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Jungsmama!?

Ich bin eine Jungsmama. Denn ich habe zwei Jungen. I. hat vor 2 Monaten einen kleinen Bruder bekommen!
Soweit so logisch. Soweit so gut.
Aber ich mag diesen Begriff nicht: „Jungsmama“. Und den Begriff „Mädchenmama“ mag ich genauso wenig. Denn sie stehen normalerweise für mehr, als dass man zwei Kinder desselben Geschlechts hat.
#jungsmama
#mädchenmama
„Ich bin eine Jungsmama“ – heißt das, ich kenne mich mit Star Wars, Dinos und Baggern aus? Ist es bei uns zuhause lauter, wilder, rabiater, dreckiger?
„Sie ist eine Mädchenmama“ – also ist sie Expertin für Feen, Glitzer und Nagellack, fürs Basteln, Malen und Zickereien?
Ist es wirklich so einfach?
Jungen können so unterschiedlich sein – die einen wilder und die einen zarter. Und dann hat auch noch jeder Junge wilde und zarte Seiten.
Und jetzt lies nochmal diese Zeile und setze „Mädchen“ für „Junge“ ein.

Als ich schwanger mit dem zweiten Jungen war, meinte ein befreundeter Vater: „Oha, zwei Jungs! Da wird es hoch hergehen bei euch!“ Lustig finde ich, dass dieser Vater 3 äußerst energiegeladene Töchter hat.
Ein anderer Vater meinte: „Zwei Jungs! Eine Fußballmannschaft!“ Gerade war Frauen-WM.
Eine Bekannte fand (als es noch nicht klar war, ob es ein Mädchen oder Junge ist): „Wenn es ein Mädchen wird, wird I. ein richtiger großer Bruder, der sein Schwesterchen beschützt, schööön! Und wenn es ein Junge wird, dann kriegt er einen Spielkameraden, das ist auch sehr schön!“
Muss man ein Schwesterchen mehr beschützen als ein Brüderchen?
Und kann ein Junge mit einem anderen Jungen besser spielen? (Diese Vorstellung vom Spielkameraden ist sehr weit verbreitet.)

Wenn man noch einen Jungen oder noch ein Mädchen bekommt, wird man besonders stark mit den herrschenden Geschlechterrollen konfrontiert.
Damit, was es heißt, in unserer Gesellschaft, ein Junge oder ein Mädchen zu sein.
2kindchaos hat sehr beeindruckend darüber gebloggt, wie es war, als sie mit dem zweiten Mädchen schwanger war: „Ach, Sie bekommen noch ein Mädchen? Mein Beileid.“
(http://www.2kindchaos.com/blog/entry/gesellschaft/2015/06/15/ach-sie-bekommen-noch-ein-maedchen-mein-beileid)

Wir haben alle unsere Vorstellungen und Bilder im Kopf. Ich auch. Das ist ok. Aber ich finde es wichtig, sie zu reflektieren. Zum Beispiel stelle ich mir vor, wie ich mit meiner Tochter im Teenageralter shoppen gehen würde und dann würden wir uns mit unseren Einkäufen in ein Cafe setzen und ganz lange von Frau zu Frau reden.
Das ist eine schöne Vorstellung. Aber wer weiß, ob meine fiktive Tochter nicht lieber mit ihren Freundinnen shoppen gehen würde?
Ebenso wie I. oder M. mal Spaß daran haben könnten, mit mir in die Stadt und ins Cafe zu gehen. Oder auch nicht.
Ja, ich würde so gern all die süßen Kleidchen und Spängchen kaufen. Das könnte ich die ersten 2, 3 Jahre exzessiv machen, wenn ich eine Tochter hätte. Aber dann würde sie sowieso ihren eigenen Geschmack entwickeln und vielleicht keine Kleidchen und Spängchen mögen.
Ein Bekannter, der zwei Mädchen hat, stellt sich oft vor, wie es wäre, noch einen Jungen zu haben, mit dem er seine Leidenschaft für Fußball teilen könnte. Aber ich weiß nicht, ob er schon probiert hat, seine Töchter für Fußball zu begeistern. Ich glaube, nicht. Vielleicht würden sie es mögen, vielleicht auch nicht. Vielleicht würde nur eine Tochter Feuer fangen. Bei einem Jungen wüsste er es auch nicht.
Wenn man feste Vorstellungen hat, die man nicht hinterfragt, kann man leicht enttäuscht werden.
Es kann ja außerdem sein, dass aus einem Sohn irgendwann eine Tochter wird oder andersherum – wenn ein Mensch transsexuell ist. Die Persönlichkeit, das Wesen, bleibt aber bestehen. Ein Mann kann zu einer Frau werden, eine Geschlechtsumwandlung machen lassen, sich umbenennen – und bleibt doch derselbe Mensch.
(Ich empfehle den wunderbaren Film „Laurence anyways“ von Xavier Dolan.)

Kinder sind in erster Linie einzigartige Persönlichkeiten.
Naomi Aldort leitet ihr Buch „Von der Erziehung zur Einfühlung“ mit folgendem Zitat ein:

„Nichts, was aus dir wird, kann mich enttäuschen. Ich habe keine vorgefasste Meinung, was du sein oder tun sollst. Ich habe keinerlei Wunsch, dich vorherzusehen, nur den, dich zu entdecken. Du kannst mich nicht enttäuschen.“
– Mary Haskell

Lassen wir uns überraschen von unseren Mädchen und Jungen, von unseren Kindern.

Vielen, vielen Dank, Mama!

