Frozen für alle! Über unsere Eiskönigin-Liebe und Merchandising

Viele Eltern gruselt es vor Merchandise-Produkten und sie versuchen, Kinderklamotten und -Sachen mit HeldInnen aus Filmen und Serien zu umgehen.
Mir geht es da anders, ich habe schon immer besonders gerne Fan-Artikel verschenkt, denn ich finde: Wenn jemand Fan von etwas ist, dann drückt er/ sie damit einen Teil seiner Persönlichkeit aus. Wenn jemand leidenschaftlich gern eine Band, eine Serie, die Heldin eines Films, eine Sängerin, einen Roman, eine Farbe, einen Stil… mag, dann steckt ein Teil seiner Seele darin… oder wird darin gespiegelt. Wenn ich einen Fan-Artikel verschenke, zeige ich damit dem Menschen, dass ich seine Interessen und Leidenschaften sehe und anerkenne und weiß, dass sie zu ihm gehören. Ich ermutige ihn, sich auszudrücken und seiner Umgebung den Stempel von dem, aufzudrücken, was ihm wichtig ist.
Insofern schenke ich Fan-Artikel besonders gerne Teenagern (z.B. Band-Shirt oder Poster), aber auch Erwachsenen (z.B. Tasse der Lieblingsserie) und Kindern.
Die Heldinnen und Helden unserer Kinder sagen so viel aus über ihre Träume und ihre oft (noch) versteckten Seiten. Deswegen würde ich sie nie als Konsummist abtun, sondern nachfragen und zuhören. Es kommen interessante Antworten.
Wenn ich I. frage, was er an Star Wars so toll findet, höre ich: „Die Raumschiffe! Die Kämpfe! Die Lichtschwerter! Und dass ich den Film noch nicht gucken darf. Ich finde ihn soooo spannend, weil ich so gespannt bin!“
Ich könnte mich darüber mokieren, dass er und etliche Kindergartenkinder Fan eines Films sind, den sie noch nie geguckt haben. Stattdessen entdecke ich gerade das Star Wars Universum für mich, kann die Faszination, die davon (schon seit Ewigkeiten) ausgeht, immer mehr nachvollziehen. Als ich den Film vor Jahren sah, bin ich eingeschlafen und konnte nie was damit anfangen, aber gerade bekomme ich Lust, ihn nochmal zu gucken.
Man könnte jetzt sagen, dass das Ernstnehmen der kindlichen Interessen nicht heißen muss, dass man Zeug kauft.
Das stimmt auch. Ich habe I. auf ein Shirt ein Star Wars – Motiv gemalt und er findet es toll. Außerdem könnte man gemeinsam zum favorisierten Thema basteln.
Aber ich finde, wenn man eh Klamotten oder Gebrauchsgegenstände kauft, kann man auch die mit den gerade beliebten Aufdrücken kaufen. Es ist schön zu sehen, wie I. sich freut, wenn seine Sachen zu ihm passen.

Aber.
Seit einiger Zeit sehe ich Merchandise-Produkte viel kritischer. Und zwar seit das Merchandising zum Film „Frozen – die Eiskönigin“ angefangen hat.
Mittlerweile gibt es einfach überall einfach alles mit Anna und Elsa, Olaf und Sven.
Und dadurch gerät dieser wundervolle Film total in den Hintergrund. (Star Wars – Fans würden wahrscheinlich dasselbe über Star Wars sagen… Da kann ich aber nicht mitreden (bisher), da ich früher, wie gesagt, dabei eingeschlafen bin.)
In letzter Zeit bekomme ich oft mit, dass viele Eltern so genervt vom Frozen-Hype sind, dass sie sich wundern, wenn ich anfange, vom Film zu schwärmen. Ich habe den Eindruck, es ist, als würden diese Tonnen an Frozen-Sachen die hohe Qualität des Films infrage stellen.

„Frozen“ ist in meinen Augen ein feinsinniger Film über Trauma, Depression und vor allem Heilung, über das Rauskommen aus einer Erstarrung. Es ist die Heldinnengeschichte von Elsa und die Heldinnengeschichte von Anna. Der Film berührt so viele Menschen so tief, weil er etwas universell Menschliches meisterhaft erzählt. Der Soundtrack ist fantastisch und das Titellied „Let it go“ hat völlig verdient einen Oskar gewonnen. Jedes Mal, wenn ich es höre, kriege ich Gänsehaut – immer noch.

The wind is howling like the swirling storm inside
Couldn‘t keep it in
Heaven knows I try

Don‘t let them in, don‘t let them see
Be the good girl you always have to be
Conceal, don‘t feel, don‘t let them know
Well now they know

Diese Zeilen und die dazugehörige Musik haben eine gewaltige Kraft und sprechen überall auf der Welt Menschen aus der Seele.
Der Film ist warmherzig, liebevoll und zeigt richtig starke Prinzessinen.
Am Ende boxt die starke Anna den hinterhältigen Hans mit voller Kraft ins Wasser! Und Sven, ihre echte Liebe, ist ein eher weicher und sensibler Mann.
Aber nicht sein Kuss erlöst Anna, wie zunächst erwartet wird, sondern die Schwesternliebe!!! Das ist so eine wichtige Botschaft.
Und auch wichtig: Als es doch ans Küssen geht, FRAGT Sven, ob er Anna küssen darf!

