#bloggerfürflüchtlinge / Lauter sein.

In den letzten Tagen kamen mir einige Artikel über die sogenannte „Flüchtlingseuphorie“ unter, in welchen die Welle des Engagements kritisiert wurde. Alle würden auf den Zug aufspringen in diesem „Flüchtlingssommer“ und was würde danach kommen, wenn die Euphorie abgeebbt sei? Viele würden sich nur als guter Mensch fühlen wollen… vor allem diejenigen, die die ankommenden Züge mit Luftballons und Kuscheltieren begrüßen. Das sei ja wohl keine nachhaltige Hilfe.
Mit dem unsäglichen Artikel von Jan Fleischhauer bei Spiegel Online will ich mich gar nicht befassen und ihn auch nicht verlinken.
Mit dem Text von Antiprodukt „Flüchtlingskrise 2015, ich war dabei“ (http://antiprodukt.de/fluchtlingskrise-2015-ich-war-dabei/) hingegen würde ich mich gern näher befassen, denn vielem widerspreche ich, einiges finde ich aber auch wichtig.

Mich ärgert der Tenor dieser Artikel, denn hier werden engagierte Menschen (wenn auch nicht absichtlich) kritisiert und indirekt auch beschämt für ihr Engagement. Das finde ich schade.
Ich freue mich unglaublich über die vielen Menschen, die in Dortmund, München und vielen anderen Städten gekommen sind, um den Flüchtlingen zu zeigen, dass sie willkommen sind. Viele auch mitten in der Nacht, z.B. die wunderbare Mutter & Mensch. (https://muttermensch.wordpress.com/2015/09/07/was-fuer-ein-wochenende/)
Jeder Luftballon, jedes „Refugees welcome“, jede Schokolade für die Kinder ist wertvoll. Denn diese Gesten zeigen den Menschen, dass sie willkommen sind.
Die Begrüßungen sind vielleicht nicht nachhaltig, aber laut. Und das ist dringend nötig, weil die rechte Szene zu laut ist. Pegida, „besorgte Bürger“, die ganzen Neonazis, sie sind zu laut. Um die 200 Anschläge auf Flüchtlingsheime im ersten Halbjahr 2015 dröhnen im Ohr.
Das, was passiert ist, lässt sich nicht wieder gut machen, aber wir müssen lauter sein.

Laute, euphorische Begrüßungen an den Bahnhöfen können hoffentlich den geflüchteten Menschen zeigen, dass sie bei den Menschen in Deutschland willkommen sind.
Antiprodukt schreibt in seinem Text „Flüchtlingskrise 2015, ich war dabei“ von
„einer bizarren Euphorie und ‚Hoffnung‘, die beschworen wird, denn, so zeigt sich aktuell ja ‚Wir (Deutschen) sind doch gar nicht so.‘, oder auch: ‚Es gibt sie noch, die Guten.‘ “.

JA!
Wir (Deutschen) sind doch gar nicht so.
Es gibt sie noch, die Guten.

Das finde ich verdammt wichtig. Gerade nach Heidenau u.s.w. Es zu leben und auch zu zeigen.
Den geflüchteten Menschen – Sie sollen sich willkommen fühlen.
Den ganzen Nazis und Rassisten. – Sie sollen sich nicht als Mehrheit fühlen.
Allen Menschen, die Vorbilder, Inspiration und Ideen brauchen, um sich zu engagieren. – Sie sollen sich willkommen fühlen, zu helfen. Jede_r, wie er/ sie kann. Jede Geste zählt.