Ich lese gerade Alfie Kohns „Liebe und Eigenständigkeit“ und Naomi Aldorts „Von der Erziehung zur Einfühlung“.
Das heißt, ich habe den Kohn fast fertig gelesen, Aldorts Buch gekauft, reingelesen (es hat mich direkt begeistert!), dann aber beiseite gelegt, um Kohn fertig zu lesen.
(Ich nehme mir immer wieder vor – ich glaube, seit ich lesen kann – erst ein anderes Buch anzufangen, wenn ich das eine ausgelesen habe, aber na ja… )
Wenn ich beide dann gelesen habe, werde ich berichten.
Aber von einer Sache, die mich beeindruckt hat, möchte ich schonmal erzählen.
Ich habe mich beim Lesen sehr in meinem „Erziehungsstil“ und in meiner Intuition bestätigt gefühlt. Beispielsweise habe ich schon oft zu hören bekommen, dass ich zu viel mit I. diskutiere. Ich fühle mich aber nicht wohl mit „Weil ich es sage“ und „Weil ich deine Mutter bin“. Wenn ich Kohn und Aldort lese, werde ich direkt gelassener und entspannter I. gegenüber, weil ich das Gefühl habe, dass ich es richtig mache. Ich fühle mich dabei ermutigt, auf meine Art mit I. umzugehen, aber auch weiter zu gehen als bisher und einige Gewohnheiten zu überdenken.
Zum Beispiel das Danke und Bitte sagen.
Ich erinnere mich, dass ich als Kind sehr dazu gedrängt wurde und dass das sehr unangenehm war.
Und dennoch ist es leider so, dass auch ich I. (wird im Oktober 6) damit in den Ohren liege. Ich flöte zwar nicht für alle hörbar: Wieeee sagt man!?, ich schimpfe nicht, ich zwinge ihn nicht, aber dennoch: Ich flüstere (in einem netten, nicht mahnenden Tonfall, aber -ja- dennoch): „Hast du Danke gesagt?“ oder „Sag mal Danke!“, wenn I. eine Wurst beim Metzger kriegt/ Gummibärchen in der Apotheke/ ein Geschenk von den Großeltern.
Ich bin immer wieder genervt, weil er ohne Erinnerung meinerseits einfach nicht „Danke“ sagt.
Ich finde, dass das Bedanken keine leere Höflichkeitsfloskel ist, sondern für eine Geste, mir der man ausdrückt, dass man die Bemühungen des Gegenübers wertschätzt. Das habe ich I. schon mehrmals erklärt und trotzdem denkt er zu selten daran.
Mir scheint, besonders selten, wenn ich ihm etwas schenke. Auch wenn er sich offensichtlich freut. Auch in dem Fall sage ich (und komme mir dabei blöd vor, aber mache es trotzdem): „Und was kann man sagen?“
Auch „sag mal Entschuldigung“ oder „du musst dich jetzt entschuldigen“ höre ich mich viel zu oft sagen. Auch wenn ich schon lange denke, dass es nicht richtig ist, zum Entschuldigen zu drängen.
Vom Zauberwort habe ich auch schon oft gefaselt, auch wenn I. schon als Dreijähriger feststellte: „Bitte ist kein Zauberwort. Ein Wort, das eine Kerze in einen Wal verwandeln würde, das wäre ein Zauberwort.“

Kohn hat mich dazu gebracht, diese ganze Bitte-Danke-Tschuldigung-Sache zu reflektieren und zu hinterfragen. Ich beschloss, komplett darauf zu verzichten, diese Wörter einzufordern. Im Nachhinein die Situation besprechen – ja, je nachdem. Aber nicht mehr dieses: „Was könnte man sagen…?“ nachdem er ein Geschenk ausgepackt hat.

Nun brachte ich I. letztes Wochenende zwei Barbies von den Hofflohmärkten (coole Sache!) mit. Einen Ken, der sowohl wie ein Prinz, als auch wie ein Superman aussieht und eine Fee. I. hat sich Barbies sehr gewünscht und hat sich irre gefreut. Das war nicht zu übersehen. Bedankt hat er sich trotzdem nicht, aber ich hielt mich zurück und sagte nichts.
Abends vorm Einschlafen dann: „Vielen, vielen Dank für die Barbies, Mama!“
Das sagte er so andächtig, so zärtlich, so leidenschaftlich,
Noch nie hatte er sich SO aufrichtig und herzlich für etwas bedankt.
Und am nächsten Morgen, er wachte auf und – bedankte sich nochmal!
„Mama, vielen, vielen Dank, dass Du mir die Barbies mitgebracht hast. Ich habe mich sooo gefreut!“

Sein Dank kam vom Herzen.
Es war wie ein Geschenk für mich.
Ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg bin und ich spürte, wie sinnlos es ist, auf das Aussprechen der „Zauberwörter“ zu bestehen. Man kann darüber sprechen, dass Menschen sich darüber freuen und sich wertgeschätzt fühlen, wenn man sich bei ihnen bedankt, ja. Aber man muss nicht drängen.
Letztlich glaube ich, dass I. oft so überwältigt ist, wenn er sich freut – so sehr mit Freuen beschäftigt ist – dass er in dem Moment einfach nicht daran denkt, sich zu bedanken. Bei mir kann er es auch später machen, so wie er sich für die Barbies bedankt hat. Bei Fremden, die er eher nicht wiedersehen wird, ist das schwieriger. Aber das ist nicht schlimm.

