Archiv für August 2015

Jungsmama!?

Ich bin eine Jungsmama. Denn ich habe zwei Jungen. I. hat vor 2 Monaten einen kleinen Bruder bekommen!
Soweit so logisch. Soweit so gut.
Aber ich mag diesen Begriff nicht: „Jungsmama“. Und den Begriff „Mädchenmama“ mag ich genauso wenig. Denn sie stehen normalerweise für mehr, als dass man zwei Kinder desselben Geschlechts hat.
#jungsmama
#mädchenmama
„Ich bin eine Jungsmama“ – heißt das, ich kenne mich mit Star Wars, Dinos und Baggern aus? Ist es bei uns zuhause lauter, wilder, rabiater, dreckiger?
„Sie ist eine Mädchenmama“ – also ist sie Expertin für Feen, Glitzer und Nagellack, fürs Basteln, Malen und Zickereien?
Ist es wirklich so einfach?
Jungen können so unterschiedlich sein – die einen wilder und die einen zarter. Und dann hat auch noch jeder Junge wilde und zarte Seiten.
Und jetzt lies nochmal diese Zeile und setze „Mädchen“ für „Junge“ ein.

Als ich schwanger mit dem zweiten Jungen war, meinte ein befreundeter Vater: „Oha, zwei Jungs! Da wird es hoch hergehen bei euch!“ Lustig finde ich, dass dieser Vater 3 äußerst energiegeladene Töchter hat.
Ein anderer Vater meinte: „Zwei Jungs! Eine Fußballmannschaft!“ Gerade war Frauen-WM.
Eine Bekannte fand (als es noch nicht klar war, ob es ein Mädchen oder Junge ist): „Wenn es ein Mädchen wird, wird I. ein richtiger großer Bruder, der sein Schwesterchen beschützt, schööön! Und wenn es ein Junge wird, dann kriegt er einen Spielkameraden, das ist auch sehr schön!“
Muss man ein Schwesterchen mehr beschützen als ein Brüderchen?
Und kann ein Junge mit einem anderen Jungen besser spielen? (Diese Vorstellung vom Spielkameraden ist sehr weit verbreitet.)

Wenn man noch einen Jungen oder noch ein Mädchen bekommt, wird man besonders stark mit den herrschenden Geschlechterrollen konfrontiert.
Damit, was es heißt, in unserer Gesellschaft, ein Junge oder ein Mädchen zu sein.
2kindchaos hat sehr beeindruckend darüber gebloggt, wie es war, als sie mit dem zweiten Mädchen schwanger war: „Ach, Sie bekommen noch ein Mädchen? Mein Beileid.“
(http://www.2kindchaos.com/blog/entry/gesellschaft/2015/06/15/ach-sie-bekommen-noch-ein-maedchen-mein-beileid)

Wir haben alle unsere Vorstellungen und Bilder im Kopf. Ich auch. Das ist ok. Aber ich finde es wichtig, sie zu reflektieren. Zum Beispiel stelle ich mir vor, wie ich mit meiner Tochter im Teenageralter shoppen gehen würde und dann würden wir uns mit unseren Einkäufen in ein Cafe setzen und ganz lange von Frau zu Frau reden.
Das ist eine schöne Vorstellung. Aber wer weiß, ob meine fiktive Tochter nicht lieber mit ihren Freundinnen shoppen gehen würde?
Ebenso wie I. oder M. mal Spaß daran haben könnten, mit mir in die Stadt und ins Cafe zu gehen. Oder auch nicht.
Ja, ich würde so gern all die süßen Kleidchen und Spängchen kaufen. Das könnte ich die ersten 2, 3 Jahre exzessiv machen, wenn ich eine Tochter hätte. Aber dann würde sie sowieso ihren eigenen Geschmack entwickeln und vielleicht keine Kleidchen und Spängchen mögen.
Ein Bekannter, der zwei Mädchen hat, stellt sich oft vor, wie es wäre, noch einen Jungen zu haben, mit dem er seine Leidenschaft für Fußball teilen könnte. Aber ich weiß nicht, ob er schon probiert hat, seine Töchter für Fußball zu begeistern. Ich glaube, nicht. Vielleicht würden sie es mögen, vielleicht auch nicht. Vielleicht würde nur eine Tochter Feuer fangen. Bei einem Jungen wüsste er es auch nicht.
Wenn man feste Vorstellungen hat, die man nicht hinterfragt, kann man leicht enttäuscht werden.
Es kann ja außerdem sein, dass aus einem Sohn irgendwann eine Tochter wird oder andersherum – wenn ein Mensch transsexuell ist. Die Persönlichkeit, das Wesen, bleibt aber bestehen. Ein Mann kann zu einer Frau werden, eine Geschlechtsumwandlung machen lassen, sich umbenennen – und bleibt doch derselbe Mensch.
(Ich empfehle den wunderbaren Film „Laurence anyways“ von Xavier Dolan.)

Kinder sind in erster Linie einzigartige Persönlichkeiten.
Naomi Aldort leitet ihr Buch „Von der Erziehung zur Einfühlung“ mit folgendem Zitat ein:

„Nichts, was aus dir wird, kann mich enttäuschen. Ich habe keine vorgefasste Meinung, was du sein oder tun sollst. Ich habe keinerlei Wunsch, dich vorherzusehen, nur den, dich zu entdecken. Du kannst mich nicht enttäuschen.“
– Mary Haskell

Lassen wir uns überraschen von unseren Mädchen und Jungen, von unseren Kindern.

