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Frozen für alle! Über unsere Eiskönigin-Liebe und Merchandising

Viele Eltern gruselt es vor Merchandise-Produkten und sie versuchen, Kinderklamotten und -Sachen mit HeldInnen aus Filmen und Serien zu umgehen.
Mir geht es da anders, ich habe schon immer besonders gerne Fan-Artikel verschenkt, denn ich finde: Wenn jemand Fan von etwas ist, dann drückt er/ sie damit einen Teil seiner Persönlichkeit aus. Wenn jemand leidenschaftlich gern eine Band, eine Serie, die Heldin eines Films, eine Sängerin, einen Roman, eine Farbe, einen Stil… mag, dann steckt ein Teil seiner Seele darin… oder wird darin gespiegelt. Wenn ich einen Fan-Artikel verschenke, zeige ich damit dem Menschen, dass ich seine Interessen und Leidenschaften sehe und anerkenne und weiß, dass sie zu ihm gehören. Ich ermutige ihn, sich auszudrücken und seiner Umgebung den Stempel von dem, aufzudrücken, was ihm wichtig ist.
Insofern schenke ich Fan-Artikel besonders gerne Teenagern (z.B. Band-Shirt oder Poster), aber auch Erwachsenen (z.B. Tasse der Lieblingsserie) und Kindern.
Die Heldinnen und Helden unserer Kinder sagen so viel aus über ihre Träume und ihre oft (noch) versteckten Seiten. Deswegen würde ich sie nie als Konsummist abtun, sondern nachfragen und zuhören. Es kommen interessante Antworten.
Wenn ich I. frage, was er an Star Wars so toll findet, höre ich: „Die Raumschiffe! Die Kämpfe! Die Lichtschwerter! Und dass ich den Film noch nicht gucken darf. Ich finde ihn soooo spannend, weil ich so gespannt bin!“
Ich könnte mich darüber mokieren, dass er und etliche Kindergartenkinder Fan eines Films sind, den sie noch nie geguckt haben. Stattdessen entdecke ich gerade das Star Wars Universum für mich, kann die Faszination, die davon (schon seit Ewigkeiten) ausgeht, immer mehr nachvollziehen. Als ich den Film vor Jahren sah, bin ich eingeschlafen und konnte nie was damit anfangen, aber gerade bekomme ich Lust, ihn nochmal zu gucken.
Man könnte jetzt sagen, dass das Ernstnehmen der kindlichen Interessen nicht heißen muss, dass man Zeug kauft.
Das stimmt auch. Ich habe I. auf ein Shirt ein Star Wars – Motiv gemalt und er findet es toll. Außerdem könnte man gemeinsam zum favorisierten Thema basteln.
Aber ich finde, wenn man eh Klamotten oder Gebrauchsgegenstände kauft, kann man auch die mit den gerade beliebten Aufdrücken kaufen. Es ist schön zu sehen, wie I. sich freut, wenn seine Sachen zu ihm passen.

Aber.
Seit einiger Zeit sehe ich Merchandise-Produkte viel kritischer. Und zwar seit das Merchandising zum Film „Frozen – die Eiskönigin“ angefangen hat.
Mittlerweile gibt es einfach überall einfach alles mit Anna und Elsa, Olaf und Sven.
Und dadurch gerät dieser wundervolle Film total in den Hintergrund. (Star Wars – Fans würden wahrscheinlich dasselbe über Star Wars sagen… Da kann ich aber nicht mitreden (bisher), da ich früher, wie gesagt, dabei eingeschlafen bin.)
In letzter Zeit bekomme ich oft mit, dass viele Eltern so genervt vom Frozen-Hype sind, dass sie sich wundern, wenn ich anfange, vom Film zu schwärmen. Ich habe den Eindruck, es ist, als würden diese Tonnen an Frozen-Sachen die hohe Qualität des Films infrage stellen.

„Frozen“ ist in meinen Augen ein feinsinniger Film über Trauma, Depression und vor allem Heilung, über das Rauskommen aus einer Erstarrung. Es ist die Heldinnengeschichte von Elsa und die Heldinnengeschichte von Anna. Der Film berührt so viele Menschen so tief, weil er etwas universell Menschliches meisterhaft erzählt. Der Soundtrack ist fantastisch und das Titellied „Let it go“ hat völlig verdient einen Oskar gewonnen. Jedes Mal, wenn ich es höre, kriege ich Gänsehaut – immer noch.

The wind is howling like the swirling storm inside
Couldn‘t keep it in
Heaven knows I try

Don‘t let them in, don‘t let them see
Be the good girl you always have to be
Conceal, don‘t feel, don‘t let them know
Well now they know

Diese Zeilen und die dazugehörige Musik haben eine gewaltige Kraft und sprechen überall auf der Welt Menschen aus der Seele.
Der Film ist warmherzig, liebevoll und zeigt richtig starke Prinzessinen.
Am Ende boxt die starke Anna den hinterhältigen Hans mit voller Kraft ins Wasser! Und Sven, ihre echte Liebe, ist ein eher weicher und sensibler Mann.
Aber nicht sein Kuss erlöst Anna, wie zunächst erwartet wird, sondern die Schwesternliebe!!! Das ist so eine wichtige Botschaft.
Und auch wichtig: Als es doch ans Küssen geht, FRAGT Sven, ob er Anna küssen darf!

So, genug geschwärmt, schließlich sollte es in diesem Text in erster Linie um Merchandising gehen. Darauf komme ich jetzt zurück.
Mich stören zum einen die extrem omnipräsenten Frozen-Sachen. So ist ein Fan-Artikel nichts Besonderes mehr, kein Ausdruck einer Liebe, so wie es eigentlich mit einem Fan-Artikel sein sollte.
Mich stört aber ganz besonders, dass Frozen-Artikel speziell für Mädchen vermarktet werden. Das impliziert, es wäre ein Film speziell für Mädchen (als gäbe es sowas). Und kein wunderbarer Film für ALLE. Dadurch sehen sich vielleicht einige Jungs den Film gar nicht erst an oder scheuen sich, ihre Liebe zum Film auszudrücken.
Indem es die obligatorische „Für Jungs“ und „Für Mädchen“-Version eines Artikels zur Zeit im „Frozen – “ und „Spiderman – „/ „Star Wars“ – Look gibt (z.B. Schuhe), wird die Botschaft ausgesendet, dass es sich um einen Mädchen- und um einen Jungsfilm handelt. Das finde ich total traurig. Und ich fange an, dieses Merchandising-Ding zum Teufel zu wünschen, denn das hat nichts mehr mit den Wesen von Fan-Artikeln zu tun, wie ich das am Anfang des Textes beschrieben habe.
Einige Läden haben zwar immerhin auch in der Jungs-Abteilung Frozen-Kleidung im Angebot. Aber nur mit den männlichen Protagonisten – Sven und dem Schneemann Olaf. Dabei sind Anna und Elsa die eindeutigen Hauptpersonen und Heldinnen des Films. Das ist schade und so typisch für unsere Gesellschaft. Als Junge ein Fan von einer Mächen- oder Frauenfigur zu sein scheint tabuisiert zu sein. Seeräuberkind Pippi Langstrumpf ist gerade noch ok, aber eine Prinzessin geht gar nicht.
(Schrieb ich schonmal darüber, dass es jetzt ein männliches Pendant zu Conny gibt? Conny für Mädchen und Max für Jungs. Als würden Jungs anders zum Zahnarzt gehen und schwimmen lernen als Mächen.)

I. ist, wie ich, ein großer Frozen-Fan. Er kennt den Film in- und auswendig.
Letztes Jahr spielte er oft Elsa, wobei er im Kreis lief und „Let it go“ sang.
Wenn er das Lied auf englisch hört, übersetzt er es simultan auf deutsch. Er guckt ganz konzentriert, hebt den Zeigefinger und sagt, wie aus der Pistole geschossen: „Der Schnee glänzt weiß auf den Bergen heut‘ nacht.“ usw.
Er spielt so gerne mit seinem Lego – Frozen -Schloss.

Letztens waren wir in einem Spielwarenladen und ich rief aus: „Schau, hier gibt es ja ganz viele Frozen-Sachen“!
Der Verkäufer rümpfte die Nase und sagte zu Ivo: „Du bist doch nicht etwa Frozen-Fan, oder!?“
Ich erwiderte: „Das ist doch ein toller Film!“
Er hielt inne, schien eine Sekunde in sich zu gehen und renkte ein: „Stimmt.“
Freudig fügte er hinzu: „Und es soll bald einen zweiten Teil geben!“

Als würde er sich wieder erinnern, dass Anna und Elsa eigentlich Protagonistinnen eines guten Films sind und nicht nur die Verzierung von Haarspängchen.

Mein Sohn mag Star Wars und Superhelden und er mag Frozen.
Ich kann seine Faszination für ersteres absolut nachvollziehen, aber streng genommen ist er er nur von Frozen ein „richtiger Fan“ – denn er hat bisher weder Star Wars noch Spiderman geguckt, Frozen aber viele Male.
Aber ihm wird signalisiert, dass Frozen nichts für ihn sei. Zum Beispiel wenn er einen Schuhladen betritt.
I. ist begeistert von den Frozen- und von den Star Wars – Schuhen und entscheidet sich schließlich für die Star Wars – Schuhe. Ich bin erleichtert, denn in den Frozen-Schuhen würde er bestimmt ausgelacht werden.
Die Frozen-Schuhe sind sehr pink, obwohl pink eigentlich überhaupt nicht zum Film passt.
Die Entscheidung ist für I. ok so… er ist schließlich ebenso Star Wars – Fan.
Aber diese Aufteilung ist einfach nur zum Kotzen.
Insofern… habe ich doch ein großes Problem mit Merchandise-Produkten – denn in der Form unterstützt es nicht mehr den Selbstausdruck, sondern zwingt diesen in Schubladen.

