Archiv der Kategorie 'Kind'

Der Junge mit den roten Fingernägeln

– I. kam mit Nagellack in den Kindergarten. Stolz lief er zu seinem Freund und rief: „Guck mal, ich habe Naggellack!“ Der Freund guckte interessiert, aber sein Vater lachte: „Ja, bist du denn ein Mädchen!?“ Ich erwiderte: „Auch Jungs dürfen Nagellack tragen.“

– I. kam auf der Kindergarten-Familienfreizeit in der Eifel mit roten Fingernägeln und bunter Kette und Armband zugleich an. Sein Outfit entlockte einigen anderen Eltern, vor allem den Vätern, interessante Kommentare. Von „Was hast du mit deinem Sohn gemacht?“ über „Gibs zu, hast du dir eigentlich ein Mädchen gewünscht?“ bis „Hey, ich bin das gewöhnt, ich arbeite gegenüber Timp“ (einem Travestielokal). Da fiel mir ehrlich gesagt keine Antwort ein. Immerhin waren die Kommentare an mich gerichtet und nicht direkt an I. Geärgert hat mich, dass mir ernsthaft unterstellt wurde, ich hätte ihm die „Mädchen“ – Sachen irgendwie aufgeschwatzt. (Ungläubig: „Er wollte das echt selber haben?“ – „Nein, ich habe gesagt, wenn du dir die Nägel nicht lackieren lässt, gibt es kein Sandmännchen“.)
Tatsächlich ist I. eines Morgens mit der fixen Idee, sich die Nägel zu lackieren, aufgewacht. Während ich noch im Halbschlaf war, lackierte er sich die Nägel mit einem lila Filzstift. Als ich wach war, machte ich ihm echten Nagellack drauf, womit er sehr zufrieden war.
Die Kinderkette und das Armband habe ich ihm gekauft, weil er sich Schmuck wie die Mama wünschte und er will sie ganz oft anziehen („Mama, wo ist meine Kette?“)
Getröstet hat mich ein Gespräch mit I.s Erzieher abends am Lagerfeuer. Der findet es super, dass I. manchmal rote Fingernägel hat und seine Babypuppe mitbringt. Als Mann im Frauenberuf hat er einen differenzierten Blick auf Geschlechterrollen und wir hatten ein gutes Gespräch über Kinderkleidung, Spiele u.s.w.

– I. wird mit blauen Sandalen, Jeansshorts und einem sehr buntem Shirt mit Kakadus, Wolken und Luftballons für ein Mädchen gehalten. Da hatte er gerade weder Schmuck an, noch lackierte Fingernägel. Lange Haare hat er auch nicht. Es lag also an dem Shirt. Ja, dürfen Jungs denn nichts Buntes mit Vogelmotiv anhaben?!

– Wir gehen in ein Schuhgeschäft, um Sandalen zu kaufen. I. steuert zielsicher ein knallpinkes, glänzendes und glitzernes Paar an. Ich stelle mir vor, was für Kommentare diese Schuhe auslösen würden, wenn schon die Nägel so kommentiert wurden. Deshalb will ich sie I. nicht kaufen. Ich sage I., dass sie ungesund für die Füße und schwitzig-unbequem sind und wir extra gute Sandalen kaufen wollten. Was auch stimmt. Ich will nicht sagen „Das sind Mädchensandalen“ und biete I. sogar von den guten Sandalen ein dezent altrosa Paar mit Blumen an. Ich bin erleichtert, dass er das nicht will. Aber er will auch keine neutralen Sandalen, sondern unbedingt unbedingt die glitzerpinken. Er hat sich in diese Sandalen verliebt. Obwohl ich die Fußgesundheit auf meiner Seite habe, fühle ich mich schlecht, weil ich sie einem Mädchen sicher gekauft hätte, denn sie waren nicht teuer. Schließlich lässt I. sich zu blauen Sandalen mit Ernie und Bert überreden. Und ich verspreche ihm, dass wir mal was anderes mit Glitzer kaufen. Er freute sich später über glitzerne Wickie-Zahnbürsten.
Ich ärgere mich über die Gesellschaft, weil ich mein Kind eigentlich nicht in seinem Geschmack manipulieren will.
Aber meine Entscheidung war richtig, denn wenn er richtig gemeine Kommentare zu seinen Traumsandalen gehört hätte, würde er sich vielleicht auch nicht mehr trauen, seine Kette anzuziehen oder mit dem pinken Puppenbuggy spazieren zu gehen.,

Ich finde es übrigens ziemlich normal, dass Kinder Glitzer und starke Farben wie Pink lieben.
Warum sollte das nur Mädchen vorbehalten sein?

P.S. Man kann natürlich der Meinung sein, dass Nagellack nichts an Kinderhänden verloren hat, auch nichts an Mädchenhänden. Dass Kinderschmuck unnötig ist und pinke Glitzersandalen eine Geschmacksverirrung sind. Ich sehe das nicht so.