So, genug geschwärmt, schließlich sollte es in diesem Text in erster Linie um Merchandising gehen. Darauf komme ich jetzt zurück.
Mich stören zum einen die extrem omnipräsenten Frozen-Sachen. So ist ein Fan-Artikel nichts Besonderes mehr, kein Ausdruck einer Liebe, so wie es eigentlich mit einem Fan-Artikel sein sollte.
Mich stört aber ganz besonders, dass Frozen-Artikel speziell für Mädchen vermarktet werden. Das impliziert, es wäre ein Film speziell für Mädchen (als gäbe es sowas). Und kein wunderbarer Film für ALLE. Dadurch sehen sich vielleicht einige Jungs den Film gar nicht erst an oder scheuen sich, ihre Liebe zum Film auszudrücken.
Indem es die obligatorische „Für Jungs“ und „Für Mädchen“-Version eines Artikels zur Zeit im „Frozen – “ und „Spiderman – „/ „Star Wars“ – Look gibt (z.B. Schuhe), wird die Botschaft ausgesendet, dass es sich um einen Mädchen- und um einen Jungsfilm handelt. Das finde ich total traurig. Und ich fange an, dieses Merchandising-Ding zum Teufel zu wünschen, denn das hat nichts mehr mit den Wesen von Fan-Artikeln zu tun, wie ich das am Anfang des Textes beschrieben habe.
Einige Läden haben zwar immerhin auch in der Jungs-Abteilung Frozen-Kleidung im Angebot. Aber nur mit den männlichen Protagonisten – Sven und dem Schneemann Olaf. Dabei sind Anna und Elsa die eindeutigen Hauptpersonen und Heldinnen des Films. Das ist schade und so typisch für unsere Gesellschaft. Als Junge ein Fan von einer Mächen- oder Frauenfigur zu sein scheint tabuisiert zu sein. Seeräuberkind Pippi Langstrumpf ist gerade noch ok, aber eine Prinzessin geht gar nicht.
(Schrieb ich schonmal darüber, dass es jetzt ein männliches Pendant zu Conny gibt? Conny für Mädchen und Max für Jungs. Als würden Jungs anders zum Zahnarzt gehen und schwimmen lernen als Mächen.)

I. ist, wie ich, ein großer Frozen-Fan. Er kennt den Film in- und auswendig.
Letztes Jahr spielte er oft Elsa, wobei er im Kreis lief und „Let it go“ sang.
Wenn er das Lied auf englisch hört, übersetzt er es simultan auf deutsch. Er guckt ganz konzentriert, hebt den Zeigefinger und sagt, wie aus der Pistole geschossen: „Der Schnee glänzt weiß auf den Bergen heut‘ nacht.“ usw.
Er spielt so gerne mit seinem Lego – Frozen -Schloss.

Letztens waren wir in einem Spielwarenladen und ich rief aus: „Schau, hier gibt es ja ganz viele Frozen-Sachen“!
Der Verkäufer rümpfte die Nase und sagte zu Ivo: „Du bist doch nicht etwa Frozen-Fan, oder!?“
Ich erwiderte: „Das ist doch ein toller Film!“
Er hielt inne, schien eine Sekunde in sich zu gehen und renkte ein: „Stimmt.“
Freudig fügte er hinzu: „Und es soll bald einen zweiten Teil geben!“

Als würde er sich wieder erinnern, dass Anna und Elsa eigentlich Protagonistinnen eines guten Films sind und nicht nur die Verzierung von Haarspängchen.

Mein Sohn mag Star Wars und Superhelden und er mag Frozen.
Ich kann seine Faszination für ersteres absolut nachvollziehen, aber streng genommen ist er er nur von Frozen ein „richtiger Fan“ – denn er hat bisher weder Star Wars noch Spiderman geguckt, Frozen aber viele Male.
Aber ihm wird signalisiert, dass Frozen nichts für ihn sei. Zum Beispiel wenn er einen Schuhladen betritt.
I. ist begeistert von den Frozen- und von den Star Wars – Schuhen und entscheidet sich schließlich für die Star Wars – Schuhe. Ich bin erleichtert, denn in den Frozen-Schuhen würde er bestimmt ausgelacht werden.
Die Frozen-Schuhe sind sehr pink, obwohl pink eigentlich überhaupt nicht zum Film passt.
Die Entscheidung ist für I. ok so… er ist schließlich ebenso Star Wars – Fan.
Aber diese Aufteilung ist einfach nur zum Kotzen.
Insofern… habe ich doch ein großes Problem mit Merchandise-Produkten – denn in der Form unterstützt es nicht mehr den Selbstausdruck, sondern zwingt diesen in Schubladen.


2 Antworten auf „Frozen für alle! Über unsere Eiskönigin-Liebe und Merchandising“


  1. 1 Merle 30. März 2016 um 20:47 Uhr

    Ich habe grade meinem Sohn zu Ostern auf eigenen Wunsch ein Frozen-Kleid geschenkt. Er liebt den Film und er liebt Kleider. Mit knapp 3 ist er aber auch noch nicht so empfänglich für vorgegebene Geschlechterrollen. Ich kann mir vorstellen, dass sich das ändert, wenn er älter wird und merkt, dass Kinder und Erwachsene im Umfeld das irgendwie komisch finden.

  2. 2 Administrator 17. Juli 2016 um 0:28 Uhr

    Hallo Merle, vielen Dank für Deinen Kommentar, den ich leider erst jetzt gesehen habe. Das freut mich total und das klingt sehr toll mit Deinem Sohn und dem Frozen-Kleid!!!! Liebe Grüße

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