Vielen, vielen Dank, Mama!

Ich lese gerade Alfie Kohns „Liebe und Eigenständigkeit“ und Naomi Aldorts „Von der Erziehung zur Einfühlung“.
Das heißt, ich habe den Kohn fast fertig gelesen, Aldorts Buch gekauft, reingelesen (es hat mich direkt begeistert!), dann aber beiseite gelegt, um Kohn fertig zu lesen.
(Ich nehme mir immer wieder vor – ich glaube, seit ich lesen kann – erst ein anderes Buch anzufangen, wenn ich das eine ausgelesen habe, aber na ja… )
Wenn ich beide dann gelesen habe, werde ich berichten.
Aber von einer Sache, die mich beeindruckt hat, möchte ich schonmal erzählen.
Ich habe mich beim Lesen sehr in meinem „Erziehungsstil“ und in meiner Intuition bestätigt gefühlt. Beispielsweise habe ich schon oft zu hören bekommen, dass ich zu viel mit I. diskutiere. Ich fühle mich aber nicht wohl mit „Weil ich es sage“ und „Weil ich deine Mutter bin“. Wenn ich Kohn und Aldort lese, werde ich direkt gelassener und entspannter I. gegenüber, weil ich das Gefühl habe, dass ich es richtig mache. Ich fühle mich dabei ermutigt, auf meine Art mit I. umzugehen, aber auch weiter zu gehen als bisher und einige Gewohnheiten zu überdenken.
Zum Beispiel das Danke und Bitte sagen.
Ich erinnere mich, dass ich als Kind sehr dazu gedrängt wurde und dass das sehr unangenehm war.
Und dennoch ist es leider so, dass auch ich I. (wird im Oktober 6) damit in den Ohren liege. Ich flöte zwar nicht für alle hörbar: Wieeee sagt man!?, ich schimpfe nicht, ich zwinge ihn nicht, aber dennoch: Ich flüstere (in einem netten, nicht mahnenden Tonfall, aber -ja- dennoch): „Hast du Danke gesagt?“ oder „Sag mal Danke!“, wenn I. eine Wurst beim Metzger kriegt/ Gummibärchen in der Apotheke/ ein Geschenk von den Großeltern.
Ich bin immer wieder genervt, weil er ohne Erinnerung meinerseits einfach nicht „Danke“ sagt.
Ich finde, dass das Bedanken keine leere Höflichkeitsfloskel ist, sondern für eine Geste, mir der man ausdrückt, dass man die Bemühungen des Gegenübers wertschätzt. Das habe ich I. schon mehrmals erklärt und trotzdem denkt er zu selten daran.
Mir scheint, besonders selten, wenn ich ihm etwas schenke. Auch wenn er sich offensichtlich freut. Auch in dem Fall sage ich (und komme mir dabei blöd vor, aber mache es trotzdem): „Und was kann man sagen?“
Auch „sag mal Entschuldigung“ oder „du musst dich jetzt entschuldigen“ höre ich mich viel zu oft sagen. Auch wenn ich schon lange denke, dass es nicht richtig ist, zum Entschuldigen zu drängen.
Vom Zauberwort habe ich auch schon oft gefaselt, auch wenn I. schon als Dreijähriger feststellte: „Bitte ist kein Zauberwort. Ein Wort, das eine Kerze in einen Wal verwandeln würde, das wäre ein Zauberwort.“

Kohn hat mich dazu gebracht, diese ganze Bitte-Danke-Tschuldigung-Sache zu reflektieren und zu hinterfragen. Ich beschloss, komplett darauf zu verzichten, diese Wörter einzufordern. Im Nachhinein die Situation besprechen – ja, je nachdem. Aber nicht mehr dieses: „Was könnte man sagen…?“ nachdem er ein Geschenk ausgepackt hat.

Nun brachte ich I. letztes Wochenende zwei Barbies von den Hofflohmärkten (coole Sache!) mit. Einen Ken, der sowohl wie ein Prinz, als auch wie ein Superman aussieht und eine Fee. I. hat sich Barbies sehr gewünscht und hat sich irre gefreut. Das war nicht zu übersehen. Bedankt hat er sich trotzdem nicht, aber ich hielt mich zurück und sagte nichts.
Abends vorm Einschlafen dann: „Vielen, vielen Dank für die Barbies, Mama!“
Das sagte er so andächtig, so zärtlich, so leidenschaftlich,
Noch nie hatte er sich SO aufrichtig und herzlich für etwas bedankt.
Und am nächsten Morgen, er wachte auf und – bedankte sich nochmal!
„Mama, vielen, vielen Dank, dass Du mir die Barbies mitgebracht hast. Ich habe mich sooo gefreut!“

Sein Dank kam vom Herzen.
Es war wie ein Geschenk für mich.
Ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg bin und ich spürte, wie sinnlos es ist, auf das Aussprechen der „Zauberwörter“ zu bestehen. Man kann darüber sprechen, dass Menschen sich darüber freuen und sich wertgeschätzt fühlen, wenn man sich bei ihnen bedankt, ja. Aber man muss nicht drängen.
Letztlich glaube ich, dass I. oft so überwältigt ist, wenn er sich freut – so sehr mit Freuen beschäftigt ist – dass er in dem Moment einfach nicht daran denkt, sich zu bedanken. Bei mir kann er es auch später machen, so wie er sich für die Barbies bedankt hat. Bei Fremden, die er eher nicht wiedersehen wird, ist das schwieriger. Aber das ist nicht schlimm.

Pinkt stinkt nicht.

Heute morgen war ich bei einem Kinderflohmarkt, wo ich folgendes Gespräch miterlebte:
Kundin (hatte gerade Autobettwäsche bezahlt): „Toll, vielen Dank! Sonst müsste er noch in Prinzessin Lillifee-Bettwäsche der Großen schlafen.“
Verkäuferin: „Um Gottes willen!!! DER ARME! Nein, auch wenn wir hier in Köln sind, sowas muss man ja nicht forcieren. Wenn’s von selber kommt, ok. Aber man muss es nicht forcieren.“
Ich dachte, mir fallen gleich die Ohren ab. Dieser Jungssachen vs Mädchensachen Unsinn, den hört man ja leider täglich. Ich kann es nicht mehr hören. Aber die Aussage dieser Mutter implizierte ja noch viel mehr. Auch schon oft gehört, aber es machte mich wieder so, so wütend. Die Homophobie dahinter. Als wäre Homosexualität („…auch wenn wir hier in Köln sind“) etwas Unerwünschtes. Nach dem Motto: Wenn’s so ist, ist es eben so, aber wenn es sich vermeiden lässt… Als ließe es sich vermeiden. Als ließe sich die sexuelle Orientierung unserer Kinder beeinflussen. Und schließlich: Als hätte das Schlafen in Lillifee-Bettwäsche, tragen von/ spielen mit „Mädchensachen“ IRGENDWAS damit zu tun.
Mich kotzt das alles so an. Ich lebe noch nicht mal auf dem Land. Der Kindergarten, in dem der Flohmarkt stattfand, ist in der Kölner Südstadt!
Das Gespräch ging noch weiter: Die Kundin erzählte: „Boah, mein Sohn will total oft Sachen von seiner großen Schwester anziehen. Wie er zuhause manchmal rumläuft, schrecklich!!“
Ich konnte das Ganze nicht unkommentiert lassen, habe aber leider nur gesagt: „Also mein Sohn liebt rosa und ich finde es schön. Ich bin gerade sehr froh, einen Pulli mit rosa für ihn gefunden zu haben.“ Worauf beide Frauen mich kurz irritiert anschauten, dann wendeten sie sich ab und die Verkäuferin sagte zur Kundin: „Bei uns ist es genau andersrum. Meine Tochter ist so burschikos, immer will sie nur Hosen tragen, ich würde ihr doch so gerne mal ihre hübschen Kleidchen anziehen, sie hübsch machen… sie sagt, warum muss mein Bruder denn keine Kleider tragen und ich sage: Er ist ja auch ein Junge….“
Ich ging weiter.
Ich freute mich über meine Schnäppchen, den rosa-grau-blau geringelten Pulli und das grüne Poloshirt mit der rosa Aufschrift für meinen Sohn. Ich wusste, ich hatte I.s Geschmack getroffen. (Ich bin immer auf der Suche nach „Jungs-Sachen“ in/mit seinen Lieblingsfarben pink, rosa oder lila. Ich meine diese Anführungsstriche sehr, sehr dick, denn ich wünschte, es gäbe diese dumme Aufteilung in Jungs – und Mädchensachen nicht. Und I. mag auch gern Rüschen, Glitzer, alles aus der Mädchenabteilung. Aber in seinem Kindergarten weht der Wind jetzt rauher und traurigerweise kann bereits ein pinker Farbtupfer von den großen Jungs blöd kommentiert werden. Das macht I. was aus und er fühlt sich oft hin- und hergerissen zwischen seinem Geschmack und dem Wunsch, von den Größeren anerkannt zu werden. Wenn die Klamotte auch „Jungs“-Attribute aufweist, kann er seine Lieblingsfarben tragen, ohne das Risiko einzugehen, geärgert zu werden. Zu dem ganzen Thema habe ich vor langer Zeit bereits gebloggt, siehe „Der Junge mit den roten Fingernägeln, 1&2″)
Ich war also zufrieden mit meiner Flohmarktausbeute und I. freute sich tatsächlich sehr, als ich nach Hause kam.
Aber die Wut bleibt.
Die Wut auf die Homophobie und Heteronormativität, die einem im Alltag immer wieder auflauert. Die Wut darüber, dass es immer noch nicht selbstverständlich ist davon auszugehen, dass ein Kind später homo-, hetero-, oder bisexuell sein wird und alles völlig gleichwertig ist. (Die Heteronormativität und wie man damit als Eltern umgeht, ist ein Thema für einen ganzen Post…)
Die Wut auf diese verdammte Gesellschaft, in der Pink, rosa, Glitzer, Feen für Jungs immer noch ein Tabu sind.
Mein Sohn ist neidisch auf die Röckchen der Mädchen, die beim Drehen so schön schwingen und er ärgert sich mit mir darüber, dass Röcke und Kleider in unserer Gesellschaft den Mädchen vorbehalten sind. Er hatte mal ein Tutu fürs Tanzen, aber jetzt mit 5 trägt er es nicht mehr.
Er ist jetzt 5 1/2, cool sein ist wichtig. Gerade sind Superhelden und Star Wars besonders angesagt. Waffen, Laserschwerter, spektakuläre Kämpfe faszinieren ihn. Aber er hat sich auch noch seine Liebe für Filly-Pferde und Feen bewahrt, mit seinen Freundinnen spielt er stundenlang mit dem Filly-Schloss oder mit Barbies. Mit mir spielt er am liebsten Fillys oder Babypuppen. Dann ist er 4-facher, sehr treusorgender Papa und ich die Oma (von Lisabella, Lisa, Carlotta und Filippa). Er liebt seine pinke Haarbürste mit Glitzerkrone. Neben vielen Superhelden- Drachen- und Piratenshirts hat er wenigstens etwas rosa und pink in der Garderobe. Ich bin dankbar, dass er sich das alles trotz des rauhen Windes bewahren konnte.
Und ich bin sehr stolz auf ihn, weil er davon überzeugt ist, dass die Aufteilung in Jungs- und Mädchensachen Quatsch ist.
Letztens fragte er mich:
„Mama, was steht auf meiner Hose?“
– „Boys Wear, das heißt Jungenkleidung.“
„So ein Quatsch, es gibt doch nicht Hosen nur für Jungs oder nur für Mädchen! DAS HABEN DIE NUR GEMACHT, DAMIT MAN DIE HOSEN NICHT TEILT!“, entgegnete er empört. Und das mit dem Teilen – darauf ist er selber gekommen!! Über den kommerziellen Aspekt davon, dass es jeden Pups in zweifacher Ausführung gibt, haben wir nie gesprochen.