Miss Päpki

An stressigen Regentagen stelle ich mir gerne vor: Ich sitze in einem wunderschönen Sraßencafe und trinke Milchkaffee, I. malt auf dem Platz vor dem Cafe mit Kreide und die Sonne scheint auf uns.
Heute war so ein Vormittag! Meine wunderbare Freundin Julie und I.s Patentante (http://juliesschoenewelt.blogspot.de) war mit ihrem Freund für das Wochenende nach Köln gekommen. (Sie wohnte früher in Köln und wir gingen zusammen zur Schule. Vor 2 Jahren ist sie nach Berlin gezogen und ich vermisse sie hier sehr)
Wir gingen zusammen zu „Miss Päpki“ am Brüsseler Platz im Belgischen Viertel frühstücken.
„Miss Päpki“ ist ein zauberhaftes kleines Cafe. Kaffee wird in filigranen Porzellantassen mit Rosen und Vögelchen serviert und Käse fürs Frühstück auf einer grün-goldenen Etagere. Jeder Kuchenteller ist besonders. Die Möbel sind weiß und zierlich. An den Wänden hängen neben einer Schmetterlingstapete alte Fotos und Rosenbilder in verschnörkelten Rahmen und auch Porzellantassen schmücken samt Untertellern an der Wand. An der Theke stehen Etageres mit Gebäck. Man kann draußen in der Sonne sitzen oder im Fenster, drinnen an einem großen Tisch oder ganz hinten zurckgezogen auf einer kleinen Bank am Fenster, das auf den Hinterhof hinausgeht. In dem kleinen Cafe sind so viele einzigartige Details zu entdecken, die meist mit Rosen, Schmetterlingen oder Vögeln zu tun haben. Für mich – ein Traum!
Die nostalgische Einrichtung im Shabby Chic-Stil ist süß im wahrsten Sinne des Wortes, aber strahlt wegen der weißen Möbel und hellen Farben Frische aus.
Ein frisch-süßes kleines Cafe.
Der Milchkaffee und der Milchshake aus dem hausgemachtem Himbeereis schmeckten perfekt. Das Frühstück war auch sehr lecker, aber die Zusammenstellung der Frühstücke finde ich nicht so gelungen. Es gibt Obst mit Joghurt, das süße Frühstück, das Käse-, das Lachs-, und das Wurstfrühstück und nur ein kombiniertes Angebot mit Käse und Wurst, das das teuerste ist. Für mich ist das schade, weil ich die Kombination von süß und herzhaft liebe. I. und ich teilten uns das süße Frühstück, darunter köstliche Karamell- und Kokoscreme. Mir war das zu süß. I. natürlich nicht. Er kaute glücklich an seinem Nougatcreme-Croissant und durfte noch zum „Nachtisch“ eine Kugel Eis aussuchen. Auf der Eistheke standen auch bunte Weingummigläser, die I. (zum Glück) nicht auffielen, weil er so mit Eis aussuchen beschäftigt war. Und dann noch die Tortenvitrine… In „Miss Päpki“ ist nicht nur die Einrichtung süß.
Als er satt war, holte I. die Kreide raus. „Miss Päpki“ liegt nicht an der Straße, sondern auf dem Brüsseler Platz. Perfekt zum Vor-dem-Cafe-Spielen. Zufälligerweise war ein (großer, cooler) Junge aus I.s Kindergarten auch da und die beiden freuten sich total. Während wir Kaffee tranken, kletterten sie auf diesen Mäuerchen rum, die mit Bäumen und Büschen bewachsen sind und zwischen Häusern und Kirche stehen. Sie spielten Müllmänner (auf dem Brüsseler Platz für Kinder ein dankbares Spiel, für Eltern weniger ;) ), sie fanden einen Draußen-Hammer (einen abgebrochenen dicken Ast, der wie eine Kreuzung aus Föhn und Hammer ausssah) und stritten sich um diesen Schatz. I.s großes Glück war, dass der Junge den Draußen-Hammer nicht mitnehmen durfte, als er gehen musste.
Im Winter sind Cafes mit Spielecke am entspanntesten, wenn man mit Kind ins Cafe will, aber jetzt im Sommer ist ein normales Cafe auf einem Platz super. Wenn es auch noch hausgemachtes Eis verkauft, ist es perfekt.
Zum Biergarten am Rathenauplatz möchte ich demnächst auch mal gehen. Diesen Sommer ist I. groß genug, dass er schon mal zum Spielplatz gehen kann, während ich noch im Biergarten sitze. Letzten Sommer war der Abstand noch zu groß, aber dieses Jahr reicht es, dass ich ihn im Blick habe.
Es war kein pädagogisch wertvoller Vormittag in der Natur, aber I. war glücklich mit dem kleinen Abenteuer auf den Mäuerchen mit seinem Kumpel. Und ich war glücklich, in der Sonne Kaffee zu trinken, mit Julie zu quatschen und I. beim Spielen zuzugucken. Ich bin ein Cafe-Mensch und solche Stadt-Momente brauche ich zum Auftanken. Städtetrips sind für mich das Tollste und zur Zeit rar. Aber Städtetrip-Feeling in der eigenen Stadt ist auch schön.
I. will bald noch mal zu „Miss Päpki“ und seiner besten Freundin „Miss Päpki“ zeigen.

Gedichte für Kinder

Als ich gestern in die große Mayersche am Neumarkt fuhr, um mir für die Uni ‚Kasimir und Karoline‘ und ‚Die Ratten‘ zu kaufen, nahm ich mir fest vor, ohne Umwege zu den Reclamheften und zur Kasse zu gehen, denn ich musste mich beeilen und sparsam sein.
Ich schaffte es einigermaßen schnurstracks zu dem gelben Regal und zurück, hatte neben der Seminarlektüre dann aber doch noch ein Kinderbuch in der Tasche:
‚Meine Feste, deine Feste, kleine Feste. Gedichte für Kinder‘ vom Reclam Verlag. (www.reclam.de/detail/978-3-15-01899/Meine_Feste__deine_Feste__kleine_Feste“)

Das Büchlein im klassischen Reclam-Format, aber mit einem gut designten, bunten Titelblatt kostete 4 Euro. In dieser ganz neuen Reihe ‚Gedichte für Kinder‘ gibt es noch :
ABC und Tintenklecks; Von der Erde bis zum Mond; Allerlei Getier; Rätsel, Reim und Regenbogen; Im Land der Fantasie; Ich und du und große Leute; Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann. Es handelt sich um Anthologien, die Gedichte ganz unterschiedlicher DichterInnen enthalten.