Superheld Zauberalarm Dunkler Lord

I. ist gerade im Superheldenfieber. Er ist fasziniert von Batman, Superman, Spiderman. Wobei er Vorlieben hat, wie er mir neulich erzählte:
Ivo: „Ich mag Superman eigentlich lieber als Batman. Superman kann Laser aus den Augen sprühen, aber Batman ist einfach nur ein außgewöhnlich sportlicher Mann.“
Heute holte ich vom Kindergarten einen Superhelden ab. Er hatte ein superscharfes Schwert, das als gewöhnlicher Stock getarnt war und trug einen Superumhang, der wie eine gewöhnliche übergeworfene Kapuzenjacke mit Käppi drüber aussah.
Er hieß – Der dunkle Lord.
Ich stutzte.
Ich warte sehnsüchtig auf den Tag, an dem ich mit I. zusammen Harry Potter lesen darf.
Aber ich muss mich noch gedulden. Woher kennt er also den Dunklen Lord? Wohl irgendwo aufgeschnappt, so wie die Namen der Star Wars Helden. Aber – wieso denn der dunkle Lord? Wieso nicht Voldemort oder wenigstens Der, dessen Name nicht genannt werden darf?
Ich bin zu sehr Harry Potter-Fan, um zuzulassen, dass mein Knd sich der Dunkle Lord nennt. Das geht nicht. Da stellen sich mir die Nackenhaare auf. Normalerweise mache ich so etwas nicht, ich bewerte I. Spiel nicht, aber ich konnte nicht anders, als anzufangen, auf I. einzureden, dass der dunkle Lord gar kein guter Superheldenname ist.
Weil Voldemort der böseste Zauberer überhaupt ist. Fand I. gut.
Er hat Harry Potters Eltern getötet! – I. interessierte sich brennend dafür, wie genau er sie umgebracht hat.
Nur seine Anhänger, die anderen Bösen nennen ihn Der dunkle Lord!
Harry Potter ist mein Lieblingsbuch und es ist so komisch, wenn Du Dich dunkler Lord nennst!
Na gut, I. wollte sich einen anderen Namen überlegen und kam auf Alanus. Ich war begeistert! Wohl zu sehr, denn I. fand plötzlich, dass Alanus so kompliziert sei, dass er ihn sich nicht merken könne.
Zauberalarm wollte er statt dessen heißen! Auch gut. Bloß nicht dunkler Lord.

Aber als ich meinem Freund beim Abendessen vom Superhelden, der erst Dunkler Lord und dann Zauberalarm hieß, erzählte, meinte I. plötzlich:
Ich heiße jetzt Zauberalarm Dunkler Lord. So will ich heißen, das bestimme nämlich alleine ich und das ist meine Meinung!
Recht hat er, natürlich.
Dann erzählte ich I. noch ganz viel über Harry Potter. Natürlich keine Details über Vodemort (also ich nenne ihn nicht den Dunklen Lord!), aber vom Hogwarts-Express, vom sprechenden Hut, von Bertie Botts Bohnen, von Quidditch…
I. saugte alles auf.

…ich freue mich SO SEHR auf diesen Moment, wenn es soweit ist.

Willi Wiberg

I. und ich lieben Willi Wiberg.
Willi Wiberg ist ein kleiner Junge, der in Schweden mit seinem Papa lebt und 1972 von Gunilla Begström erfunden wurde. Seitdem hat sie 23 Willi Wiberg-Bücher veröffentlicht, zuletzt 2011. In Deutschland erscheint Willi Wiberg im Oetinger Verlag.
Willi lebt, wie gesagt, mit seinem allein erziehenden Papa zusammen. Er hat eine Puppe namens Lisa. In diesen Alltagsgeschichten werden keine Rollenklischees bedient!
Mein Lieblingsband ist „Mehr Monster, Willi Wiberg!“ In dieser Geschichte darf Willi (zu dem Zeitpunkt 7 Jahre alt), den kleinen Benni babysitten.
Willi ist stolz und freut sich. Er malt sich aus, wie er Benni vorlesen wird, ihn füttern und ins Bett bringen wird. Er wird ein guter Babysitter sein! Aber es kommt anders. Benni kann schon alles alleine machen und lässt sich nicht helfen. Lesen zumindest kann der Kleine noch nicht. Also darf Willi vorlesen. Aber auf dem Schoß will Benni nicht sitzen und er verschmäht Willis liebevoll ausgesuchte Bücher vom kleinen Küken und der kleinen Maus. Stattdessen will er eine schreckliche Gruselgeschichte. Willi erfüllt ihm diesen Wunsch und erfindet ein schauriges Monster, das er detailliert beschreibt. Das findet Benni toll, rückt aber immer näher an Willi heran und zittert. Willi beruhigt ihn und bringt ihn ins Bett. Da will Benni doch noch die Geschichte vom Küken hören und auf den Schoß. Und Willi ist glücklich, „denn er ist jetzt der Babysitter,der er sein wollte
Dieses Ende finde ich so schön. Und ich liebe an dem Buch, dass es einerseits sehr spannend ein gefährliches Monster mit sieben Messern beschreibt, andererseits die Fürsorglichkeit von Willi und seinen Wunsch, ein guter Babysitter zu sein. So spricht das Buch zwei wichtige Pole in Kindern an – gefährlich sein und zärtlich sein. Und es zeigt, dass sich auch Jungen gerne und gut um kleinere Kinder kümmern und Babysitter werden können!
Zudem ist mit der Figur des kleinen Benni sehr treffend ein „störrischer“ 2-3-Jähriger beschrieben.

