Archiv für September 2015

Frozen für alle! Über unsere Eiskönigin-Liebe und Merchandising

Viele Eltern gruselt es vor Merchandise-Produkten und sie versuchen, Kinderklamotten und -Sachen mit HeldInnen aus Filmen und Serien zu umgehen.
Mir geht es da anders, ich habe schon immer besonders gerne Fan-Artikel verschenkt, denn ich finde: Wenn jemand Fan von etwas ist, dann drückt er/ sie damit einen Teil seiner Persönlichkeit aus. Wenn jemand leidenschaftlich gern eine Band, eine Serie, die Heldin eines Films, eine Sängerin, einen Roman, eine Farbe, einen Stil… mag, dann steckt ein Teil seiner Seele darin… oder wird darin gespiegelt. Wenn ich einen Fan-Artikel verschenke, zeige ich damit dem Menschen, dass ich seine Interessen und Leidenschaften sehe und anerkenne und weiß, dass sie zu ihm gehören. Ich ermutige ihn, sich auszudrücken und seiner Umgebung den Stempel von dem, aufzudrücken, was ihm wichtig ist.
Insofern schenke ich Fan-Artikel besonders gerne Teenagern (z.B. Band-Shirt oder Poster), aber auch Erwachsenen (z.B. Tasse der Lieblingsserie) und Kindern.
Die Heldinnen und Helden unserer Kinder sagen so viel aus über ihre Träume und ihre oft (noch) versteckten Seiten. Deswegen würde ich sie nie als Konsummist abtun, sondern nachfragen und zuhören. Es kommen interessante Antworten.
Wenn ich I. frage, was er an Star Wars so toll findet, höre ich: „Die Raumschiffe! Die Kämpfe! Die Lichtschwerter! Und dass ich den Film noch nicht gucken darf. Ich finde ihn soooo spannend, weil ich so gespannt bin!“
Ich könnte mich darüber mokieren, dass er und etliche Kindergartenkinder Fan eines Films sind, den sie noch nie geguckt haben. Stattdessen entdecke ich gerade das Star Wars Universum für mich, kann die Faszination, die davon (schon seit Ewigkeiten) ausgeht, immer mehr nachvollziehen. Als ich den Film vor Jahren sah, bin ich eingeschlafen und konnte nie was damit anfangen, aber gerade bekomme ich Lust, ihn nochmal zu gucken.
Man könnte jetzt sagen, dass das Ernstnehmen der kindlichen Interessen nicht heißen muss, dass man Zeug kauft.
Das stimmt auch. Ich habe I. auf ein Shirt ein Star Wars – Motiv gemalt und er findet es toll. Außerdem könnte man gemeinsam zum favorisierten Thema basteln.
Aber ich finde, wenn man eh Klamotten oder Gebrauchsgegenstände kauft, kann man auch die mit den gerade beliebten Aufdrücken kaufen. Es ist schön zu sehen, wie I. sich freut, wenn seine Sachen zu ihm passen.

Aber.
Seit einiger Zeit sehe ich Merchandise-Produkte viel kritischer. Und zwar seit das Merchandising zum Film „Frozen – die Eiskönigin“ angefangen hat.
Mittlerweile gibt es einfach überall einfach alles mit Anna und Elsa, Olaf und Sven.
Und dadurch gerät dieser wundervolle Film total in den Hintergrund. (Star Wars – Fans würden wahrscheinlich dasselbe über Star Wars sagen… Da kann ich aber nicht mitreden (bisher), da ich früher, wie gesagt, dabei eingeschlafen bin.)
In letzter Zeit bekomme ich oft mit, dass viele Eltern so genervt vom Frozen-Hype sind, dass sie sich wundern, wenn ich anfange, vom Film zu schwärmen. Ich habe den Eindruck, es ist, als würden diese Tonnen an Frozen-Sachen die hohe Qualität des Films infrage stellen.

