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Frozen für alle! Über unsere Eiskönigin-Liebe und Merchandising

Viele Eltern gruselt es vor Merchandise-Produkten und sie versuchen, Kinderklamotten und -Sachen mit HeldInnen aus Filmen und Serien zu umgehen.
Mir geht es da anders, ich habe schon immer besonders gerne Fan-Artikel verschenkt, denn ich finde: Wenn jemand Fan von etwas ist, dann drückt er/ sie damit einen Teil seiner Persönlichkeit aus. Wenn jemand leidenschaftlich gern eine Band, eine Serie, die Heldin eines Films, eine Sängerin, einen Roman, eine Farbe, einen Stil… mag, dann steckt ein Teil seiner Seele darin… oder wird darin gespiegelt. Wenn ich einen Fan-Artikel verschenke, zeige ich damit dem Menschen, dass ich seine Interessen und Leidenschaften sehe und anerkenne und weiß, dass sie zu ihm gehören. Ich ermutige ihn, sich auszudrücken und seiner Umgebung den Stempel von dem, aufzudrücken, was ihm wichtig ist.
Insofern schenke ich Fan-Artikel besonders gerne Teenagern (z.B. Band-Shirt oder Poster), aber auch Erwachsenen (z.B. Tasse der Lieblingsserie) und Kindern.
Die Heldinnen und Helden unserer Kinder sagen so viel aus über ihre Träume und ihre oft (noch) versteckten Seiten. Deswegen würde ich sie nie als Konsummist abtun, sondern nachfragen und zuhören. Es kommen interessante Antworten.
Wenn ich I. frage, was er an Star Wars so toll findet, höre ich: „Die Raumschiffe! Die Kämpfe! Die Lichtschwerter! Und dass ich den Film noch nicht gucken darf. Ich finde ihn soooo spannend, weil ich so gespannt bin!“
Ich könnte mich darüber mokieren, dass er und etliche Kindergartenkinder Fan eines Films sind, den sie noch nie geguckt haben. Stattdessen entdecke ich gerade das Star Wars Universum für mich, kann die Faszination, die davon (schon seit Ewigkeiten) ausgeht, immer mehr nachvollziehen. Als ich den Film vor Jahren sah, bin ich eingeschlafen und konnte nie was damit anfangen, aber gerade bekomme ich Lust, ihn nochmal zu gucken.
Man könnte jetzt sagen, dass das Ernstnehmen der kindlichen Interessen nicht heißen muss, dass man Zeug kauft.
Das stimmt auch. Ich habe I. auf ein Shirt ein Star Wars – Motiv gemalt und er findet es toll. Außerdem könnte man gemeinsam zum favorisierten Thema basteln.
Aber ich finde, wenn man eh Klamotten oder Gebrauchsgegenstände kauft, kann man auch die mit den gerade beliebten Aufdrücken kaufen. Es ist schön zu sehen, wie I. sich freut, wenn seine Sachen zu ihm passen.

Aber.
Seit einiger Zeit sehe ich Merchandise-Produkte viel kritischer. Und zwar seit das Merchandising zum Film „Frozen – die Eiskönigin“ angefangen hat.
Mittlerweile gibt es einfach überall einfach alles mit Anna und Elsa, Olaf und Sven.
Und dadurch gerät dieser wundervolle Film total in den Hintergrund. (Star Wars – Fans würden wahrscheinlich dasselbe über Star Wars sagen… Da kann ich aber nicht mitreden (bisher), da ich früher, wie gesagt, dabei eingeschlafen bin.)
In letzter Zeit bekomme ich oft mit, dass viele Eltern so genervt vom Frozen-Hype sind, dass sie sich wundern, wenn ich anfange, vom Film zu schwärmen. Ich habe den Eindruck, es ist, als würden diese Tonnen an Frozen-Sachen die hohe Qualität des Films infrage stellen.

„Frozen“ ist in meinen Augen ein feinsinniger Film über Trauma, Depression und vor allem Heilung, über das Rauskommen aus einer Erstarrung. Es ist die Heldinnengeschichte von Elsa und die Heldinnengeschichte von Anna. Der Film berührt so viele Menschen so tief, weil er etwas universell Menschliches meisterhaft erzählt. Der Soundtrack ist fantastisch und das Titellied „Let it go“ hat völlig verdient einen Oskar gewonnen. Jedes Mal, wenn ich es höre, kriege ich Gänsehaut – immer noch.

The wind is howling like the swirling storm inside
Couldn‘t keep it in
Heaven knows I try

Don‘t let them in, don‘t let them see
Be the good girl you always have to be
Conceal, don‘t feel, don‘t let them know
Well now they know

Diese Zeilen und die dazugehörige Musik haben eine gewaltige Kraft und sprechen überall auf der Welt Menschen aus der Seele.
Der Film ist warmherzig, liebevoll und zeigt richtig starke Prinzessinen.
Am Ende boxt die starke Anna den hinterhältigen Hans mit voller Kraft ins Wasser! Und Sven, ihre echte Liebe, ist ein eher weicher und sensibler Mann.
Aber nicht sein Kuss erlöst Anna, wie zunächst erwartet wird, sondern die Schwesternliebe!!! Das ist so eine wichtige Botschaft.
Und auch wichtig: Als es doch ans Küssen geht, FRAGT Sven, ob er Anna küssen darf!

So, genug geschwärmt, schließlich sollte es in diesem Text in erster Linie um Merchandising gehen. Darauf komme ich jetzt zurück.
Mich stören zum einen die extrem omnipräsenten Frozen-Sachen. So ist ein Fan-Artikel nichts Besonderes mehr, kein Ausdruck einer Liebe, so wie es eigentlich mit einem Fan-Artikel sein sollte.
Mich stört aber ganz besonders, dass Frozen-Artikel speziell für Mädchen vermarktet werden. Das impliziert, es wäre ein Film speziell für Mädchen (als gäbe es sowas). Und kein wunderbarer Film für ALLE. Dadurch sehen sich vielleicht einige Jungs den Film gar nicht erst an oder scheuen sich, ihre Liebe zum Film auszudrücken.
Indem es die obligatorische „Für Jungs“ und „Für Mädchen“-Version eines Artikels zur Zeit im „Frozen – “ und „Spiderman – „/ „Star Wars“ – Look gibt (z.B. Schuhe), wird die Botschaft ausgesendet, dass es sich um einen Mädchen- und um einen Jungsfilm handelt. Das finde ich total traurig. Und ich fange an, dieses Merchandising-Ding zum Teufel zu wünschen, denn das hat nichts mehr mit den Wesen von Fan-Artikeln zu tun, wie ich das am Anfang des Textes beschrieben habe.
Einige Läden haben zwar immerhin auch in der Jungs-Abteilung Frozen-Kleidung im Angebot. Aber nur mit den männlichen Protagonisten – Sven und dem Schneemann Olaf. Dabei sind Anna und Elsa die eindeutigen Hauptpersonen und Heldinnen des Films. Das ist schade und so typisch für unsere Gesellschaft. Als Junge ein Fan von einer Mächen- oder Frauenfigur zu sein scheint tabuisiert zu sein. Seeräuberkind Pippi Langstrumpf ist gerade noch ok, aber eine Prinzessin geht gar nicht.
(Schrieb ich schonmal darüber, dass es jetzt ein männliches Pendant zu Conny gibt? Conny für Mädchen und Max für Jungs. Als würden Jungs anders zum Zahnarzt gehen und schwimmen lernen als Mächen.)

I. ist, wie ich, ein großer Frozen-Fan. Er kennt den Film in- und auswendig.
Letztes Jahr spielte er oft Elsa, wobei er im Kreis lief und „Let it go“ sang.
Wenn er das Lied auf englisch hört, übersetzt er es simultan auf deutsch. Er guckt ganz konzentriert, hebt den Zeigefinger und sagt, wie aus der Pistole geschossen: „Der Schnee glänzt weiß auf den Bergen heut‘ nacht.“ usw.
Er spielt so gerne mit seinem Lego – Frozen -Schloss.

Letztens waren wir in einem Spielwarenladen und ich rief aus: „Schau, hier gibt es ja ganz viele Frozen-Sachen“!
Der Verkäufer rümpfte die Nase und sagte zu Ivo: „Du bist doch nicht etwa Frozen-Fan, oder!?“
Ich erwiderte: „Das ist doch ein toller Film!“
Er hielt inne, schien eine Sekunde in sich zu gehen und renkte ein: „Stimmt.“
Freudig fügte er hinzu: „Und es soll bald einen zweiten Teil geben!“

Als würde er sich wieder erinnern, dass Anna und Elsa eigentlich Protagonistinnen eines guten Films sind und nicht nur die Verzierung von Haarspängchen.

Mein Sohn mag Star Wars und Superhelden und er mag Frozen.
Ich kann seine Faszination für ersteres absolut nachvollziehen, aber streng genommen ist er er nur von Frozen ein „richtiger Fan“ – denn er hat bisher weder Star Wars noch Spiderman geguckt, Frozen aber viele Male.
Aber ihm wird signalisiert, dass Frozen nichts für ihn sei. Zum Beispiel wenn er einen Schuhladen betritt.
I. ist begeistert von den Frozen- und von den Star Wars – Schuhen und entscheidet sich schließlich für die Star Wars – Schuhe. Ich bin erleichtert, denn in den Frozen-Schuhen würde er bestimmt ausgelacht werden.
Die Frozen-Schuhe sind sehr pink, obwohl pink eigentlich überhaupt nicht zum Film passt.
Die Entscheidung ist für I. ok so… er ist schließlich ebenso Star Wars – Fan.
Aber diese Aufteilung ist einfach nur zum Kotzen.
Insofern… habe ich doch ein großes Problem mit Merchandise-Produkten – denn in der Form unterstützt es nicht mehr den Selbstausdruck, sondern zwingt diesen in Schubladen.

