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Jungsmama!?

Ich bin eine Jungsmama. Denn ich habe zwei Jungen. I. hat vor 2 Monaten einen kleinen Bruder bekommen!
Soweit so logisch. Soweit so gut.
Aber ich mag diesen Begriff nicht: „Jungsmama“. Und den Begriff „Mädchenmama“ mag ich genauso wenig. Denn sie stehen normalerweise für mehr, als dass man zwei Kinder desselben Geschlechts hat.
#jungsmama
#mädchenmama
„Ich bin eine Jungsmama“ – heißt das, ich kenne mich mit Star Wars, Dinos und Baggern aus? Ist es bei uns zuhause lauter, wilder, rabiater, dreckiger?
„Sie ist eine Mädchenmama“ – also ist sie Expertin für Feen, Glitzer und Nagellack, fürs Basteln, Malen und Zickereien?
Ist es wirklich so einfach?
Jungen können so unterschiedlich sein – die einen wilder und die einen zarter. Und dann hat auch noch jeder Junge wilde und zarte Seiten.
Und jetzt lies nochmal diese Zeile und setze „Mädchen“ für „Junge“ ein.

Als ich schwanger mit dem zweiten Jungen war, meinte ein befreundeter Vater: „Oha, zwei Jungs! Da wird es hoch hergehen bei euch!“ Lustig finde ich, dass dieser Vater 3 äußerst energiegeladene Töchter hat.
Ein anderer Vater meinte: „Zwei Jungs! Eine Fußballmannschaft!“ Gerade war Frauen-WM.
Eine Bekannte fand (als es noch nicht klar war, ob es ein Mädchen oder Junge ist): „Wenn es ein Mädchen wird, wird I. ein richtiger großer Bruder, der sein Schwesterchen beschützt, schööön! Und wenn es ein Junge wird, dann kriegt er einen Spielkameraden, das ist auch sehr schön!“
Muss man ein Schwesterchen mehr beschützen als ein Brüderchen?
Und kann ein Junge mit einem anderen Jungen besser spielen? (Diese Vorstellung vom Spielkameraden ist sehr weit verbreitet.)

Wenn man noch einen Jungen oder noch ein Mädchen bekommt, wird man besonders stark mit den herrschenden Geschlechterrollen konfrontiert.
Damit, was es heißt, in unserer Gesellschaft, ein Junge oder ein Mädchen zu sein.
2kindchaos hat sehr beeindruckend darüber gebloggt, wie es war, als sie mit dem zweiten Mädchen schwanger war: „Ach, Sie bekommen noch ein Mädchen? Mein Beileid.“
(http://www.2kindchaos.com/blog/entry/gesellschaft/2015/06/15/ach-sie-bekommen-noch-ein-maedchen-mein-beileid)

Wir haben alle unsere Vorstellungen und Bilder im Kopf. Ich auch. Das ist ok. Aber ich finde es wichtig, sie zu reflektieren. Zum Beispiel stelle ich mir vor, wie ich mit meiner Tochter im Teenageralter shoppen gehen würde und dann würden wir uns mit unseren Einkäufen in ein Cafe setzen und ganz lange von Frau zu Frau reden.
Das ist eine schöne Vorstellung. Aber wer weiß, ob meine fiktive Tochter nicht lieber mit ihren Freundinnen shoppen gehen würde?
Ebenso wie I. oder M. mal Spaß daran haben könnten, mit mir in die Stadt und ins Cafe zu gehen. Oder auch nicht.
Ja, ich würde so gern all die süßen Kleidchen und Spängchen kaufen. Das könnte ich die ersten 2, 3 Jahre exzessiv machen, wenn ich eine Tochter hätte. Aber dann würde sie sowieso ihren eigenen Geschmack entwickeln und vielleicht keine Kleidchen und Spängchen mögen.
Ein Bekannter, der zwei Mädchen hat, stellt sich oft vor, wie es wäre, noch einen Jungen zu haben, mit dem er seine Leidenschaft für Fußball teilen könnte. Aber ich weiß nicht, ob er schon probiert hat, seine Töchter für Fußball zu begeistern. Ich glaube, nicht. Vielleicht würden sie es mögen, vielleicht auch nicht. Vielleicht würde nur eine Tochter Feuer fangen. Bei einem Jungen wüsste er es auch nicht.
Wenn man feste Vorstellungen hat, die man nicht hinterfragt, kann man leicht enttäuscht werden.
Es kann ja außerdem sein, dass aus einem Sohn irgendwann eine Tochter wird oder andersherum – wenn ein Mensch transsexuell ist. Die Persönlichkeit, das Wesen, bleibt aber bestehen. Ein Mann kann zu einer Frau werden, eine Geschlechtsumwandlung machen lassen, sich umbenennen – und bleibt doch derselbe Mensch.
(Ich empfehle den wunderbaren Film „Laurence anyways“ von Xavier Dolan.)

Kinder sind in erster Linie einzigartige Persönlichkeiten.
Naomi Aldort leitet ihr Buch „Von der Erziehung zur Einfühlung“ mit folgendem Zitat ein:

„Nichts, was aus dir wird, kann mich enttäuschen. Ich habe keine vorgefasste Meinung, was du sein oder tun sollst. Ich habe keinerlei Wunsch, dich vorherzusehen, nur den, dich zu entdecken. Du kannst mich nicht enttäuschen.“
– Mary Haskell

Lassen wir uns überraschen von unseren Mädchen und Jungen, von unseren Kindern.

Vielen, vielen Dank, Mama!