Zur Zeit haben wir, „Mach schnell, Willi Wiberg“ ausgeliehen, und lachen uns bei jedem Lesen schlapp. In dieser Geshichte ist Willi noch 5 Jahre alt und trödelt morgens beim Anziehen. Immer wenn sein Papa ihn ruft, sagt er „Ja,ich muss nur noch…“. Dann muss er der Puppe ihr Kleid anziehen, ein Auto reparieren, oder… Sein Papa ruft immer wütender. Die Situation kennen wir sehr gut, I. genießt die Identifikation mit Willi. Und als Willi dann schließlich angezogen ist, kommt Papa nicht. Er muss „nur noch die Zeitung zu Ende lesen“. Dann schimpft Willi mit Papa und beide lachen. Auch diese Situation kennt I. sehr gut. :) Er genießt die Geschichte sehr und mir macht das Vorlesen viel Spaß, wegen der häufigen wörtlichen Rede: „Ich muss nur noch…“ „Komm endlich!!!“ Überhaupt lese ich Willi Wiberg äußerst gerne vor. Die Sprache gefällt mir sehr, sie ist einfach und klar, aber besonders. Viel authentische wörtliche Rede. Auch die Illustrationen sind toll.
Aus den Büchern spricht warmherziger Humor und viel Verständnis. In den ersten Bänden ist Willi ein Kindergartenkind – will nicht schlafen gehen,trödelt morgens. Er hat einen unsichtbaren Freund, den sein Papa lieb mit einbezieht, dann aber irgendwann genervt ist.
Willi baut mit Papas Werkzeugkasten einen Hubschrauber, während Papa nicht aufpasst. Er wird bei Oma von seinen großen Cousins ausgeschlossen.
In den späteren Bänden ist Willi ein Schulkind. Er hat Angst vor dem ersten Schultag. Er wird von den anderen Jungen ausgelacht, weil seine beste Freundin ein Mädchen ist, ist traurig, lässt Milla links liegen, aber pfeift schließlich auf die Meinung der anderen.
In der wunderbaren Geschichte „Willi und das Ungeheuer“ hat Willi einen kleineren Jungen geschlagen, weil er dachte, dieser hätte seinen Ball geklaut. Ihn plagen Schuldgefühle, er sieht den Jungen tagelang nicht mehr im Hof und hat Angst, der Junge könnte gestorben sein. Eindrucksvoll schildert Bergström, wie Willi sich quält, bis er endlich den Jungen trifft. Es stellt sich heraus, dass der Kleine Willi gemieden hat, weil er Angst hatte, Willi sei sauer auf ihn. Willi sagt, dass er ja selbst schuld ist, dass sein Ball weg war und der Kleine ist erleichtert. Er bewundert Willi ja. Und Willi ist erleichtert. Ich fand es interessant, dass ich beim ersten Vorlesen sehr irritiert war, dass Willi sich nicht entschuldigt. Ich glaube, diese Lesererwartung kommt von gewöhnlicheren Bilderbüchern zu solchen Themen. Ich war so irritiert, dass ich zu I. sagte: „Ich finde, Willi hätte sich entschuldigen müssen“. Und dann merkte ich, dass es nicht stimmt. Und dass der nicht „korrekte“ aber verlegene und befreiende Dialog der zwei Jungen sehr realistisch und richtig war und dass der Kleine keine Entschuldigung mehr brauchte.
Es geht in den Bänden also oft um Themen, die Kinder belasten. Darum, dass man auch Fehler macht und manchmal schuldig ist. Und was man dann tun kann. Willi ist nicht perfekt (wie zB Conni). Und das finde ich sehr förderlich für das Selbstwertgefühl der LeserInnen, die sich mit Willi identifizieren. Denn sie lieben Willi und Willi ist kein perfekter Junge. Er hat sogar ein kleines Kind geschlagen, einfach so. Willi war gemein, die LeserInnen lehnen sein Verhalten ab. Aber Willi ist natürlich trotzdem liebenswert, er ist Willi Wiberg. Das ist eine sehr wichtige Botschaft.
Im Band „Hör zu, was ich erzähle, Willi Wiberg“ von 2003 ist Willi noch älter. Er ist fasziniert von Computerspielen und Filmen, in denen geschossen wird. Der Vater seines Freundes Hamdi war Soldat in einem echten Krieg. Spannend! Der Vater will nicht vom Krieg erzählen, aber eines Tages erzählt er doch. Nicht viel, eigentlich fast nur von einer Ameise. Aber Willi und Hamdi verstehen, dass echter Krieg ernst ist. Als er fertig erzählt hat, hören sie, wie im Hof jemand das Fußballtor kaputt macht, dass sie mit Hamdis Vater gebaut haben. Und er geht mit ihnen direkt nach unten, um es wieder aufzubauen.
Eine sehr berührende Geschichte ohne erhobenen Zeigefinger.
Ich mag sehr, dass es auch darum geht, …wie Willi versucht, den richtigen Moment abzupassen, um Hamdis Vater zu fragen und wie dieser reagiert …dass Hamdi hofft, sein Vater würde eher was erzählen, wenn Willi fragt …dass ein Mensch nicht alles erzählen will und kann …dass man manchmal eine Erzählung nicht versteht und doch irgendwie versteht.
Eigentlich ist I. zu klein für diesen Band. Wir haben ihn einfach ausgeliehen,weil wir ihn noch nicht kannten. Aber er hat sehr aufmerksam zugehört, wollte zu Ende lesen und wir haben darüber gesprochen. Es war ein gutes Gespräch.

Die Bände, in denen Willi ein Kindergartenkind ist, würde ich ab etwa knapp 3 Jahren empfehlen. Die anderen ab etwa 3,5-4 Jahren.
Willi Wiberg, das sind Alltagsgeschichten mit Tiefgang und viel Verständnis für die kindliche Gefühlswelt.
Gut geschrieben und gut illustriert. Es macht Spaß, sie vorzulesen.
Morgen werde ich I. fragen, warum er Willi mag und den Post um seine Rezension ergänzen.