#bloggerfürflüchtlinge / Lauter sein.

In den letzten Tagen kamen mir einige Artikel über die sogenannte „Flüchtlingseuphorie“ unter, in welchen die Welle des Engagements kritisiert wurde. Alle würden auf den Zug aufspringen in diesem „Flüchtlingssommer“ und was würde danach kommen, wenn die Euphorie abgeebbt sei? Viele würden sich nur als guter Mensch fühlen wollen… vor allem diejenigen, die die ankommenden Züge mit Luftballons und Kuscheltieren begrüßen. Das sei ja wohl keine nachhaltige Hilfe.
Mit dem unsäglichen Artikel von Jan Fleischhauer bei Spiegel Online will ich mich gar nicht befassen und ihn auch nicht verlinken.
Mit dem Text von Antiprodukt „Flüchtlingskrise 2015, ich war dabei“ (http://antiprodukt.de/fluchtlingskrise-2015-ich-war-dabei/) hingegen würde ich mich gern näher befassen, denn vielem widerspreche ich, einiges finde ich aber auch wichtig.

Mich ärgert der Tenor dieser Artikel, denn hier werden engagierte Menschen (wenn auch nicht absichtlich) kritisiert und indirekt auch beschämt für ihr Engagement. Das finde ich schade.
Ich freue mich unglaublich über die vielen Menschen, die in Dortmund, München und vielen anderen Städten gekommen sind, um den Flüchtlingen zu zeigen, dass sie willkommen sind. Viele auch mitten in der Nacht, z.B. die wunderbare Mutter & Mensch. (https://muttermensch.wordpress.com/2015/09/07/was-fuer-ein-wochenende/)
Jeder Luftballon, jedes „Refugees welcome“, jede Schokolade für die Kinder ist wertvoll. Denn diese Gesten zeigen den Menschen, dass sie willkommen sind.
Die Begrüßungen sind vielleicht nicht nachhaltig, aber laut. Und das ist dringend nötig, weil die rechte Szene zu laut ist. Pegida, „besorgte Bürger“, die ganzen Neonazis, sie sind zu laut. Um die 200 Anschläge auf Flüchtlingsheime im ersten Halbjahr 2015 dröhnen im Ohr.
Das, was passiert ist, lässt sich nicht wieder gut machen, aber wir müssen lauter sein.

Laute, euphorische Begrüßungen an den Bahnhöfen können hoffentlich den geflüchteten Menschen zeigen, dass sie bei den Menschen in Deutschland willkommen sind.
Antiprodukt schreibt in seinem Text „Flüchtlingskrise 2015, ich war dabei“ von
„einer bizarren Euphorie und ‚Hoffnung‘, die beschworen wird, denn, so zeigt sich aktuell ja ‚Wir (Deutschen) sind doch gar nicht so.‘, oder auch: ‚Es gibt sie noch, die Guten.‘ “.

JA!
Wir (Deutschen) sind doch gar nicht so.
Es gibt sie noch, die Guten.

Das finde ich verdammt wichtig. Gerade nach Heidenau u.s.w. Es zu leben und auch zu zeigen.
Den geflüchteten Menschen – Sie sollen sich willkommen fühlen.
Den ganzen Nazis und Rassisten. – Sie sollen sich nicht als Mehrheit fühlen.
Allen Menschen, die Vorbilder, Inspiration und Ideen brauchen, um sich zu engagieren. – Sie sollen sich willkommen fühlen, zu helfen. Jede_r, wie er/ sie kann. Jede Geste zählt.

Ich finde, wenn in einem Text abschätzig von Bahnhofseuphorie und Luftballons geschrieben wird, kann das demotivieren, zu helfen und Flagge zu zeigen.
Daraus spricht eine irgendwie puritanische Geringschätzung von schönen Dingen, die einfach Freude machen und gar nicht nachhaltig sind. (Im Übrigen sind gerade solche schönen Dinge und Erlebnisse sehr nachhaltig, denn solche ‚Bausteine guter Erinnerung‘ stärken die menschliche Resilienz. Aber das nur am Rande.)
Geflüchtete Kinder freuen sich doch ebenso wie nicht geflüchtete Kinder über Schokolade und Luftballons. Und wenn Kinder, die Schlimmes erlebt haben, sich freuen, ist das wertvoll. Punkt.
Wenn gelebt und vermittelt wird: Jede_r hilft, wie er/ sie kann, engagieren sich immer mehr Menschen, alle auf ihre Weise.
Ich finde, die Medizinstudentin Maria Schütte, die in Budapest Flüchtlinge medizinisch versorgt, ist eine Heldin! (https://www.youtube.com/watch?v=FDTPYsI8quA). So als Beispiel.
Aber die Konsequenz daraus kann nicht sein, dass alle mit dem Wunsch, zu helfen, aber ohne medizinische Ausbildung/ Arabischkenntnisse/ viel Zeit/ viel Geld/ Organisationstalent u.s.w. entmutigt werden.
Ich finde großartig, dass sich zur Zeit so unterschiedliche Menschen mit so unterschiedlichen Projekten engagieren, mit ihren Talenten, auf ihre einziartige Art und Weise, das sieht man in den regionalen Facebook-Gruppen. Das soll so weitergehen! Niemand sollte sich davon abhalten lassen, auf SEINE/ IHRE Art und Weise etas zu tun.
In einer Facebook-Gruppe fragte eine Sängerin nach Heimen, in denen sie auftreten könnte, um den Geflüchteten eine Freude zu machen.
Und ich finde das super. Alle Menschen freuen sich über Musik und Zerstreung, aber nicht alle haben das Geld, um auf Konzerte zu gehen.
Oder an den heißen Tagen wurde bei Facebook Eis vorbeibringen organisiert.
Durch so kleine Aktionen werden auch diejenigen animiert, mitmachen, die gerade nicht viel Zeit und Energie haben.
Ich persönlich habe gezielt überlegt, was ich außer Sachspenden mit 2 Monate altem Baby tun könnte – etwas, das in meinen momentanen Babyalltag passt.
Ich plane gerade eine Krabbelgruppe mit geflüchteten und nicht geflüchteten Müttern (ich werde darüber noch berichten). Wenn ich ein schlechtes Gewissen bekommen würde, weil andere Hilfe woanders dringender ist, würde ich mich wohl gelähmt fühlen und nichts tun.
Und ich bin sehr dankbar, dass tolle Menschen aus den Facebook-Gruppen rumfahren und Sachspenden abholen.
Wenn mein Baby größer wird, werde ich wahrscheinlich Theaterprojekte mit geflüchteten Kindern machen und mich allgemein mehr engagieren, aber ich würde z.B. keine Kleiderspenden sortieren. Denn da wäre ich Chaotin nicht besonders hilfreich.

Wenn ein Mensch „nur“ die Energie/ Möglichkeit hat, am Gleis „Refugees welcome“ zu rufen, sollte er nicht demotiviert werden.
Wenn ein Mensch, das was er eh gerne tut, mit oder für Flüchtlinge tun will, sollte er nicht demotiviert werden! Helfen muss nicht anstrengend sein.
Und aus welchen Motiven ein Mensch hilft oder auch ein Unternehmen spendet, finde ich sowieso nicht relevant. Wir Menschen sind doch eh so gestrickt, dass ganz unterschiedliche Motive – sowohl, als auch – übereinander liegen. Und nicht entweder, oder.
Helfen darf kein Wettbewerb sein.

Ich musste an die Maus Frederick aus dem gleichnamigen Bilderbuch von Leo Lionni denken. Während alle Feldmäuse fleißig Vorräte für den Winter sammeln, tut Frederick nichts und wird dafür von den anderen Mäusen gerügt. Er sagt, er sammle für die langen Wintertagen Farben, Wörter und Sonnenstrahlen. Und tatsächlich – als die Vorräte der anderen alle sind, machen Fredericks andersartige Vorräte den restlichen Winter weniger trist.
Jede_r hat eben etwas Anderes beizutragen.

ABER.
In Antiprodukts Text steht auch einiges, das ich wichtig und richtig finde.
Oft frage ich mich tatsächlich, ob Helfende sich Gedanken darüber machen, wie ihre Hilfe beim Gegenüber ankommt. Ich spreche hier nicht davon, dass man sich beim Helfen gut fühlt, das finde ich normal und menschlich. Sondern von mangender Empathie, wie das Gegenüber sich fühlen könnte.
Antiprodukt hat einen Facebook-Screenshot seinem Text beigefügt: „Hab ich schon erwähnt, dass man für 10 Euro im Monat solchen süßen Leuten aus dem Bürgerkrieg helfen kann?“ Darüber, wie daneben das ist, braucht man gar nicht erst zu reden. Und auch nicht von verdreckten und verschlissenen Kleiderspenden und unnützen Krimskrams im Müllsack.