Ich lese gerade Alfie Kohns „Liebe und Eigenständigkeit“ und Naomi Aldorts „Von der Erziehung zur Einfühlung“.
Das heißt, ich habe den Kohn fast fertig gelesen, Aldorts Buch gekauft, reingelesen (es hat mich direkt begeistert!), dann aber beiseite gelegt, um Kohn fertig zu lesen.
(Ich nehme mir immer wieder vor – ich glaube, seit ich lesen kann – erst ein anderes Buch anzufangen, wenn ich das eine ausgelesen habe, aber na ja… )
Wenn ich beide dann gelesen habe, werde ich berichten.
Aber von einer Sache, die mich beeindruckt hat, möchte ich schonmal erzählen.
Ich habe mich beim Lesen sehr in meinem „Erziehungsstil“ und in meiner Intuition bestätigt gefühlt. Beispielsweise habe ich schon oft zu hören bekommen, dass ich zu viel mit I. diskutiere. Ich fühle mich aber nicht wohl mit „Weil ich es sage“ und „Weil ich deine Mutter bin“. Wenn ich Kohn und Aldort lese, werde ich direkt gelassener und entspannter I. gegenüber, weil ich das Gefühl habe, dass ich es richtig mache. Ich fühle mich dabei ermutigt, auf meine Art mit I. umzugehen, aber auch weiter zu gehen als bisher und einige Gewohnheiten zu überdenken.
Zum Beispiel das Danke und Bitte sagen.
Ich erinnere mich, dass ich als Kind sehr dazu gedrängt wurde und dass das sehr unangenehm war.
Und dennoch ist es leider so, dass auch ich I. (wird im Oktober 6) damit in den Ohren liege. Ich flöte zwar nicht für alle hörbar: Wieeee sagt man!?, ich schimpfe nicht, ich zwinge ihn nicht, aber dennoch: Ich flüstere (in einem netten, nicht mahnenden Tonfall, aber -ja- dennoch): „Hast du Danke gesagt?“ oder „Sag mal Danke!“, wenn I. eine Wurst beim Metzger kriegt/ Gummibärchen in der Apotheke/ ein Geschenk von den Großeltern.
Ich bin immer wieder genervt, weil er ohne Erinnerung meinerseits einfach nicht „Danke“ sagt.
Ich finde, dass das Bedanken keine leere Höflichkeitsfloskel ist, sondern für eine Geste, mir der man ausdrückt, dass man die Bemühungen des Gegenübers wertschätzt. Das habe ich I. schon mehrmals erklärt und trotzdem denkt er zu selten daran.
Mir scheint, besonders selten, wenn ich ihm etwas schenke. Auch wenn er sich offensichtlich freut. Auch in dem Fall sage ich (und komme mir dabei blöd vor, aber mache es trotzdem): „Und was kann man sagen?“
Auch „sag mal Entschuldigung“ oder „du musst dich jetzt entschuldigen“ höre ich mich viel zu oft sagen. Auch wenn ich schon lange denke, dass es nicht richtig ist, zum Entschuldigen zu drängen.
Vom Zauberwort habe ich auch schon oft gefaselt, auch wenn I. schon als Dreijähriger feststellte: „Bitte ist kein Zauberwort. Ein Wort, das eine Kerze in einen Wal verwandeln würde, das wäre ein Zauberwort.“

Kohn hat mich dazu gebracht, diese ganze Bitte-Danke-Tschuldigung-Sache zu reflektieren und zu hinterfragen. Ich beschloss, komplett darauf zu verzichten, diese Wörter einzufordern. Im Nachhinein die Situation besprechen – ja, je nachdem. Aber nicht mehr dieses: „Was könnte man sagen…?“ nachdem er ein Geschenk ausgepackt hat.

Nun brachte ich I. letztes Wochenende zwei Barbies von den Hofflohmärkten (coole Sache!) mit. Einen Ken, der sowohl wie ein Prinz, als auch wie ein Superman aussieht und eine Fee. I. hat sich Barbies sehr gewünscht und hat sich irre gefreut. Das war nicht zu übersehen. Bedankt hat er sich trotzdem nicht, aber ich hielt mich zurück und sagte nichts.
Abends vorm Einschlafen dann: „Vielen, vielen Dank für die Barbies, Mama!“
Das sagte er so andächtig, so zärtlich, so leidenschaftlich,
Noch nie hatte er sich SO aufrichtig und herzlich für etwas bedankt.
Und am nächsten Morgen, er wachte auf und – bedankte sich nochmal!
„Mama, vielen, vielen Dank, dass Du mir die Barbies mitgebracht hast. Ich habe mich sooo gefreut!“

Sein Dank kam vom Herzen.
Es war wie ein Geschenk für mich.
Ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg bin und ich spürte, wie sinnlos es ist, auf das Aussprechen der „Zauberwörter“ zu bestehen. Man kann darüber sprechen, dass Menschen sich darüber freuen und sich wertgeschätzt fühlen, wenn man sich bei ihnen bedankt, ja. Aber man muss nicht drängen.
Letztlich glaube ich, dass I. oft so überwältigt ist, wenn er sich freut – so sehr mit Freuen beschäftigt ist – dass er in dem Moment einfach nicht daran denkt, sich zu bedanken. Bei mir kann er es auch später machen, so wie er sich für die Barbies bedankt hat. Bei Fremden, die er eher nicht wiedersehen wird, ist das schwieriger. Aber das ist nicht schlimm.

Pinkt stinkt nicht.