„Frozen“ ist in meinen Augen ein feinsinniger Film über Trauma, Depression und vor allem Heilung, über das Rauskommen aus einer Erstarrung. Es ist die Heldinnengeschichte von Elsa und die Heldinnengeschichte von Anna. Der Film berührt so viele Menschen so tief, weil er etwas universell Menschliches meisterhaft erzählt. Der Soundtrack ist fantastisch und das Titellied „Let it go“ hat völlig verdient einen Oskar gewonnen. Jedes Mal, wenn ich es höre, kriege ich Gänsehaut – immer noch.

The wind is howling like the swirling storm inside
Couldn‘t keep it in
Heaven knows I try

Don‘t let them in, don‘t let them see
Be the good girl you always have to be
Conceal, don‘t feel, don‘t let them know
Well now they know

Diese Zeilen und die dazugehörige Musik haben eine gewaltige Kraft und sprechen überall auf der Welt Menschen aus der Seele.
Der Film ist warmherzig, liebevoll und zeigt richtig starke Prinzessinen.
Am Ende boxt die starke Anna den hinterhältigen Hans mit voller Kraft ins Wasser! Und Sven, ihre echte Liebe, ist ein eher weicher und sensibler Mann.
Aber nicht sein Kuss erlöst Anna, wie zunächst erwartet wird, sondern die Schwesternliebe!!! Das ist so eine wichtige Botschaft.
Und auch wichtig: Als es doch ans Küssen geht, FRAGT Sven, ob er Anna küssen darf!

So, genug geschwärmt, schließlich sollte es in diesem Text in erster Linie um Merchandising gehen. Darauf komme ich jetzt zurück.
Mich stören zum einen die extrem omnipräsenten Frozen-Sachen. So ist ein Fan-Artikel nichts Besonderes mehr, kein Ausdruck einer Liebe, so wie es eigentlich mit einem Fan-Artikel sein sollte.
Mich stört aber ganz besonders, dass Frozen-Artikel speziell für Mädchen vermarktet werden. Das impliziert, es wäre ein Film speziell für Mädchen (als gäbe es sowas). Und kein wunderbarer Film für ALLE. Dadurch sehen sich vielleicht einige Jungs den Film gar nicht erst an oder scheuen sich, ihre Liebe zum Film auszudrücken.
Indem es die obligatorische „Für Jungs“ und „Für Mädchen“-Version eines Artikels zur Zeit im „Frozen – “ und „Spiderman – „/ „Star Wars“ – Look gibt (z.B. Schuhe), wird die Botschaft ausgesendet, dass es sich um einen Mädchen- und um einen Jungsfilm handelt. Das finde ich total traurig. Und ich fange an, dieses Merchandising-Ding zum Teufel zu wünschen, denn das hat nichts mehr mit den Wesen von Fan-Artikeln zu tun, wie ich das am Anfang des Textes beschrieben habe.
Einige Läden haben zwar immerhin auch in der Jungs-Abteilung Frozen-Kleidung im Angebot. Aber nur mit den männlichen Protagonisten – Sven und dem Schneemann Olaf. Dabei sind Anna und Elsa die eindeutigen Hauptpersonen und Heldinnen des Films. Das ist schade und so typisch für unsere Gesellschaft. Als Junge ein Fan von einer Mächen- oder Frauenfigur zu sein scheint tabuisiert zu sein. Seeräuberkind Pippi Langstrumpf ist gerade noch ok, aber eine Prinzessin geht gar nicht.
(Schrieb ich schonmal darüber, dass es jetzt ein männliches Pendant zu Conny gibt? Conny für Mädchen und Max für Jungs. Als würden Jungs anders zum Zahnarzt gehen und schwimmen lernen als Mächen.)