Gedichte für Kinder

Als ich gestern in die große Mayersche am Neumarkt fuhr, um mir für die Uni ‚Kasimir und Karoline‘ und ‚Die Ratten‘ zu kaufen, nahm ich mir fest vor, ohne Umwege zu den Reclamheften und zur Kasse zu gehen, denn ich musste mich beeilen und sparsam sein.
Ich schaffte es einigermaßen schnurstracks zu dem gelben Regal und zurück, hatte neben der Seminarlektüre dann aber doch noch ein Kinderbuch in der Tasche:
‚Meine Feste, deine Feste, kleine Feste. Gedichte für Kinder‘ vom Reclam Verlag. (www.reclam.de/detail/978-3-15-01899/Meine_Feste__deine_Feste__kleine_Feste“)

Das Büchlein im klassischen Reclam-Format, aber mit einem gut designten, bunten Titelblatt kostete 4 Euro. In dieser ganz neuen Reihe ‚Gedichte für Kinder‘ gibt es noch :
ABC und Tintenklecks; Von der Erde bis zum Mond; Allerlei Getier; Rätsel, Reim und Regenbogen; Im Land der Fantasie; Ich und du und große Leute; Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann. Es handelt sich um Anthologien, die Gedichte ganz unterschiedlicher DichterInnen enthalten.

I. war erst einmal nicht besonders interessiert, weil es in dem Buch wenige Bilder gibt und keine spannende Geschichte. Aber als ich ihm einige Gedichte vorlas, von denen ich annahm, dass er sie lustig finden könnte, guckte er ganz erstaunt, lachte über die Wortspiele und wollte doch immer mehr hören. Ich glaube, mit diesem Gedicht hatte ich ihn:

(…) Es sitzen da an einem Tisch:
Herr Fischent und Frau Entenfisch,
Herr Hahnenhund, Frau Schnauzerhuhn,
Die wollen sich recht gemütlich tun,
Dazu kommt noch Frau Schlangenspatz,
Mit ihrem Freund Herrn Ratzenkatz
. (…)
(Heinrich Hoffmann)

Er hat sich über die ‚seltsame Kaffee-Gesellschaft‘ kringelig gelacht.
‚Die vier Jahreszeiten‘ von Mascha Kaleko, die ich schön finde, fand I. langweilig und unterbrach mich schon beim Frühling:

Mit duftenden Veilchen komm ich gezogen,
Auf holzbraunen Käfern komm ich gebrummt,
Mit singenden Schwalben komm ich geflogen,
Auf goldenen Bienen komm ich gesummt.
Jedermann fragt sich, wie das geschah:
Auf einmal bin ich da
.

Mehrmals hören wollte er:

Ich heiße Fritz,
unser Hund heißt Spitz,
Miezevater unser Kater.
Papa heißt Papa,
Mama heißt Mama;
meine Schwester heißt Ottilie:
das ist unsere ganze Familie.
Wir hätten noch gern eine Kuh und ein Pferd dazu
.
(Emil Weber)

Uns beiden gut gefallen und I. zum Lachen gebracht hat das ‚Mag-Lied‘:

Ich mag dich kreuz und quer
Ich mag dich hin und her
Ich mag dich sauber
Ich mag dich dreckig
Ich mag dich rund
Ich mag dich eckig
Ich mag dich wie du bist
Ich mag was in dir steckt
Du bist perfekt

Ich mag dich haargenau
Ich mag dich gelb und grau
Ich mag dich grün und blau
Ich mag dich pink
Ich mag dich ponk
Ich mag dich blubbs
Ich mag dich schwubbs
Ich mag dich bunt, kariert
gestreift, liniert, gescheckt
Du bist perfekt

(Andreas Remenyi)

Und besonders mochten wir ‚Küssen‘ von Paul Maar, dem Autor vom ‚Sams‘:

Jeder weiß, wie küssen geht,
jeder, wie ein Kuss entsteht:
Man macht die Lippen spitz und rund
und küsst sich einfach auf den Mund.

Mancher Kuss ist schmatzig laut,
mancher dauert ziemlich lange,
mancher Kuss ist wie ein Hauch,
landet sanft auf Omas Wange
oder auch auf Babys Bauch.

Wenn du denkst, nur Menschen küssen,
liebes Kind, da täuscht du dich.
Nicht nur Zoobesucher wissen:
Auch Schimpansen küssen sich.

Gibt es das auch für Jungs?