Heute morgen war ich bei einem Kinderflohmarkt, wo ich folgendes Gespräch miterlebte:
Kundin (hatte gerade Autobettwäsche bezahlt): „Toll, vielen Dank! Sonst müsste er noch in Prinzessin Lillifee-Bettwäsche der Großen schlafen.“
Verkäuferin: „Um Gottes willen!!! DER ARME! Nein, auch wenn wir hier in Köln sind, sowas muss man ja nicht forcieren. Wenn’s von selber kommt, ok. Aber man muss es nicht forcieren.“
Ich dachte, mir fallen gleich die Ohren ab. Dieser Jungssachen vs Mädchensachen Unsinn, den hört man ja leider täglich. Ich kann es nicht mehr hören. Aber die Aussage dieser Mutter implizierte ja noch viel mehr. Auch schon oft gehört, aber es machte mich wieder so, so wütend. Die Homophobie dahinter. Als wäre Homosexualität („…auch wenn wir hier in Köln sind“) etwas Unerwünschtes. Nach dem Motto: Wenn’s so ist, ist es eben so, aber wenn es sich vermeiden lässt… Als ließe es sich vermeiden. Als ließe sich die sexuelle Orientierung unserer Kinder beeinflussen. Und schließlich: Als hätte das Schlafen in Lillifee-Bettwäsche, tragen von/ spielen mit „Mädchensachen“ IRGENDWAS damit zu tun.
Mich kotzt das alles so an. Ich lebe noch nicht mal auf dem Land. Der Kindergarten, in dem der Flohmarkt stattfand, ist in der Kölner Südstadt!
Das Gespräch ging noch weiter: Die Kundin erzählte: „Boah, mein Sohn will total oft Sachen von seiner großen Schwester anziehen. Wie er zuhause manchmal rumläuft, schrecklich!!“
Ich konnte das Ganze nicht unkommentiert lassen, habe aber leider nur gesagt: „Also mein Sohn liebt rosa und ich finde es schön. Ich bin gerade sehr froh, einen Pulli mit rosa für ihn gefunden zu haben.“ Worauf beide Frauen mich kurz irritiert anschauten, dann wendeten sie sich ab und die Verkäuferin sagte zur Kundin: „Bei uns ist es genau andersrum. Meine Tochter ist so burschikos, immer will sie nur Hosen tragen, ich würde ihr doch so gerne mal ihre hübschen Kleidchen anziehen, sie hübsch machen… sie sagt, warum muss mein Bruder denn keine Kleider tragen und ich sage: Er ist ja auch ein Junge….“
Ich ging weiter.
Ich freute mich über meine Schnäppchen, den rosa-grau-blau geringelten Pulli und das grüne Poloshirt mit der rosa Aufschrift für meinen Sohn. Ich wusste, ich hatte I.s Geschmack getroffen. (Ich bin immer auf der Suche nach „Jungs-Sachen“ in/mit seinen Lieblingsfarben pink, rosa oder lila. Ich meine diese Anführungsstriche sehr, sehr dick, denn ich wünschte, es gäbe diese dumme Aufteilung in Jungs – und Mädchensachen nicht. Und I. mag auch gern Rüschen, Glitzer, alles aus der Mädchenabteilung. Aber in seinem Kindergarten weht der Wind jetzt rauher und traurigerweise kann bereits ein pinker Farbtupfer von den großen Jungs blöd kommentiert werden. Das macht I. was aus und er fühlt sich oft hin- und hergerissen zwischen seinem Geschmack und dem Wunsch, von den Größeren anerkannt zu werden. Wenn die Klamotte auch „Jungs“-Attribute aufweist, kann er seine Lieblingsfarben tragen, ohne das Risiko einzugehen, geärgert zu werden. Zu dem ganzen Thema habe ich vor langer Zeit bereits gebloggt, siehe „Der Junge mit den roten Fingernägeln, 1&2″)
Ich war also zufrieden mit meiner Flohmarktausbeute und I. freute sich tatsächlich sehr, als ich nach Hause kam.
Aber die Wut bleibt.
Die Wut auf die Homophobie und Heteronormativität, die einem im Alltag immer wieder auflauert. Die Wut darüber, dass es immer noch nicht selbstverständlich ist davon auszugehen, dass ein Kind später homo-, hetero-, oder bisexuell sein wird und alles völlig gleichwertig ist. (Die Heteronormativität und wie man damit als Eltern umgeht, ist ein Thema für einen ganzen Post…)
Die Wut auf diese verdammte Gesellschaft, in der Pink, rosa, Glitzer, Feen für Jungs immer noch ein Tabu sind.
Mein Sohn ist neidisch auf die Röckchen der Mädchen, die beim Drehen so schön schwingen und er ärgert sich mit mir darüber, dass Röcke und Kleider in unserer Gesellschaft den Mädchen vorbehalten sind. Er hatte mal ein Tutu fürs Tanzen, aber jetzt mit 5 trägt er es nicht mehr.
Er ist jetzt 5 1/2, cool sein ist wichtig. Gerade sind Superhelden und Star Wars besonders angesagt. Waffen, Laserschwerter, spektakuläre Kämpfe faszinieren ihn. Aber er hat sich auch noch seine Liebe für Filly-Pferde und Feen bewahrt, mit seinen Freundinnen spielt er stundenlang mit dem Filly-Schloss oder mit Barbies. Mit mir spielt er am liebsten Fillys oder Babypuppen. Dann ist er 4-facher, sehr treusorgender Papa und ich die Oma (von Lisabella, Lisa, Carlotta und Filippa). Er liebt seine pinke Haarbürste mit Glitzerkrone. Neben vielen Superhelden- Drachen- und Piratenshirts hat er wenigstens etwas rosa und pink in der Garderobe. Ich bin dankbar, dass er sich das alles trotz des rauhen Windes bewahren konnte.
Und ich bin sehr stolz auf ihn, weil er davon überzeugt ist, dass die Aufteilung in Jungs- und Mädchensachen Quatsch ist.
Letztens fragte er mich:
„Mama, was steht auf meiner Hose?“
– „Boys Wear, das heißt Jungenkleidung.“
„So ein Quatsch, es gibt doch nicht Hosen nur für Jungs oder nur für Mädchen! DAS HABEN DIE NUR GEMACHT, DAMIT MAN DIE HOSEN NICHT TEILT!“, entgegnete er empört. Und das mit dem Teilen – darauf ist er selber gekommen!! Über den kommerziellen Aspekt davon, dass es jeden Pups in zweifacher Ausführung gibt, haben wir nie gesprochen.