I. ist, wie ich, ein großer Frozen-Fan. Er kennt den Film in- und auswendig.
Letztes Jahr spielte er oft Elsa, wobei er im Kreis lief und „Let it go“ sang.
Wenn er das Lied auf englisch hört, übersetzt er es simultan auf deutsch. Er guckt ganz konzentriert, hebt den Zeigefinger und sagt, wie aus der Pistole geschossen: „Der Schnee glänzt weiß auf den Bergen heut‘ nacht.“ usw.
Er spielt so gerne mit seinem Lego – Frozen -Schloss.

Letztens waren wir in einem Spielwarenladen und ich rief aus: „Schau, hier gibt es ja ganz viele Frozen-Sachen“!
Der Verkäufer rümpfte die Nase und sagte zu Ivo: „Du bist doch nicht etwa Frozen-Fan, oder!?“
Ich erwiderte: „Das ist doch ein toller Film!“
Er hielt inne, schien eine Sekunde in sich zu gehen und renkte ein: „Stimmt.“
Freudig fügte er hinzu: „Und es soll bald einen zweiten Teil geben!“

Als würde er sich wieder erinnern, dass Anna und Elsa eigentlich Protagonistinnen eines guten Films sind und nicht nur die Verzierung von Haarspängchen.

Mein Sohn mag Star Wars und Superhelden und er mag Frozen.
Ich kann seine Faszination für ersteres absolut nachvollziehen, aber streng genommen ist er er nur von Frozen ein „richtiger Fan“ – denn er hat bisher weder Star Wars noch Spiderman geguckt, Frozen aber viele Male.
Aber ihm wird signalisiert, dass Frozen nichts für ihn sei. Zum Beispiel wenn er einen Schuhladen betritt.
I. ist begeistert von den Frozen- und von den Star Wars – Schuhen und entscheidet sich schließlich für die Star Wars – Schuhe. Ich bin erleichtert, denn in den Frozen-Schuhen würde er bestimmt ausgelacht werden.
Die Frozen-Schuhe sind sehr pink, obwohl pink eigentlich überhaupt nicht zum Film passt.
Die Entscheidung ist für I. ok so… er ist schließlich ebenso Star Wars – Fan.
Aber diese Aufteilung ist einfach nur zum Kotzen.
Insofern… habe ich doch ein großes Problem mit Merchandise-Produkten – denn in der Form unterstützt es nicht mehr den Selbstausdruck, sondern zwingt diesen in Schubladen.

#bloggerfürflüchtlinge / Lauter sein.

In den letzten Tagen kamen mir einige Artikel über die sogenannte „Flüchtlingseuphorie“ unter, in welchen die Welle des Engagements kritisiert wurde. Alle würden auf den Zug aufspringen in diesem „Flüchtlingssommer“ und was würde danach kommen, wenn die Euphorie abgeebbt sei? Viele würden sich nur als guter Mensch fühlen wollen… vor allem diejenigen, die die ankommenden Züge mit Luftballons und Kuscheltieren begrüßen. Das sei ja wohl keine nachhaltige Hilfe.
Mit dem unsäglichen Artikel von Jan Fleischhauer bei Spiegel Online will ich mich gar nicht befassen und ihn auch nicht verlinken.
Mit dem Text von Antiprodukt „Flüchtlingskrise 2015, ich war dabei“ (http://antiprodukt.de/fluchtlingskrise-2015-ich-war-dabei/) hingegen würde ich mich gern näher befassen, denn vielem widerspreche ich, einiges finde ich aber auch wichtig.