„Dupps hat Lust auf einen Happs! Sie frisst sich durch die Post, knabbert am Sofa und nascht an der Lampe. Doch dann fällt ihr Blick auf Tuffels Po. Zubeißen oder nicht?“
Das Bilderbuch ‚Dupps macht Haps‘ von Polly Dunbar (http://www.carlsen.de/hardcover/dupps-macht-happs/21049) über das Krokodil mit dem Beißdrang will das Kind immer wieder hören und ich lese es gerne vor. Mir fiel auf, dass ich immer wieder „ER frisst sich durch die Post… Doch dann fällt SEIN Blick auf Tuffels Po…“ lese. Auch andere Vorleser_innen machen immer wieder denselben Fehler und merken es gar nicht.
Vielleicht liegt es daran, dass es eher unüblich ist, dass im Bilderbuch ein beißwütiges Krokodil weiblich ist. Wenn in Bilderbüchern Tiere anthropomorph dargestellt werden, dann sind Tiger, Haie, Krokodile meist die Jungen. Es gibt sicher viele Gegenbeispiele und ich kenne dazu keine Forschung. Aber dieser Versprecher unterschiedlicher Vorleser_innen scheint mir kein Zufall zu sein. Ich habe auch noch nie ein Mädchenshirt mit einem Krokodil gesehen. Die gefährlichen Tiere mit den scharfen Zähnen finden sich allesamt in der Jungenabteilung. Dinos, Tiger, Haie, Piranhas sind besonders beliebt. Hasen, Mäuse, Pferde und Katzen sind ab allerspätestens Größe 92 den Mädchen vorbehalten.
Von Schmetterlingen, Blumen, Feen, Elfen, Prinzessinen, Cupcakes auf der einen und Flugzeugen, Autos, Baggern, Schraubenziehern, Piraten, Monstern, Drachen und Robotern auf der anderen Seite ganz zu schweigen. Bei den (Baby-) Jungs überwiegen die Wörter/ Ausdrücke ‚adventure‘, ‚worker‘, ‚builder‘, ’strong‘, ‚boys at work‘, ‚wild‘, ‚Monster‘ und ‚Rabauke‘. Auf Mädchenbäuchen ist zu lesen: ‚peace‘, ‚flower‘, ’sweet‘, ‚dream‘, ‚princess‘, ‚beauty‘.
(Oder auch bei Otto: ‚In Mathe bin ich Deko.‘)
Ich mag rosa. Und ich mag blau. Finde ich persönlich viel schöner als oliv oder beige. Meiner Meinung nach sind nicht die Farben, sondern eher diese Aufdrucke und Motive das Problem. Schon den Allerkleinsten werden damit Rollenklischees übergestülpt. Jungs lernen füh, dass Schmetterlinge und Pferde Mädchensache sind und Mädchen lernen früh, dass Dinosaurier und Piraten Jungsthemen sind. Schade. Wenn ich jetzt noch anfange, über die Spielwarenindustrie und die Spielzeugwerbung zu schreiben, wird der Post zu lang. Aber es ist schon erstaunlich, wie wenige kleine Jungen mit Puppenbuggys zu sehen sind, auch im Kölner Süden. Und wieviele kleine Jungs auf dem Spielplatz die Buggys der Mädchen ausleihen/wegnehmen. Und wie oft ich schon auf dem Spielplatz Gespräche a la „er schiebt so gerne Puppenwagen, aber sein Papa will nicht, dass er einen kriegt‘ belauscht habe (ja, im Kölner Süden). Puppenküchen zumindest haben viele Jungen. Aber Babypuppen samt Zubehör, geschweige denn Puppenhäuser oder Biegepuppen – eher nicht (so mein Eindruck). Und wenn ein Junge eine Puppe hat, dann ist es meist ein Puppenjunge. Dass ein Puppenpapa seinem Puppenmädchen die langen Haare kämmt, ist… unüblich. Aber dass die Puppenmama ihren Puppenjungen wickelt – klar, doch.
Ebenso frage ich mich, warum der Carlsen-Verlag es für nötig befunden hat, ein Conni-Äquivalent für Jungen zu enwickeln. http://www.carlsen.de/max „Das starke Buchprogramm für Jungs! Von den kleinen Vorlese-Fans ab 3 Jahren bis zu den Lese-Helden ab 7! Jungen ticken einfach anders als Mädchen. Für ihre individuelle Entwicklung brauchen sie männliche Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Vorbilder für den Alltag, die mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben wie sie selbst.“ Aha. Ich wüsste jetzt nicht, warum sich ein Junge nicht damit identifizieren können sollte, wie Conni das Seepferdchen macht, zur Musikschule geht, einen Bruder bekommt, in den Urlaub fährt und eingeschult wird. Warum er für dieselben Sachgeschichten einen Max brauchen sollte. Schließlich geht es bei Conni ja nicht darum, wie sie ihre Tage kriegt, sondern z.B. darum, wie sie mit ihrer Familie umzieht. Ziehen Jungs anders um als Mädchen oder was? Also mein Sohn identifiziert sich so sehr mit Conni, dass ich sie bald nicht mehr sehen kann. (Vielleicht gebe ich meine Weigerung, diese Max-Bücher zu kaufen, doch mal zwecks Abwechslung auf.) Ernsthaft: Als wären Jungen nicht in der Lage, sich mit Mädchen zu identifizieren und umgekehrt.
Manchmal habe ich den Eindruck, bald wird es keine Kinderbuchabteilung mehr geben, sondern wie bei den Klamotten eine Jungenbuch- und Mädchenbuchabteilung. Gruselige Vorstellung. Das Kinderüberraschungsei gibt es ja auch schon in zwei Ausführungen. Alles gibt es jeweils ‚für kleine Räuber/Helden‘ und ‚für Prinzessinen‘, seien es Babyrasseln, Cornflakes oder Schränke.
Die extreme Aufteilung in Mädchen- und Jungenkosmos erstreckt sich sogar auf Kleinkindfreundschaften. Wenn Mädchen&Mädchen/Junge&Junge gemeinsam buddeln, heißt es: „Wie schön die besten Freunde spielen“. Wenn Junge&Mädchen gemeinsam buddeln: „Ui, was für ein süßes Paar. Die beiden flirten schon wieder“. Ich finde diese Kommentare mittlerweile einfach nur zum Kotzen.
Genauso wie ich es nicht fassen kann, wie oft ich in 3 Jahren auf Spielplätzen und Krabbelgruppen schon gehört habe: „Jungs sind eben wilder.“, „Typisch Jungs und Technik“ (meist bezogen auf Babys, die Mamas Handy haben wollen) und so weiter und so fort.
Die Mehrheit scheint fest an ‚Typisch Mädchen‘ und ‚Typisch Junge‘ und angeborene Charaktermerkmale abhängig vom Geschlecht zu glauben.
Ich glaube an angeborene Charaktermerkmale unabhängig vom Geschlecht. Die einen Kinder sind eher wild und laut, die anderen eher ruhig und schüchtern. Manche sind musisch begabt, andere eher handwerklich. Das hat herzlich wenig mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit Temperament und Neigungen. Die einen passen eben mit ihrem Wesen in die Norm, die anderen nicht.
Wenn es heißt, dass der Deutschunterricht den Jungen nicht gerecht wird, weil das Lesen lernen zu wenig anhand von Abenteuergeschichten und ‚jungsspezifischen Themen‘ geschieht, dann würde ich es anders formulieren: Der Deutschunterricht wird den Kindern
nicht gerecht, die gerne Abenteuergeschichten, Fußball oder Piraten mögen. Eine größere Bandbreite an Unterrichtsmaterialien, die Kindern mit unterschiedlichen Interessen gerecht wird, muss her.
Wenn der Einwand lautet, dass Kinder mit Abenteuer-/Piraten-/Drachenvorlieben in der Mehrzahl Jungs sind, dann sage ich: Das liegt nicht an den Jungsgenen, sondern an der Sozialisation, die sie bis zum Lesealter bereits durchlaufen sind.
Hier würde ich wieder bei den Dinopullis und männlichen Krokodilen ankommen und mich im Kreis drehen.
Kinder sind in erster Linie Kinder und erst in zweiter Linie Junge oder Mädchen.
Die schwedische Kita Egalia sehe ich trotzdem kritisch, ebenso wie radikale Versuche einer geschlechtsneutralen Erziehung, bei der das Umfeld des Kindes sein Geschlecht nicht erfahren soll. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gut fürs Kind ist, im Gegenteil.
Ich wünsche mir einfach, dass Jungen nicht als unjungenhaft bezeichnet werden, wenn sie an Karneval als schöner Prinz gehen, statt als gefährlicher Pirat und dass Mädchen nicht als unmädchenhaft gelten, wenn sie als Baumeisterin gehen. Ich wünsche mir, dass Kinder ihre Persönlichkeit entfalten können, ohne Angst haben zu müssen, kein richtiger Junge oder kein richtiges Mädchen zu sein.
In der Praxis ist das nicht immer einfach. Mir ist wichtig, dass mein Kind seine Persönlichkeit unabhängig von Geschlechternormen entfalten kann, aber ich habe auch das Bedürfnis ihn davor zu schützen, dass er geärgert oder ausgelacht wird. Dieser Balanceakt ist Thema für einen seperaten Post. Es ließe sich noch viel schreiben. Die Kinder, die heute mit diesen (oft subtilen) Geschlechterstereotypen aufwachsen, werden die Väter, Mütter, Chefinnen, Chefs und Politiker_innen von morgen sein.