Wild sein, Piraten, Glitzer, gefährliche Monster, schöne Prinzen und Prinzessinnen, Kämpfen, Stark sein, Raubtiere, zart sein, sich schmücken und schminken, Superheldinnen und Superhelden, sich kümmern, Babypuppen versorgen, Roboter, Technik, Weltraum, Feen und Elfen, Drachen, Schwerter, Schmetterlinge.
Für alle!
Jeder und jede sollte sich aussuchen können, was sie/ ihn fasziniert und interessiert ganz ohne die Label „Für Jungen“ oder „Für Mädchen“.
Selbstverständlich dürfen sich Mädchen für die Puppen entscheiden und Jungs für die Autos. Aber auch andersherum. Und für Beides! Die meisten Kinder mögen nämlich eine breite Palette an Themen und Aktivitäten, je nach Alter, Phase und auch Typ/ Charakter in unterschiedlicher Gewichtung. Das hängt von vielen Faktoren ab, aber nicht vom Geschlecht. Die künstliche Einschränkung in „Für Jungs“ und „Für Mädchen“, die meines Erachtens immer weiter fortschreitet und nun auch auf Literatur, Sach- und Schulbücher übergeht, geht mit starker Normierung einher – sehr starren Vorstellungen davon, wie ein Junge oder ein Mädchen zu sein hat. Wer der Norm nicht entspricht, fällt auf. Das macht es Kindern schwerer, ihre ganze Persönlichkeit zu entfalten, ihre wilden und ihre zarten Seiten.

Pink stinkt nicht.
Pink ist für alle da.

Jungs sind einfach wilder.

Bei einem schönem Kindergeburtstag: Das Thema ‚Jungen und Mädchen sind ja sooo verschieden.“ kam irgendwie ständig auf. Ein Vater fand schade, dass er mit dem Kind nicht so viel Autos spielen kann, weil er ja ein Mädchen hat. Dann ging es darum, dass Jungen ja immer lieber mit Autos spielen und Mädchen lieber mit Puppen. Einer der Jungen habe zwar die neue Puppe seiner Schwester gefüttert, aber trotzdem. Ich warf ein, dass I. sehr gern mit Puppen spielt.
Ich hatte zuvor erzählt, dass ich als Kind ein richtiges Puppenkind war und immer noch Puppen und Zubehör liebe und keinen Hehl aus meiner Begeisterung für den Puppenwagen des Geburtstagskindes gemacht. Wahrscheinlich deswegen und weil I. gerade mit einem Bagger spielte, erntete ich etwas ungläubige Blicke. Ich hatte ein bisschen den Eindruck, dass man dachte, ich würde meine Puppenleidenschaft nur auf I. projizieren. (Dabei schläft der Süße gerade mit seinem Baby im Arm.)
Irgendwann im Laufe der Feier fiel natürlich der Klassiker ‚Jungen sind wilder‘.
Als die Mädchen später Puppen samt Puppenwagen holten und I. auch mitspielen wollte, schlichtete ein Vater den Streit um den Wagen und die Puppen so: „Und du I., kannst ja den großen Jungen spielen und mitlaufen und auf die Mädels aufpassen.“

Schon seltsam… Wenn es um Kleidung geht, kann ich es ja nachvollziehen, wenn man Bedenken hat, wenn das eigene Kind aus dem Rahmen fällt. Habe ich auch. (siehe Post: Gibt es das auch für Jungen? Teil 2.) Aber was Spielzeug betrifft – wir alle wollen doch, dass unsere Söhne zu liebevollen Vätern unserer Enkelkinder werden oder (um mal lieber keine Ansprüche zu stellen :) ) zu liebevollen Erwachsenen. Warum in aller Welt sollten Jungs dann keine Puppenpapas sein?

In der Uni: bei der ersten Seminarsitzung von „Mütter-Frauen-Töchter-Konstrukte der Weiblichkeit im Drama“ kam die Dozentin auf sex vs gender und Geschlechterstereotypen zu sprechen, gab gute Beispiele… Viele meldeten sich und meinten, es gäbe sehr wohl angeborene Unterschiede, begründet mit Argumenten wie: ‚Ich mag aber Glitzer und Rosa. es beruhigt mich irgendwie.‘ Und: ‚Ich habe drei Jungs und sie sind alle wilder als Mädchen.‘ Ich mag auch Glitzer und Rosa, aber nicht, weil ich eine Frau bin. Mein Junge ist nicht sehr wild. Einfach weil er vom Typ her ruhiger ist.