Mich ärgert der Tenor dieser Artikel, denn hier werden engagierte Menschen (wenn auch nicht absichtlich) kritisiert und indirekt auch beschämt für ihr Engagement. Das finde ich schade.
Ich freue mich unglaublich über die vielen Menschen, die in Dortmund, München und vielen anderen Städten gekommen sind, um den Flüchtlingen zu zeigen, dass sie willkommen sind. Viele auch mitten in der Nacht, z.B. die wunderbare Mutter & Mensch. (https://muttermensch.wordpress.com/2015/09/07/was-fuer-ein-wochenende/)
Jeder Luftballon, jedes „Refugees welcome“, jede Schokolade für die Kinder ist wertvoll. Denn diese Gesten zeigen den Menschen, dass sie willkommen sind.
Die Begrüßungen sind vielleicht nicht nachhaltig, aber laut. Und das ist dringend nötig, weil die rechte Szene zu laut ist. Pegida, „besorgte Bürger“, die ganzen Neonazis, sie sind zu laut. Um die 200 Anschläge auf Flüchtlingsheime im ersten Halbjahr 2015 dröhnen im Ohr.
Das, was passiert ist, lässt sich nicht wieder gut machen, aber wir müssen lauter sein.

Laute, euphorische Begrüßungen an den Bahnhöfen können hoffentlich den geflüchteten Menschen zeigen, dass sie bei den Menschen in Deutschland willkommen sind.
Antiprodukt schreibt in seinem Text „Flüchtlingskrise 2015, ich war dabei“ von
„einer bizarren Euphorie und ‚Hoffnung‘, die beschworen wird, denn, so zeigt sich aktuell ja ‚Wir (Deutschen) sind doch gar nicht so.‘, oder auch: ‚Es gibt sie noch, die Guten.‘ “.

JA!
Wir (Deutschen) sind doch gar nicht so.
Es gibt sie noch, die Guten.

Das finde ich verdammt wichtig. Gerade nach Heidenau u.s.w. Es zu leben und auch zu zeigen.
Den geflüchteten Menschen – Sie sollen sich willkommen fühlen.
Den ganzen Nazis und Rassisten. – Sie sollen sich nicht als Mehrheit fühlen.
Allen Menschen, die Vorbilder, Inspiration und Ideen brauchen, um sich zu engagieren. – Sie sollen sich willkommen fühlen, zu helfen. Jede_r, wie er/ sie kann. Jede Geste zählt.

Ich finde, wenn in einem Text abschätzig von Bahnhofseuphorie und Luftballons geschrieben wird, kann das demotivieren, zu helfen und Flagge zu zeigen.
Daraus spricht eine irgendwie puritanische Geringschätzung von schönen Dingen, die einfach Freude machen und gar nicht nachhaltig sind. (Im Übrigen sind gerade solche schönen Dinge und Erlebnisse sehr nachhaltig, denn solche ‚Bausteine guter Erinnerung‘ stärken die menschliche Resilienz. Aber das nur am Rande.)
Geflüchtete Kinder freuen sich doch ebenso wie nicht geflüchtete Kinder über Schokolade und Luftballons. Und wenn Kinder, die Schlimmes erlebt haben, sich freuen, ist das wertvoll. Punkt.
Wenn gelebt und vermittelt wird: Jede_r hilft, wie er/ sie kann, engagieren sich immer mehr Menschen, alle auf ihre Weise.
Ich finde, die Medizinstudentin Maria Schütte, die in Budapest Flüchtlinge medizinisch versorgt, ist eine Heldin! (https://www.youtube.com/watch?v=FDTPYsI8quA). So als Beispiel.
Aber die Konsequenz daraus kann nicht sein, dass alle mit dem Wunsch, zu helfen, aber ohne medizinische Ausbildung/ Arabischkenntnisse/ viel Zeit/ viel Geld/ Organisationstalent u.s.w. entmutigt werden.
Ich finde großartig, dass sich zur Zeit so unterschiedliche Menschen mit so unterschiedlichen Projekten engagieren, mit ihren Talenten, auf ihre einziartige Art und Weise, das sieht man in den regionalen Facebook-Gruppen. Das soll so weitergehen! Niemand sollte sich davon abhalten lassen, auf SEINE/ IHRE Art und Weise etas zu tun.
In einer Facebook-Gruppe fragte eine Sängerin nach Heimen, in denen sie auftreten könnte, um den Geflüchteten eine Freude zu machen.
Und ich finde das super. Alle Menschen freuen sich über Musik und Zerstreung, aber nicht alle haben das Geld, um auf Konzerte zu gehen.
Oder an den heißen Tagen wurde bei Facebook Eis vorbeibringen organisiert.
Durch so kleine Aktionen werden auch diejenigen animiert, mitmachen, die gerade nicht viel Zeit und Energie haben.
Ich persönlich habe gezielt überlegt, was ich außer Sachspenden mit 2 Monate altem Baby tun könnte – etwas, das in meinen momentanen Babyalltag passt.
Ich plane gerade eine Krabbelgruppe mit geflüchteten und nicht geflüchteten Müttern (ich werde darüber noch berichten). Wenn ich ein schlechtes Gewissen bekommen würde, weil andere Hilfe woanders dringender ist, würde ich mich wohl gelähmt fühlen und nichts tun.
Und ich bin sehr dankbar, dass tolle Menschen aus den Facebook-Gruppen rumfahren und Sachspenden abholen.
Wenn mein Baby größer wird, werde ich wahrscheinlich Theaterprojekte mit geflüchteten Kindern machen und mich allgemein mehr engagieren, aber ich würde z.B. keine Kleiderspenden sortieren. Denn da wäre ich Chaotin nicht besonders hilfreich.