Aber dieser Abschnitt von Antiprodukts Text macht mich nachdenklich: „obendrauf gepackt werden acht Plüschtiere, persönlich übergeben von deutschen Kleinkindern, die hier noch etwas lernen können.“
Denn jeden Tag lese ich in den regionalen Facebook-Gruppen Anfragen diese Art: „Ich möchte spenden, aber nicht beim DRK, sondern die Sachen persönlich übergeben mit meinen Kindern. Denn die sollen dabei was lernen.“ o.ä.
Ich stelle es mir aber angenehmer vor, aus einer vorsortierten Kleiderkammer etwas auszusuchen, als von fremden Menschen etwas anzunehmen.
(Auch ich möchte meinem Sohn natürlich etwas „vermitteln“, aber ich denke doch, es reicht, dass er mein Vorbild mitbekommt, wenn er will, auch etwas aussortiert und hoffentlich bald einfach so Kontakt mit geflüchteten Kindern hat, unabhängig von Spenden.)
Zu dem Thema hat Betül Uelusoy einen sehr guten und sehr lesenswerten Text geschrieben: https://betuelulusoy.wordpress.com/2015/09/08/spenden-wenn-die-wuerde-abhanden-kommt-2/
Ich zitiere aus Ulusoys Text:
„Wir fühlen uns gut, wenn wir geben. Wir gefallen uns in dieser Rolle. Geben ist leicht. Was schwierig ist, ist nehmen. Denken wir auch an die Gefühle derer, die nehmen müssen oder ist uns unser Geben und unser Wohlbefinden wichtiger? Diese Frage stelle ich mich in letzter Zeit immer öfter. Ich habe das Gefühl, dass uns manchmal die Empathie verloren geht, während wir eifrig dabei sind, zu helfen. Unsere Empathie für die Würde anderer. (…)
Als wir neulich Süßigkeiten für das Opferfest eingekauft haben, kamen nur die Dinge in den Einkaufswagen, die uns persönlich schmecken. Das mag nach einem Luxusproblem klingen, aber wir haben den Luxus zu sagen: „Das schmeckt mir nicht“, während wir ihnen alles selbst aussuchen und vorsetzen und noch dazu ’strahlende Augen‘ erwarten.
Ich finde, das ist ein schwieriges Thema. Diese Menschen sind tatsächlich auf so viel angewiesen, von der Unterhose, bis zur Mahlzeit. Gleichzeitig sind viele Helfer einfach nur herzensgute Menschen, die es gut meinen. Wie schafft man also den Spagat zwischen helfen zur Gewissensberuhigung und würdevoller Hilfe der Unterstützung Willen. (…)
Wenn mich also das selbe Schicksal ereilen sollte, wünsche ich mir würdevolle Hilfe. Was würde ich in dieser Situation wollen? Solange wir nicht vergessen, diesen Maßstab anzulegen, ist wohl viel getan.“

Sich kritisch (und zugleich wohlwollend) zu reflektieren beim Helfen ist wichtig.
Ich überlege auch schon länger hin und her, wie die Verpflegung der Krabbelgruppe gestaltet werden sollte, ohne dass es gönnerhaft rüberkommt und somit unangenehm für die geflüchteten Mütter. Es ist nicht so einfach – aber ich lasse mit davon nicht entmutigen.
Einen Spruch Mohammeds, den Ulusoy zitiert, finde ich bei der Entscheidungsfindung hilfreich: „(…) Ein Mann, der so spendete und es derart verbarg, dass seine linke Hand nicht wusste, was seine rechte Hand spendete.“

Statt vollkommen unterschiedliche Projekte und Formen des Helfens zu hierarchisieren und helfenden Menschen „niedere“ Motive zu unterstellen, wäre es sinnvoll, zu hinterfragen, wie unsere Hilfe beim Gegenüber ankommt.
Seien es medzinische Versorgung, Kleiderspenden, Dolmetschen, Eis (ver-) teilen, Frisieren, Socken stricken, gemeinsam kochen, Schilder hochhalten, Drogerieartikel kaufen, Geschenke für Bayram packen, Flüchtlinge anstellen, bei sich wohnen lassen, bei Behördengängen begleiten, gemeinsam basteln, Geldspenden, Trageberatung…
All dies kann achtsam und respektvoll den geflüchteten Menschen gegenüber erfolgen oder auch nicht.
Wenn wir die Würde unseres Gegenübers achten,
ist all dies wichtig.

Jungsmama!?

Ich bin eine Jungsmama. Denn ich habe zwei Jungen. I. hat vor 2 Monaten einen kleinen Bruder bekommen!
Soweit so logisch. Soweit so gut.
Aber ich mag diesen Begriff nicht: „Jungsmama“. Und den Begriff „Mädchenmama“ mag ich genauso wenig. Denn sie stehen normalerweise für mehr, als dass man zwei Kinder desselben Geschlechts hat.
#jungsmama
#mädchenmama
„Ich bin eine Jungsmama“ – heißt das, ich kenne mich mit Star Wars, Dinos und Baggern aus? Ist es bei uns zuhause lauter, wilder, rabiater, dreckiger?
„Sie ist eine Mädchenmama“ – also ist sie Expertin für Feen, Glitzer und Nagellack, fürs Basteln, Malen und Zickereien?
Ist es wirklich so einfach?
Jungen können so unterschiedlich sein – die einen wilder und die einen zarter. Und dann hat auch noch jeder Junge wilde und zarte Seiten.
Und jetzt lies nochmal diese Zeile und setze „Mädchen“ für „Junge“ ein.

Als ich schwanger mit dem zweiten Jungen war, meinte ein befreundeter Vater: „Oha, zwei Jungs! Da wird es hoch hergehen bei euch!“ Lustig finde ich, dass dieser Vater 3 äußerst energiegeladene Töchter hat.
Ein anderer Vater meinte: „Zwei Jungs! Eine Fußballmannschaft!“ Gerade war Frauen-WM.
Eine Bekannte fand (als es noch nicht klar war, ob es ein Mädchen oder Junge ist): „Wenn es ein Mädchen wird, wird I. ein richtiger großer Bruder, der sein Schwesterchen beschützt, schööön! Und wenn es ein Junge wird, dann kriegt er einen Spielkameraden, das ist auch sehr schön!“
Muss man ein Schwesterchen mehr beschützen als ein Brüderchen?
Und kann ein Junge mit einem anderen Jungen besser spielen? (Diese Vorstellung vom Spielkameraden ist sehr weit verbreitet.)

Wenn man noch einen Jungen oder noch ein Mädchen bekommt, wird man besonders stark mit den herrschenden Geschlechterrollen konfrontiert.
Damit, was es heißt, in unserer Gesellschaft, ein Junge oder ein Mädchen zu sein.
2kindchaos hat sehr beeindruckend darüber gebloggt, wie es war, als sie mit dem zweiten Mädchen schwanger war: „Ach, Sie bekommen noch ein Mädchen? Mein Beileid.“
(http://www.2kindchaos.com/blog/entry/gesellschaft/2015/06/15/ach-sie-bekommen-noch-ein-maedchen-mein-beileid)

Wir haben alle unsere Vorstellungen und Bilder im Kopf. Ich auch. Das ist ok. Aber ich finde es wichtig, sie zu reflektieren. Zum Beispiel stelle ich mir vor, wie ich mit meiner Tochter im Teenageralter shoppen gehen würde und dann würden wir uns mit unseren Einkäufen in ein Cafe setzen und ganz lange von Frau zu Frau reden.
Das ist eine schöne Vorstellung. Aber wer weiß, ob meine fiktive Tochter nicht lieber mit ihren Freundinnen shoppen gehen würde?
Ebenso wie I. oder M. mal Spaß daran haben könnten, mit mir in die Stadt und ins Cafe zu gehen. Oder auch nicht.
Ja, ich würde so gern all die süßen Kleidchen und Spängchen kaufen. Das könnte ich die ersten 2, 3 Jahre exzessiv machen, wenn ich eine Tochter hätte. Aber dann würde sie sowieso ihren eigenen Geschmack entwickeln und vielleicht keine Kleidchen und Spängchen mögen.
Ein Bekannter, der zwei Mädchen hat, stellt sich oft vor, wie es wäre, noch einen Jungen zu haben, mit dem er seine Leidenschaft für Fußball teilen könnte. Aber ich weiß nicht, ob er schon probiert hat, seine Töchter für Fußball zu begeistern. Ich glaube, nicht. Vielleicht würden sie es mögen, vielleicht auch nicht. Vielleicht würde nur eine Tochter Feuer fangen. Bei einem Jungen wüsste er es auch nicht.
Wenn man feste Vorstellungen hat, die man nicht hinterfragt, kann man leicht enttäuscht werden.
Es kann ja außerdem sein, dass aus einem Sohn irgendwann eine Tochter wird oder andersherum – wenn ein Mensch transsexuell ist. Die Persönlichkeit, das Wesen, bleibt aber bestehen. Ein Mann kann zu einer Frau werden, eine Geschlechtsumwandlung machen lassen, sich umbenennen – und bleibt doch derselbe Mensch.
(Ich empfehle den wunderbaren Film „Laurence anyways“ von Xavier Dolan.)

Kinder sind in erster Linie einzigartige Persönlichkeiten.
Naomi Aldort leitet ihr Buch „Von der Erziehung zur Einfühlung“ mit folgendem Zitat ein:

„Nichts, was aus dir wird, kann mich enttäuschen. Ich habe keine vorgefasste Meinung, was du sein oder tun sollst. Ich habe keinerlei Wunsch, dich vorherzusehen, nur den, dich zu entdecken. Du kannst mich nicht enttäuschen.“
– Mary Haskell

Lassen wir uns überraschen von unseren Mädchen und Jungen, von unseren Kindern.

Neues über I.,Pink, Zöpfchen, Lego Movie…

Gestern waren I. und ich in einem Klamottenladen, als I. hörte, wie eine Frau die Verkäuferin fragte: „Ich suche Softshelljacken. Für Jungs.“
I. schnaubte: „Jacken für Jungs… Alle Jacken sind doch für Jungen und Mädchen!“
Hach. Schön!