Übrigens hat I. letztens als wir bei der Musikgruppe die Stoppersocken vergessen hatten, aus dem Korb mit Ersatzsocken zielsicher die pinken Socken gegriffen.
Er durfte sich beim Geschenkekauf für das Geburtstagskind auch eine Kleinigkeit aussuchen und suchte sich rosa Schmetterlings-Elfen-Tattoos aus.
Ich kaufe Kleidung meist ohne I. und er besitzt keine pinken Stoppersocken. Denn wie die Meisten gucke ich gar nicht bei der Mädchenabteilung, wenn ich nach Klamotten für ihn suche. Ja, ich werde ihm nicht ‚Mädchensachen‘ aussuchen, solange er sie sich nicht wünscht.
Aber es ist schon erstaunlich, wieviel immer der ‚Biologie‘ zugeschrieben wird, obwohl wir für ein Kind von dem Moment an, an dem die Ärztin beim Ultraschall das Geschlecht erkennt, immer wieder eine Wahl treffen. Eltern, Freunde und Verwandte suchen Mädchensachen und Jungensachen aus.
Auch mein kleiner Puppenpapa hat fast nur Pullis mit Aufdrücken von Autos, Baggern, Wikingern, Piraten und Dinos. Die habe ich ihm gekauft oder er hat sie geschenkt bekommen. Noch sucht er sich manchmal pinke Socken und Elfentattoos aus, aber letztens schon sah er bei dm ein dunkelblaues Ringelshirt mit kleinen roten Herzchen: „Ist das ein Mädchenshirt, Mama?“ Sehr wahrscheinlich, dass er spätestens als Schulkind keine pinken Socken mehr aus dem Korb nehmen wird.
Aber wo ist da bitteschön die Biologie?

„Gibt es das auch für Jungen?“ Teil 2. Die Praxis.