Wild sein, Piraten, Glitzer, gefährliche Monster, schöne Prinzen und Prinzessinnen, Kämpfen, Stark sein, Raubtiere, zart sein, sich schmücken und schminken, Superheldinnen und Superhelden, sich kümmern, Babypuppen versorgen, Roboter, Technik, Weltraum, Feen und Elfen, Drachen, Schwerter, Schmetterlinge.
Für alle!
Jeder und jede sollte sich aussuchen können, was sie/ ihn fasziniert und interessiert ganz ohne die Label „Für Jungen“ oder „Für Mädchen“.
Selbstverständlich dürfen sich Mädchen für die Puppen entscheiden und Jungs für die Autos. Aber auch andersherum. Und für Beides! Die meisten Kinder mögen nämlich eine breite Palette an Themen und Aktivitäten, je nach Alter, Phase und auch Typ/ Charakter in unterschiedlicher Gewichtung. Das hängt von vielen Faktoren ab, aber nicht vom Geschlecht. Die künstliche Einschränkung in „Für Jungs“ und „Für Mädchen“, die meines Erachtens immer weiter fortschreitet und nun auch auf Literatur, Sach- und Schulbücher übergeht, geht mit starker Normierung einher – sehr starren Vorstellungen davon, wie ein Junge oder ein Mädchen zu sein hat. Wer der Norm nicht entspricht, fällt auf. Das macht es Kindern schwerer, ihre ganze Persönlichkeit zu entfalten, ihre wilden und ihre zarten Seiten.

Pink stinkt nicht.
Pink ist für alle da.

Fast 4

Ich komme nicht mit, ich komme einfach nicht mit.
I. erzählt die lustigsten Geschichten, erfindet die kreativsten Schimpfwörter (und ahmt die unkreativsten nach), stellt die interessantesten und tiefgründigsten Fragen, findet die ausgefuchstesten Argumente, spielt die süßesten Theater- und Tanzstücke vor und ich komme einfach nicht mit.
Ich würde am liebsten alles notieren, aufnehmen. Ähem, und belauschen, wenn er mit seinen Freunden zusammen ist und mitten in der niedlichsten Verhandlung die Tür schließt.
Als es noch darum ging, neue Wörter zu lernen, war das Mitschreiben viel einfacher.

Heute rief er seiner Freundin hinterher: „Du gestorbene Kastanie, du blöde!“, als er sauer war. Wie kommt er darauf?
Standardspruch, wenn er etwas haben/ machen will, was er nicht darf: „Bitte,bitte, dann bin ich auch dein allerallerbester Freund!“
Und wenn er trotzdem nicht darf: „Ich bin nie mehr dein allerbester Freund!“
Er wünscht sich einen Pippi Langstrumpf-Piraten-Feen-Geburtstag mit viel Glitzer. Er will sehr viele Freunde einladen und ich sage, dass es leider nicht geht, weil unsere Wohnung zu klein ist. Sein Vorschlag: „Wir können umziehen!“ – in einem Tonfall, als würde ich mal wieder nicht auf das Naheliegendste kommen.
Er hat ein Fernrohr erfunden gebastelt, mit dem er bis zu seinen Urgroßeltern in Leverkusen schauen kann.
Wir spielen Polly Pocket und er überlegt sich: „Das sind zwei Mädchens. Sie heißen Lilly und Jojo. Sie sind Sternfeen.“
Wir reden viel über Gott und darüber, wo er ist und wie er aussieht. I. stellt so viele Fragen, ich versuche sie zu beantworten. Oft sage ich, dass ich das und das glaube, aber auch nicht weiß warum und wo und wie genau.
Er hat die Oma damit beeindruckt, dass er, als sie „König der Löwen“ gelesen haben, erzählt hat, dass Gott im Himmel ist, aber auch überall und dass die, die sterben, zu Gott in den Himmel kommen.
Er betet: „Lieber Gott, danke, dass es keinen Räuber Hotzenplotz gibt. Amen.“ (Als großer Hotzenplotz-Fan, der die Bücher, das Hörspiel,den Film und das Theaterstück verschlungen hat) Und: „Lieber Gott, danke, dass es Barbies gibt. Und dass ich Bücher habe. Amen.“
Babys sind ein großes Thema, I. liebt Babys, ist sehr süß zu ihnen. Und ihn interessiert, woher sie kommen. Das erste Aufklärungsbuch haben wir gelesen und besprochen.
I. tanzt so gerne und wünscht sich ein Tattoo-Kleid (ein Tütü). Und eine Geige.
Er singt und singt und ruft alle zusammen, um ein Theaterstück zu sehen.
Müllwagen und Bagger faszinieren ihn nicht mehr wie früher. Er findet jetzt alles spannend, was nach Abenteuer und Zauber riecht:
Feen, Piraten,Drachen, Prinzessinnen, Ritter, Riesen, Zwerge, Räuber. Pippi Langstrumpf.
Wenn er sich sehr freut, sagt er: „Noch nie in meinem Leben (hatte ich xy/ ist xy passiert)!“ Oder: „Das ist die längste Pommes der Welt“, „Das ist der schönste Tag in meinem Leben!“
Buchstaben findet er spannend und fragt oft, ob wir ihm schreiben helfen könnten. Er kann schon seinen Namen schreiben, mehrere Buchstaben…
Er fängt an, Sachen zu entziffern und scheint zu ahnen, was für eine Welt sich ihm da auftut.
Er vermisst seine beste Freundin, wenn er sie zu lange nicht sieht. Es ist so eine Freude, ihnen beim Spielen zuzusehen. Wie sie Rollen verhandeln, in die Rollen schlüpfen, sich gegen die Erwachsenen verbünden…: „Wir wollen uns aber nicht anziehen. ODER?“ (Verschwörerischer Blick zur Freundin.) „Die Mamas sind blöd, ODER?“ Hmpf.
Als seine beste Freundin bei ihm übernachtet hat, hörten wir die beiden flüstern: „Komm, wir gehen jetzt zu meinen Eltern und sagen, wir können nicht schlafen und wollen noch was essen, oder?“ Sie kamen Hand in Hand und verschwörerisch strahlend in unser Zimmer getapst. Und nachdem wir sie zurückgeschickt haben: „Komm, wir gehen nochmal ins große Zimmer und sagen, dass wir altes Brot essen wollen.“ (!?)
I. bestellt im Restaurant und Cafe selber, er weiß genau, was er will: „Bitte Pommes mit Majo und Ketchup und eine Apfelschorle ohne Sprudel!“
Als unsere Straße abgesperrt war, ist er zu den Polizisten gegangen und hat sie gefragt, was denn passiert sei.
So oft bin ich erfüllt mit Stolz und Dankbarkeit.
Und manchmal muss ich angesichts so mancher seiner Aussagen schlucken.
Zum Beispiel neulich meinte ich: „Deine Musiklehrerin J. ist so nett, ne?“ Und er: „Ja! Ich wünschte, sie wäre meine Mama und du wärst meine Musiklehrerin.“ Ich: Schluck. „Aber ich würde dich sehr vermissen!“ Er: „Du könntest ja auf mich aufpassen.“ Ich nahm es nicht persönlich.Trotzdem.
Und neulich holte ich ihn vom Kindergarten ab und die Erzieherin erzählte, sie hätte I. beim Essen ermahnt und später hätte er zu seinem Freund gesagt: „Wenn ich mal ein Schießgewehr habe, schieße ich die Erzieherin tot.“ Da war ich ääääh… platt und wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Ich habe mir das Gefühl gut gemerkt, für später im Beruf, wenn ich Eltern oft solche Berichte erstatten werde müssen. Ich will nicht vergessen, wie man sich da als Elternteil fühlt.
Ja, nicht nur Theater und Tütüs, auch Schießgewehre, Pistolen, Schwerter und Kämpfe sind zur Zeit beliebte Themen und Spiele. Das finde ich vollkommen ok, aber ich habe versucht, ihm zu erklären,warum man nicht sagt und spielt, dass man jemanden totschießt.
Ich staune jeden Tag, wie groß mein Kleiner ist.
Es ist oft anstrengend, wie viel er diskutiert und argumentiert, aber ich finde es trotzdem gut. Die Regel „Nein heißt nein“ gilt bei mir für mich (um konsequent zu bleiben), nicht aber für ihn.Es ist meine Aufgabe,bei meinem Nein zu bleiben, wenn es mir wichtig ist, aber es ist nicht seine Aufgabe, mein „Nein“ widerspruchlos zu akzeptieren. Ich finde gut, wenn er nach Argumenten sucht, um mich zu überzeugen, auch wenn es oft nervt. (Und hin und wieder kommt auch ein „Okeeey.“ oder „Na gut“ oder „Menno“ ohne argumentieren.)
Manchmal überzeugt er mich tatsächlich, z.B. mit: „In Kakao ist auch Wasser und Wasser ist gesund“.
Mit dem „allerbesten Freund“ überzeugt er mich natürlich nicht, aber ich höre es insgeheim gerne, es ist so süß, wie er dabei ausdrucksstark die Augen aufreißt. Oder: „Meine Hose/ meine Füße… wollen einfach nicht!“ (Achselzucken, hochgezogene Augenbrauen) Auch beliebtes Argument, sehr leidend vorgetragen, sogar mit geschlossenen Augen und schwacher Stimme: „Aber ich brauche frische Luft!“
Fast 4 Jahre ist ein tolles Alter.

