Und er so: „Na und, dann kannst dus doch einfach trotzdem machen! Die sind doch blöd, ne?“ Tjaaaa, da bin ich ganz schön in Erklärungsnot gekommen, warum ich trotzdem weitermache… Aber beim nächsten Mal werde ich ihm erklären, dass man eben immer auch wissen muss, was man aushalten kann und möchte, dass man nur Sachen machen soll, bei denen man sich auch gut fühlt oder so.

    Habt ihr noch Ideen, die ihr euren Kindern vermitteln konntet (und wie?), die ihnen in solchen Situationen geholfen haben?

  4. 4 Claudia 08. Juli 2013 um 10:47 Uhr

    Nagellack hatten wir noch nicht, tatsächlich nur ein paar rote Oberteile. Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass er von Fremden sofort für ein Mädchen gehalten wird, wenn er was Rotes trägt. Kleine Anekdote dazu:

    Ende letzten Winters wohnten wir noch in einer Kleinstadt, Söhnchens Mütze war verloren gegangen und wir brauchten für die letzten kalten Tage noch eine neue. Ich mit ihm also zu H&M.

    Ich zur Verkaufnuss: „Entschuldigung, baben Sie noch Mützen?“
    Verkaufnuss blickt auf den Sohn und sagt: „Nein, die sind schon alle ausverkauft.“
    Ich: „Oh, das ist schade.“
    Verkaufsnuss: „Ja, tut mir leid. Wir haben nur noch rote“.

  5. 5 Danni 08. Juli 2013 um 12:05 Uhr

    Bei uns zu hause gilt das Motto: Es gibt nichts, das nur für Jungs oder nur für Mädchen ist.
    Unser Sohn hat mit stolz auf einem Mädchengeburtstag eine rosa Krone gebastelt und sie zu hause mit Captn Sharky und Lillifee Aufklebern verziert und sie 2 Wochen jeden morgen zum Kindergarten aufgesetzt. Wollte die kleine Schwester Nagellack, wollte er auch – Fingernägel und Zehen!
    Ich fand das sehr selbstbewusst und konnte da auch nichts Schlimmes dran finden.
    Wie soll man einem 5-jährigen erklären, dass er keinen Nagellack darf aber seine 3-jährige Schwester?

    Eines Tages kam er nach hause und sagte, die anderen Kinder hätten über ihn gelacht weil er ein pinkes Shirt trug.
    Das Shirt möchte er nun nicht mehr anziehen – Nagellack trägt er immer noch ab und zu gern ;o)

  6. 6 Vincent 08. Juli 2013 um 15:08 Uhr

    Vor diesem Problem stehen wohl in ähnlicher Form alle Eltern kleiner Jungs: Normierung oder dem potentiellen Spott der Normierten aussetzen.
    Btw: was wäre schlimm daran für ein Mädchen gehalten zu werden? Wäre das weniger Wert? Jedenfalls seint es für Mädchen weniger dramatisch für einen Jungen gehalten zu werden.

    Mir fällt gerade noch die Aussage einer Kindergärtnerin ein:
    Wir basteln nicht mit Glitzerkram, sonst können/wollen/dürfen die Jungs nicht mitmachen…

  7. 7 watcherx 12. Juli 2013 um 0:37 Uhr

    Schwer Respekt vor dem gesamten Thread inkl. Kommentaren hier.

    @vincents Beobachtung, dass es für Mädchen weniger dramatisch ist, für Jungen gehalten zu werden, kann ich mich leider nur aus lebenslanger eigener Erfahrung seit meiner Pubertät anschliessen, exemplarisch ein Erlebnis in 1988 als ich 19 war: da wurde ich beim Vorführen meines ollen Autos beim TÜV als Junge angesprochen und war sehr stolz rauf, mal nicht für ein Mädchen gehalten zu werden.

    Heute merke ich ne reflex-artige Abwehr gegen die als solche proklamierte „Mädchenfarbe“ Pink bei mir, die mir als Mensch gar nicht gut tut, weil mir diese Einengung einfach das Spektrum beschneidet. Jeder Mensch hat das Anrecht auf den KOMPLETTEN Regenbogen.

    Insofern, macht BITTE alle weiter damit, Pink und Glitzer auch für Jungs zuzulassen!

    Erst wenn alle Menschen ALLE Farben tragen dürfen ohne dafür angemacht zu werden, ist Gleichberechtigung möglich.

    Mir tut es gut, hier mitzulesen.

  8. 8 moody2366 22. August 2013 um 13:15 Uhr

    Dafür kriegste n‘ Bienchen. Ich stelle ja gerade fest, dass ich nun beim zweiten (voraussichtlich männlichen) Kind doch bei blau-weiß-grün-grau gelandet bin und viel von meiner Tochter weggeben habe. Und dass es n komischer Gedanke war, T. dann in P.s pinken Kindersitz zu transportieren. Beim Suchen nach Ersatzbezügen (in blau-grau-grün) hab ich mir dann mal ordentlich auf die Finger geklopft.

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