Ich habe bis 2h Nachts bei towardthestars.com gesurft, einem wunderbaren Online-Shop für Kindersachen, die nicht den Geschlechterstereotypen entsprechen. Ich habe mir zu dem Thema noch viele Gedanken gemacht und festgestellt, dass ich unbewusst in meinem Post ‚3 Jahre, 5 Monate“ eher die ‚jungstypischen‘ Sachen als ‚Indiz‘ dafür, dass die Kleinkindphase vorbei ist, beschrieben habe. Dabei zeigt ja nicht nur die Dino- und (seufz)Schießleidenschaft, dass wir es mit keinem Kleinkind mehr zu tun zu haben. Ich hätte auch beschreiben können, wie süß, vernünftig und lieb das Kind mit Babys/Kleinkindern umgeht. Das ist ja mal ein klares Anzeichen dafür, dass er keines mehr ist. Oder dass er mittlerweile im Haushalt tatsächlich helfen kann, statt zusätzliche Arbeit zu machen. Wie geduldig er seiner Babypuppe ein Verbot erklärt. Aber anscheinend ist bei mir das Großwerden doch unbewusst stark mit ‚Junge werden‘ verknüpft. Gut, das kann auch daran liegen, dass diese Monster-Dino-scharfe Zähne-Peng -Leidenschaft tatsächlich NEU und ungewohnt ist. Genau dieses Gefühl, sich an die neue Altersphase erst gewöhnen zu müssen, wollte ich beschreiben. Wie auch immer – es ist eine spannende Phase und ich freue mich darüber, was Kind alles macht und spielt. Ich guckte dann noch ein bisschen im Internet nach Puppentragen und ging beseelt von den tollen Bildern und Ideen bei towardthestars ins Bett.
Am Morgen kämpfte das Kind mit seiner Strumpfhose. Ich tröstete: „Bald wird es endlich warm, dann braucht man keine Strumpfhosen. Wenn es richtig warm ist, darf man sogar kurze Hose tragen.“ Kind: „Ja, wenn es warm ist, kann ich auch Kleidchen tragen.“ Ich: „Ja, das stimmt. Kannst du machen. …Eigentlich tragen ja Mädchen Kleidchen. Aber wir können ja deine Freundin fragen, ob du eins ausleihen darfst. Nee, wenn du das möchtest, dann können wir mal gucken, ob wir für dich eins finden.“
Das ist das, was ich gesagt habe, aber ich dachte: „Hoffentlich vergisst er es wieder.“
Spielzeug und Bücher sind für mich kein Thema.
Aber mit Kleidung/Accesoires ist es nicht so einfach. Bisher hatte mein Sohn in dem Bereich noch keinen Herzenswunsch. Aber er hat schon oft Sachen erwähnt, wie das mit dem Kleid, bei denen ich mich frage, ob ich diese Wünsche erfüllt hätte, wenn er ein Mädchen wäre. Und wenn ich für ihn einkaufe und es die Shirts/Socken/Schuhe im Angebot einmal für Jungen und einmal für Mädchen gibt, wähle ich eigentlich immer die Jungssachen. Oft passt es, weil das Grün schöner ist, als das grelle Lila oder weil die Piraten-Regenjacke spannender ist als die Blümchenjacke. Aber manchmal gibt es ‚für die Jungs‘ nur Langweiliges, ‚für die Mädchen‘ hingegen z.B. Eulenprints und Kind mag Eulen. Trotzdem kaufe ich das Rüschen-Eulen-Shirt nicht. Und wenn ich mit Kind einkaufe, dann schlage ich ihm die ‚Mädchensachen‘ oft gar nicht erst vor.
Ein sehr häufiger Dialog zwischen uns: Er: „Ich will auch Ohrringe!“ Ich: „Ja, wenn du erwachsen bist, kannst du welche haben.“ Er: „Wenn ich erwachsen bin, will ich Ohrringe!“ Ich stand im Spielwarengeschäft schon oft vor so kindgerechten Aufkleberohrringen und ich denke, einem Mädchen hätte ich sie längst gekauft. Meinem Jungen habe ich sie nicht gekauft und gedacht: „Du hast eh kein Geld. Er braucht das nicht. Er hat eh genug Zeug.“ Was definitiv auch stimmt.
Aber bei anderen genauso unnötigen Sachen kann ich doch oft nicht widerstehen. Ausgerechnet bei Aufkleberohrringen und Kinderschmuck, ebenso wie bei einem rosa Rüschenshirt mit Igelprint, nach dem das Kind bei dm gefragt hat, war ich diszipliniert. Und wenn ich ehrlich bin – ich weiß, dass ich einem Mädchen schon längst lauter kindgerechten Schmuck und Spängchen gekauft hätte – schon weil ich solche Sachen als Kind liebte.
Ich bin mir dieser Diskrepanz bewusst und finde es eigentlich nicht richtig. Es ist nicht das, woran ich glaube. Ja, Herzenswünsche würde ich erfüllen, die gab es bisher im Bereich Kleidung/Schmuck noch nie und darüber bin ich froh. Nicht weil ich Angst hätte, mein Sohn wäre mit Spängchen und Kette kein richtiger Junge oder sonstwas, sondern weil es für mich eine Horrorvorstellung ist, dass andere Kinder mein Kind auslachen oder ärgern.
Ich bin in der Unterstufe heftig gemobbt worden. Ich hatte jeden Tag Angst, zur Schule zu gehen, Panik vor Gruppenarbeit und Klassenfahrt.Unter anderem über meine unmodische Kleidung wurde gespottet.
Mein Kind soll nie in diese schreckliche Situation kommen. Natürlich wünsche ich mir ebenso wenig, dass er zu einem Mobber oder zum angepassten Mitläufer wird.
Ich möchte ihm mitgeben, dass er zu sich stehen kann, auch wenn er Gegenwind bekommt, auch wenn er eine andere Meinung oder einen anderen Geschmack hat. (Das konnte ich damals nicht. Ich sagte zwar im Unterricht zu Themen unerschrocken meine Meinung, aber ich erinnere mich auch daran, wie ich verzweifelt vor den beliebten Mädchen stand und sagte: „Was kann ich tun, damit ihr mich mögt?“)
Dass Kinder lernen, zu denken und zu sagen: „Ihr habt Pech gehabt, wenn ihr mich nicht mögt.“ ist enorm wichtig. Aber ich finde es sehr problematisch, wenn Eltern nicht merken, dass ihr Kind, anders ist, als andere Kinder, dass es uncoole Kleidung trägt, nicht mitreden kann. Kinder wollen dazugehören. Bei allem Idealismus dürfen Eltern das nicht vergessen und sollten auch das Bedürfnis nach Angepasstheit bei ihrem Kind ernst nehmen.
So sehr ich mich über sexualisierende und/oder erwachsene Kindermode aufrege, leide ich auch direkt irgendwie, wenn ich eine 12-Jährige in kindlichem Pferdepulli /einen 12-jährigen mit Schnürschuhen sehe, die sich offensichtlich unwohl in ihrer Haut fühlen (ich spreche hier nicht von Kindern, die diese Sachen selbstbewusst gerne tragen) und verspüre das dringende Bedürfnis mit diesem Kind modische Kleidung shoppen zu gehen. Mit ihm fernzusehen und ihm coole Musik zu zeigen. Natürlich sind das nur meine eigenen Gefühle in dem Moment, ich kenne ja nicht die Hintergründe. Ich bin als ehemals gemobbtes Kind besonders sensibilisiert für sowas. Aber ich bin auch sensibilisiert für die ganze Ungleichbehandlung, die ich im Post Teil 1 geschildert habe. Wenn ich dafür kein Bewusstsein hätte, wenn es mir nicht ein superwichtiges Anliegen wäre, etwas woran ich fest glaube, dann würde ich vielleicht mein Kind mit den modischsten, coolsten, angesagten (und stereotypen) Sachen zuschütten. Ich habe erlebt, wie es sich anfühlt, wenn es heißt: „Du bist hässlich, was hast du denn an, ist das von der Altkleidersammlung.“
Ich kann Eltern, die nicht bereit sind, dem Wunsch ihres Kindes nach ‚unpassendem‘ entgegenzukommen und es mit ‚passenden‘ Markensachen zuschütten, damit es bloß nicht unbeliebt wird, sehr gut verstehen.