Warum ich Renz-Polsters Buch lesen werde

Ich habe es immer noch nicht geschafft, so einen Besucher-Zähler zu installieren, aber ich vermute, gestern und heute fanden besonders viele Besucher den Weg hierhin. Warum ich das glaube? Wegen Herr Renz-Polsters neuem Blog.

Als ich eben bei Facebook (http://www.facebook.com/pages/Wundert%C3%BCtentag/438552029559747) in meiner Startseite darauf stieß und den Blog anklickte, traute ich meinen Augen kaum: Herr Renz-Polster bezog sich in seinem neuesten Post auf meinen Post „Warum Renz-Polster so langsam nervt“ .

Das ist der Link zu meinem Post: http://puddingteilchenn.blogsport.de/2013/07/22/warum-mich-renz-polster-so-langsam-nervt/
Und hier ist der Link zum gleichnamigen Post von Herr Renz-Polster: http://blog.kinder-verstehen.de/?p=25

Mich ärgert, dass Herr Renz-Polster und einige seiner Kommentatoren offensichtlich meinen Post nicht aufmerksam gelesen haben. Ich schrieb ausdrücklich keine Buchkritik. Ich bezog mich auf ein Interview mit ihm in Eltern Family und zitierte daraus: „Jeder weiß, dass er die Triumphe seiner Kindheit solchen ‚freien‘ Augenblicken verdankt, die er allein oder mit anderen Kindern erlebt hat. Wir wären doch nicht auf Bäume geklettert, wenn Mama darunter gestanden hätte! Gerade die selbst organisierten Abenteuer haben unser Kinderleben ausgemacht und uns vorangebracht.“

Ich bezog mich in erster Linie auf dieses Zitat, das mir viel zu verallgemeinernd erscheint.
Ich schrieb: „Ich bin in letzter Zeit in Zeitschriften und im Internet oft auf Dr. Renz-Polster,seine Thesen und das von ihm unterstützte ARTgerecht-Projekt gestoßen. Erst einmal fand ich seine Aussagen super und grundsätzlich finde ich sie immer noch super. Trotzdem war ich heute nur noch genervt als ich schon wieder über sein Bullerbü-Idealbild (Nach der Schule strolchen die Kinder in Gruppen und Banden in der Natur frei herum) las.“
Und: „Warum mich Renz-Polster trotz ‚einwandfreier‘ Einstellung nervt? Zum Beispiel weil seine Bullerbü-Forderung, so wie ich sie aufgefasst habe, auch Druck machen kann.“ Ich betonte extra meine persönliche Auffassung seiner Aussage in der Eltern Family.
Nicht zuletzt schrieb ich am Ende ausdrücklich, dass ich sein Buch noch nicht gelesen habe und es noch nicht erschienen ist: „P.S. Übrigens kommt im Herbst wohl ein neues Buch von Renz-Polster raus: „Wie Kinder heute wachsen – Natur als Entwicklungsraum“, das er mit dem Hirnforscher Gerald Hüther geschrieben hat.

Und trotzdem bin ich nachdenklich geworden. Auch wenn ich nicht über ein Buch, das ich nicht gelesen habe, schrieb, so muss ich mir doch an die eigene Nase packen. Ich kann auch verstehen, warum Herr Renz-Polster meinen Post wohl nicht mehr aufmerksam gelesen hat, nachdem er den Titel „Warum mich Renz-Polster so langsam nervt“ gelesen hatte.
Ich meinte das Interview und immer wiederkehrende Zitate in meiner Startseite. Seine Bücher habe ich nicht gelesen. Und ich denke, es war nicht fair, ihn anhand dieses Interviews zu bewerten. Ich habe nicht so getan, als hätte ich seine Bücher gelesen, das nicht. Aber wenn ich ein Buch geschrieben hätte, in dem ich meine Sicht auf Erziehung detailliert darlege (vielleicht bin ich ja mal in der Situation ;) ) und dann liest jemand nur ein Interview mit mir, in dem ich mich verallgemeinernd ausdrücke und ein paar Zitate aus dem Internet und schreibt daraufhin den Post: „Warum mich Wundertütentag so langsam nervt“
Dann wäre ich verletzt.
Renz-Polster schreibt, dass er eh ein dickes Fell hat und das ich ja ansonsten nett mit ihm umgehe. Aber: Ich hätte es sicher nicht so ausgedrückt, wenn ich gewusst hätte, dass er es liest, muss ich gestehen. Ich habe an irgendeinen Experten gedacht, der in letzter Zeit immer wieder zitiert wird. Aber nicht an den Menschen dahinter. Das ist im Internetzeitalter eine wichtige Lektion.
Und wie ich an dieser Stelle verallgemeinere, ist tatsächlich nicht ok: „Das ist jetzt ein Extrembeispiel, aber ich finde Renz-Polster bedient da immer ein romantisches Ideal-Bild, das weder der Individualität von Kindern gerecht wird, noch individuellen Umständen.
Schließlich kann ich noch nicht wissen, ob er es immer bedient.

Und deshalb: Auch wenn ich mich über das unaufmerksame Lesen und die daraus resultierende Unterstellung einer Buchbesprechung ärgere und meine Kritik an dem einen Interview-Zitat auch so meine…

…Lieber Herr Renz-Polster, ich möchte mich bei Ihnen für die oben zitierte Verallgemeinerung („bedient IMMER das Idealbild“) und den Post-Titel entschuldigen. Ich bin gespannt auf Ihren Blog und auf Ihre Bücher. Ich werde sie lesen und mir ein Bild darüber machen, ob sich meine Kritik an der zitierten Interview-Aussage verallgemeinern lässt, oder ob Sie in Ihren Büchern auch gerne zuhause spielende und leidenschaftlich Kurse besuchende Kinder erwähnen. Wenn ich das alte und das neue Buch gelesen habe, werde ich hier wirklich eine Buchbesprechung schreiben. :)

Verschieden

Oft erzählen/ schreiben Eltern über sich und ihr Kind: „Wir lieben grün.“ „Wir lieben das Meer“ „Wir lieben Vanilleeis“ „Wir lieben Pippi Langstrumpf“ und so weiter.
Ich will das auf keinen Fall abwerten oder ins Lächerliche ziehen. Ich sage so etwas auch und alles oben Genannte trifft auf I. und mich durchaus zu.
Aber wenn ich immer wieder solche „Wir“ – Äußerungen höre oder lese, frage ich mich doch: „Haben hier Mutter/ Vater und Kind wirklich immer den gleichen Geschmack? Wie kann das denn sein?“ Bei Babys und 1-2-jährigen kann ich mir das noch eher vorstellen, als bei Kindergartenkindern.
Und manchmal frage ich ich, ob dem Kind auch ein eigener Geschmack zugestanden wird. Das will ich aber niemandem unterstellen, nur weil er/ sie „Wir lieben Chucks“ oder so postet!! – das wäre ein Unding. Für mich ist dieser Satzanfang nur ein Gedankenanstoß, um über ein Thema zu schreiben, das ich wichtig finde:
Dass Eltern und Kinder ( in dem einen Fall mehr, in dem anderen weniger) unterschiedliche Temperamente und Vorlieben haben. Und selbst wenn sie sich in vielem ähneln, doch von Anfang an individuelle Persönlichkeiten sind.