I. war erst einmal nicht besonders interessiert, weil es in dem Buch wenige Bilder gibt und keine spannende Geschichte. Aber als ich ihm einige Gedichte vorlas, von denen ich annahm, dass er sie lustig finden könnte, guckte er ganz erstaunt, lachte über die Wortspiele und wollte doch immer mehr hören. Ich glaube, mit diesem Gedicht hatte ich ihn:

(…) Es sitzen da an einem Tisch:
Herr Fischent und Frau Entenfisch,
Herr Hahnenhund, Frau Schnauzerhuhn,
Die wollen sich recht gemütlich tun,
Dazu kommt noch Frau Schlangenspatz,
Mit ihrem Freund Herrn Ratzenkatz
. (…)
(Heinrich Hoffmann)

Er hat sich über die ‚seltsame Kaffee-Gesellschaft‘ kringelig gelacht.
‚Die vier Jahreszeiten‘ von Mascha Kaleko, die ich schön finde, fand I. langweilig und unterbrach mich schon beim Frühling:

Mit duftenden Veilchen komm ich gezogen,
Auf holzbraunen Käfern komm ich gebrummt,
Mit singenden Schwalben komm ich geflogen,
Auf goldenen Bienen komm ich gesummt.
Jedermann fragt sich, wie das geschah:
Auf einmal bin ich da
.

Mehrmals hören wollte er:

Ich heiße Fritz,
unser Hund heißt Spitz,
Miezevater unser Kater.
Papa heißt Papa,
Mama heißt Mama;
meine Schwester heißt Ottilie:
das ist unsere ganze Familie.
Wir hätten noch gern eine Kuh und ein Pferd dazu
.
(Emil Weber)

Uns beiden gut gefallen und I. zum Lachen gebracht hat das ‚Mag-Lied‘:

Ich mag dich kreuz und quer
Ich mag dich hin und her
Ich mag dich sauber
Ich mag dich dreckig
Ich mag dich rund
Ich mag dich eckig
Ich mag dich wie du bist
Ich mag was in dir steckt
Du bist perfekt

Ich mag dich haargenau
Ich mag dich gelb und grau
Ich mag dich grün und blau
Ich mag dich pink
Ich mag dich ponk
Ich mag dich blubbs
Ich mag dich schwubbs
Ich mag dich bunt, kariert
gestreift, liniert, gescheckt
Du bist perfekt

(Andreas Remenyi)

Und besonders mochten wir ‚Küssen‘ von Paul Maar, dem Autor vom ‚Sams‘:

Jeder weiß, wie küssen geht,
jeder, wie ein Kuss entsteht:
Man macht die Lippen spitz und rund
und küsst sich einfach auf den Mund.

Mancher Kuss ist schmatzig laut,
mancher dauert ziemlich lange,
mancher Kuss ist wie ein Hauch,
landet sanft auf Omas Wange
oder auch auf Babys Bauch.

Wenn du denkst, nur Menschen küssen,
liebes Kind, da täuscht du dich.
Nicht nur Zoobesucher wissen:
Auch Schimpansen küssen sich.

Jungs sind einfach wilder.

Bei einem schönem Kindergeburtstag: Das Thema ‚Jungen und Mädchen sind ja sooo verschieden.“ kam irgendwie ständig auf. Ein Vater fand schade, dass er mit dem Kind nicht so viel Autos spielen kann, weil er ja ein Mädchen hat. Dann ging es darum, dass Jungen ja immer lieber mit Autos spielen und Mädchen lieber mit Puppen. Einer der Jungen habe zwar die neue Puppe seiner Schwester gefüttert, aber trotzdem. Ich warf ein, dass I. sehr gern mit Puppen spielt.
Ich hatte zuvor erzählt, dass ich als Kind ein richtiges Puppenkind war und immer noch Puppen und Zubehör liebe und keinen Hehl aus meiner Begeisterung für den Puppenwagen des Geburtstagskindes gemacht. Wahrscheinlich deswegen und weil I. gerade mit einem Bagger spielte, erntete ich etwas ungläubige Blicke. Ich hatte ein bisschen den Eindruck, dass man dachte, ich würde meine Puppenleidenschaft nur auf I. projizieren. (Dabei schläft der Süße gerade mit seinem Baby im Arm.)
Irgendwann im Laufe der Feier fiel natürlich der Klassiker ‚Jungen sind wilder‘.
Als die Mädchen später Puppen samt Puppenwagen holten und I. auch mitspielen wollte, schlichtete ein Vater den Streit um den Wagen und die Puppen so: „Und du I., kannst ja den großen Jungen spielen und mitlaufen und auf die Mädels aufpassen.“

Schon seltsam… Wenn es um Kleidung geht, kann ich es ja nachvollziehen, wenn man Bedenken hat, wenn das eigene Kind aus dem Rahmen fällt. Habe ich auch. (siehe Post: Gibt es das auch für Jungen? Teil 2.) Aber was Spielzeug betrifft – wir alle wollen doch, dass unsere Söhne zu liebevollen Vätern unserer Enkelkinder werden oder (um mal lieber keine Ansprüche zu stellen :) ) zu liebevollen Erwachsenen. Warum in aller Welt sollten Jungs dann keine Puppenpapas sein?

In der Uni: bei der ersten Seminarsitzung von „Mütter-Frauen-Töchter-Konstrukte der Weiblichkeit im Drama“ kam die Dozentin auf sex vs gender und Geschlechterstereotypen zu sprechen, gab gute Beispiele… Viele meldeten sich und meinten, es gäbe sehr wohl angeborene Unterschiede, begründet mit Argumenten wie: ‚Ich mag aber Glitzer und Rosa. es beruhigt mich irgendwie.‘ Und: ‚Ich habe drei Jungs und sie sind alle wilder als Mädchen.‘ Ich mag auch Glitzer und Rosa, aber nicht, weil ich eine Frau bin. Mein Junge ist nicht sehr wild. Einfach weil er vom Typ her ruhiger ist.