Es ist wohl für alle Eltern, die ihr Kind möglichst genderneutral erziehen wollen, ein Balanceakt. Letztlich beeinflussen die Eltern nur zu einem Teil (etwa 30%?) die Sozialisation ihrer Kinder und das ist auch ok so. Ich denke, ich mache schon vieles richtig, indem ich meinem Sohn zum Spielen und Lesen selbstverständlich‘beides‘ anbiete; ihm öfters sage, dass ihm ein Kleidungsstück gut steht; dass er schön ist; dass ich stolz auf ihn bin, wie er sich um das Baby im Cafe gekümmert hat. Aber ich stelle mir oft vor, dass er tatsächlich mal ein Kleid in den Kindergarten anziehen will und wie ich ihm das erlaube, aber Angst habe. Bei uns im Kindergarten ist eine tolle Atmosphäre. Einmal hat wohl ein Kind mein Kind wegen seiner Latzhose etwas aufgezogen, da meinte die Erzieherin direkt, dass die Latzhose eine super Arbeiterhose ist. Deshalb ist für mich folgende Vorstellung am Beängstigsten: Das Kind sucht sich für die Schule eine rosa Schultüte oder einen Feenranzen aus. Mit schlechtem Gewissen versuche ich ihn zu manipulieren, erfülle letzlich seinen Herzenswunsch und habe Alpträume von einem gemobbten Kind. Eigentlich ist das nicht so aktuell. Wenn er sich heute einen Ranzen aussuchen würde, würde er sich recht wahrscheinlich Baustelle oder Dinos aussuchen. Und es sind noch ein paar Jährchen bis dahin. Aber ich habe das Szenario oft im Kopf, weil ich das Gefühl habe, dieser Balanceakt wird immer schwieriger, je älter das Kind wird.

Umso wichtiger, jetzt das Puppenhausspiel zu genießen, bevor es ihm irgendwann zu peinlich wird und es aus dem Zimmer raus soll. Das mit den Klamotten, Schultüten und Ranzen wird sich schon zeigen. Ich bin mir meiner Ängste bewusst und mein Kind wird später wissen, was ihm wichtig ist und wofür er das Risiko eingehen will, ausgelacht zu werden und wofür nicht.

Gibt es das auch für Jungs?