I. und ich haben viele Gemeinsamkeiten.
Wir lieben beide Theater, Bücher und Filme.
Wir genießen es, zusammen ins Theater zu gehen. Ich langweile mich im Kindertheater nie, weil ich auch in Kindergeschichten eintauchen kann und es mich auch aus beruflicher Sicht interessiert. Unsere Begeisterung für Theater und gute Geschichten ist etwas kostbares Gemeinsames und ich hoffe, dass I. noch als Jugendlicher und Erwachsener gerne mit seiner Mama ins Theater und ins Kino gehen wird und wir uns über unsere Lese-Eindrücke austauschen werden.
Letzte Woche waren wir im Figurentheater „Der Räuber Hotzenplotz“, nachdem wir das Buch gelesen und den Film geguckt haben. I. war so glücklich aufgeregt, dass er mich während der Vorstellung 4 mal einen Kuss gegeben hat, worüber wiederum ich glücklich aufgeregt war, weil I. meistens nicht so viel kuscheln will (mehr dazu gleich).
Wir stehen beide gerne auf der Bühne (I. hat regelmäßig mit dem Kindergarten Vorstellungen), spielen gerne Rollenspiele und mit den Kasperlepuppen.
Aber wir haben auch oft einen unterschiedlichen Geschmack: I. mag zum Beispiel die Stücke vom Figurentheater Köln von Andreas Blaschke sehr. Wir haben „Petterson und Findus“, „Der Grüffelo“ und „Der Räuber Hotzenplotz“ gesehen, besonders von letzteren schwärmt I. immer wieder. Ich hingegen fand alle drei Stücke eher lieblos und mit so unlustigen Witzen für die Erwachsenen versehen.

Wir singen, malen und basteln beide sehr gerne. Wir sind beide hochsensibel (im Sinne der Art der Wahrnehmung und der Reizschwelle http://www.hsperson.com/) und zugleich gesellig – wir verabreden uns gerne mit Freunden und unternehmen gerne Neues.
Wir mögen beide Schmuck und Glitzer.

So weit so ähnlich.

I. kann stundenlang Autos und Lego spielen, das finde ich langweilig, ebenso wie seine geliebten Sachbücher und Sach-CDs über Dinos, Werkzeuge und Flugzeuge.
Sein Papa schreibt gerade seine Masterarbeit und ich habe I. erklärt, was das ist: „Stell dir vor, du interessierst dich so sehr für ein Thema, dass du darüber ein kleines Buch schreiben willst. Worüber würdest du schreiben?“ I, wie aus der Pistole geschossen: „Über Bohrer!“
(Und nein, das alles liegt nicht daran, dass er ein Junge ist und ich ein Mädchen war.)

I. kann in seinem Spiel und in seinen Gedanken so sehr versinken, dass er nicht mehr ansprechbar ist, wie sein Papa.
Ich vergesse zwar oft beim Lesen in der Bahn an der richtigen Haltestelle aus zu steigen, aber ansprechbar bin ich eigentlich immer. Mich nervt diese Nichtansprechbarkeit der Beiden oft sehr und doch beneide ich sie irgendwie darum.

Ich würde am liebsten immer über alles reden. I. nicht. „Ich habe keine Lust zu erzählen.“ „Erzähl ich nicht. Das ist ein Geheimnis.“ „Ich höre nichts, ich habe den Mund voll.“
Ich habe gelernt, ihn weniger auszufragen, mehr darauf zu vertrauen, dass er schon erzählen wird, was ihm wichtig ist und auch von mir zu erzählen. Als Kind konnte ich mit meinen Eltern über vieles nicht reden und mir ist in der Erziehung am wichtigsten, dass I. mit mir offen reden kann. Ich habe aber gemerkt, dass das Pendel bei mir zu sehr ins andere Extrem umgeschlagen hatte. I. hatte gar nicht das Bedürfnis nach mehr Reden, sondern nach mehr Ruhe.
Es ist gut, dass ich das rechtzeitig festgestellt habe, denn seitdem erzählt er mehr von sich aus. Und er kommt von sich aus öfter kuscheln oder gibt mir einen Kuss, seitdem ich mir angewöhnt habe, immer erst zu fragen, ob er eine Umarmung will, kuscheln will, einen Kuss will. (Und ein „Nein“ nicht mit einem „Ok, schade“ kommentiere, sondern mit einem „ok“!)
Ich war ein viel anhänglicheres Kind, als I. es ist und ich bin so ein „Körperkontakt“-Mensch. Ich weiß gerade nicht, wie ich das gut benennen soll, aber zum Beispiel unter Grundschullehrerinnen und Erziehern gibt es den Typ, der gerne zulässt, dass die Kinder kuscheln kommen und traurige Kinder auch durch eine Umarmung/ Streicheln des Kopfes, Rückens oder Armes tröstet und den Typ, der das nicht mag und nicht will. Beides ist ok, solange es nicht aufdringlich oder abweisend/ kalt wird. Wir werden im Lehramtsstudium ermutigt, die Sache mit dem Körperkontakt (im Primarbereich!) unserem Typ entsprechend zu handhaben.
Nun, ich bin ganz eindeutig der erste Typ. Und ich glaube, I. wäre als Lehrer der zweite Typ.
Es ist wichtig, dass ich das nicht vergesse!

Ich sterbe für Sushi. I. nicht.
I. dippt mit Genuss Würstchen in Honig. Ich nicht.

Ich mag Kleidung mit besonderen Motiven und liebevollen Details. Kinderkleidung mag ich bunt, kindgerecht, individuell. Viele dieser Kleidungsstücke gefallen I. auch, aber neuerdings bevorzugt er manchmal schlichtere Kleidung, oft Shirts mit Cars-Aufdruck u.s.w.
Ich habe im Internet ein gebrauchtes, selbstgenähtes Shirt aus einem bunten Stoff mit so kleinen flauschigen, süßen Monstern für ihn ergattert, von dem ich annahm, dass es ihm gefallen würde. I. findet, es sieht aus wie ein Schlafanzug und er zieht es nicht an.
Letztens waren wir zusammen in einem Geschäft und I. durfte sich ein Kleidungsstück aussuchen. Er suchte sich ein Shirt mit zwei sehr gefährlich aussehenden grünen Tyrannosauren (Ist das der Plural??) aus. Ihre Zähne waren weiß, mit so einem anderen Material „dreidimensional“ aufgedruckt.
Ich fand die Dinos hässlich, aber das war vollkommen egal. Er entwickelt seinen eigenen Geschmack und das ist super! Ich habe mir vorgenommen, ihn ab der nächsten Kleidergröße seine Kleidung komplett selbst aussuchen zu lassen. Solange sie nicht teuer und wetteruntauglich ist. Aber ob graues Poloshirt oder Spiderman-Pulli ist nicht mein Bier. Das wird ehrlich gesagt erst einmal nicht leicht für mich sein, weil ich eine große Schwäche für schöne Kinderkleidung habe.
Aber da muss ich durch.
Ich werde mich selbst ja weiterhin mit Schmetterlingen, Vögelchen, Pünktchen und Sternen einkleiden, soviel ich will.
Und ich werde mich ab und an über die Gelegenheit freuen, einen süßen Strampler für ein Baby auszusuchen.
Aber es ist toll, dass I. groß wird und bin gespannt auf seinen Geschmack.

Der Junge mit den roten Fingernägeln

– I. kam mit Nagellack in den Kindergarten. Stolz lief er zu seinem Freund und rief: „Guck mal, ich habe Naggellack!“ Der Freund guckte interessiert, aber sein Vater lachte: „Ja, bist du denn ein Mädchen!?“ Ich erwiderte: „Auch Jungs dürfen Nagellack tragen.“

– I. kam auf der Kindergarten-Familienfreizeit in der Eifel mit roten Fingernägeln und bunter Kette und Armband zugleich an. Sein Outfit entlockte einigen anderen Eltern, vor allem den Vätern, interessante Kommentare. Von „Was hast du mit deinem Sohn gemacht?“ über „Gibs zu, hast du dir eigentlich ein Mädchen gewünscht?“ bis „Hey, ich bin das gewöhnt, ich arbeite gegenüber Timp“ (einem Travestielokal). Da fiel mir ehrlich gesagt keine Antwort ein. Immerhin waren die Kommentare an mich gerichtet und nicht direkt an I. Geärgert hat mich, dass mir ernsthaft unterstellt wurde, ich hätte ihm die „Mädchen“ – Sachen irgendwie aufgeschwatzt. (Ungläubig: „Er wollte das echt selber haben?“ – „Nein, ich habe gesagt, wenn du dir die Nägel nicht lackieren lässt, gibt es kein Sandmännchen“.)
Tatsächlich ist I. eines Morgens mit der fixen Idee, sich die Nägel zu lackieren, aufgewacht. Während ich noch im Halbschlaf war, lackierte er sich die Nägel mit einem lila Filzstift. Als ich wach war, machte ich ihm echten Nagellack drauf, womit er sehr zufrieden war.
Die Kinderkette und das Armband habe ich ihm gekauft, weil er sich Schmuck wie die Mama wünschte und er will sie ganz oft anziehen („Mama, wo ist meine Kette?“)
Getröstet hat mich ein Gespräch mit I.s Erzieher abends am Lagerfeuer. Der findet es super, dass I. manchmal rote Fingernägel hat und seine Babypuppe mitbringt. Als Mann im Frauenberuf hat er einen differenzierten Blick auf Geschlechterrollen und wir hatten ein gutes Gespräch über Kinderkleidung, Spiele u.s.w.