In I.s Kindergarten hat sich was verändert. Früher war es so, dass blöde Kommentare über pinke Shirts oder Nagellack wenn, dann eher von Erwachsenen kamen, nie von Kindern. Aber neuerdings geben die zwei ältesten Vorschuljungs in I.s Gruppe den Ton an und wenn I. was „mädchenhaftes“ an hat, ärgern sie ihn. Deshalb will I. seine pinken und rosa Sachen, auch die „Jungsshirts“ mit pinken oder lilsa Akzenten nicht mehr im Kindergarten tragen. Ansonsten zieht er sie gern an und ich freue mich, dass er sich trotz Gegenwind seinen Geschmack und Selbstausdruck bewahren kann. Ihn trifft es sehr, dass die Beiden ihn ärgern, denn er mag sie und findet sie cool. Oft spielen sie mit ihm, sie spielen eigentlich gerne zusammen und plötzlich fangen sie doch an zu ärgern. Ich glaube, dieses hin und her belastet I. besonders.
Als I. immer wieder davon erzählt hat, gingen bei mir direkt die Alarmglocken und ich habe mich gefragt, ob I. wohl grundsätzlich und auch von anderen geärgert wird und ein Außenseiter in der Gruppe geworden ist. I. hatte immer eine tolle Clique in seiner Gruppe, allerdings ist nun sein bester Freund aus der Clique weggezogen und I. vermisst ihn sehr. Dann auch noch die zwei Vorschuljungs. Ich wurde in der Schule gemobbt, daher stoßen die Alarmglocken bei mir alte Erinnerungen an. I.s Erzieher erzählte aber, dass die Jungs wohl gerade alle ärgern, sehr dominant sind und I. keinesfalls ein Außenseiter ist. Er verprach, noch mehr als bisher die Situation im Auge zu haben. Das beruhigte mich. Außerdem erzählte die Mutter von I.s Kindergartenfreundin, dass die zwei die Freundin auch ärgern würden. Ihr Halstuch sei ein Babyhalstuch und sie würde babyhaft malen. Eigentlich nehmen sie alles als Anlass zum Ärgern. Mal war es I.’s weiße Unterhose, die sie an Babywindeln erinnerte und mal der Schwanz vom Drachen seines Drachenshirts, der irgendwie komisch war.
Ich freue mich, dass die Zwei im Sommer zur Schule gehen werden, dann wird I. das älteste Kind in der Gruppe sein. Das wird die Dynamik sicher ändern.
I. möchte sich unbedingt die Haare wachsen lassen und dann einen Zopf wie sein Papa haben. Er wartet sehnsüchtig darauf, dass er sich ein Zöpfchen machen kann, das hält. Er will „erst Haare so lang wie Papa, dann so lang wie die von Rapunzel!!“. Als er mit Zöpfchen im Kindergarten war, kamen natürlich blöde Kommentare und dann war er mehrmals hin- und hergerissen, ob er mit Zöpfchen in den Kindergarten soll oder nicht.
Zum Glück ist es nicht mehr so lange hin bis zu den Sommerferien und I. hat tolle ErzieherInnen. Eine Erzieherin hat ihm ein rosa Haargummi geschenkt, eine Praktikantin hatte wohl gesagt, dass sie sein Zöpfchen toll findet und er hat erzählt, dass eine andere Erzieherin seinen Pulli mit grau-blau-altrosa Streifen wohl besonders schön gefunden hätte und dann hätten viele das auch gesagt.

Gestern Abend haben wir zu dritt den Lego Film geguckt. Erst fand ich ihn ziemlich langweilig. I. war gebannt und mein Freund war begeistert, dass einfach alles aus Lego gebaut und animiert war, sogar Wellen im Meer, Explosionen und Duschwasser. Er und I. lieben Lego, ich kann damit persönlich wenig anfangen und mag Playmobil viel lieber. Aber dann hat mir der Film doch sehr gut gefallen, als er zum Ende hin seine Botschaft entfaltete: Dass die unterschiedlichen Lego-Welten nicht starr getrennt sein sollten, sondern dass kunterbunt gemixt gebaut und kombiniert werden kann, ohne Anleitung! Einhorn-Kitty mit Batman! Genauso spielt I. gerne: Neulich erlebten die Fillys mit Batman und seinem Batmobil ein Abenteuer.
Ich hätte es toll gefunden, wenn im Film die „Jungs“– und „Mädchen“ – Lego-Welten noch mehr durchmischt worden wären. Der Schwerpunkt lag eher darauf, dass kreativ gebaut wird. Sehr schönes Ende, in dem ein Junge seinen Vater überzeugen kann, ihn endlich mit seiner bis dato unantastbaren im Keller aufgebauten Lego-Welt spielen zu lassen.
Insgesamt ein sehenswerter Film, der I. sehr begeistert und direkt zum Lego-Raumschiffe bauen inspiriert hat!

Pinkt stinkt nicht.

Heute morgen war ich bei einem Kinderflohmarkt, wo ich folgendes Gespräch miterlebte:
Kundin (hatte gerade Autobettwäsche bezahlt): „Toll, vielen Dank! Sonst müsste er noch in Prinzessin Lillifee-Bettwäsche der Großen schlafen.“
Verkäuferin: „Um Gottes willen!!! DER ARME! Nein, auch wenn wir hier in Köln sind, sowas muss man ja nicht forcieren. Wenn’s von selber kommt, ok. Aber man muss es nicht forcieren.“
Ich dachte, mir fallen gleich die Ohren ab. Dieser Jungssachen vs Mädchensachen Unsinn, den hört man ja leider täglich. Ich kann es nicht mehr hören. Aber die Aussage dieser Mutter implizierte ja noch viel mehr. Auch schon oft gehört, aber es machte mich wieder so, so wütend. Die Homophobie dahinter. Als wäre Homosexualität („…auch wenn wir hier in Köln sind“) etwas Unerwünschtes. Nach dem Motto: Wenn’s so ist, ist es eben so, aber wenn es sich vermeiden lässt… Als ließe es sich vermeiden. Als ließe sich die sexuelle Orientierung unserer Kinder beeinflussen. Und schließlich: Als hätte das Schlafen in Lillifee-Bettwäsche, tragen von/ spielen mit „Mädchensachen“ IRGENDWAS damit zu tun.
Mich kotzt das alles so an. Ich lebe noch nicht mal auf dem Land. Der Kindergarten, in dem der Flohmarkt stattfand, ist in der Kölner Südstadt!
Das Gespräch ging noch weiter: Die Kundin erzählte: „Boah, mein Sohn will total oft Sachen von seiner großen Schwester anziehen. Wie er zuhause manchmal rumläuft, schrecklich!!“
Ich konnte das Ganze nicht unkommentiert lassen, habe aber leider nur gesagt: „Also mein Sohn liebt rosa und ich finde es schön. Ich bin gerade sehr froh, einen Pulli mit rosa für ihn gefunden zu haben.“ Worauf beide Frauen mich kurz irritiert anschauten, dann wendeten sie sich ab und die Verkäuferin sagte zur Kundin: „Bei uns ist es genau andersrum. Meine Tochter ist so burschikos, immer will sie nur Hosen tragen, ich würde ihr doch so gerne mal ihre hübschen Kleidchen anziehen, sie hübsch machen… sie sagt, warum muss mein Bruder denn keine Kleider tragen und ich sage: Er ist ja auch ein Junge….“
Ich ging weiter.
Ich freute mich über meine Schnäppchen, den rosa-grau-blau geringelten Pulli und das grüne Poloshirt mit der rosa Aufschrift für meinen Sohn. Ich wusste, ich hatte I.s Geschmack getroffen. (Ich bin immer auf der Suche nach „Jungs-Sachen“ in/mit seinen Lieblingsfarben pink, rosa oder lila. Ich meine diese Anführungsstriche sehr, sehr dick, denn ich wünschte, es gäbe diese dumme Aufteilung in Jungs – und Mädchensachen nicht. Und I. mag auch gern Rüschen, Glitzer, alles aus der Mädchenabteilung. Aber in seinem Kindergarten weht der Wind jetzt rauher und traurigerweise kann bereits ein pinker Farbtupfer von den großen Jungs blöd kommentiert werden. Das macht I. was aus und er fühlt sich oft hin- und hergerissen zwischen seinem Geschmack und dem Wunsch, von den Größeren anerkannt zu werden. Wenn die Klamotte auch „Jungs“-Attribute aufweist, kann er seine Lieblingsfarben tragen, ohne das Risiko einzugehen, geärgert zu werden. Zu dem ganzen Thema habe ich vor langer Zeit bereits gebloggt, siehe „Der Junge mit den roten Fingernägeln, 1&2″)
Ich war also zufrieden mit meiner Flohmarktausbeute und I. freute sich tatsächlich sehr, als ich nach Hause kam.
Aber die Wut bleibt.
Die Wut auf die Homophobie und Heteronormativität, die einem im Alltag immer wieder auflauert. Die Wut darüber, dass es immer noch nicht selbstverständlich ist davon auszugehen, dass ein Kind später homo-, hetero-, oder bisexuell sein wird und alles völlig gleichwertig ist. (Die Heteronormativität und wie man damit als Eltern umgeht, ist ein Thema für einen ganzen Post…)
Die Wut auf diese verdammte Gesellschaft, in der Pink, rosa, Glitzer, Feen für Jungs immer noch ein Tabu sind.
Mein Sohn ist neidisch auf die Röckchen der Mädchen, die beim Drehen so schön schwingen und er ärgert sich mit mir darüber, dass Röcke und Kleider in unserer Gesellschaft den Mädchen vorbehalten sind. Er hatte mal ein Tutu fürs Tanzen, aber jetzt mit 5 trägt er es nicht mehr.
Er ist jetzt 5 1/2, cool sein ist wichtig. Gerade sind Superhelden und Star Wars besonders angesagt. Waffen, Laserschwerter, spektakuläre Kämpfe faszinieren ihn. Aber er hat sich auch noch seine Liebe für Filly-Pferde und Feen bewahrt, mit seinen Freundinnen spielt er stundenlang mit dem Filly-Schloss oder mit Barbies. Mit mir spielt er am liebsten Fillys oder Babypuppen. Dann ist er 4-facher, sehr treusorgender Papa und ich die Oma (von Lisabella, Lisa, Carlotta und Filippa). Er liebt seine pinke Haarbürste mit Glitzerkrone. Neben vielen Superhelden- Drachen- und Piratenshirts hat er wenigstens etwas rosa und pink in der Garderobe. Ich bin dankbar, dass er sich das alles trotz des rauhen Windes bewahren konnte.
Und ich bin sehr stolz auf ihn, weil er davon überzeugt ist, dass die Aufteilung in Jungs- und Mädchensachen Quatsch ist.
Letztens fragte er mich:
„Mama, was steht auf meiner Hose?“
– „Boys Wear, das heißt Jungenkleidung.“
„So ein Quatsch, es gibt doch nicht Hosen nur für Jungs oder nur für Mädchen! DAS HABEN DIE NUR GEMACHT, DAMIT MAN DIE HOSEN NICHT TEILT!“, entgegnete er empört. Und das mit dem Teilen – darauf ist er selber gekommen!! Über den kommerziellen Aspekt davon, dass es jeden Pups in zweifacher Ausführung gibt, haben wir nie gesprochen.