Siri Hustvedt – The sorrows of an American

Eine lange Krankheit führt zu einem traumähnlichen Zustand, in dem Phantasien und Erinnerungen am Kranken vorüberziehen, heißt es in Schlinks „Der Vorleser“.
Siri Hustvedt beschreibt in ihrem Roman „The sorrows of an American“ (2008) auch solch einen Zustand, aber der Protagonist Eric ist nicht krank, sondern trauert.
Im ersten Jahr nach dem Tod seines Vaters fühlt sich der New Yorker Psychoanalytiker noch einsamer, als er es nach der Trennung von seiner Frau eh schon war. Nur zu seiner Schwester, der Schriftstellerin und Philosophin Inga und ihrer Teenie-Tochter Sonia hat er eine innige Beziehung. Als Eric die Memoiren und Briefe seines norwegischen Vaters liest, entdeckt er einen geheimnisvollen Brief, aus dem hervorgeht, dass dieser in einen Todesfall verwickelt war. Inga und Eric schließen sich zusammen, um der Sache auf die Spur zu kommen und befragen Verwandte. Eric geht die Tagebücher seines Vaters auf der Suche nach einem Schlüssel durch und Hustvedt lässt den Leser daran teilhaben: Ein Handlungsstrang des Romans besteht aus Tagebuchpassagen, die übrigens original von Hustvedts verstorbenem Vater stammen.
Eric beschäftigt aber auch die Jamaikanerin Miranda, die mit ihrer kleinen Tocher Eglantine in sein Haus gezogen ist. Er verliebt sich in die schöne und unnahbare Illustratorin und freundet sich mit der quirligen Eggie an. Umso mehr trifft ihn, dass anscheinend jemand die beiden stalkt.
Außerdem wird Inga von einer Journalistin verfolgt, die auf ein Geheimnis aus dem Leben ihres verstorbenen Mannes, des berühmten Schriftstellers Max, aus ist.