Wenn ein Mensch „nur“ die Energie/ Möglichkeit hat, am Gleis „Refugees welcome“ zu rufen, sollte er nicht demotiviert werden.
Wenn ein Mensch, das was er eh gerne tut, mit oder für Flüchtlinge tun will, sollte er nicht demotiviert werden! Helfen muss nicht anstrengend sein.
Und aus welchen Motiven ein Mensch hilft oder auch ein Unternehmen spendet, finde ich sowieso nicht relevant. Wir Menschen sind doch eh so gestrickt, dass ganz unterschiedliche Motive – sowohl, als auch – übereinander liegen. Und nicht entweder, oder.
Helfen darf kein Wettbewerb sein.

Ich musste an die Maus Frederick aus dem gleichnamigen Bilderbuch von Leo Lionni denken. Während alle Feldmäuse fleißig Vorräte für den Winter sammeln, tut Frederick nichts und wird dafür von den anderen Mäusen gerügt. Er sagt, er sammle für die langen Wintertagen Farben, Wörter und Sonnenstrahlen. Und tatsächlich – als die Vorräte der anderen alle sind, machen Fredericks andersartige Vorräte den restlichen Winter weniger trist.
Jede_r hat eben etwas Anderes beizutragen.

ABER.
In Antiprodukts Text steht auch einiges, das ich wichtig und richtig finde.
Oft frage ich mich tatsächlich, ob Helfende sich Gedanken darüber machen, wie ihre Hilfe beim Gegenüber ankommt. Ich spreche hier nicht davon, dass man sich beim Helfen gut fühlt, das finde ich normal und menschlich. Sondern von mangender Empathie, wie das Gegenüber sich fühlen könnte.
Antiprodukt hat einen Facebook-Screenshot seinem Text beigefügt: „Hab ich schon erwähnt, dass man für 10 Euro im Monat solchen süßen Leuten aus dem Bürgerkrieg helfen kann?“ Darüber, wie daneben das ist, braucht man gar nicht erst zu reden. Und auch nicht von verdreckten und verschlissenen Kleiderspenden und unnützen Krimskrams im Müllsack.

