Über die Onlinepetition

Vor einigen Tagen las ich in den Nachrichten über die Onlinepetition „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ des Lehrers Gabriel Stängle (https://www.openpetition.de/petition/online/zukunft-verantwortung-lernen-kein-bildungsplan-2015-unter-der-ideologie-des-regenbogens). Es geht um Protest gegen die geplante Bildungsreform in Baden-Würtemberg, die die Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt im Lehrplan verankern soll. Ich war ich entsetzt über die rege Zustimmung (am 11.11. 89.197 Unterstützer) und über die Flut an homophoben Kommentaren unter der Petition.
Ich hätte dieses Ausmaß an Homophobie und eine so häufige Verharmlosung der Petition nicht erwartet.
Bei Facebook wurde geschrieben, die Petition sei einfach „freie Meinungsäußerung“ und das wurde auch von den Betreibern von „openpetition.de“ gesagt. Die Petition wurde immer noch nicht entfernt.

Mir standen beim Lesen dieser „freien Meinungsäußerung die Haare zu Berge. Da gibt es nichts zu verharmlosen.
– Die Verfasser nennen ‚die Akzeptanz sexueller Vielfalt‘ eine ‚pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung‘. Sie meinen, die Leitprinzipien ’schießen über das Leitziel „Verhinderung von Diskriminierung“ hinaus‘. Aha. Sexuelle Vielfalt soll also nicht diskriminiert, aber auch nicht akzeptiert werden.
– Sie fordern ‚ein „Nein“ zur Überbetonung einzelner Gruppen und ihrer Interessen‘. Wie kann von einer Überbetonung die Rede sein?
– Sie fordern ‚ein uneingeschränktes „Ja“ zum Wissenschaftsprinzip in Schule, Unterricht und Lehrerbildung und lehnen ideologische Kampfbegriffe und Theoriekonstrukte ab.‘ Wissenschaftsprinzip?!?
So viel zum „Wissenschaftsbegriff“ weiter unten in der Petition: ‚In „Verankerung der Leitprinzipien“ fehlt komplett die ethische Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils, wie die höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, die auffällig hohe HIV-Infektionsrate bei homosexuellen Männern, wie sie jüngst das Robert-Koch-Institut (5) veröffentlichte, die deutlich geringere Lebenserwartung homo- und bisexueller Männer, das ausgeprägte Risiko psychischer Erkrankungen bei homosexuell lebenden Frauen und Männern.‘
Zunächst einmal: Was ist ‚EIN LSBTTIQ-Lebensstil‘?? Wie aufschlussreich, dass alle Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle einen einheitlichen Lebensstil haben. Besonders der Lebensstil eines intersexuellen Neugeborenen würde mich mal interessieren.
Was dann folgt ist Missbrauch wissenschaftlicher Daten und Manipulation der übelsten Sorte.
Der Petitionsverfasser ist studierter Lehrer. Er muss im Studium gelernt haben, Ergebnisse wissenschaftlicher Studien kritisch zu hinterfragen – nach Ursache, Wirkung, externen Variablen, Reliabilität und Validität. Man muss dafür kein Ass in Forschungsmethoden sein. Also gehe ich davon aus, dass er damit bewusst manipulieren will. Und zwar Menschen, die nicht gelernt haben, Studien zu hinterfragen und denen Angst einflößende Krankheiten und die Erwähnung des Robert-Koch-Instituts als Argumente reichen.
Dass die Ursache einer höheren Suizidgefährdung nicht die Homosexualität ist, sondern die Folgen von Diskriminierung aufgrund der Homosexualität – geschenkt! Eine Quellenangabe fehlt sowieso.
Für die unfassbar dreiste Aussage, homo- und bisexuelle Männer würden eine geringere Lebenserwartung haben, gibt es natürlich auch keinen wissenschaftlichen Beleg. Die einzige Quellenangabe ist die Studie des Robert-Koch-Institut.
Ich finde diese Art der Manipulation tragisch. Nichts schürt mehr Angst, als Suizidgefährdung (2 mal erwähnt). Da unterschreibt man unter Umständen lieber die Petition.
Das alles impliziert, dass LGBT einen promiskuititiven und drogenabhängigen ‚Lebensstil‘ pflegen und eh nicht lange leben.
Und diese Petition soll nicht zutiefst homophob sein!?!