Übrigens hat I. letztens als wir bei der Musikgruppe die Stoppersocken vergessen hatten, aus dem Korb mit Ersatzsocken zielsicher die pinken Socken gegriffen.
Er durfte sich beim Geschenkekauf für das Geburtstagskind auch eine Kleinigkeit aussuchen und suchte sich rosa Schmetterlings-Elfen-Tattoos aus.
Ich kaufe Kleidung meist ohne I. und er besitzt keine pinken Stoppersocken. Denn wie die Meisten gucke ich gar nicht bei der Mädchenabteilung, wenn ich nach Klamotten für ihn suche. Ja, ich werde ihm nicht ‚Mädchensachen‘ aussuchen, solange er sie sich nicht wünscht.
Aber es ist schon erstaunlich, wieviel immer der ‚Biologie‘ zugeschrieben wird, obwohl wir für ein Kind von dem Moment an, an dem die Ärztin beim Ultraschall das Geschlecht erkennt, immer wieder eine Wahl treffen. Eltern, Freunde und Verwandte suchen Mädchensachen und Jungensachen aus.
Auch mein kleiner Puppenpapa hat fast nur Pullis mit Aufdrücken von Autos, Baggern, Wikingern, Piraten und Dinos. Die habe ich ihm gekauft oder er hat sie geschenkt bekommen. Noch sucht er sich manchmal pinke Socken und Elfentattoos aus, aber letztens schon sah er bei dm ein dunkelblaues Ringelshirt mit kleinen roten Herzchen: „Ist das ein Mädchenshirt, Mama?“ Sehr wahrscheinlich, dass er spätestens als Schulkind keine pinken Socken mehr aus dem Korb nehmen wird.
Aber wo ist da bitteschön die Biologie?

Der Opa hat noch keine Kinder.

I. war krank. Wir kuschelten und ich sang ihm ‚Häschen in der Grube… armes Häschen bist du krank?‘ vor, mehrmals. Dann fragte ich ihn, ob ich jetzt mal was anderes singen sollte, ich könnte ja auch das Liederbuch holen. I. überlegte und sagte: „Das Lied, das du eben gesungen hast, das passte zu mir.
Ich bin dahingeschmolzen.

Im Radio lief heute ‚Haus am See‘ von Peter Fox. I. lauschte und fragte: „Mama, ist das ein Frühlingslied?“

Wir fuhren letzte Woche mit dem Zug nach Bielefeld. I., ganz beeindruckt: „Der Zug ist noch schneller als der Mixer!“ (Lieblingsküchengerät)

Abends: „Mein Magen knurrt nach Milchflasche.“

„Papa, du bist ein alter Mann, weil du groß bist.“

„Ich habe mal eine echte Pippi Langstrumpf gesehen und dann haben wir uns verabredet!“

„Wenn ich ein Vogel oder eine Rakete bin, dann fliege ich!“ –“Aber du bist ein Mensch.“
„Aber ich male mir eine Lernkarte und die lerne ich und dann bin ich ein Vogel oder eine Rakete und kann fliegen“.

„Wenn ich mal zum Ritter geschlagen bin, will ich alles tragen, was ein Ritter braucht.“

„Der Opa hat noch keine Kinder, oder?“

Einem Dreijährigen müsste man mit Aufnahmegerät hinterherlaufen. Ständig lachen wir uns über eine Äußerung von ihm schlapp. So oft denke ich mir: „Unbedingt, unbedingt später notieren“ und vergesse es dann leider doch. Am ehesten schaffe ich es, mir kurze Sätze wie „Babys denken, Krokodile wären ausgestorben“ zu notieren.
Schwierig ist es, seine langen Geschichten festzuhalten. Er erzählt mittlerweile die verrücktesten Sachen, hat die lustigsten Spielideen. Oft handelt es sich um irgendwelche haarsträubenden Geschichten über Wölfe, Füchse und feuerspeiende Stöcke.
Ansonsten ist zur Zeit sein Lieblingsspiel: Mama und/oder Papa sind Babys und er ist wahlweise ein großer Junge oder unser Papa. Wenn ich dann anfange, zu notieren, werde ich als Baby natürlich unauthentisch und I. erinnert mich vehement daran, nicht aus der Rolle zu fallen. Aber eine Mitschrift habe ich doch:

„Und dann will ich spielen, ich bin ein großer Junge und am Sprungbecken. und ihr seid kleine Babys und wollt auch springen und ich sage euch: Nein. Nur wenn ihr größer seid. Dann muss man auch schwimmen üben“.

Das Spiel spiele ich viel lieber mit, als z.B. Biene Maja und Fräulein Cassandra, denn als Baby/ Kleinkind brauche ich mir nichts ausdenken, sondern nur ständig zu fragen: „Papaaaa, darf ich zum Mittagessen Schokooo/mit der Säge sägen? Wa-ruuum? Darf ich das, wenn ich erwachsen bin?“ (was I. superlustig findet) und mich dann an I.s Kommentaren und Belehrungen erfreuen.
Letztens hat der Papa, also I. dem Baby, alo mir tatsächlich erlaubt, im Bett einen Lolli zu lutschen. Das Baby freute sich natürlich, aber I. ist ein strenger Regisseur:
„Nein, nicht leise sagen, du musst laut „JA“ schreien, guck mal, so: JAA! Ich sag jetzt nochmal, dass du den Lolli darfst.“

„Gibt es das auch für Jungen?“ Teil 2. Die Praxis.