Ich finde, wenn in einem Text abschätzig von Bahnhofseuphorie und Luftballons geschrieben wird, kann das demotivieren, zu helfen und Flagge zu zeigen.
Daraus spricht eine irgendwie puritanische Geringschätzung von schönen Dingen, die einfach Freude machen und gar nicht nachhaltig sind. (Im Übrigen sind gerade solche schönen Dinge und Erlebnisse sehr nachhaltig, denn solche ‚Bausteine guter Erinnerung‘ stärken die menschliche Resilienz. Aber das nur am Rande.)
Geflüchtete Kinder freuen sich doch ebenso wie nicht geflüchtete Kinder über Schokolade und Luftballons. Und wenn Kinder, die Schlimmes erlebt haben, sich freuen, ist das wertvoll. Punkt.
Wenn gelebt und vermittelt wird: Jede_r hilft, wie er/ sie kann, engagieren sich immer mehr Menschen, alle auf ihre Weise.
Ich finde, die Medizinstudentin Maria Schütte, die in Budapest Flüchtlinge medizinisch versorgt, ist eine Heldin! (https://www.youtube.com/watch?v=FDTPYsI8quA). So als Beispiel.
Aber die Konsequenz daraus kann nicht sein, dass alle mit dem Wunsch, zu helfen, aber ohne medizinische Ausbildung/ Arabischkenntnisse/ viel Zeit/ viel Geld/ Organisationstalent u.s.w. entmutigt werden.
Ich finde großartig, dass sich zur Zeit so unterschiedliche Menschen mit so unterschiedlichen Projekten engagieren, mit ihren Talenten, auf ihre einziartige Art und Weise, das sieht man in den regionalen Facebook-Gruppen. Das soll so weitergehen! Niemand sollte sich davon abhalten lassen, auf SEINE/ IHRE Art und Weise etas zu tun.
In einer Facebook-Gruppe fragte eine Sängerin nach Heimen, in denen sie auftreten könnte, um den Geflüchteten eine Freude zu machen.
Und ich finde das super. Alle Menschen freuen sich über Musik und Zerstreung, aber nicht alle haben das Geld, um auf Konzerte zu gehen.
Oder an den heißen Tagen wurde bei Facebook Eis vorbeibringen organisiert.
Durch so kleine Aktionen werden auch diejenigen animiert, mitmachen, die gerade nicht viel Zeit und Energie haben.
Ich persönlich habe gezielt überlegt, was ich außer Sachspenden mit 2 Monate altem Baby tun könnte – etwas, das in meinen momentanen Babyalltag passt.
Ich plane gerade eine Krabbelgruppe mit geflüchteten und nicht geflüchteten Müttern (ich werde darüber noch berichten). Wenn ich ein schlechtes Gewissen bekommen würde, weil andere Hilfe woanders dringender ist, würde ich mich wohl gelähmt fühlen und nichts tun.
Und ich bin sehr dankbar, dass tolle Menschen aus den Facebook-Gruppen rumfahren und Sachspenden abholen.
Wenn mein Baby größer wird, werde ich wahrscheinlich Theaterprojekte mit geflüchteten Kindern machen und mich allgemein mehr engagieren, aber ich würde z.B. keine Kleiderspenden sortieren. Denn da wäre ich Chaotin nicht besonders hilfreich.

Wenn ein Mensch „nur“ die Energie/ Möglichkeit hat, am Gleis „Refugees welcome“ zu rufen, sollte er nicht demotiviert werden.
Wenn ein Mensch, das was er eh gerne tut, mit oder für Flüchtlinge tun will, sollte er nicht demotiviert werden! Helfen muss nicht anstrengend sein.
Und aus welchen Motiven ein Mensch hilft oder auch ein Unternehmen spendet, finde ich sowieso nicht relevant. Wir Menschen sind doch eh so gestrickt, dass ganz unterschiedliche Motive – sowohl, als auch – übereinander liegen. Und nicht entweder, oder.
Helfen darf kein Wettbewerb sein.

Ich musste an die Maus Frederick aus dem gleichnamigen Bilderbuch von Leo Lionni denken. Während alle Feldmäuse fleißig Vorräte für den Winter sammeln, tut Frederick nichts und wird dafür von den anderen Mäusen gerügt. Er sagt, er sammle für die langen Wintertagen Farben, Wörter und Sonnenstrahlen. Und tatsächlich – als die Vorräte der anderen alle sind, machen Fredericks andersartige Vorräte den restlichen Winter weniger trist.
Jede_r hat eben etwas Anderes beizutragen.

ABER.
In Antiprodukts Text steht auch einiges, das ich wichtig und richtig finde.
Oft frage ich mich tatsächlich, ob Helfende sich Gedanken darüber machen, wie ihre Hilfe beim Gegenüber ankommt. Ich spreche hier nicht davon, dass man sich beim Helfen gut fühlt, das finde ich normal und menschlich. Sondern von mangender Empathie, wie das Gegenüber sich fühlen könnte.
Antiprodukt hat einen Facebook-Screenshot seinem Text beigefügt: „Hab ich schon erwähnt, dass man für 10 Euro im Monat solchen süßen Leuten aus dem Bürgerkrieg helfen kann?“ Darüber, wie daneben das ist, braucht man gar nicht erst zu reden. Und auch nicht von verdreckten und verschlissenen Kleiderspenden und unnützen Krimskrams im Müllsack.