– I. wird mit blauen Sandalen, Jeansshorts und einem sehr buntem Shirt mit Kakadus, Wolken und Luftballons für ein Mädchen gehalten. Da hatte er gerade weder Schmuck an, noch lackierte Fingernägel. Lange Haare hat er auch nicht. Es lag also an dem Shirt. Ja, dürfen Jungs denn nichts Buntes mit Vogelmotiv anhaben?!

– Wir gehen in ein Schuhgeschäft, um Sandalen zu kaufen. I. steuert zielsicher ein knallpinkes, glänzendes und glitzernes Paar an. Ich stelle mir vor, was für Kommentare diese Schuhe auslösen würden, wenn schon die Nägel so kommentiert wurden. Deshalb will ich sie I. nicht kaufen. Ich sage I., dass sie ungesund für die Füße und schwitzig-unbequem sind und wir extra gute Sandalen kaufen wollten. Was auch stimmt. Ich will nicht sagen „Das sind Mädchensandalen“ und biete I. sogar von den guten Sandalen ein dezent altrosa Paar mit Blumen an. Ich bin erleichtert, dass er das nicht will. Aber er will auch keine neutralen Sandalen, sondern unbedingt unbedingt die glitzerpinken. Er hat sich in diese Sandalen verliebt. Obwohl ich die Fußgesundheit auf meiner Seite habe, fühle ich mich schlecht, weil ich sie einem Mädchen sicher gekauft hätte, denn sie waren nicht teuer. Schließlich lässt I. sich zu blauen Sandalen mit Ernie und Bert überreden. Und ich verspreche ihm, dass wir mal was anderes mit Glitzer kaufen. Er freute sich später über glitzerne Wickie-Zahnbürsten.
Ich ärgere mich über die Gesellschaft, weil ich mein Kind eigentlich nicht in seinem Geschmack manipulieren will.
Aber meine Entscheidung war richtig, denn wenn er richtig gemeine Kommentare zu seinen Traumsandalen gehört hätte, würde er sich vielleicht auch nicht mehr trauen, seine Kette anzuziehen oder mit dem pinken Puppenbuggy spazieren zu gehen.,

Ich finde es übrigens ziemlich normal, dass Kinder Glitzer und starke Farben wie Pink lieben.
Warum sollte das nur Mädchen vorbehalten sein?

P.S. Man kann natürlich der Meinung sein, dass Nagellack nichts an Kinderhänden verloren hat, auch nichts an Mädchenhänden. Dass Kinderschmuck unnötig ist und pinke Glitzersandalen eine Geschmacksverirrung sind. Ich sehe das nicht so.

Jungs sind einfach wilder.

Bei einem schönem Kindergeburtstag: Das Thema ‚Jungen und Mädchen sind ja sooo verschieden.“ kam irgendwie ständig auf. Ein Vater fand schade, dass er mit dem Kind nicht so viel Autos spielen kann, weil er ja ein Mädchen hat. Dann ging es darum, dass Jungen ja immer lieber mit Autos spielen und Mädchen lieber mit Puppen. Einer der Jungen habe zwar die neue Puppe seiner Schwester gefüttert, aber trotzdem. Ich warf ein, dass I. sehr gern mit Puppen spielt.
Ich hatte zuvor erzählt, dass ich als Kind ein richtiges Puppenkind war und immer noch Puppen und Zubehör liebe und keinen Hehl aus meiner Begeisterung für den Puppenwagen des Geburtstagskindes gemacht. Wahrscheinlich deswegen und weil I. gerade mit einem Bagger spielte, erntete ich etwas ungläubige Blicke. Ich hatte ein bisschen den Eindruck, dass man dachte, ich würde meine Puppenleidenschaft nur auf I. projizieren. (Dabei schläft der Süße gerade mit seinem Baby im Arm.)
Irgendwann im Laufe der Feier fiel natürlich der Klassiker ‚Jungen sind wilder‘.
Als die Mädchen später Puppen samt Puppenwagen holten und I. auch mitspielen wollte, schlichtete ein Vater den Streit um den Wagen und die Puppen so: „Und du I., kannst ja den großen Jungen spielen und mitlaufen und auf die Mädels aufpassen.“

Schon seltsam… Wenn es um Kleidung geht, kann ich es ja nachvollziehen, wenn man Bedenken hat, wenn das eigene Kind aus dem Rahmen fällt. Habe ich auch. (siehe Post: Gibt es das auch für Jungen? Teil 2.) Aber was Spielzeug betrifft – wir alle wollen doch, dass unsere Söhne zu liebevollen Vätern unserer Enkelkinder werden oder (um mal lieber keine Ansprüche zu stellen :) ) zu liebevollen Erwachsenen. Warum in aller Welt sollten Jungs dann keine Puppenpapas sein?

In der Uni: bei der ersten Seminarsitzung von „Mütter-Frauen-Töchter-Konstrukte der Weiblichkeit im Drama“ kam die Dozentin auf sex vs gender und Geschlechterstereotypen zu sprechen, gab gute Beispiele… Viele meldeten sich und meinten, es gäbe sehr wohl angeborene Unterschiede, begründet mit Argumenten wie: ‚Ich mag aber Glitzer und Rosa. es beruhigt mich irgendwie.‘ Und: ‚Ich habe drei Jungs und sie sind alle wilder als Mädchen.‘ Ich mag auch Glitzer und Rosa, aber nicht, weil ich eine Frau bin. Mein Junge ist nicht sehr wild. Einfach weil er vom Typ her ruhiger ist.

Übrigens hat I. letztens als wir bei der Musikgruppe die Stoppersocken vergessen hatten, aus dem Korb mit Ersatzsocken zielsicher die pinken Socken gegriffen.
Er durfte sich beim Geschenkekauf für das Geburtstagskind auch eine Kleinigkeit aussuchen und suchte sich rosa Schmetterlings-Elfen-Tattoos aus.
Ich kaufe Kleidung meist ohne I. und er besitzt keine pinken Stoppersocken. Denn wie die Meisten gucke ich gar nicht bei der Mädchenabteilung, wenn ich nach Klamotten für ihn suche. Ja, ich werde ihm nicht ‚Mädchensachen‘ aussuchen, solange er sie sich nicht wünscht.
Aber es ist schon erstaunlich, wieviel immer der ‚Biologie‘ zugeschrieben wird, obwohl wir für ein Kind von dem Moment an, an dem die Ärztin beim Ultraschall das Geschlecht erkennt, immer wieder eine Wahl treffen. Eltern, Freunde und Verwandte suchen Mädchensachen und Jungensachen aus.
Auch mein kleiner Puppenpapa hat fast nur Pullis mit Aufdrücken von Autos, Baggern, Wikingern, Piraten und Dinos. Die habe ich ihm gekauft oder er hat sie geschenkt bekommen. Noch sucht er sich manchmal pinke Socken und Elfentattoos aus, aber letztens schon sah er bei dm ein dunkelblaues Ringelshirt mit kleinen roten Herzchen: „Ist das ein Mädchenshirt, Mama?“ Sehr wahrscheinlich, dass er spätestens als Schulkind keine pinken Socken mehr aus dem Korb nehmen wird.
Aber wo ist da bitteschön die Biologie?

„Gibt es das auch für Jungen?“ Teil 2. Die Praxis.