Wild sein, Piraten, Glitzer, gefährliche Monster, schöne Prinzen und Prinzessinnen, Kämpfen, Stark sein, Raubtiere, zart sein, sich schmücken und schminken, Superheldinnen und Superhelden, sich kümmern, Babypuppen versorgen, Roboter, Technik, Weltraum, Feen und Elfen, Drachen, Schwerter, Schmetterlinge.
Für alle!
Jeder und jede sollte sich aussuchen können, was sie/ ihn fasziniert und interessiert ganz ohne die Label „Für Jungen“ oder „Für Mädchen“.
Selbstverständlich dürfen sich Mädchen für die Puppen entscheiden und Jungs für die Autos. Aber auch andersherum. Und für Beides! Die meisten Kinder mögen nämlich eine breite Palette an Themen und Aktivitäten, je nach Alter, Phase und auch Typ/ Charakter in unterschiedlicher Gewichtung. Das hängt von vielen Faktoren ab, aber nicht vom Geschlecht. Die künstliche Einschränkung in „Für Jungs“ und „Für Mädchen“, die meines Erachtens immer weiter fortschreitet und nun auch auf Literatur, Sach- und Schulbücher übergeht, geht mit starker Normierung einher – sehr starren Vorstellungen davon, wie ein Junge oder ein Mädchen zu sein hat. Wer der Norm nicht entspricht, fällt auf. Das macht es Kindern schwerer, ihre ganze Persönlichkeit zu entfalten, ihre wilden und ihre zarten Seiten.

Pink stinkt nicht.
Pink ist für alle da.

Über die Onlinepetition

Vor einigen Tagen las ich in den Nachrichten über die Onlinepetition „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ des Lehrers Gabriel Stängle (https://www.openpetition.de/petition/online/zukunft-verantwortung-lernen-kein-bildungsplan-2015-unter-der-ideologie-des-regenbogens). Es geht um Protest gegen die geplante Bildungsreform in Baden-Würtemberg, die die Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt im Lehrplan verankern soll. Ich war ich entsetzt über die rege Zustimmung (am 11.11. 89.197 Unterstützer) und über die Flut an homophoben Kommentaren unter der Petition.
Ich hätte dieses Ausmaß an Homophobie und eine so häufige Verharmlosung der Petition nicht erwartet.
Bei Facebook wurde geschrieben, die Petition sei einfach „freie Meinungsäußerung“ und das wurde auch von den Betreibern von „openpetition.de“ gesagt. Die Petition wurde immer noch nicht entfernt.

Mir standen beim Lesen dieser „freien Meinungsäußerung die Haare zu Berge. Da gibt es nichts zu verharmlosen.
– Die Verfasser nennen ‚die Akzeptanz sexueller Vielfalt‘ eine ‚pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung‘. Sie meinen, die Leitprinzipien ’schießen über das Leitziel „Verhinderung von Diskriminierung“ hinaus‘. Aha. Sexuelle Vielfalt soll also nicht diskriminiert, aber auch nicht akzeptiert werden.
– Sie fordern ‚ein „Nein“ zur Überbetonung einzelner Gruppen und ihrer Interessen‘. Wie kann von einer Überbetonung die Rede sein?
– Sie fordern ‚ein uneingeschränktes „Ja“ zum Wissenschaftsprinzip in Schule, Unterricht und Lehrerbildung und lehnen ideologische Kampfbegriffe und Theoriekonstrukte ab.‘ Wissenschaftsprinzip?!?
So viel zum „Wissenschaftsbegriff“ weiter unten in der Petition: ‚In „Verankerung der Leitprinzipien“ fehlt komplett die ethische Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils, wie die höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, die auffällig hohe HIV-Infektionsrate bei homosexuellen Männern, wie sie jüngst das Robert-Koch-Institut (5) veröffentlichte, die deutlich geringere Lebenserwartung homo- und bisexueller Männer, das ausgeprägte Risiko psychischer Erkrankungen bei homosexuell lebenden Frauen und Männern.‘
Zunächst einmal: Was ist ‚EIN LSBTTIQ-Lebensstil‘?? Wie aufschlussreich, dass alle Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle einen einheitlichen Lebensstil haben. Besonders der Lebensstil eines intersexuellen Neugeborenen würde mich mal interessieren.
Was dann folgt ist Missbrauch wissenschaftlicher Daten und Manipulation der übelsten Sorte.
Der Petitionsverfasser ist studierter Lehrer. Er muss im Studium gelernt haben, Ergebnisse wissenschaftlicher Studien kritisch zu hinterfragen – nach Ursache, Wirkung, externen Variablen, Reliabilität und Validität. Man muss dafür kein Ass in Forschungsmethoden sein. Also gehe ich davon aus, dass er damit bewusst manipulieren will. Und zwar Menschen, die nicht gelernt haben, Studien zu hinterfragen und denen Angst einflößende Krankheiten und die Erwähnung des Robert-Koch-Instituts als Argumente reichen.
Dass die Ursache einer höheren Suizidgefährdung nicht die Homosexualität ist, sondern die Folgen von Diskriminierung aufgrund der Homosexualität – geschenkt! Eine Quellenangabe fehlt sowieso.
Für die unfassbar dreiste Aussage, homo- und bisexuelle Männer würden eine geringere Lebenserwartung haben, gibt es natürlich auch keinen wissenschaftlichen Beleg. Die einzige Quellenangabe ist die Studie des Robert-Koch-Institut.
Ich finde diese Art der Manipulation tragisch. Nichts schürt mehr Angst, als Suizidgefährdung (2 mal erwähnt). Da unterschreibt man unter Umständen lieber die Petition.
Das alles impliziert, dass LGBT einen promiskuititiven und drogenabhängigen ‚Lebensstil‘ pflegen und eh nicht lange leben.
Und diese Petition soll nicht zutiefst homophob sein!?!