Aber dieser Abschnitt von Antiprodukts Text macht mich nachdenklich: „obendrauf gepackt werden acht Plüschtiere, persönlich übergeben von deutschen Kleinkindern, die hier noch etwas lernen können.“
Denn jeden Tag lese ich in den regionalen Facebook-Gruppen Anfragen diese Art: „Ich möchte spenden, aber nicht beim DRK, sondern die Sachen persönlich übergeben mit meinen Kindern. Denn die sollen dabei was lernen.“ o.ä.
Ich stelle es mir aber angenehmer vor, aus einer vorsortierten Kleiderkammer etwas auszusuchen, als von fremden Menschen etwas anzunehmen.
(Auch ich möchte meinem Sohn natürlich etwas „vermitteln“, aber ich denke doch, es reicht, dass er mein Vorbild mitbekommt, wenn er will, auch etwas aussortiert und hoffentlich bald einfach so Kontakt mit geflüchteten Kindern hat, unabhängig von Spenden.)
Zu dem Thema hat Betül Uelusoy einen sehr guten und sehr lesenswerten Text geschrieben: https://betuelulusoy.wordpress.com/2015/09/08/spenden-wenn-die-wuerde-abhanden-kommt-2/
Ich zitiere aus Ulusoys Text:
„Wir fühlen uns gut, wenn wir geben. Wir gefallen uns in dieser Rolle. Geben ist leicht. Was schwierig ist, ist nehmen. Denken wir auch an die Gefühle derer, die nehmen müssen oder ist uns unser Geben und unser Wohlbefinden wichtiger? Diese Frage stelle ich mich in letzter Zeit immer öfter. Ich habe das Gefühl, dass uns manchmal die Empathie verloren geht, während wir eifrig dabei sind, zu helfen. Unsere Empathie für die Würde anderer. (…)
Als wir neulich Süßigkeiten für das Opferfest eingekauft haben, kamen nur die Dinge in den Einkaufswagen, die uns persönlich schmecken. Das mag nach einem Luxusproblem klingen, aber wir haben den Luxus zu sagen: „Das schmeckt mir nicht“, während wir ihnen alles selbst aussuchen und vorsetzen und noch dazu ’strahlende Augen‘ erwarten.
Ich finde, das ist ein schwieriges Thema. Diese Menschen sind tatsächlich auf so viel angewiesen, von der Unterhose, bis zur Mahlzeit. Gleichzeitig sind viele Helfer einfach nur herzensgute Menschen, die es gut meinen. Wie schafft man also den Spagat zwischen helfen zur Gewissensberuhigung und würdevoller Hilfe der Unterstützung Willen. (…)
Wenn mich also das selbe Schicksal ereilen sollte, wünsche ich mir würdevolle Hilfe. Was würde ich in dieser Situation wollen? Solange wir nicht vergessen, diesen Maßstab anzulegen, ist wohl viel getan.“

Sich kritisch (und zugleich wohlwollend) zu reflektieren beim Helfen ist wichtig.
Ich überlege auch schon länger hin und her, wie die Verpflegung der Krabbelgruppe gestaltet werden sollte, ohne dass es gönnerhaft rüberkommt und somit unangenehm für die geflüchteten Mütter. Es ist nicht so einfach – aber ich lasse mit davon nicht entmutigen.
Einen Spruch Mohammeds, den Ulusoy zitiert, finde ich bei der Entscheidungsfindung hilfreich: „(…) Ein Mann, der so spendete und es derart verbarg, dass seine linke Hand nicht wusste, was seine rechte Hand spendete.“

Statt vollkommen unterschiedliche Projekte und Formen des Helfens zu hierarchisieren und helfenden Menschen „niedere“ Motive zu unterstellen, wäre es sinnvoll, zu hinterfragen, wie unsere Hilfe beim Gegenüber ankommt.
Seien es medzinische Versorgung, Kleiderspenden, Dolmetschen, Eis (ver-) teilen, Frisieren, Socken stricken, gemeinsam kochen, Schilder hochhalten, Drogerieartikel kaufen, Geschenke für Bayram packen, Flüchtlinge anstellen, bei sich wohnen lassen, bei Behördengängen begleiten, gemeinsam basteln, Geldspenden, Trageberatung…
All dies kann achtsam und respektvoll den geflüchteten Menschen gegenüber erfolgen oder auch nicht.
Wenn wir die Würde unseres Gegenübers achten,
ist all dies wichtig.


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