Ich habe bis 2h Nachts bei towardthestars.com gesurft, einem wunderbaren Online-Shop für Kindersachen, die nicht den Geschlechterstereotypen entsprechen. Ich habe mir zu dem Thema noch viele Gedanken gemacht und festgestellt, dass ich unbewusst in meinem Post ‚3 Jahre, 5 Monate“ eher die ‚jungstypischen‘ Sachen als ‚Indiz‘ dafür, dass die Kleinkindphase vorbei ist, beschrieben habe. Dabei zeigt ja nicht nur die Dino- und (seufz)Schießleidenschaft, dass wir es mit keinem Kleinkind mehr zu tun zu haben. Ich hätte auch beschreiben können, wie süß, vernünftig und lieb das Kind mit Babys/Kleinkindern umgeht. Das ist ja mal ein klares Anzeichen dafür, dass er keines mehr ist. Oder dass er mittlerweile im Haushalt tatsächlich helfen kann, statt zusätzliche Arbeit zu machen. Wie geduldig er seiner Babypuppe ein Verbot erklärt. Aber anscheinend ist bei mir das Großwerden doch unbewusst stark mit ‚Junge werden‘ verknüpft. Gut, das kann auch daran liegen, dass diese Monster-Dino-scharfe Zähne-Peng -Leidenschaft tatsächlich NEU und ungewohnt ist. Genau dieses Gefühl, sich an die neue Altersphase erst gewöhnen zu müssen, wollte ich beschreiben. Wie auch immer – es ist eine spannende Phase und ich freue mich darüber, was Kind alles macht und spielt. Ich guckte dann noch ein bisschen im Internet nach Puppentragen und ging beseelt von den tollen Bildern und Ideen bei towardthestars ins Bett.
Am Morgen kämpfte das Kind mit seiner Strumpfhose. Ich tröstete: „Bald wird es endlich warm, dann braucht man keine Strumpfhosen. Wenn es richtig warm ist, darf man sogar kurze Hose tragen.“ Kind: „Ja, wenn es warm ist, kann ich auch Kleidchen tragen.“ Ich: „Ja, das stimmt. Kannst du machen. …Eigentlich tragen ja Mädchen Kleidchen. Aber wir können ja deine Freundin fragen, ob du eins ausleihen darfst. Nee, wenn du das möchtest, dann können wir mal gucken, ob wir für dich eins finden.“
Das ist das, was ich gesagt habe, aber ich dachte: „Hoffentlich vergisst er es wieder.“
Spielzeug und Bücher sind für mich kein Thema.
Aber mit Kleidung/Accesoires ist es nicht so einfach. Bisher hatte mein Sohn in dem Bereich noch keinen Herzenswunsch. Aber er hat schon oft Sachen erwähnt, wie das mit dem Kleid, bei denen ich mich frage, ob ich diese Wünsche erfüllt hätte, wenn er ein Mädchen wäre. Und wenn ich für ihn einkaufe und es die Shirts/Socken/Schuhe im Angebot einmal für Jungen und einmal für Mädchen gibt, wähle ich eigentlich immer die Jungssachen. Oft passt es, weil das Grün schöner ist, als das grelle Lila oder weil die Piraten-Regenjacke spannender ist als die Blümchenjacke. Aber manchmal gibt es ‚für die Jungs‘ nur Langweiliges, ‚für die Mädchen‘ hingegen z.B. Eulenprints und Kind mag Eulen. Trotzdem kaufe ich das Rüschen-Eulen-Shirt nicht. Und wenn ich mit Kind einkaufe, dann schlage ich ihm die ‚Mädchensachen‘ oft gar nicht erst vor.
Ein sehr häufiger Dialog zwischen uns: Er: „Ich will auch Ohrringe!“ Ich: „Ja, wenn du erwachsen bist, kannst du welche haben.“ Er: „Wenn ich erwachsen bin, will ich Ohrringe!“ Ich stand im Spielwarengeschäft schon oft vor so kindgerechten Aufkleberohrringen und ich denke, einem Mädchen hätte ich sie längst gekauft. Meinem Jungen habe ich sie nicht gekauft und gedacht: „Du hast eh kein Geld. Er braucht das nicht. Er hat eh genug Zeug.“ Was definitiv auch stimmt.
Aber bei anderen genauso unnötigen Sachen kann ich doch oft nicht widerstehen. Ausgerechnet bei Aufkleberohrringen und Kinderschmuck, ebenso wie bei einem rosa Rüschenshirt mit Igelprint, nach dem das Kind bei dm gefragt hat, war ich diszipliniert. Und wenn ich ehrlich bin – ich weiß, dass ich einem Mädchen schon längst lauter kindgerechten Schmuck und Spängchen gekauft hätte – schon weil ich solche Sachen als Kind liebte.
Ich bin mir dieser Diskrepanz bewusst und finde es eigentlich nicht richtig. Es ist nicht das, woran ich glaube. Ja, Herzenswünsche würde ich erfüllen, die gab es bisher im Bereich Kleidung/Schmuck noch nie und darüber bin ich froh. Nicht weil ich Angst hätte, mein Sohn wäre mit Spängchen und Kette kein richtiger Junge oder sonstwas, sondern weil es für mich eine Horrorvorstellung ist, dass andere Kinder mein Kind auslachen oder ärgern.
Ich bin in der Unterstufe heftig gemobbt worden. Ich hatte jeden Tag Angst, zur Schule zu gehen, Panik vor Gruppenarbeit und Klassenfahrt.Unter anderem über meine unmodische Kleidung wurde gespottet.
Mein Kind soll nie in diese schreckliche Situation kommen. Natürlich wünsche ich mir ebenso wenig, dass er zu einem Mobber oder zum angepassten Mitläufer wird.
Ich möchte ihm mitgeben, dass er zu sich stehen kann, auch wenn er Gegenwind bekommt, auch wenn er eine andere Meinung oder einen anderen Geschmack hat. (Das konnte ich damals nicht. Ich sagte zwar im Unterricht zu Themen unerschrocken meine Meinung, aber ich erinnere mich auch daran, wie ich verzweifelt vor den beliebten Mädchen stand und sagte: „Was kann ich tun, damit ihr mich mögt?“)
Dass Kinder lernen, zu denken und zu sagen: „Ihr habt Pech gehabt, wenn ihr mich nicht mögt.“ ist enorm wichtig. Aber ich finde es sehr problematisch, wenn Eltern nicht merken, dass ihr Kind, anders ist, als andere Kinder, dass es uncoole Kleidung trägt, nicht mitreden kann. Kinder wollen dazugehören. Bei allem Idealismus dürfen Eltern das nicht vergessen und sollten auch das Bedürfnis nach Angepasstheit bei ihrem Kind ernst nehmen.
So sehr ich mich über sexualisierende und/oder erwachsene Kindermode aufrege, leide ich auch direkt irgendwie, wenn ich eine 12-Jährige in kindlichem Pferdepulli /einen 12-jährigen mit Schnürschuhen sehe, die sich offensichtlich unwohl in ihrer Haut fühlen (ich spreche hier nicht von Kindern, die diese Sachen selbstbewusst gerne tragen) und verspüre das dringende Bedürfnis mit diesem Kind modische Kleidung shoppen zu gehen. Mit ihm fernzusehen und ihm coole Musik zu zeigen. Natürlich sind das nur meine eigenen Gefühle in dem Moment, ich kenne ja nicht die Hintergründe. Ich bin als ehemals gemobbtes Kind besonders sensibilisiert für sowas. Aber ich bin auch sensibilisiert für die ganze Ungleichbehandlung, die ich im Post Teil 1 geschildert habe. Wenn ich dafür kein Bewusstsein hätte, wenn es mir nicht ein superwichtiges Anliegen wäre, etwas woran ich fest glaube, dann würde ich vielleicht mein Kind mit den modischsten, coolsten, angesagten (und stereotypen) Sachen zuschütten. Ich habe erlebt, wie es sich anfühlt, wenn es heißt: „Du bist hässlich, was hast du denn an, ist das von der Altkleidersammlung.“
Ich kann Eltern, die nicht bereit sind, dem Wunsch ihres Kindes nach ‚unpassendem‘ entgegenzukommen und es mit ‚passenden‘ Markensachen zuschütten, damit es bloß nicht unbeliebt wird, sehr gut verstehen.

Es ist wohl für alle Eltern, die ihr Kind möglichst genderneutral erziehen wollen, ein Balanceakt. Letztlich beeinflussen die Eltern nur zu einem Teil (etwa 30%?) die Sozialisation ihrer Kinder und das ist auch ok so. Ich denke, ich mache schon vieles richtig, indem ich meinem Sohn zum Spielen und Lesen selbstverständlich‘beides‘ anbiete; ihm öfters sage, dass ihm ein Kleidungsstück gut steht; dass er schön ist; dass ich stolz auf ihn bin, wie er sich um das Baby im Cafe gekümmert hat. Aber ich stelle mir oft vor, dass er tatsächlich mal ein Kleid in den Kindergarten anziehen will und wie ich ihm das erlaube, aber Angst habe. Bei uns im Kindergarten ist eine tolle Atmosphäre. Einmal hat wohl ein Kind mein Kind wegen seiner Latzhose etwas aufgezogen, da meinte die Erzieherin direkt, dass die Latzhose eine super Arbeiterhose ist. Deshalb ist für mich folgende Vorstellung am Beängstigsten: Das Kind sucht sich für die Schule eine rosa Schultüte oder einen Feenranzen aus. Mit schlechtem Gewissen versuche ich ihn zu manipulieren, erfülle letzlich seinen Herzenswunsch und habe Alpträume von einem gemobbten Kind. Eigentlich ist das nicht so aktuell. Wenn er sich heute einen Ranzen aussuchen würde, würde er sich recht wahrscheinlich Baustelle oder Dinos aussuchen. Und es sind noch ein paar Jährchen bis dahin. Aber ich habe das Szenario oft im Kopf, weil ich das Gefühl habe, dieser Balanceakt wird immer schwieriger, je älter das Kind wird.

Umso wichtiger, jetzt das Puppenhausspiel zu genießen, bevor es ihm irgendwann zu peinlich wird und es aus dem Zimmer raus soll. Das mit den Klamotten, Schultüten und Ranzen wird sich schon zeigen. Ich bin mir meiner Ängste bewusst und mein Kind wird später wissen, was ihm wichtig ist und wofür er das Risiko eingehen will, ausgelacht zu werden und wofür nicht.

Gibt es das auch für Jungs?