Bei Facebook (oder auch z.B. in der FDP) schrieben viele, dass sie Respekt für Schwule und Lesben hätten, aber dass sie Regenbogenfamilien nicht als gleichwertig anerkennen könnten und deshalb keine gleichgeschlechtlichen Paare mit Kindern in den Schulbüchern sehen wollten. Denn die Kinder sollten die heterosexuelle Familie weiterhin als Norm kennenlernen.
Dieser Einstellung liegt unter anderem die weit verbreitete Prämisse zugrunde, dass ein Kind Mutter und Vater braucht, weil sie unterschiedliche Rollen und Funktionen erfüllen.
Ich bin mir sicher, dass Mütter und Väter Kindern gleichermaßen die Welt zeigen und Geborgenheit bieten können.
2 Väter können alles außer Stillen. Stillen ist gesund, aber es geht auch ohne!
2 Mütter können alles inklusive Stillen. Trösten und Toben. Das können sich erschreckend viele aber nicht vorstellen.
Dann habe ich oft das Argument gehört, die Natur/ Gott habe es so eingerichtet, dass nur Mann und Frau Kinder zeugen können. Na, da muss man aber auch gegen die Empfängnisverhütung sein, wenn der Sinn der heterosexuellen Partnerschaft die Fortpflanzung ist.
Der Grundton in vielen Kommentaren, die ich gelesen habe, war: Nichts gegen Homosexuelle, Diskriminierung ist falsch, aber müssen damit schon Grundschüler in Berührung kommen!?
Meiner Meinung ist genau das Diskriminierung. Wenn man nicht will, dass etwas als genauso normal angesehen wird und dem Nachwuchs vermittelt wird.
Bei solchen Äußerungen scheinen Homosexuelle immer irgendwie „die Anderen“ zu sein. Eine Minderheit und nicht eine gleichwertige Version der Sexualität und Liebe.
Ihr 89.507 Unterstützer der Petition, was ist mit euren Kindern??? Sind die etwa alle heterosexuell? Ist die Möglichkeit ausgeschlossen, dass sie homosexuell bi oder auch transsexuell sind? Bzw es sich ab der Pubertät zeigt?
Mir ist nicht nur wichtig, dass mein Sohn von Anfang an weiß, dass gleichgeschlechtliche Liebe normal ist, weil ich ihm Toleranz vermitteln will, sondern vor allem weil:
…er sich normal, gut und richtig fühlen soll, falls er schwul ist! (und das wird sich in der Pubertät zeigen.)
Das kann doch genau so gut sein, wie heterosexuell oder bi. Er soll sich in jedem Fall richtig fühlen, wie er ist. Es kann auch sein, dass er irgendwann feststellt, dass er transsexuell ist (Zu dem Thema kann ich übrigens den grandiosen Film ‚Lawrence anyways‘ wärmstens empfehlen). Es ist alles ok.
Im übrigen haben Eltern eh keinen Einfluss, auf die sexuelle Orientierung und Identität ihres Kindes, ob sie wollen oder nicht.
Warum wird die Debatte eigentlich nicht mal aus dieser Perspektive geführt??
Das Wichtigste bei der Bildungsreform ist doch, dass sich die „Betroffenen“ wohl fühlen.
Zugespitzt gesagt: Sexuelle Vielfalt soll nicht im Lehrplan verankert werden, damit unsere heterosexuellen Kinder Toleranz lernen.
Sondern damit unsere homosexuellen, heterosexuellen, transsexuellen, intersexuellen Kinder sich wohl fühlen, wie sie sind. Dafür ist wichtig, dass die Schulbücher, die Medien, die Bilderbücher u.s.w. nicht mehr heteronormativ sind. Das ist noch ein weiter Weg.
Ein Weg in die Richtung, dass Hitzlpergers Coming-Out kein Tabubruch mehr ist, sondern dass es selbstverständlich ist, dass Fußballer natürlich genauso homo-wie heterosexuell sein können.
Die geplante Bildungsreform in Baden-Würtemberg ist ein wichtiger Schritt!
Ich würde mir sehr wünschen, dass ich mal als Lehrerin auf Richtlinien verweisen kann, wenn ich meinen Werten entsprechend unterrichte und Eltern ein Problem damit haben.
Ich möchte einen Beitrag leisten, damit Kinder und Jugendliche sich in ihrer Andersartigkeit wohlfühlen, wie sie sind. In ein paar Jahren als Sonderpädagogin/ Lehrerin und ich würde auch gerne Kindertheater machen, das Normen und Rollenklischees auf den Kopf stellt. Sowohl bewusst thematisierend als auch nebenher. Dann hat die Protagonistin halt zwei Mamas, aber es ist nicht das Thema des Theaterstücks.
Passende Bilderbücher zur Bühnenadaption gibt es leider noch nicht besonders viele…
Aber einige sehr schöne gibt es bereits, dazu wird es sicher noch einen Post geben. Und ich habe selber einige Bilderbuchideen.

Im übrigen sind kleine Kinder noch viel flexibler und offener als Erwachsene.
Kennt ihr dieses schöne Video?
http://www.youtube.com/watch?v=8TJxnYgP6D8

Warum ich Renz-Polsters Buch lesen werde

Ich habe es immer noch nicht geschafft, so einen Besucher-Zähler zu installieren, aber ich vermute, gestern und heute fanden besonders viele Besucher den Weg hierhin. Warum ich das glaube? Wegen Herr Renz-Polsters neuem Blog.

Als ich eben bei Facebook (http://www.facebook.com/pages/Wundert%C3%BCtentag/438552029559747) in meiner Startseite darauf stieß und den Blog anklickte, traute ich meinen Augen kaum: Herr Renz-Polster bezog sich in seinem neuesten Post auf meinen Post „Warum Renz-Polster so langsam nervt“ .

Das ist der Link zu meinem Post: http://puddingteilchenn.blogsport.de/2013/07/22/warum-mich-renz-polster-so-langsam-nervt/
Und hier ist der Link zum gleichnamigen Post von Herr Renz-Polster: http://blog.kinder-verstehen.de/?p=25

Mich ärgert, dass Herr Renz-Polster und einige seiner Kommentatoren offensichtlich meinen Post nicht aufmerksam gelesen haben. Ich schrieb ausdrücklich keine Buchkritik. Ich bezog mich auf ein Interview mit ihm in Eltern Family und zitierte daraus: „Jeder weiß, dass er die Triumphe seiner Kindheit solchen ‚freien‘ Augenblicken verdankt, die er allein oder mit anderen Kindern erlebt hat. Wir wären doch nicht auf Bäume geklettert, wenn Mama darunter gestanden hätte! Gerade die selbst organisierten Abenteuer haben unser Kinderleben ausgemacht und uns vorangebracht.“

Ich bezog mich in erster Linie auf dieses Zitat, das mir viel zu verallgemeinernd erscheint.
Ich schrieb: „Ich bin in letzter Zeit in Zeitschriften und im Internet oft auf Dr. Renz-Polster,seine Thesen und das von ihm unterstützte ARTgerecht-Projekt gestoßen. Erst einmal fand ich seine Aussagen super und grundsätzlich finde ich sie immer noch super. Trotzdem war ich heute nur noch genervt als ich schon wieder über sein Bullerbü-Idealbild (Nach der Schule strolchen die Kinder in Gruppen und Banden in der Natur frei herum) las.“
Und: „Warum mich Renz-Polster trotz ‚einwandfreier‘ Einstellung nervt? Zum Beispiel weil seine Bullerbü-Forderung, so wie ich sie aufgefasst habe, auch Druck machen kann.“ Ich betonte extra meine persönliche Auffassung seiner Aussage in der Eltern Family.
Nicht zuletzt schrieb ich am Ende ausdrücklich, dass ich sein Buch noch nicht gelesen habe und es noch nicht erschienen ist: „P.S. Übrigens kommt im Herbst wohl ein neues Buch von Renz-Polster raus: „Wie Kinder heute wachsen – Natur als Entwicklungsraum“, das er mit dem Hirnforscher Gerald Hüther geschrieben hat.

Und trotzdem bin ich nachdenklich geworden. Auch wenn ich nicht über ein Buch, das ich nicht gelesen habe, schrieb, so muss ich mir doch an die eigene Nase packen. Ich kann auch verstehen, warum Herr Renz-Polster meinen Post wohl nicht mehr aufmerksam gelesen hat, nachdem er den Titel „Warum mich Renz-Polster so langsam nervt“ gelesen hatte.
Ich meinte das Interview und immer wiederkehrende Zitate in meiner Startseite. Seine Bücher habe ich nicht gelesen. Und ich denke, es war nicht fair, ihn anhand dieses Interviews zu bewerten. Ich habe nicht so getan, als hätte ich seine Bücher gelesen, das nicht. Aber wenn ich ein Buch geschrieben hätte, in dem ich meine Sicht auf Erziehung detailliert darlege (vielleicht bin ich ja mal in der Situation ;) ) und dann liest jemand nur ein Interview mit mir, in dem ich mich verallgemeinernd ausdrücke und ein paar Zitate aus dem Internet und schreibt daraufhin den Post: „Warum mich Wundertütentag so langsam nervt“
Dann wäre ich verletzt.
Renz-Polster schreibt, dass er eh ein dickes Fell hat und das ich ja ansonsten nett mit ihm umgehe. Aber: Ich hätte es sicher nicht so ausgedrückt, wenn ich gewusst hätte, dass er es liest, muss ich gestehen. Ich habe an irgendeinen Experten gedacht, der in letzter Zeit immer wieder zitiert wird. Aber nicht an den Menschen dahinter. Das ist im Internetzeitalter eine wichtige Lektion.
Und wie ich an dieser Stelle verallgemeinere, ist tatsächlich nicht ok: „Das ist jetzt ein Extrembeispiel, aber ich finde Renz-Polster bedient da immer ein romantisches Ideal-Bild, das weder der Individualität von Kindern gerecht wird, noch individuellen Umständen.
Schließlich kann ich noch nicht wissen, ob er es immer bedient.

Und deshalb: Auch wenn ich mich über das unaufmerksame Lesen und die daraus resultierende Unterstellung einer Buchbesprechung ärgere und meine Kritik an dem einen Interview-Zitat auch so meine…

…Lieber Herr Renz-Polster, ich möchte mich bei Ihnen für die oben zitierte Verallgemeinerung („bedient IMMER das Idealbild“) und den Post-Titel entschuldigen. Ich bin gespannt auf Ihren Blog und auf Ihre Bücher. Ich werde sie lesen und mir ein Bild darüber machen, ob sich meine Kritik an der zitierten Interview-Aussage verallgemeinern lässt, oder ob Sie in Ihren Büchern auch gerne zuhause spielende und leidenschaftlich Kurse besuchende Kinder erwähnen. Wenn ich das alte und das neue Buch gelesen habe, werde ich hier wirklich eine Buchbesprechung schreiben. :)

Der Junge mit den roten Fingernägeln

– I. kam mit Nagellack in den Kindergarten. Stolz lief er zu seinem Freund und rief: „Guck mal, ich habe Naggellack!“ Der Freund guckte interessiert, aber sein Vater lachte: „Ja, bist du denn ein Mädchen!?“ Ich erwiderte: „Auch Jungs dürfen Nagellack tragen.“