„The sorrows of an American“ ist ein leiser Roman. Er ist aus der sehr bewussten, reflektierten und unaufgeregten Perspektive des Psychoanalytikers Erik geschrieben. Berufsbedingt ist dieser zu tiefer Introspektion fähig und das hat auf die Leserin/ den Leser eine interessante Wirkung: Obwohl hier aus Ich-Perspektive erzählt wird, hatte ich immer den Eindruck, eine Geschichte in dritter Person zu lesen. So ist der Erzählstil eine gelungene Mischung aus Einfühlung und distanzierter Beobachtung.
Aber auch Eriks Introspektion ist nicht allumfassend und für die Leser bleibt noch genug zwischen den Zeilen herauszulesen. Als er in den Memoiren seines Vaters die Stelle liest, an der dieser den viel zu netten und großzügigen Großvater beschreibt, denkt Eric darüber nach, dass der Vater sich nicht bewusst war, dass er eigentlich sich selbst beschrieben hat. Ich dachte als Leserin, dass Eric sich aber auch nicht bewusst war, dass er eine Beschreibung von sich selbst las. Für mich war das eine der berührendsten Stellen im Roman.
Nebenbei fand ich die Details aus Erics Arbeitsalltag interessant. Beispielsweise werden die Mechanismen von Übertragung und vor allem Gegenübertragung sehr anschaulich dargestellt. Die Beschreibungen der Sessions mit Erics Patienten nehmen einen recht großen Platz im Roman ein. Durch sein Bewusstsein für die bei ihm durch Patienten ausgelösten Emotionen (Gegenübertragung) durchzieht den Roman die Erkenntnis: Der Übergang von psychischer Gesundheit zu psychischer Krankheit ist fließend und wir alle sind mehr oder weniger gestört. In „The sorrows of an American“ hat jede Figur ihre Gespenster und Geister unterm Bett. Das gefiel mir.
Es war spürbar, dass Siri Hustvedt sich sehr umfassend mit Psychologie, Psychotherapie und Neurologie beschäftigt hat; wie auch schon in „Was ich liebte“ nehmen diese Themen einen großen Raum ein. Deshalb sollte man sich schon ein bisschen dafür interessieren, um den Roman zu mögen.
Auch wenn man eher klassischen Spannungsaufbau mag, wird man sich vielleicht mit „The sorrows of an American“ schwertun. Die Geschichte fließt ruhig und unaufgeregt dahin und doch fand ich sie unheimlich spannend, denn es gibt immer wieder Momente, die auf einen Höhepunkt hindeuten könnten. Kleine unheimliche Momente. Wenn dieser immer wieder ausbleibt, wird die Atmosphäre umso gespannter.
So ging es mir beim Lesen ständig. Es war als würden sich immer mehr dunkle Wolken ballen und doch ging das Gewitter an mir vorüber.
Zudem hatte ich „Was ich liebte“ im Kopf. Da plätscherte die Handlung dahin, die Protagonisten wurden zu immer besseren Bekannten und als man es am wenigsten erwartete, schlug das Schicksal b.z.w. die Schriftstellerin zu. So war ich auch hier beim Lesen ständig auf der Hut. Als sich alle Wolken aufgelöst hatten und ich mich entspannte, gab es doch noch einen überraschenden Knall. Aber hier war die Autorin doch gnädiger als bei „Was ich liebte“. Das fand ich richtig und passend. Das Buch handelt schließlich von einem besonderem Jahr, das von Eric und Inga rückblickend „a year full of secrets“ genannt wird. Das Jahr ging vorüber, auch wenn es Spuren hinterlassen hatte und ihr Alltag normalisierte sich langsam,aber sicher – wie nach einer langen Krankheit.

Ich kann „The sorrows of an American“ sehr empfehlen, auch wenn ich „Was ich liebte“ noch viel spannender und gewaltiger fand.
Aber dieser Roman hat seine eigenen Stärken. Eine, die ich noch nicht erwähnt habe, ist die innige Geschwisterbeziehung zwischen Inga und Eric, die ihnen Trost spendet und Halt gibt. Auch ich als Leserin fühlte mich bei den unheimlicheren Passagen irgendwie davon beruhigt.
Wenn Inga und Erik sich etwas wehmütig an die Spiele aus ihrer Kindheit erinnerten, z.B. an den Ritter, der die Prinzessin befreit, musste ich immer wieder an Ingeborg Bachmanns wunderschönes Gedicht „das Spiel ist aus“ denken. Jetzt habe ich dazu endlich die passende Geschichte im Kopf.


Mein lieber Bruder, wann bauen wir uns ein Floß
und fahren den Himmel hinunter?
Mein lieber Bruder; bald ist die Fracht zu groß
und wir gehen unter

Mein lieber Bruder; wir zeichnen aufs Papier,
viele Länder und Schienen.
Gib acht, vor den schwarzen Linien hier
fliegst du hoch mit den Minen.

Mein lieber Bruder, dann will ich an den Pfahl
gebunden sein und schreien.
Doch du reitest schon aus dem Totental
und wir fliehen zu zweien.

Wach im Zigeunerlager und wach im Wüstenzelt,
es rinnt uns der Sand aus den Haaren,
dein und mein Alter und das Alter der Welt
mißt man nicht mit den Jahren.

Laß dich von listigen Raben, von klebriger Spinnenhand
und der Feder im Strauch nicht betrügen,
iß und trink auch nicht im Schlaraffenland,
es schäumt Schein in den Pfannen und Krügen.

Nur wer an der goldenen Brücke für die Karfunkelfee
das Wort noch weiß, hat gewonnen.
Ich muß dir Sagen, es ist mit dem letzten Schnee
im Garten zerronnen.

Von vielen, vielen Steinen sind unsre Füße so wund.
Einer heilt. Mit dem wollen wir springen,
bis der Kinderkönig, mit dem Schlüssel zu seinem Reich im
Mund,
uns holt, und wir werden Singen:

Es ist eine schöne Zeit, wenn der Dattelkern keimt!
Jeder, der fällt, hat Flügel.
Roter Fingerhut ist’s, der den Armen das Leichentuch
säumt,
und dein Herzblatt sinkt auf mein Siegel.

Wir müssen schlafen gehn, Liebster, das Spiel ist aus.
Auf Zehenspitzen. Die weißen Hemden bauschen.
Vater und Mutter sagen, es geistert im Haus,
wenn wir den Atem tauschen.