Jungsmama!?

Ich bin eine Jungsmama. Denn ich habe zwei Jungen. I. hat vor 2 Monaten einen kleinen Bruder bekommen!
Soweit so logisch. Soweit so gut.
Aber ich mag diesen Begriff nicht: „Jungsmama“. Und den Begriff „Mädchenmama“ mag ich genauso wenig. Denn sie stehen normalerweise für mehr, als dass man zwei Kinder desselben Geschlechts hat.
#jungsmama
#mädchenmama
„Ich bin eine Jungsmama“ – heißt das, ich kenne mich mit Star Wars, Dinos und Baggern aus? Ist es bei uns zuhause lauter, wilder, rabiater, dreckiger?
„Sie ist eine Mädchenmama“ – also ist sie Expertin für Feen, Glitzer und Nagellack, fürs Basteln, Malen und Zickereien?
Ist es wirklich so einfach?
Jungen können so unterschiedlich sein – die einen wilder und die einen zarter. Und dann hat auch noch jeder Junge wilde und zarte Seiten.
Und jetzt lies nochmal diese Zeile und setze „Mädchen“ für „Junge“ ein.

Als ich schwanger mit dem zweiten Jungen war, meinte ein befreundeter Vater: „Oha, zwei Jungs! Da wird es hoch hergehen bei euch!“ Lustig finde ich, dass dieser Vater 3 äußerst energiegeladene Töchter hat.
Ein anderer Vater meinte: „Zwei Jungs! Eine Fußballmannschaft!“ Gerade war Frauen-WM.
Eine Bekannte fand (als es noch nicht klar war, ob es ein Mädchen oder Junge ist): „Wenn es ein Mädchen wird, wird I. ein richtiger großer Bruder, der sein Schwesterchen beschützt, schööön! Und wenn es ein Junge wird, dann kriegt er einen Spielkameraden, das ist auch sehr schön!“
Muss man ein Schwesterchen mehr beschützen als ein Brüderchen?
Und kann ein Junge mit einem anderen Jungen besser spielen? (Diese Vorstellung vom Spielkameraden ist sehr weit verbreitet.)

Wenn man noch einen Jungen oder noch ein Mädchen bekommt, wird man besonders stark mit den herrschenden Geschlechterrollen konfrontiert.
Damit, was es heißt, in unserer Gesellschaft, ein Junge oder ein Mädchen zu sein.
2kindchaos hat sehr beeindruckend darüber gebloggt, wie es war, als sie mit dem zweiten Mädchen schwanger war: „Ach, Sie bekommen noch ein Mädchen? Mein Beileid.“
(http://www.2kindchaos.com/blog/entry/gesellschaft/2015/06/15/ach-sie-bekommen-noch-ein-maedchen-mein-beileid)

Wir haben alle unsere Vorstellungen und Bilder im Kopf. Ich auch. Das ist ok. Aber ich finde es wichtig, sie zu reflektieren. Zum Beispiel stelle ich mir vor, wie ich mit meiner Tochter im Teenageralter shoppen gehen würde und dann würden wir uns mit unseren Einkäufen in ein Cafe setzen und ganz lange von Frau zu Frau reden.
Das ist eine schöne Vorstellung. Aber wer weiß, ob meine fiktive Tochter nicht lieber mit ihren Freundinnen shoppen gehen würde?
Ebenso wie I. oder M. mal Spaß daran haben könnten, mit mir in die Stadt und ins Cafe zu gehen. Oder auch nicht.
Ja, ich würde so gern all die süßen Kleidchen und Spängchen kaufen. Das könnte ich die ersten 2, 3 Jahre exzessiv machen, wenn ich eine Tochter hätte. Aber dann würde sie sowieso ihren eigenen Geschmack entwickeln und vielleicht keine Kleidchen und Spängchen mögen.
Ein Bekannter, der zwei Mädchen hat, stellt sich oft vor, wie es wäre, noch einen Jungen zu haben, mit dem er seine Leidenschaft für Fußball teilen könnte. Aber ich weiß nicht, ob er schon probiert hat, seine Töchter für Fußball zu begeistern. Ich glaube, nicht. Vielleicht würden sie es mögen, vielleicht auch nicht. Vielleicht würde nur eine Tochter Feuer fangen. Bei einem Jungen wüsste er es auch nicht.
Wenn man feste Vorstellungen hat, die man nicht hinterfragt, kann man leicht enttäuscht werden.
Es kann ja außerdem sein, dass aus einem Sohn irgendwann eine Tochter wird oder andersherum – wenn ein Mensch transsexuell ist. Die Persönlichkeit, das Wesen, bleibt aber bestehen. Ein Mann kann zu einer Frau werden, eine Geschlechtsumwandlung machen lassen, sich umbenennen – und bleibt doch derselbe Mensch.
(Ich empfehle den wunderbaren Film „Laurence anyways“ von Xavier Dolan.)

Kinder sind in erster Linie einzigartige Persönlichkeiten.
Naomi Aldort leitet ihr Buch „Von der Erziehung zur Einfühlung“ mit folgendem Zitat ein:

„Nichts, was aus dir wird, kann mich enttäuschen. Ich habe keine vorgefasste Meinung, was du sein oder tun sollst. Ich habe keinerlei Wunsch, dich vorherzusehen, nur den, dich zu entdecken. Du kannst mich nicht enttäuschen.“
– Mary Haskell

Lassen wir uns überraschen von unseren Mädchen und Jungen, von unseren Kindern.


2 Antworten auf „Jungsmama!?“


  1. 1 halitha 06. Oktober 2015 um 11:02 Uhr

    Wie schön du das geschrieben hast!

    Ich habe die Verlinkung auf Facebook leider jetzt erst entdeckt, aber lieber spät als nie ;)

    Diese Geschlechterstereotype gehen mir auch gehörig auf den Kranz. Lassen wir uns überraschen wie unser Kind wird. Es darf schließlich genau so sein, wie es möchte

  2. 2 Administrator 15. Oktober 2015 um 22:35 Uhr

    Vielen Dank! Das freut mich sehr. Ja, genau…. das hast Du auch schön geschrieben: „Es darf schließlich genauso sein, wie es möchte.“

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