– I. kam auf der Kindergarten-Familienfreizeit in der Eifel mit roten Fingernägeln und bunter Kette und Armband zugleich an. Sein Outfit entlockte einigen anderen Eltern, vor allem den Vätern, interessante Kommentare. Von „Was hast du mit deinem Sohn gemacht?“ über „Gibs zu, hast du dir eigentlich ein Mädchen gewünscht?“ bis „Hey, ich bin das gewöhnt, ich arbeite gegenüber Timp“ (einem Travestielokal). Da fiel mir ehrlich gesagt keine Antwort ein. Immerhin waren die Kommentare an mich gerichtet und nicht direkt an I. Geärgert hat mich, dass mir ernsthaft unterstellt wurde, ich hätte ihm die „Mädchen“ – Sachen irgendwie aufgeschwatzt. (Ungläubig: „Er wollte das echt selber haben?“ – „Nein, ich habe gesagt, wenn du dir die Nägel nicht lackieren lässt, gibt es kein Sandmännchen“.)
Tatsächlich ist I. eines Morgens mit der fixen Idee, sich die Nägel zu lackieren, aufgewacht. Während ich noch im Halbschlaf war, lackierte er sich die Nägel mit einem lila Filzstift. Als ich wach war, machte ich ihm echten Nagellack drauf, womit er sehr zufrieden war.
Die Kinderkette und das Armband habe ich ihm gekauft, weil er sich Schmuck wie die Mama wünschte und er will sie ganz oft anziehen („Mama, wo ist meine Kette?“)
Getröstet hat mich ein Gespräch mit I.s Erzieher abends am Lagerfeuer. Der findet es super, dass I. manchmal rote Fingernägel hat und seine Babypuppe mitbringt. Als Mann im Frauenberuf hat er einen differenzierten Blick auf Geschlechterrollen und wir hatten ein gutes Gespräch über Kinderkleidung, Spiele u.s.w.

– I. wird mit blauen Sandalen, Jeansshorts und einem sehr buntem Shirt mit Kakadus, Wolken und Luftballons für ein Mädchen gehalten. Da hatte er gerade weder Schmuck an, noch lackierte Fingernägel. Lange Haare hat er auch nicht. Es lag also an dem Shirt. Ja, dürfen Jungs denn nichts Buntes mit Vogelmotiv anhaben?!

– Wir gehen in ein Schuhgeschäft, um Sandalen zu kaufen. I. steuert zielsicher ein knallpinkes, glänzendes und glitzernes Paar an. Ich stelle mir vor, was für Kommentare diese Schuhe auslösen würden, wenn schon die Nägel so kommentiert wurden. Deshalb will ich sie I. nicht kaufen. Ich sage I., dass sie ungesund für die Füße und schwitzig-unbequem sind und wir extra gute Sandalen kaufen wollten. Was auch stimmt. Ich will nicht sagen „Das sind Mädchensandalen“ und biete I. sogar von den guten Sandalen ein dezent altrosa Paar mit Blumen an. Ich bin erleichtert, dass er das nicht will. Aber er will auch keine neutralen Sandalen, sondern unbedingt unbedingt die glitzerpinken. Er hat sich in diese Sandalen verliebt. Obwohl ich die Fußgesundheit auf meiner Seite habe, fühle ich mich schlecht, weil ich sie einem Mädchen sicher gekauft hätte, denn sie waren nicht teuer. Schließlich lässt I. sich zu blauen Sandalen mit Ernie und Bert überreden. Und ich verspreche ihm, dass wir mal was anderes mit Glitzer kaufen. Er freute sich später über glitzerne Wickie-Zahnbürsten.
Ich ärgere mich über die Gesellschaft, weil ich mein Kind eigentlich nicht in seinem Geschmack manipulieren will.
Aber meine Entscheidung war richtig, denn wenn er richtig gemeine Kommentare zu seinen Traumsandalen gehört hätte, würde er sich vielleicht auch nicht mehr trauen, seine Kette anzuziehen oder mit dem pinken Puppenbuggy spazieren zu gehen.,

Ich finde es übrigens ziemlich normal, dass Kinder Glitzer und starke Farben wie Pink lieben.
Warum sollte das nur Mädchen vorbehalten sein?

P.S. Man kann natürlich der Meinung sein, dass Nagellack nichts an Kinderhänden verloren hat, auch nichts an Mädchenhänden. Dass Kinderschmuck unnötig ist und pinke Glitzersandalen eine Geschmacksverirrung sind. Ich sehe das nicht so.

Jungs sind einfach wilder.

Bei einem schönem Kindergeburtstag: Das Thema ‚Jungen und Mädchen sind ja sooo verschieden.“ kam irgendwie ständig auf. Ein Vater fand schade, dass er mit dem Kind nicht so viel Autos spielen kann, weil er ja ein Mädchen hat. Dann ging es darum, dass Jungen ja immer lieber mit Autos spielen und Mädchen lieber mit Puppen. Einer der Jungen habe zwar die neue Puppe seiner Schwester gefüttert, aber trotzdem. Ich warf ein, dass I. sehr gern mit Puppen spielt.
Ich hatte zuvor erzählt, dass ich als Kind ein richtiges Puppenkind war und immer noch Puppen und Zubehör liebe und keinen Hehl aus meiner Begeisterung für den Puppenwagen des Geburtstagskindes gemacht. Wahrscheinlich deswegen und weil I. gerade mit einem Bagger spielte, erntete ich etwas ungläubige Blicke. Ich hatte ein bisschen den Eindruck, dass man dachte, ich würde meine Puppenleidenschaft nur auf I. projizieren. (Dabei schläft der Süße gerade mit seinem Baby im Arm.)
Irgendwann im Laufe der Feier fiel natürlich der Klassiker ‚Jungen sind wilder‘.
Als die Mädchen später Puppen samt Puppenwagen holten und I. auch mitspielen wollte, schlichtete ein Vater den Streit um den Wagen und die Puppen so: „Und du I., kannst ja den großen Jungen spielen und mitlaufen und auf die Mädels aufpassen.“

Schon seltsam… Wenn es um Kleidung geht, kann ich es ja nachvollziehen, wenn man Bedenken hat, wenn das eigene Kind aus dem Rahmen fällt. Habe ich auch. (siehe Post: Gibt es das auch für Jungen? Teil 2.) Aber was Spielzeug betrifft – wir alle wollen doch, dass unsere Söhne zu liebevollen Vätern unserer Enkelkinder werden oder (um mal lieber keine Ansprüche zu stellen :) ) zu liebevollen Erwachsenen. Warum in aller Welt sollten Jungs dann keine Puppenpapas sein?

In der Uni: bei der ersten Seminarsitzung von „Mütter-Frauen-Töchter-Konstrukte der Weiblichkeit im Drama“ kam die Dozentin auf sex vs gender und Geschlechterstereotypen zu sprechen, gab gute Beispiele… Viele meldeten sich und meinten, es gäbe sehr wohl angeborene Unterschiede, begründet mit Argumenten wie: ‚Ich mag aber Glitzer und Rosa. es beruhigt mich irgendwie.‘ Und: ‚Ich habe drei Jungs und sie sind alle wilder als Mädchen.‘ Ich mag auch Glitzer und Rosa, aber nicht, weil ich eine Frau bin. Mein Junge ist nicht sehr wild. Einfach weil er vom Typ her ruhiger ist.

Übrigens hat I. letztens als wir bei der Musikgruppe die Stoppersocken vergessen hatten, aus dem Korb mit Ersatzsocken zielsicher die pinken Socken gegriffen.
Er durfte sich beim Geschenkekauf für das Geburtstagskind auch eine Kleinigkeit aussuchen und suchte sich rosa Schmetterlings-Elfen-Tattoos aus.
Ich kaufe Kleidung meist ohne I. und er besitzt keine pinken Stoppersocken. Denn wie die Meisten gucke ich gar nicht bei der Mädchenabteilung, wenn ich nach Klamotten für ihn suche. Ja, ich werde ihm nicht ‚Mädchensachen‘ aussuchen, solange er sie sich nicht wünscht.
Aber es ist schon erstaunlich, wieviel immer der ‚Biologie‘ zugeschrieben wird, obwohl wir für ein Kind von dem Moment an, an dem die Ärztin beim Ultraschall das Geschlecht erkennt, immer wieder eine Wahl treffen. Eltern, Freunde und Verwandte suchen Mädchensachen und Jungensachen aus.
Auch mein kleiner Puppenpapa hat fast nur Pullis mit Aufdrücken von Autos, Baggern, Wikingern, Piraten und Dinos. Die habe ich ihm gekauft oder er hat sie geschenkt bekommen. Noch sucht er sich manchmal pinke Socken und Elfentattoos aus, aber letztens schon sah er bei dm ein dunkelblaues Ringelshirt mit kleinen roten Herzchen: „Ist das ein Mädchenshirt, Mama?“ Sehr wahrscheinlich, dass er spätestens als Schulkind keine pinken Socken mehr aus dem Korb nehmen wird.
Aber wo ist da bitteschön die Biologie?

„Gibt es das auch für Jungen?“ Teil 2. Die Praxis.