„Dupps hat Lust auf einen Happs! Sie frisst sich durch die Post, knabbert am Sofa und nascht an der Lampe. Doch dann fällt ihr Blick auf Tuffels Po. Zubeißen oder nicht?“
Das Bilderbuch ‚Dupps macht Haps‘ von Polly Dunbar (http://www.carlsen.de/hardcover/dupps-macht-happs/21049) über das Krokodil mit dem Beißdrang will das Kind immer wieder hören und ich lese es gerne vor. Mir fiel auf, dass ich immer wieder „ER frisst sich durch die Post… Doch dann fällt SEIN Blick auf Tuffels Po…“ lese. Auch andere Vorleser_innen machen immer wieder denselben Fehler und merken es gar nicht.
Vielleicht liegt es daran, dass es eher unüblich ist, dass im Bilderbuch ein beißwütiges Krokodil weiblich ist. Wenn in Bilderbüchern Tiere anthropomorph dargestellt werden, dann sind Tiger, Haie, Krokodile meist die Jungen. Es gibt sicher viele Gegenbeispiele und ich kenne dazu keine Forschung. Aber dieser Versprecher unterschiedlicher Vorleser_innen scheint mir kein Zufall zu sein. Ich habe auch noch nie ein Mädchenshirt mit einem Krokodil gesehen. Die gefährlichen Tiere mit den scharfen Zähnen finden sich allesamt in der Jungenabteilung. Dinos, Tiger, Haie, Piranhas sind besonders beliebt. Hasen, Mäuse, Pferde und Katzen sind ab allerspätestens Größe 92 den Mädchen vorbehalten.
Von Schmetterlingen, Blumen, Feen, Elfen, Prinzessinen, Cupcakes auf der einen und Flugzeugen, Autos, Baggern, Schraubenziehern, Piraten, Monstern, Drachen und Robotern auf der anderen Seite ganz zu schweigen. Bei den (Baby-) Jungs überwiegen die Wörter/ Ausdrücke ‚adventure‘, ‚worker‘, ‚builder‘, ’strong‘, ‚boys at work‘, ‚wild‘, ‚Monster‘ und ‚Rabauke‘. Auf Mädchenbäuchen ist zu lesen: ‚peace‘, ‚flower‘, ’sweet‘, ‚dream‘, ‚princess‘, ‚beauty‘.
(Oder auch bei Otto: ‚In Mathe bin ich Deko.‘)
Ich mag rosa. Und ich mag blau. Finde ich persönlich viel schöner als oliv oder beige. Meiner Meinung nach sind nicht die Farben, sondern eher diese Aufdrucke und Motive das Problem. Schon den Allerkleinsten werden damit Rollenklischees übergestülpt. Jungs lernen füh, dass Schmetterlinge und Pferde Mädchensache sind und Mädchen lernen früh, dass Dinosaurier und Piraten Jungsthemen sind. Schade. Wenn ich jetzt noch anfange, über die Spielwarenindustrie und die Spielzeugwerbung zu schreiben, wird der Post zu lang. Aber es ist schon erstaunlich, wie wenige kleine Jungen mit Puppenbuggys zu sehen sind, auch im Kölner Süden. Und wieviele kleine Jungs auf dem Spielplatz die Buggys der Mädchen ausleihen/wegnehmen. Und wie oft ich schon auf dem Spielplatz Gespräche a la „er schiebt so gerne Puppenwagen, aber sein Papa will nicht, dass er einen kriegt‘ belauscht habe (ja, im Kölner Süden). Puppenküchen zumindest haben viele Jungen. Aber Babypuppen samt Zubehör, geschweige denn Puppenhäuser oder Biegepuppen – eher nicht (so mein Eindruck). Und wenn ein Junge eine Puppe hat, dann ist es meist ein Puppenjunge. Dass ein Puppenpapa seinem Puppenmädchen die langen Haare kämmt, ist… unüblich. Aber dass die Puppenmama ihren Puppenjungen wickelt – klar, doch.
Ebenso frage ich mich, warum der Carlsen-Verlag es für nötig befunden hat, ein Conni-Äquivalent für Jungen zu enwickeln. http://www.carlsen.de/max „Das starke Buchprogramm für Jungs! Von den kleinen Vorlese-Fans ab 3 Jahren bis zu den Lese-Helden ab 7! Jungen ticken einfach anders als Mädchen. Für ihre individuelle Entwicklung brauchen sie männliche Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Vorbilder für den Alltag, die mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben wie sie selbst.“ Aha. Ich wüsste jetzt nicht, warum sich ein Junge nicht damit identifizieren können sollte, wie Conni das Seepferdchen macht, zur Musikschule geht, einen Bruder bekommt, in den Urlaub fährt und eingeschult wird. Warum er für dieselben Sachgeschichten einen Max brauchen sollte. Schließlich geht es bei Conni ja nicht darum, wie sie ihre Tage kriegt, sondern z.B. darum, wie sie mit ihrer Familie umzieht. Ziehen Jungs anders um als Mädchen oder was? Also mein Sohn identifiziert sich so sehr mit Conni, dass ich sie bald nicht mehr sehen kann. (Vielleicht gebe ich meine Weigerung, diese Max-Bücher zu kaufen, doch mal zwecks Abwechslung auf.) Ernsthaft: Als wären Jungen nicht in der Lage, sich mit Mädchen zu identifizieren und umgekehrt.
Manchmal habe ich den Eindruck, bald wird es keine Kinderbuchabteilung mehr geben, sondern wie bei den Klamotten eine Jungenbuch- und Mädchenbuchabteilung. Gruselige Vorstellung. Das Kinderüberraschungsei gibt es ja auch schon in zwei Ausführungen. Alles gibt es jeweils ‚für kleine Räuber/Helden‘ und ‚für Prinzessinen‘, seien es Babyrasseln, Cornflakes oder Schränke.
Die extreme Aufteilung in Mädchen- und Jungenkosmos erstreckt sich sogar auf Kleinkindfreundschaften. Wenn Mädchen&Mädchen/Junge&Junge gemeinsam buddeln, heißt es: „Wie schön die besten Freunde spielen“. Wenn Junge&Mädchen gemeinsam buddeln: „Ui, was für ein süßes Paar. Die beiden flirten schon wieder“. Ich finde diese Kommentare mittlerweile einfach nur zum Kotzen.
Genauso wie ich es nicht fassen kann, wie oft ich in 3 Jahren auf Spielplätzen und Krabbelgruppen schon gehört habe: „Jungs sind eben wilder.“, „Typisch Jungs und Technik“ (meist bezogen auf Babys, die Mamas Handy haben wollen) und so weiter und so fort.
Die Mehrheit scheint fest an ‚Typisch Mädchen‘ und ‚Typisch Junge‘ und angeborene Charaktermerkmale abhängig vom Geschlecht zu glauben.
Ich glaube an angeborene Charaktermerkmale unabhängig vom Geschlecht. Die einen Kinder sind eher wild und laut, die anderen eher ruhig und schüchtern. Manche sind musisch begabt, andere eher handwerklich. Das hat herzlich wenig mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit Temperament und Neigungen. Die einen passen eben mit ihrem Wesen in die Norm, die anderen nicht.
Wenn es heißt, dass der Deutschunterricht den Jungen nicht gerecht wird, weil das Lesen lernen zu wenig anhand von Abenteuergeschichten und ‚jungsspezifischen Themen‘ geschieht, dann würde ich es anders formulieren: Der Deutschunterricht wird den Kindern
nicht gerecht, die gerne Abenteuergeschichten, Fußball oder Piraten mögen. Eine größere Bandbreite an Unterrichtsmaterialien, die Kindern mit unterschiedlichen Interessen gerecht wird, muss her.
Wenn der Einwand lautet, dass Kinder mit Abenteuer-/Piraten-/Drachenvorlieben in der Mehrzahl Jungs sind, dann sage ich: Das liegt nicht an den Jungsgenen, sondern an der Sozialisation, die sie bis zum Lesealter bereits durchlaufen sind.
Hier würde ich wieder bei den Dinopullis und männlichen Krokodilen ankommen und mich im Kreis drehen.
Kinder sind in erster Linie Kinder und erst in zweiter Linie Junge oder Mädchen.
Die schwedische Kita Egalia sehe ich trotzdem kritisch, ebenso wie radikale Versuche einer geschlechtsneutralen Erziehung, bei der das Umfeld des Kindes sein Geschlecht nicht erfahren soll. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gut fürs Kind ist, im Gegenteil.
Ich wünsche mir einfach, dass Jungen nicht als unjungenhaft bezeichnet werden, wenn sie an Karneval als schöner Prinz gehen, statt als gefährlicher Pirat und dass Mädchen nicht als unmädchenhaft gelten, wenn sie als Baumeisterin gehen. Ich wünsche mir, dass Kinder ihre Persönlichkeit entfalten können, ohne Angst haben zu müssen, kein richtiger Junge oder kein richtiges Mädchen zu sein.
In der Praxis ist das nicht immer einfach. Mir ist wichtig, dass mein Kind seine Persönlichkeit unabhängig von Geschlechternormen entfalten kann, aber ich habe auch das Bedürfnis ihn davor zu schützen, dass er geärgert oder ausgelacht wird. Dieser Balanceakt ist Thema für einen seperaten Post. Es ließe sich noch viel schreiben. Die Kinder, die heute mit diesen (oft subtilen) Geschlechterstereotypen aufwachsen, werden die Väter, Mütter, Chefinnen, Chefs und Politiker_innen von morgen sein.