Fast 4

Ich komme nicht mit, ich komme einfach nicht mit.
I. erzählt die lustigsten Geschichten, erfindet die kreativsten Schimpfwörter (und ahmt die unkreativsten nach), stellt die interessantesten und tiefgründigsten Fragen, findet die ausgefuchstesten Argumente, spielt die süßesten Theater- und Tanzstücke vor und ich komme einfach nicht mit.
Ich würde am liebsten alles notieren, aufnehmen. Ähem, und belauschen, wenn er mit seinen Freunden zusammen ist und mitten in der niedlichsten Verhandlung die Tür schließt.
Als es noch darum ging, neue Wörter zu lernen, war das Mitschreiben viel einfacher.

Heute rief er seiner Freundin hinterher: „Du gestorbene Kastanie, du blöde!“, als er sauer war. Wie kommt er darauf?
Standardspruch, wenn er etwas haben/ machen will, was er nicht darf: „Bitte,bitte, dann bin ich auch dein allerallerbester Freund!“
Und wenn er trotzdem nicht darf: „Ich bin nie mehr dein allerbester Freund!“
Er wünscht sich einen Pippi Langstrumpf-Piraten-Feen-Geburtstag mit viel Glitzer. Er will sehr viele Freunde einladen und ich sage, dass es leider nicht geht, weil unsere Wohnung zu klein ist. Sein Vorschlag: „Wir können umziehen!“ – in einem Tonfall, als würde ich mal wieder nicht auf das Naheliegendste kommen.
Er hat ein Fernrohr erfunden gebastelt, mit dem er bis zu seinen Urgroßeltern in Leverkusen schauen kann.
Wir spielen Polly Pocket und er überlegt sich: „Das sind zwei Mädchens. Sie heißen Lilly und Jojo. Sie sind Sternfeen.“
Wir reden viel über Gott und darüber, wo er ist und wie er aussieht. I. stellt so viele Fragen, ich versuche sie zu beantworten. Oft sage ich, dass ich das und das glaube, aber auch nicht weiß warum und wo und wie genau.
Er hat die Oma damit beeindruckt, dass er, als sie „König der Löwen“ gelesen haben, erzählt hat, dass Gott im Himmel ist, aber auch überall und dass die, die sterben, zu Gott in den Himmel kommen.
Er betet: „Lieber Gott, danke, dass es keinen Räuber Hotzenplotz gibt. Amen.“ (Als großer Hotzenplotz-Fan, der die Bücher, das Hörspiel,den Film und das Theaterstück verschlungen hat) Und: „Lieber Gott, danke, dass es Barbies gibt. Und dass ich Bücher habe. Amen.“
Babys sind ein großes Thema, I. liebt Babys, ist sehr süß zu ihnen. Und ihn interessiert, woher sie kommen. Das erste Aufklärungsbuch haben wir gelesen und besprochen.
I. tanzt so gerne und wünscht sich ein Tattoo-Kleid (ein Tütü). Und eine Geige.
Er singt und singt und ruft alle zusammen, um ein Theaterstück zu sehen.
Müllwagen und Bagger faszinieren ihn nicht mehr wie früher. Er findet jetzt alles spannend, was nach Abenteuer und Zauber riecht:
Feen, Piraten,Drachen, Prinzessinnen, Ritter, Riesen, Zwerge, Räuber. Pippi Langstrumpf.
Wenn er sich sehr freut, sagt er: „Noch nie in meinem Leben (hatte ich xy/ ist xy passiert)!“ Oder: „Das ist die längste Pommes der Welt“, „Das ist der schönste Tag in meinem Leben!“
Buchstaben findet er spannend und fragt oft, ob wir ihm schreiben helfen könnten. Er kann schon seinen Namen schreiben, mehrere Buchstaben…
Er fängt an, Sachen zu entziffern und scheint zu ahnen, was für eine Welt sich ihm da auftut.
Er vermisst seine beste Freundin, wenn er sie zu lange nicht sieht. Es ist so eine Freude, ihnen beim Spielen zuzusehen. Wie sie Rollen verhandeln, in die Rollen schlüpfen, sich gegen die Erwachsenen verbünden…: „Wir wollen uns aber nicht anziehen. ODER?“ (Verschwörerischer Blick zur Freundin.) „Die Mamas sind blöd, ODER?“ Hmpf.