Ich habe bis 2h Nachts bei towardthestars.com gesurft, einem wunderbaren Online-Shop für Kindersachen, die nicht den Geschlechterstereotypen entsprechen. Ich habe mir zu dem Thema noch viele Gedanken gemacht und festgestellt, dass ich unbewusst in meinem Post ‚3 Jahre, 5 Monate“ eher die ‚jungstypischen‘ Sachen als ‚Indiz‘ dafür, dass die Kleinkindphase vorbei ist, beschrieben habe. Dabei zeigt ja nicht nur die Dino- und (seufz)Schießleidenschaft, dass wir es mit keinem Kleinkind mehr zu tun zu haben. Ich hätte auch beschreiben können, wie süß, vernünftig und lieb das Kind mit Babys/Kleinkindern umgeht. Das ist ja mal ein klares Anzeichen dafür, dass er keines mehr ist. Oder dass er mittlerweile im Haushalt tatsächlich helfen kann, statt zusätzliche Arbeit zu machen. Wie geduldig er seiner Babypuppe ein Verbot erklärt. Aber anscheinend ist bei mir das Großwerden doch unbewusst stark mit ‚Junge werden‘ verknüpft. Gut, das kann auch daran liegen, dass diese Monster-Dino-scharfe Zähne-Peng -Leidenschaft tatsächlich NEU und ungewohnt ist. Genau dieses Gefühl, sich an die neue Altersphase erst gewöhnen zu müssen, wollte ich beschreiben. Wie auch immer – es ist eine spannende Phase und ich freue mich darüber, was Kind alles macht und spielt. Ich guckte dann noch ein bisschen im Internet nach Puppentragen und ging beseelt von den tollen Bildern und Ideen bei towardthestars ins Bett.
Am Morgen kämpfte das Kind mit seiner Strumpfhose. Ich tröstete: „Bald wird es endlich warm, dann braucht man keine Strumpfhosen. Wenn es richtig warm ist, darf man sogar kurze Hose tragen.“ Kind: „Ja, wenn es warm ist, kann ich auch Kleidchen tragen.“ Ich: „Ja, das stimmt. Kannst du machen. …Eigentlich tragen ja Mädchen Kleidchen. Aber wir können ja deine Freundin fragen, ob du eins ausleihen darfst. Nee, wenn du das möchtest, dann können wir mal gucken, ob wir für dich eins finden.“
Das ist das, was ich gesagt habe, aber ich dachte: „Hoffentlich vergisst er es wieder.“
Spielzeug und Bücher sind für mich kein Thema.
Aber mit Kleidung/Accesoires ist es nicht so einfach. Bisher hatte mein Sohn in dem Bereich noch keinen Herzenswunsch. Aber er hat schon oft Sachen erwähnt, wie das mit dem Kleid, bei denen ich mich frage, ob ich diese Wünsche erfüllt hätte, wenn er ein Mädchen wäre. Und wenn ich für ihn einkaufe und es die Shirts/Socken/Schuhe im Angebot einmal für Jungen und einmal für Mädchen gibt, wähle ich eigentlich immer die Jungssachen. Oft passt es, weil das Grün schöner ist, als das grelle Lila oder weil die Piraten-Regenjacke spannender ist als die Blümchenjacke. Aber manchmal gibt es ‚für die Jungs‘ nur Langweiliges, ‚für die Mädchen‘ hingegen z.B. Eulenprints und Kind mag Eulen. Trotzdem kaufe ich das Rüschen-Eulen-Shirt nicht. Und wenn ich mit Kind einkaufe, dann schlage ich ihm die ‚Mädchensachen‘ oft gar nicht erst vor.
Ein sehr häufiger Dialog zwischen uns: Er: „Ich will auch Ohrringe!“ Ich: „Ja, wenn du erwachsen bist, kannst du welche haben.“ Er: „Wenn ich erwachsen bin, will ich Ohrringe!“ Ich stand im Spielwarengeschäft schon oft vor so kindgerechten Aufkleberohrringen und ich denke, einem Mädchen hätte ich sie längst gekauft. Meinem Jungen habe ich sie nicht gekauft und gedacht: „Du hast eh kein Geld. Er braucht das nicht. Er hat eh genug Zeug.“ Was definitiv auch stimmt.
Aber bei anderen genauso unnötigen Sachen kann ich doch oft nicht widerstehen. Ausgerechnet bei Aufkleberohrringen und Kinderschmuck, ebenso wie bei einem rosa Rüschenshirt mit Igelprint, nach dem das Kind bei dm gefragt hat, war ich diszipliniert. Und wenn ich ehrlich bin – ich weiß, dass ich einem Mädchen schon längst lauter kindgerechten Schmuck und Spängchen gekauft hätte – schon weil ich solche Sachen als Kind liebte.
Ich bin mir dieser Diskrepanz bewusst und finde es eigentlich nicht richtig. Es ist nicht das, woran ich glaube. Ja, Herzenswünsche würde ich erfüllen, die gab es bisher im Bereich Kleidung/Schmuck noch nie und darüber bin ich froh. Nicht weil ich Angst hätte, mein Sohn wäre mit Spängchen und Kette kein richtiger Junge oder sonstwas, sondern weil es für mich eine Horrorvorstellung ist, dass andere Kinder mein Kind auslachen oder ärgern.
Ich bin in der Unterstufe heftig gemobbt worden. Ich hatte jeden Tag Angst, zur Schule zu gehen, Panik vor Gruppenarbeit und Klassenfahrt.Unter anderem über meine unmodische Kleidung wurde gespottet.
Mein Kind soll nie in diese schreckliche Situation kommen. Natürlich wünsche ich mir ebenso wenig, dass er zu einem Mobber oder zum angepassten Mitläufer wird.
Ich möchte ihm mitgeben, dass er zu sich stehen kann, auch wenn er Gegenwind bekommt, auch wenn er eine andere Meinung oder einen anderen Geschmack hat. (Das konnte ich damals nicht. Ich sagte zwar im Unterricht zu Themen unerschrocken meine Meinung, aber ich erinnere mich auch daran, wie ich verzweifelt vor den beliebten Mädchen stand und sagte: „Was kann ich tun, damit ihr mich mögt?“)
Dass Kinder lernen, zu denken und zu sagen: „Ihr habt Pech gehabt, wenn ihr mich nicht mögt.“ ist enorm wichtig. Aber ich finde es sehr problematisch, wenn Eltern nicht merken, dass ihr Kind, anders ist, als andere Kinder, dass es uncoole Kleidung trägt, nicht mitreden kann. Kinder wollen dazugehören. Bei allem Idealismus dürfen Eltern das nicht vergessen und sollten auch das Bedürfnis nach Angepasstheit bei ihrem Kind ernst nehmen.
So sehr ich mich über sexualisierende und/oder erwachsene Kindermode aufrege, leide ich auch direkt irgendwie, wenn ich eine 12-Jährige in kindlichem Pferdepulli /einen 12-jährigen mit Schnürschuhen sehe, die sich offensichtlich unwohl in ihrer Haut fühlen (ich spreche hier nicht von Kindern, die diese Sachen selbstbewusst gerne tragen) und verspüre das dringende Bedürfnis mit diesem Kind modische Kleidung shoppen zu gehen. Mit ihm fernzusehen und ihm coole Musik zu zeigen. Natürlich sind das nur meine eigenen Gefühle in dem Moment, ich kenne ja nicht die Hintergründe. Ich bin als ehemals gemobbtes Kind besonders sensibilisiert für sowas. Aber ich bin auch sensibilisiert für die ganze Ungleichbehandlung, die ich im Post Teil 1 geschildert habe. Wenn ich dafür kein Bewusstsein hätte, wenn es mir nicht ein superwichtiges Anliegen wäre, etwas woran ich fest glaube, dann würde ich vielleicht mein Kind mit den modischsten, coolsten, angesagten (und stereotypen) Sachen zuschütten. Ich habe erlebt, wie es sich anfühlt, wenn es heißt: „Du bist hässlich, was hast du denn an, ist das von der Altkleidersammlung.“
Ich kann Eltern, die nicht bereit sind, dem Wunsch ihres Kindes nach ‚unpassendem‘ entgegenzukommen und es mit ‚passenden‘ Markensachen zuschütten, damit es bloß nicht unbeliebt wird, sehr gut verstehen.