„Dupps hat Lust auf einen Happs! Sie frisst sich durch die Post, knabbert am Sofa und nascht an der Lampe. Doch dann fällt ihr Blick auf Tuffels Po. Zubeißen oder nicht?“
Das Bilderbuch ‚Dupps macht Haps‘ von Polly Dunbar (http://www.carlsen.de/hardcover/dupps-macht-happs/21049) über das Krokodil mit dem Beißdrang will das Kind immer wieder hören und ich lese es gerne vor. Mir fiel auf, dass ich immer wieder „ER frisst sich durch die Post… Doch dann fällt SEIN Blick auf Tuffels Po…“ lese. Auch andere Vorleser_innen machen immer wieder denselben Fehler und merken es gar nicht.
Vielleicht liegt es daran, dass es eher unüblich ist, dass im Bilderbuch ein beißwütiges Krokodil weiblich ist. Wenn in Bilderbüchern Tiere anthropomorph dargestellt werden, dann sind Tiger, Haie, Krokodile meist die Jungen. Es gibt sicher viele Gegenbeispiele und ich kenne dazu keine Forschung. Aber dieser Versprecher unterschiedlicher Vorleser_innen scheint mir kein Zufall zu sein. Ich habe auch noch nie ein Mädchenshirt mit einem Krokodil gesehen. Die gefährlichen Tiere mit den scharfen Zähnen finden sich allesamt in der Jungenabteilung. Dinos, Tiger, Haie, Piranhas sind besonders beliebt. Hasen, Mäuse, Pferde und Katzen sind ab allerspätestens Größe 92 den Mädchen vorbehalten.
Von Schmetterlingen, Blumen, Feen, Elfen, Prinzessinen, Cupcakes auf der einen und Flugzeugen, Autos, Baggern, Schraubenziehern, Piraten, Monstern, Drachen und Robotern auf der anderen Seite ganz zu schweigen. Bei den (Baby-) Jungs überwiegen die Wörter/ Ausdrücke ‚adventure‘, ‚worker‘, ‚builder‘, ’strong‘, ‚boys at work‘, ‚wild‘, ‚Monster‘ und ‚Rabauke‘. Auf Mädchenbäuchen ist zu lesen: ‚peace‘, ‚flower‘, ’sweet‘, ‚dream‘, ‚princess‘, ‚beauty‘.
(Oder auch bei Otto: ‚In Mathe bin ich Deko.‘)
Ich mag rosa. Und ich mag blau. Finde ich persönlich viel schöner als oliv oder beige. Meiner Meinung nach sind nicht die Farben, sondern eher diese Aufdrucke und Motive das Problem. Schon den Allerkleinsten werden damit Rollenklischees übergestülpt. Jungs lernen füh, dass Schmetterlinge und Pferde Mädchensache sind und Mädchen lernen früh, dass Dinosaurier und Piraten Jungsthemen sind. Schade. Wenn ich jetzt noch anfange, über die Spielwarenindustrie und die Spielzeugwerbung zu schreiben, wird der Post zu lang. Aber es ist schon erstaunlich, wie wenige kleine Jungen mit Puppenbuggys zu sehen sind, auch im Kölner Süden. Und wieviele kleine Jungs auf dem Spielplatz die Buggys der Mädchen ausleihen/wegnehmen. Und wie oft ich schon auf dem Spielplatz Gespräche a la „er schiebt so gerne Puppenwagen, aber sein Papa will nicht, dass er einen kriegt‘ belauscht habe (ja, im Kölner Süden). Puppenküchen zumindest haben viele Jungen. Aber Babypuppen samt Zubehör, geschweige denn Puppenhäuser oder Biegepuppen – eher nicht (so mein Eindruck). Und wenn ein Junge eine Puppe hat, dann ist es meist ein Puppenjunge. Dass ein Puppenpapa seinem Puppenmädchen die langen Haare kämmt, ist… unüblich. Aber dass die Puppenmama ihren Puppenjungen wickelt – klar, doch.
Ebenso frage ich mich, warum der Carlsen-Verlag es für nötig befunden hat, ein Conni-Äquivalent für Jungen zu enwickeln. http://www.carlsen.de/max „Das starke Buchprogramm für Jungs! Von den kleinen Vorlese-Fans ab 3 Jahren bis zu den Lese-Helden ab 7! Jungen ticken einfach anders als Mädchen. Für ihre individuelle Entwicklung brauchen sie männliche Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Vorbilder für den Alltag, die mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben wie sie selbst.“ Aha. Ich wüsste jetzt nicht, warum sich ein Junge nicht damit identifizieren können sollte, wie Conni das Seepferdchen macht, zur Musikschule geht, einen Bruder bekommt, in den Urlaub fährt und eingeschult wird. Warum er für dieselben Sachgeschichten einen Max brauchen sollte. Schließlich geht es bei Conni ja nicht darum, wie sie ihre Tage kriegt, sondern z.B. darum, wie sie mit ihrer Familie umzieht. Ziehen Jungs anders um als Mädchen oder was? Also mein Sohn identifiziert sich so sehr mit Conni, dass ich sie bald nicht mehr sehen kann. (Vielleicht gebe ich meine Weigerung, diese Max-Bücher zu kaufen, doch mal zwecks Abwechslung auf.) Ernsthaft: Als wären Jungen nicht in der Lage, sich mit Mädchen zu identifizieren und umgekehrt.
Manchmal habe ich den Eindruck, bald wird es keine Kinderbuchabteilung mehr geben, sondern wie bei den Klamotten eine Jungenbuch- und Mädchenbuchabteilung. Gruselige Vorstellung. Das Kinderüberraschungsei gibt es ja auch schon in zwei Ausführungen. Alles gibt es jeweils ‚für kleine Räuber/Helden‘ und ‚für Prinzessinen‘, seien es Babyrasseln, Cornflakes oder Schränke.
Die extreme Aufteilung in Mädchen- und Jungenkosmos erstreckt sich sogar auf Kleinkindfreundschaften. Wenn Mädchen&Mädchen/Junge&Junge gemeinsam buddeln, heißt es: „Wie schön die besten Freunde spielen“. Wenn Junge&Mädchen gemeinsam buddeln: „Ui, was für ein süßes Paar. Die beiden flirten schon wieder“. Ich finde diese Kommentare mittlerweile einfach nur zum Kotzen.
Genauso wie ich es nicht fassen kann, wie oft ich in 3 Jahren auf Spielplätzen und Krabbelgruppen schon gehört habe: „Jungs sind eben wilder.“, „Typisch Jungs und Technik“ (meist bezogen auf Babys, die Mamas Handy haben wollen) und so weiter und so fort.
Die Mehrheit scheint fest an ‚Typisch Mädchen‘ und ‚Typisch Junge‘ und angeborene Charaktermerkmale abhängig vom Geschlecht zu glauben.
Ich glaube an angeborene Charaktermerkmale unabhängig vom Geschlecht. Die einen Kinder sind eher wild und laut, die anderen eher ruhig und schüchtern. Manche sind musisch begabt, andere eher handwerklich. Das hat herzlich wenig mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit Temperament und Neigungen. Die einen passen eben mit ihrem Wesen in die Norm, die anderen nicht.
Wenn es heißt, dass der Deutschunterricht den Jungen nicht gerecht wird, weil das Lesen lernen zu wenig anhand von Abenteuergeschichten und ‚jungsspezifischen Themen‘ geschieht, dann würde ich es anders formulieren: Der Deutschunterricht wird den Kindern
nicht gerecht, die gerne Abenteuergeschichten, Fußball oder Piraten mögen. Eine größere Bandbreite an Unterrichtsmaterialien, die Kindern mit unterschiedlichen Interessen gerecht wird, muss her.
Wenn der Einwand lautet, dass Kinder mit Abenteuer-/Piraten-/Drachenvorlieben in der Mehrzahl Jungs sind, dann sage ich: Das liegt nicht an den Jungsgenen, sondern an der Sozialisation, die sie bis zum Lesealter bereits durchlaufen sind.
Hier würde ich wieder bei den Dinopullis und männlichen Krokodilen ankommen und mich im Kreis drehen.
Kinder sind in erster Linie Kinder und erst in zweiter Linie Junge oder Mädchen.
Die schwedische Kita Egalia sehe ich trotzdem kritisch, ebenso wie radikale Versuche einer geschlechtsneutralen Erziehung, bei der das Umfeld des Kindes sein Geschlecht nicht erfahren soll. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gut fürs Kind ist, im Gegenteil.
Ich wünsche mir einfach, dass Jungen nicht als unjungenhaft bezeichnet werden, wenn sie an Karneval als schöner Prinz gehen, statt als gefährlicher Pirat und dass Mädchen nicht als unmädchenhaft gelten, wenn sie als Baumeisterin gehen. Ich wünsche mir, dass Kinder ihre Persönlichkeit entfalten können, ohne Angst haben zu müssen, kein richtiger Junge oder kein richtiges Mädchen zu sein.
In der Praxis ist das nicht immer einfach. Mir ist wichtig, dass mein Kind seine Persönlichkeit unabhängig von Geschlechternormen entfalten kann, aber ich habe auch das Bedürfnis ihn davor zu schützen, dass er geärgert oder ausgelacht wird. Dieser Balanceakt ist Thema für einen seperaten Post. Es ließe sich noch viel schreiben. Die Kinder, die heute mit diesen (oft subtilen) Geschlechterstereotypen aufwachsen, werden die Väter, Mütter, Chefinnen, Chefs und Politiker_innen von morgen sein.