Aber dieser Abschnitt von Antiprodukts Text macht mich nachdenklich: „obendrauf gepackt werden acht Plüschtiere, persönlich übergeben von deutschen Kleinkindern, die hier noch etwas lernen können.“
Denn jeden Tag lese ich in den regionalen Facebook-Gruppen Anfragen diese Art: „Ich möchte spenden, aber nicht beim DRK, sondern die Sachen persönlich übergeben mit meinen Kindern. Denn die sollen dabei was lernen.“ o.ä.
Ich stelle es mir aber angenehmer vor, aus einer vorsortierten Kleiderkammer etwas auszusuchen, als von fremden Menschen etwas anzunehmen.
(Auch ich möchte meinem Sohn natürlich etwas „vermitteln“, aber ich denke doch, es reicht, dass er mein Vorbild mitbekommt, wenn er will, auch etwas aussortiert und hoffentlich bald einfach so Kontakt mit geflüchteten Kindern hat, unabhängig von Spenden.)
Zu dem Thema hat Betül Uelusoy einen sehr guten und sehr lesenswerten Text geschrieben: https://betuelulusoy.wordpress.com/2015/09/08/spenden-wenn-die-wuerde-abhanden-kommt-2/
Ich zitiere aus Ulusoys Text:
„Wir fühlen uns gut, wenn wir geben. Wir gefallen uns in dieser Rolle. Geben ist leicht. Was schwierig ist, ist nehmen. Denken wir auch an die Gefühle derer, die nehmen müssen oder ist uns unser Geben und unser Wohlbefinden wichtiger? Diese Frage stelle ich mich in letzter Zeit immer öfter. Ich habe das Gefühl, dass uns manchmal die Empathie verloren geht, während wir eifrig dabei sind, zu helfen. Unsere Empathie für die Würde anderer. (…)
Als wir neulich Süßigkeiten für das Opferfest eingekauft haben, kamen nur die Dinge in den Einkaufswagen, die uns persönlich schmecken. Das mag nach einem Luxusproblem klingen, aber wir haben den Luxus zu sagen: „Das schmeckt mir nicht“, während wir ihnen alles selbst aussuchen und vorsetzen und noch dazu ’strahlende Augen‘ erwarten.
Ich finde, das ist ein schwieriges Thema. Diese Menschen sind tatsächlich auf so viel angewiesen, von der Unterhose, bis zur Mahlzeit. Gleichzeitig sind viele Helfer einfach nur herzensgute Menschen, die es gut meinen. Wie schafft man also den Spagat zwischen helfen zur Gewissensberuhigung und würdevoller Hilfe der Unterstützung Willen. (…)
Wenn mich also das selbe Schicksal ereilen sollte, wünsche ich mir würdevolle Hilfe. Was würde ich in dieser Situation wollen? Solange wir nicht vergessen, diesen Maßstab anzulegen, ist wohl viel getan.“

Sich kritisch (und zugleich wohlwollend) zu reflektieren beim Helfen ist wichtig.
Ich überlege auch schon länger hin und her, wie die Verpflegung der Krabbelgruppe gestaltet werden sollte, ohne dass es gönnerhaft rüberkommt und somit unangenehm für die geflüchteten Mütter. Es ist nicht so einfach – aber ich lasse mit davon nicht entmutigen.
Einen Spruch Mohammeds, den Ulusoy zitiert, finde ich bei der Entscheidungsfindung hilfreich: „(…) Ein Mann, der so spendete und es derart verbarg, dass seine linke Hand nicht wusste, was seine rechte Hand spendete.“

Statt vollkommen unterschiedliche Projekte und Formen des Helfens zu hierarchisieren und helfenden Menschen „niedere“ Motive zu unterstellen, wäre es sinnvoll, zu hinterfragen, wie unsere Hilfe beim Gegenüber ankommt.
Seien es medzinische Versorgung, Kleiderspenden, Dolmetschen, Eis (ver-) teilen, Frisieren, Socken stricken, gemeinsam kochen, Schilder hochhalten, Drogerieartikel kaufen, Geschenke für Bayram packen, Flüchtlinge anstellen, bei sich wohnen lassen, bei Behördengängen begleiten, gemeinsam basteln, Geldspenden, Trageberatung…
All dies kann achtsam und respektvoll den geflüchteten Menschen gegenüber erfolgen oder auch nicht.
Wenn wir die Würde unseres Gegenübers achten,
ist all dies wichtig.