Es ist wohl für alle Eltern, die ihr Kind möglichst genderneutral erziehen wollen, ein Balanceakt. Letztlich beeinflussen die Eltern nur zu einem Teil (etwa 30%?) die Sozialisation ihrer Kinder und das ist auch ok so. Ich denke, ich mache schon vieles richtig, indem ich meinem Sohn zum Spielen und Lesen selbstverständlich‘beides‘ anbiete; ihm öfters sage, dass ihm ein Kleidungsstück gut steht; dass er schön ist; dass ich stolz auf ihn bin, wie er sich um das Baby im Cafe gekümmert hat. Aber ich stelle mir oft vor, dass er tatsächlich mal ein Kleid in den Kindergarten anziehen will und wie ich ihm das erlaube, aber Angst habe. Bei uns im Kindergarten ist eine tolle Atmosphäre. Einmal hat wohl ein Kind mein Kind wegen seiner Latzhose etwas aufgezogen, da meinte die Erzieherin direkt, dass die Latzhose eine super Arbeiterhose ist. Deshalb ist für mich folgende Vorstellung am Beängstigsten: Das Kind sucht sich für die Schule eine rosa Schultüte oder einen Feenranzen aus. Mit schlechtem Gewissen versuche ich ihn zu manipulieren, erfülle letzlich seinen Herzenswunsch und habe Alpträume von einem gemobbten Kind. Eigentlich ist das nicht so aktuell. Wenn er sich heute einen Ranzen aussuchen würde, würde er sich recht wahrscheinlich Baustelle oder Dinos aussuchen. Und es sind noch ein paar Jährchen bis dahin. Aber ich habe das Szenario oft im Kopf, weil ich das Gefühl habe, dieser Balanceakt wird immer schwieriger, je älter das Kind wird.

Umso wichtiger, jetzt das Puppenhausspiel zu genießen, bevor es ihm irgendwann zu peinlich wird und es aus dem Zimmer raus soll. Das mit den Klamotten, Schultüten und Ranzen wird sich schon zeigen. Ich bin mir meiner Ängste bewusst und mein Kind wird später wissen, was ihm wichtig ist und wofür er das Risiko eingehen will, ausgelacht zu werden und wofür nicht.

Gibt es das auch für Jungs?