Als seine beste Freundin bei ihm übernachtet hat, hörten wir die beiden flüstern: „Komm, wir gehen jetzt zu meinen Eltern und sagen, wir können nicht schlafen und wollen noch was essen, oder?“ Sie kamen Hand in Hand und verschwörerisch strahlend in unser Zimmer getapst. Und nachdem wir sie zurückgeschickt haben: „Komm, wir gehen nochmal ins große Zimmer und sagen, dass wir altes Brot essen wollen.“ (!?)
I. bestellt im Restaurant und Cafe selber, er weiß genau, was er will: „Bitte Pommes mit Majo und Ketchup und eine Apfelschorle ohne Sprudel!“
Als unsere Straße abgesperrt war, ist er zu den Polizisten gegangen und hat sie gefragt, was denn passiert sei.
So oft bin ich erfüllt mit Stolz und Dankbarkeit.
Und manchmal muss ich angesichts so mancher seiner Aussagen schlucken.
Zum Beispiel neulich meinte ich: „Deine Musiklehrerin J. ist so nett, ne?“ Und er: „Ja! Ich wünschte, sie wäre meine Mama und du wärst meine Musiklehrerin.“ Ich: Schluck. „Aber ich würde dich sehr vermissen!“ Er: „Du könntest ja auf mich aufpassen.“ Ich nahm es nicht persönlich.Trotzdem.
Und neulich holte ich ihn vom Kindergarten ab und die Erzieherin erzählte, sie hätte I. beim Essen ermahnt und später hätte er zu seinem Freund gesagt: „Wenn ich mal ein Schießgewehr habe, schieße ich die Erzieherin tot.“ Da war ich ääääh… platt und wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Ich habe mir das Gefühl gut gemerkt, für später im Beruf, wenn ich Eltern oft solche Berichte erstatten werde müssen. Ich will nicht vergessen, wie man sich da als Elternteil fühlt.
Ja, nicht nur Theater und Tütüs, auch Schießgewehre, Pistolen, Schwerter und Kämpfe sind zur Zeit beliebte Themen und Spiele. Das finde ich vollkommen ok, aber ich habe versucht, ihm zu erklären,warum man nicht sagt und spielt, dass man jemanden totschießt.
Ich staune jeden Tag, wie groß mein Kleiner ist.
Es ist oft anstrengend, wie viel er diskutiert und argumentiert, aber ich finde es trotzdem gut. Die Regel „Nein heißt nein“ gilt bei mir für mich (um konsequent zu bleiben), nicht aber für ihn.Es ist meine Aufgabe,bei meinem Nein zu bleiben, wenn es mir wichtig ist, aber es ist nicht seine Aufgabe, mein „Nein“ widerspruchlos zu akzeptieren. Ich finde gut, wenn er nach Argumenten sucht, um mich zu überzeugen, auch wenn es oft nervt. (Und hin und wieder kommt auch ein „Okeeey.“ oder „Na gut“ oder „Menno“ ohne argumentieren.)
Manchmal überzeugt er mich tatsächlich, z.B. mit: „In Kakao ist auch Wasser und Wasser ist gesund“.
Mit dem „allerbesten Freund“ überzeugt er mich natürlich nicht, aber ich höre es insgeheim gerne, es ist so süß, wie er dabei ausdrucksstark die Augen aufreißt. Oder: „Meine Hose/ meine Füße… wollen einfach nicht!“ (Achselzucken, hochgezogene Augenbrauen) Auch beliebtes Argument, sehr leidend vorgetragen, sogar mit geschlossenen Augen und schwacher Stimme: „Aber ich brauche frische Luft!“
Fast 4 Jahre ist ein tolles Alter.


3 Antworten auf „Fast 4“


  1. 1 momatka 07. Oktober 2013 um 9:23 Uhr

    Toll! Der kleine I. ist so ein wunderbarer kleiner Mensch. Ich lese sehr gerne über ihn und euch, weil ich mich dann immer freue, auf das was da alles auf uns zu kommen mag. Schön!!

  2. 2 Administrator 07. Oktober 2013 um 9:29 Uhr

    Vielen Dank!!! Was für ein wunderbarer Kommentar. Das bedeutet mir viel.

  3. 3 Yassi 17. Oktober 2013 um 8:53 Uhr

    Süß! Es ist echt schön zu lesen, was I. schon alles kann.
    P.S.: „Gestorbene Kastanie“ werde ich mir mal merken. ;-)

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