Bei Facebook (oder auch z.B. in der FDP) schrieben viele, dass sie Respekt für Schwule und Lesben hätten, aber dass sie Regenbogenfamilien nicht als gleichwertig anerkennen könnten und deshalb keine gleichgeschlechtlichen Paare mit Kindern in den Schulbüchern sehen wollten. Denn die Kinder sollten die heterosexuelle Familie weiterhin als Norm kennenlernen.
Dieser Einstellung liegt unter anderem die weit verbreitete Prämisse zugrunde, dass ein Kind Mutter und Vater braucht, weil sie unterschiedliche Rollen und Funktionen erfüllen.
Ich bin mir sicher, dass Mütter und Väter Kindern gleichermaßen die Welt zeigen und Geborgenheit bieten können.
2 Väter können alles außer Stillen. Stillen ist gesund, aber es geht auch ohne!
2 Mütter können alles inklusive Stillen. Trösten und Toben. Das können sich erschreckend viele aber nicht vorstellen.
Dann habe ich oft das Argument gehört, die Natur/ Gott habe es so eingerichtet, dass nur Mann und Frau Kinder zeugen können. Na, da muss man aber auch gegen die Empfängnisverhütung sein, wenn der Sinn der heterosexuellen Partnerschaft die Fortpflanzung ist.
Der Grundton in vielen Kommentaren, die ich gelesen habe, war: Nichts gegen Homosexuelle, Diskriminierung ist falsch, aber müssen damit schon Grundschüler in Berührung kommen!?
Meiner Meinung ist genau das Diskriminierung. Wenn man nicht will, dass etwas als genauso normal angesehen wird und dem Nachwuchs vermittelt wird.
Bei solchen Äußerungen scheinen Homosexuelle immer irgendwie „die Anderen“ zu sein. Eine Minderheit und nicht eine gleichwertige Version der Sexualität und Liebe.
Ihr 89.507 Unterstützer der Petition, was ist mit euren Kindern??? Sind die etwa alle heterosexuell? Ist die Möglichkeit ausgeschlossen, dass sie homosexuell bi oder auch transsexuell sind? Bzw es sich ab der Pubertät zeigt?
Mir ist nicht nur wichtig, dass mein Sohn von Anfang an weiß, dass gleichgeschlechtliche Liebe normal ist, weil ich ihm Toleranz vermitteln will, sondern vor allem weil:
…er sich normal, gut und richtig fühlen soll, falls er schwul ist! (und das wird sich in der Pubertät zeigen.)
Das kann doch genau so gut sein, wie heterosexuell oder bi. Er soll sich in jedem Fall richtig fühlen, wie er ist. Es kann auch sein, dass er irgendwann feststellt, dass er transsexuell ist (Zu dem Thema kann ich übrigens den grandiosen Film ‚Lawrence anyways‘ wärmstens empfehlen). Es ist alles ok.
Im übrigen haben Eltern eh keinen Einfluss, auf die sexuelle Orientierung und Identität ihres Kindes, ob sie wollen oder nicht.
Warum wird die Debatte eigentlich nicht mal aus dieser Perspektive geführt??
Das Wichtigste bei der Bildungsreform ist doch, dass sich die „Betroffenen“ wohl fühlen.
Zugespitzt gesagt: Sexuelle Vielfalt soll nicht im Lehrplan verankert werden, damit unsere heterosexuellen Kinder Toleranz lernen.
Sondern damit unsere homosexuellen, heterosexuellen, transsexuellen, intersexuellen Kinder sich wohl fühlen, wie sie sind. Dafür ist wichtig, dass die Schulbücher, die Medien, die Bilderbücher u.s.w. nicht mehr heteronormativ sind. Das ist noch ein weiter Weg.
Ein Weg in die Richtung, dass Hitzlpergers Coming-Out kein Tabubruch mehr ist, sondern dass es selbstverständlich ist, dass Fußballer natürlich genauso homo-wie heterosexuell sein können.
Die geplante Bildungsreform in Baden-Würtemberg ist ein wichtiger Schritt!
Ich würde mir sehr wünschen, dass ich mal als Lehrerin auf Richtlinien verweisen kann, wenn ich meinen Werten entsprechend unterrichte und Eltern ein Problem damit haben.
Ich möchte einen Beitrag leisten, damit Kinder und Jugendliche sich in ihrer Andersartigkeit wohlfühlen, wie sie sind. In ein paar Jahren als Sonderpädagogin/ Lehrerin und ich würde auch gerne Kindertheater machen, das Normen und Rollenklischees auf den Kopf stellt. Sowohl bewusst thematisierend als auch nebenher. Dann hat die Protagonistin halt zwei Mamas, aber es ist nicht das Thema des Theaterstücks.
Passende Bilderbücher zur Bühnenadaption gibt es leider noch nicht besonders viele…
Aber einige sehr schöne gibt es bereits, dazu wird es sicher noch einen Post geben. Und ich habe selber einige Bilderbuchideen.

Im übrigen sind kleine Kinder noch viel flexibler und offener als Erwachsene.
Kennt ihr dieses schöne Video?
http://www.youtube.com/watch?v=8TJxnYgP6D8


2 Antworten auf „Über die Onlinepetition“


  1. 1 jr 12. Januar 2014 um 22:05 Uhr

    ich hatte ganz ähnliche Gedanken in den letzten Tagen beim Verfolgen dieser teilweise mit völlig verdrehten, unbelegten und auch vielen unüberlegten Argumenten geführten Debatte – es tat gerade gut, Ihren Kommentar zu lesen.

    Die Gegenfragen an die zeichnende Eltern und rechthaberische und emotional aufgeladene Kommentatorinnen und Kommentatoren teile ich mit Ihnen.

    Grüße aus Berlin

  1. 1 ‘Jede Form der Ideologisierung’: Links zur homophoben Onlinepetition. | fuckermothers Pingback am 12. Januar 2014 um 22:18 Uhr

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