„Dupps hat Lust auf einen Happs! Sie frisst sich durch die Post, knabbert am Sofa und nascht an der Lampe. Doch dann fällt ihr Blick auf Tuffels Po. Zubeißen oder nicht?“
Das Bilderbuch ‚Dupps macht Haps‘ von Polly Dunbar (http://www.carlsen.de/hardcover/dupps-macht-happs/21049) über das Krokodil mit dem Beißdrang will das Kind immer wieder hören und ich lese es gerne vor. Mir fiel auf, dass ich immer wieder „ER frisst sich durch die Post… Doch dann fällt SEIN Blick auf Tuffels Po…“ lese. Auch andere Vorleser_innen machen immer wieder denselben Fehler und merken es gar nicht.
Vielleicht liegt es daran, dass es eher unüblich ist, dass im Bilderbuch ein beißwütiges Krokodil weiblich ist. Wenn in Bilderbüchern Tiere anthropomorph dargestellt werden, dann sind Tiger, Haie, Krokodile meist die Jungen. Es gibt sicher viele Gegenbeispiele und ich kenne dazu keine Forschung. Aber dieser Versprecher unterschiedlicher Vorleser_innen scheint mir kein Zufall zu sein. Ich habe auch noch nie ein Mädchenshirt mit einem Krokodil gesehen. Die gefährlichen Tiere mit den scharfen Zähnen finden sich allesamt in der Jungenabteilung. Dinos, Tiger, Haie, Piranhas sind besonders beliebt. Hasen, Mäuse, Pferde und Katzen sind ab allerspätestens Größe 92 den Mädchen vorbehalten.
Von Schmetterlingen, Blumen, Feen, Elfen, Prinzessinen, Cupcakes auf der einen und Flugzeugen, Autos, Baggern, Schraubenziehern, Piraten, Monstern, Drachen und Robotern auf der anderen Seite ganz zu schweigen. Bei den (Baby-) Jungs überwiegen die Wörter/ Ausdrücke ‚adventure‘, ‚worker‘, ‚builder‘, ’strong‘, ‚boys at work‘, ‚wild‘, ‚Monster‘ und ‚Rabauke‘. Auf Mädchenbäuchen ist zu lesen: ‚peace‘, ‚flower‘, ’sweet‘, ‚dream‘, ‚princess‘, ‚beauty‘.
(Oder auch bei Otto: ‚In Mathe bin ich Deko.‘)
Ich mag rosa. Und ich mag blau. Finde ich persönlich viel schöner als oliv oder beige. Meiner Meinung nach sind nicht die Farben, sondern eher diese Aufdrucke und Motive das Problem. Schon den Allerkleinsten werden damit Rollenklischees übergestülpt. Jungs lernen füh, dass Schmetterlinge und Pferde Mädchensache sind und Mädchen lernen früh, dass Dinosaurier und Piraten Jungsthemen sind. Schade. Wenn ich jetzt noch anfange, über die Spielwarenindustrie und die Spielzeugwerbung zu schreiben, wird der Post zu lang. Aber es ist schon erstaunlich, wie wenige kleine Jungen mit Puppenbuggys zu sehen sind, auch im Kölner Süden. Und wieviele kleine Jungs auf dem Spielplatz die Buggys der Mädchen ausleihen/wegnehmen. Und wie oft ich schon auf dem Spielplatz Gespräche a la „er schiebt so gerne Puppenwagen, aber sein Papa will nicht, dass er einen kriegt‘ belauscht habe (ja, im Kölner Süden). Puppenküchen zumindest haben viele Jungen. Aber Babypuppen samt Zubehör, geschweige denn Puppenhäuser oder Biegepuppen – eher nicht (so mein Eindruck). Und wenn ein Junge eine Puppe hat, dann ist es meist ein Puppenjunge. Dass ein Puppenpapa seinem Puppenmädchen die langen Haare kämmt, ist… unüblich. Aber dass die Puppenmama ihren Puppenjungen wickelt – klar, doch.
Ebenso frage ich mich, warum der Carlsen-Verlag es für nötig befunden hat, ein Conni-Äquivalent für Jungen zu enwickeln. http://www.carlsen.de/max „Das starke Buchprogramm für Jungs! Von den kleinen Vorlese-Fans ab 3 Jahren bis zu den Lese-Helden ab 7! Jungen ticken einfach anders als Mädchen. Für ihre individuelle Entwicklung brauchen sie männliche Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Vorbilder für den Alltag, die mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben wie sie selbst.“ Aha. Ich wüsste jetzt nicht, warum sich ein Junge nicht damit identifizieren können sollte, wie Conni das Seepferdchen macht, zur Musikschule geht, einen Bruder bekommt, in den Urlaub fährt und eingeschult wird. Warum er für dieselben Sachgeschichten einen Max brauchen sollte. Schließlich geht es bei Conni ja nicht darum, wie sie ihre Tage kriegt, sondern z.B. darum, wie sie mit ihrer Familie umzieht. Ziehen Jungs anders um als Mädchen oder was? Also mein Sohn identifiziert sich so sehr mit Conni, dass ich sie bald nicht mehr sehen kann. (Vielleicht gebe ich meine Weigerung, diese Max-Bücher zu kaufen, doch mal zwecks Abwechslung auf.) Ernsthaft: Als wären Jungen nicht in der Lage, sich mit Mädchen zu identifizieren und umgekehrt.
Manchmal habe ich den Eindruck, bald wird es keine Kinderbuchabteilung mehr geben, sondern wie bei den Klamotten eine Jungenbuch- und Mädchenbuchabteilung. Gruselige Vorstellung. Das Kinderüberraschungsei gibt es ja auch schon in zwei Ausführungen. Alles gibt es jeweils ‚für kleine Räuber/Helden‘ und ‚für Prinzessinen‘, seien es Babyrasseln, Cornflakes oder Schränke.
Die extreme Aufteilung in Mädchen- und Jungenkosmos erstreckt sich sogar auf Kleinkindfreundschaften. Wenn Mädchen&Mädchen/Junge&Junge gemeinsam buddeln, heißt es: „Wie schön die besten Freunde spielen“. Wenn Junge&Mädchen gemeinsam buddeln: „Ui, was für ein süßes Paar. Die beiden flirten schon wieder“. Ich finde diese Kommentare mittlerweile einfach nur zum Kotzen.
Genauso wie ich es nicht fassen kann, wie oft ich in 3 Jahren auf Spielplätzen und Krabbelgruppen schon gehört habe: „Jungs sind eben wilder.“, „Typisch Jungs und Technik“ (meist bezogen auf Babys, die Mamas Handy haben wollen) und so weiter und so fort.
Die Mehrheit scheint fest an ‚Typisch Mädchen‘ und ‚Typisch Junge‘ und angeborene Charaktermerkmale abhängig vom Geschlecht zu glauben.
Ich glaube an angeborene Charaktermerkmale unabhängig vom Geschlecht. Die einen Kinder sind eher wild und laut, die anderen eher ruhig und schüchtern. Manche sind musisch begabt, andere eher handwerklich. Das hat herzlich wenig mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit Temperament und Neigungen. Die einen passen eben mit ihrem Wesen in die Norm, die anderen nicht.
Wenn es heißt, dass der Deutschunterricht den Jungen nicht gerecht wird, weil das Lesen lernen zu wenig anhand von Abenteuergeschichten und ‚jungsspezifischen Themen‘ geschieht, dann würde ich es anders formulieren: Der Deutschunterricht wird den Kindern
nicht gerecht, die gerne Abenteuergeschichten, Fußball oder Piraten mögen. Eine größere Bandbreite an Unterrichtsmaterialien, die Kindern mit unterschiedlichen Interessen gerecht wird, muss her.
Wenn der Einwand lautet, dass Kinder mit Abenteuer-/Piraten-/Drachenvorlieben in der Mehrzahl Jungs sind, dann sage ich: Das liegt nicht an den Jungsgenen, sondern an der Sozialisation, die sie bis zum Lesealter bereits durchlaufen sind.
Hier würde ich wieder bei den Dinopullis und männlichen Krokodilen ankommen und mich im Kreis drehen.
Kinder sind in erster Linie Kinder und erst in zweiter Linie Junge oder Mädchen.
Die schwedische Kita Egalia sehe ich trotzdem kritisch, ebenso wie radikale Versuche einer geschlechtsneutralen Erziehung, bei der das Umfeld des Kindes sein Geschlecht nicht erfahren soll. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gut fürs Kind ist, im Gegenteil.
Ich wünsche mir einfach, dass Jungen nicht als unjungenhaft bezeichnet werden, wenn sie an Karneval als schöner Prinz gehen, statt als gefährlicher Pirat und dass Mädchen nicht als unmädchenhaft gelten, wenn sie als Baumeisterin gehen. Ich wünsche mir, dass Kinder ihre Persönlichkeit entfalten können, ohne Angst haben zu müssen, kein richtiger Junge oder kein richtiges Mädchen zu sein.
In der Praxis ist das nicht immer einfach. Mir ist wichtig, dass mein Kind seine Persönlichkeit unabhängig von Geschlechternormen entfalten kann, aber ich habe auch das Bedürfnis ihn davor zu schützen, dass er geärgert oder ausgelacht wird. Dieser Balanceakt ist Thema für einen seperaten Post. Es ließe sich noch viel schreiben. Die Kinder, die heute mit diesen (oft subtilen) Geschlechterstereotypen aufwachsen, werden die Väter, Mütter, Chefinnen, Chefs und Politiker_innen von morgen sein.