Ich habe bis 2h Nachts bei towardthestars.com gesurft, einem wunderbaren Online-Shop für Kindersachen, die nicht den Geschlechterstereotypen entsprechen. Ich habe mir zu dem Thema noch viele Gedanken gemacht und festgestellt, dass ich unbewusst in meinem Post ‚3 Jahre, 5 Monate“ eher die ‚jungstypischen‘ Sachen als ‚Indiz‘ dafür, dass die Kleinkindphase vorbei ist, beschrieben habe. Dabei zeigt ja nicht nur die Dino- und (seufz)Schießleidenschaft, dass wir es mit keinem Kleinkind mehr zu tun zu haben. Ich hätte auch beschreiben können, wie süß, vernünftig und lieb das Kind mit Babys/Kleinkindern umgeht. Das ist ja mal ein klares Anzeichen dafür, dass er keines mehr ist. Oder dass er mittlerweile im Haushalt tatsächlich helfen kann, statt zusätzliche Arbeit zu machen. Wie geduldig er seiner Babypuppe ein Verbot erklärt. Aber anscheinend ist bei mir das Großwerden doch unbewusst stark mit ‚Junge werden‘ verknüpft. Gut, das kann auch daran liegen, dass diese Monster-Dino-scharfe Zähne-Peng -Leidenschaft tatsächlich NEU und ungewohnt ist. Genau dieses Gefühl, sich an die neue Altersphase erst gewöhnen zu müssen, wollte ich beschreiben. Wie auch immer – es ist eine spannende Phase und ich freue mich darüber, was Kind alles macht und spielt. Ich guckte dann noch ein bisschen im Internet nach Puppentragen und ging beseelt von den tollen Bildern und Ideen bei towardthestars ins Bett.
Am Morgen kämpfte das Kind mit seiner Strumpfhose. Ich tröstete: „Bald wird es endlich warm, dann braucht man keine Strumpfhosen. Wenn es richtig warm ist, darf man sogar kurze Hose tragen.“ Kind: „Ja, wenn es warm ist, kann ich auch Kleidchen tragen.“ Ich: „Ja, das stimmt. Kannst du machen. …Eigentlich tragen ja Mädchen Kleidchen. Aber wir können ja deine Freundin fragen, ob du eins ausleihen darfst. Nee, wenn du das möchtest, dann können wir mal gucken, ob wir für dich eins finden.“
Das ist das, was ich gesagt habe, aber ich dachte: „Hoffentlich vergisst er es wieder.“
Spielzeug und Bücher sind für mich kein Thema.
Aber mit Kleidung/Accesoires ist es nicht so einfach. Bisher hatte mein Sohn in dem Bereich noch keinen Herzenswunsch. Aber er hat schon oft Sachen erwähnt, wie das mit dem Kleid, bei denen ich mich frage, ob ich diese Wünsche erfüllt hätte, wenn er ein Mädchen wäre. Und wenn ich für ihn einkaufe und es die Shirts/Socken/Schuhe im Angebot einmal für Jungen und einmal für Mädchen gibt, wähle ich eigentlich immer die Jungssachen. Oft passt es, weil das Grün schöner ist, als das grelle Lila oder weil die Piraten-Regenjacke spannender ist als die Blümchenjacke. Aber manchmal gibt es ‚für die Jungs‘ nur Langweiliges, ‚für die Mädchen‘ hingegen z.B. Eulenprints und Kind mag Eulen. Trotzdem kaufe ich das Rüschen-Eulen-Shirt nicht. Und wenn ich mit Kind einkaufe, dann schlage ich ihm die ‚Mädchensachen‘ oft gar nicht erst vor.
Ein sehr häufiger Dialog zwischen uns: Er: „Ich will auch Ohrringe!“ Ich: „Ja, wenn du erwachsen bist, kannst du welche haben.“ Er: „Wenn ich erwachsen bin, will ich Ohrringe!“ Ich stand im Spielwarengeschäft schon oft vor so kindgerechten Aufkleberohrringen und ich denke, einem Mädchen hätte ich sie längst gekauft. Meinem Jungen habe ich sie nicht gekauft und gedacht: „Du hast eh kein Geld. Er braucht das nicht. Er hat eh genug Zeug.“ Was definitiv auch stimmt.
Aber bei anderen genauso unnötigen Sachen kann ich doch oft nicht widerstehen. Ausgerechnet bei Aufkleberohrringen und Kinderschmuck, ebenso wie bei einem rosa Rüschenshirt mit Igelprint, nach dem das Kind bei dm gefragt hat, war ich diszipliniert. Und wenn ich ehrlich bin – ich weiß, dass ich einem Mädchen schon längst lauter kindgerechten Schmuck und Spängchen gekauft hätte – schon weil ich solche Sachen als Kind liebte.
Ich bin mir dieser Diskrepanz bewusst und finde es eigentlich nicht richtig. Es ist nicht das, woran ich glaube. Ja, Herzenswünsche würde ich erfüllen, die gab es bisher im Bereich Kleidung/Schmuck noch nie und darüber bin ich froh. Nicht weil ich Angst hätte, mein Sohn wäre mit Spängchen und Kette kein richtiger Junge oder sonstwas, sondern weil es für mich eine Horrorvorstellung ist, dass andere Kinder mein Kind auslachen oder ärgern.
Ich bin in der Unterstufe heftig gemobbt worden. Ich hatte jeden Tag Angst, zur Schule zu gehen, Panik vor Gruppenarbeit und Klassenfahrt.Unter anderem über meine unmodische Kleidung wurde gespottet.
Mein Kind soll nie in diese schreckliche Situation kommen. Natürlich wünsche ich mir ebenso wenig, dass er zu einem Mobber oder zum angepassten Mitläufer wird.
Ich möchte ihm mitgeben, dass er zu sich stehen kann, auch wenn er Gegenwind bekommt, auch wenn er eine andere Meinung oder einen anderen Geschmack hat. (Das konnte ich damals nicht. Ich sagte zwar im Unterricht zu Themen unerschrocken meine Meinung, aber ich erinnere mich auch daran, wie ich verzweifelt vor den beliebten Mädchen stand und sagte: „Was kann ich tun, damit ihr mich mögt?“)
Dass Kinder lernen, zu denken und zu sagen: „Ihr habt Pech gehabt, wenn ihr mich nicht mögt.“ ist enorm wichtig. Aber ich finde es sehr problematisch, wenn Eltern nicht merken, dass ihr Kind, anders ist, als andere Kinder, dass es uncoole Kleidung trägt, nicht mitreden kann. Kinder wollen dazugehören. Bei allem Idealismus dürfen Eltern das nicht vergessen und sollten auch das Bedürfnis nach Angepasstheit bei ihrem Kind ernst nehmen.
So sehr ich mich über sexualisierende und/oder erwachsene Kindermode aufrege, leide ich auch direkt irgendwie, wenn ich eine 12-Jährige in kindlichem Pferdepulli /einen 12-jährigen mit Schnürschuhen sehe, die sich offensichtlich unwohl in ihrer Haut fühlen (ich spreche hier nicht von Kindern, die diese Sachen selbstbewusst gerne tragen) und verspüre das dringende Bedürfnis mit diesem Kind modische Kleidung shoppen zu gehen. Mit ihm fernzusehen und ihm coole Musik zu zeigen. Natürlich sind das nur meine eigenen Gefühle in dem Moment, ich kenne ja nicht die Hintergründe. Ich bin als ehemals gemobbtes Kind besonders sensibilisiert für sowas. Aber ich bin auch sensibilisiert für die ganze Ungleichbehandlung, die ich im Post Teil 1 geschildert habe. Wenn ich dafür kein Bewusstsein hätte, wenn es mir nicht ein superwichtiges Anliegen wäre, etwas woran ich fest glaube, dann würde ich vielleicht mein Kind mit den modischsten, coolsten, angesagten (und stereotypen) Sachen zuschütten. Ich habe erlebt, wie es sich anfühlt, wenn es heißt: „Du bist hässlich, was hast du denn an, ist das von der Altkleidersammlung.“
Ich kann Eltern, die nicht bereit sind, dem Wunsch ihres Kindes nach ‚unpassendem‘ entgegenzukommen und es mit ‚passenden‘ Markensachen zuschütten, damit es bloß nicht unbeliebt wird, sehr gut verstehen.

Es ist wohl für alle Eltern, die ihr Kind möglichst genderneutral erziehen wollen, ein Balanceakt. Letztlich beeinflussen die Eltern nur zu einem Teil (etwa 30%?) die Sozialisation ihrer Kinder und das ist auch ok so. Ich denke, ich mache schon vieles richtig, indem ich meinem Sohn zum Spielen und Lesen selbstverständlich‘beides‘ anbiete; ihm öfters sage, dass ihm ein Kleidungsstück gut steht; dass er schön ist; dass ich stolz auf ihn bin, wie er sich um das Baby im Cafe gekümmert hat. Aber ich stelle mir oft vor, dass er tatsächlich mal ein Kleid in den Kindergarten anziehen will und wie ich ihm das erlaube, aber Angst habe. Bei uns im Kindergarten ist eine tolle Atmosphäre. Einmal hat wohl ein Kind mein Kind wegen seiner Latzhose etwas aufgezogen, da meinte die Erzieherin direkt, dass die Latzhose eine super Arbeiterhose ist. Deshalb ist für mich folgende Vorstellung am Beängstigsten: Das Kind sucht sich für die Schule eine rosa Schultüte oder einen Feenranzen aus. Mit schlechtem Gewissen versuche ich ihn zu manipulieren, erfülle letzlich seinen Herzenswunsch und habe Alpträume von einem gemobbten Kind. Eigentlich ist das nicht so aktuell. Wenn er sich heute einen Ranzen aussuchen würde, würde er sich recht wahrscheinlich Baustelle oder Dinos aussuchen. Und es sind noch ein paar Jährchen bis dahin. Aber ich habe das Szenario oft im Kopf, weil ich das Gefühl habe, dieser Balanceakt wird immer schwieriger, je älter das Kind wird.

Umso wichtiger, jetzt das Puppenhausspiel zu genießen, bevor es ihm irgendwann zu peinlich wird und es aus dem Zimmer raus soll. Das mit den Klamotten, Schultüten und Ranzen wird sich schon zeigen. Ich bin mir meiner Ängste bewusst und mein Kind wird später wissen, was ihm wichtig ist und wofür er das Risiko eingehen will, ausgelacht zu werden und wofür nicht.