Vielen, vielen Dank, Mama!

Ich lese gerade Alfie Kohns „Liebe und Eigenständigkeit“ und Naomi Aldorts „Von der Erziehung zur Einfühlung“.
Das heißt, ich habe den Kohn fast fertig gelesen, Aldorts Buch gekauft, reingelesen (es hat mich direkt begeistert!), dann aber beiseite gelegt, um Kohn fertig zu lesen.
(Ich nehme mir immer wieder vor – ich glaube, seit ich lesen kann – erst ein anderes Buch anzufangen, wenn ich das eine ausgelesen habe, aber na ja… )
Wenn ich beide dann gelesen habe, werde ich berichten.
Aber von einer Sache, die mich beeindruckt hat, möchte ich schonmal erzählen.
Ich habe mich beim Lesen sehr in meinem „Erziehungsstil“ und in meiner Intuition bestätigt gefühlt. Beispielsweise habe ich schon oft zu hören bekommen, dass ich zu viel mit I. diskutiere. Ich fühle mich aber nicht wohl mit „Weil ich es sage“ und „Weil ich deine Mutter bin“. Wenn ich Kohn und Aldort lese, werde ich direkt gelassener und entspannter I. gegenüber, weil ich das Gefühl habe, dass ich es richtig mache. Ich fühle mich dabei ermutigt, auf meine Art mit I. umzugehen, aber auch weiter zu gehen als bisher und einige Gewohnheiten zu überdenken.
Zum Beispiel das Danke und Bitte sagen.
Ich erinnere mich, dass ich als Kind sehr dazu gedrängt wurde und dass das sehr unangenehm war.
Und dennoch ist es leider so, dass auch ich I. (wird im Oktober 6) damit in den Ohren liege. Ich flöte zwar nicht für alle hörbar: Wieeee sagt man!?, ich schimpfe nicht, ich zwinge ihn nicht, aber dennoch: Ich flüstere (in einem netten, nicht mahnenden Tonfall, aber -ja- dennoch): „Hast du Danke gesagt?“ oder „Sag mal Danke!“, wenn I. eine Wurst beim Metzger kriegt/ Gummibärchen in der Apotheke/ ein Geschenk von den Großeltern.
Ich bin immer wieder genervt, weil er ohne Erinnerung meinerseits einfach nicht „Danke“ sagt.
Ich finde, dass das Bedanken keine leere Höflichkeitsfloskel ist, sondern für eine Geste, mir der man ausdrückt, dass man die Bemühungen des Gegenübers wertschätzt. Das habe ich I. schon mehrmals erklärt und trotzdem denkt er zu selten daran.
Mir scheint, besonders selten, wenn ich ihm etwas schenke. Auch wenn er sich offensichtlich freut. Auch in dem Fall sage ich (und komme mir dabei blöd vor, aber mache es trotzdem): „Und was kann man sagen?“
Auch „sag mal Entschuldigung“ oder „du musst dich jetzt entschuldigen“ höre ich mich viel zu oft sagen. Auch wenn ich schon lange denke, dass es nicht richtig ist, zum Entschuldigen zu drängen.
Vom Zauberwort habe ich auch schon oft gefaselt, auch wenn I. schon als Dreijähriger feststellte: „Bitte ist kein Zauberwort. Ein Wort, das eine Kerze in einen Wal verwandeln würde, das wäre ein Zauberwort.“

Kohn hat mich dazu gebracht, diese ganze Bitte-Danke-Tschuldigung-Sache zu reflektieren und zu hinterfragen. Ich beschloss, komplett darauf zu verzichten, diese Wörter einzufordern. Im Nachhinein die Situation besprechen – ja, je nachdem. Aber nicht mehr dieses: „Was könnte man sagen…?“ nachdem er ein Geschenk ausgepackt hat.

Nun brachte ich I. letztes Wochenende zwei Barbies von den Hofflohmärkten (coole Sache!) mit. Einen Ken, der sowohl wie ein Prinz, als auch wie ein Superman aussieht und eine Fee. I. hat sich Barbies sehr gewünscht und hat sich irre gefreut. Das war nicht zu übersehen. Bedankt hat er sich trotzdem nicht, aber ich hielt mich zurück und sagte nichts.
Abends vorm Einschlafen dann: „Vielen, vielen Dank für die Barbies, Mama!“
Das sagte er so andächtig, so zärtlich, so leidenschaftlich,
Noch nie hatte er sich SO aufrichtig und herzlich für etwas bedankt.
Und am nächsten Morgen, er wachte auf und – bedankte sich nochmal!
„Mama, vielen, vielen Dank, dass Du mir die Barbies mitgebracht hast. Ich habe mich sooo gefreut!“

Sein Dank kam vom Herzen.
Es war wie ein Geschenk für mich.
Ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg bin und ich spürte, wie sinnlos es ist, auf das Aussprechen der „Zauberwörter“ zu bestehen. Man kann darüber sprechen, dass Menschen sich darüber freuen und sich wertgeschätzt fühlen, wenn man sich bei ihnen bedankt, ja. Aber man muss nicht drängen.
Letztlich glaube ich, dass I. oft so überwältigt ist, wenn er sich freut – so sehr mit Freuen beschäftigt ist – dass er in dem Moment einfach nicht daran denkt, sich zu bedanken. Bei mir kann er es auch später machen, so wie er sich für die Barbies bedankt hat. Bei Fremden, die er eher nicht wiedersehen wird, ist das schwieriger. Aber das ist nicht schlimm.