3 Jahre, 5 Monate

„Seine große, lange Flinte schießt auf dich den Schrot. Schießt auf dich den Schrot. Dass dich färbt die rote Tinte und dann bist du to-o-ot!“ – Das Kind hat sein Lieblingslied zur vollen Lautstärke aufgedreht und singt mit. Bei der Vertonung folgt auf ‚Schrot‘ ein Paukendonner, das den Schuss darstellen soll. Bei jedem ‚Schuss‘ zielt er mit seinem imaginären Gewehr. Ich beobachte meinen Sohn fasziniert, wie er jeden Paukeneinsatz genau abpasst. ‚Fuchs du hast die Gans gestohlen‘ – auf Repeat.
Ich hasse dieses Lied. Ich kann es nicht mehr hören. Und überhaupt – war das mal mein Baby? Mein tapsiges Kleinkind? Ich will die momentane Faszination für Gewehre und die ‚Peng Peng‘-Schreierei nicht überbewerten. Ich kann mir aber ständige Kommentare wie „Das ist aber ein gemeiner Jäger“ oder „der arme Fuchs“ nicht verkneifen. Ich beschließe die Faszination in ’sinnvolle Bahnen zu lenken‘ und besorge Buch samt CD ‚Peter und der Wolf‘.
Kind lauscht mit offenem Mund. Später klimpert er auf dem Klavier seiner Großeltern. Die tiefen Töne kündigt er als Wolf an und die hohen als Vöglein. „Ich mache jetzt für euch Kasperle-Theater mit Musik.“ Er läuft zwischen Klavier und Türrahmen – der Bühne – hin und her.
„Ich bin der Wolf. Ich brauche noch einen Schauspieler, der das Vöglein spielt.“
Ich strahle wie der Weihnachtsbaum und würde am liebsten alle Welt zu der Aufführung meines Wunderkindes zusammentrommeln. Was für ein tolles Alter.

In 3 Jahren ist das winzige Baby zum plappernden, singendem, springendem, schlingelndem Jungen geworden. Wie fühlte es sich damals an, wenn ich ihn stillte? Das gierige Nuckeln. Das ‚Abdocken‘ und satte Schmatzen. So lange her. Ich muss in mich gehen, die Augen schließen, um mich zu erinnern, wie es sich angefühlt hat. Das viele Kuscheln, auch in der Trage war schön. Heute wird ein Kuss von mir manchmal weggewischt und es heißt: „Mama, ich will meine Ruhe. Geh weg!“ Natürlich ist es super, dass er seine Bedürfnisse artikulieren kann, aber in solchen Momenten sehne ich mich ein bisschen nach der Knuddelbaby-Zeit zurück. Oder wenn ich ihn von seiner Freundin/vom Kindergarten abhole und Kind sich gar nicht freut, mich zu sehen, weil er noch bleiben will.

Andererseits: Wie anstrengend das war, als er nur an meiner Brust einschlief. Als es eine hohe Kunst war, ihn ‚abzudocken‘, ohne dass er aufwachte. Die Sorgen, Zweifel und Aufregung als ich das erste Mal nach der Geburt einen ganzen Abend aus war, beim Mika-Konzert, und auf dem Rückweg die nassen Flecken auf dem Shirt. Die höllischen Schmerzen beim Milchstau. Das stundenlange Herumtragen eines brüllenden Babys im Fliegergriff. Der Muskelkater im Arm. Diese Hilflosigkeit. Der Schlafmangel. Wenn Kind mal krank ist, frage ich mich, wie wir das früher gemacht haben mit schlaflosen Nächten als Normalzustand.

Neulich waren wir nach einer langen Winterpause im Zoo.
Ich: „Welche Tiere fandest du besonders toll?“
Kind: „Ich fand alle Tiere toll. Aber die gefährlichen Tiere mit den scharfen Zähnen fand ich am spannendsten.“
Er stellte im Zoo Fragen über Fragen, die ich nicht beantworten konnte, also las ich mir die Schilder durch, an denen ich bei vorherigen Zoobesuchen vorbeigegangen war. Es war interessant. Ehrlich gesagt, hatte ich bisher eher die Menschen im Zoo beobachtet als die Tiere.
Nun hielten wir uns sehr lange im Terrarium auf und ich musste feststellen, dass ich anscheinend noch nie im Terrarium des Kölner Zoos war (oder, was wahrscheinlicher ist, seit dem Grundschulalter nicht mehr da war und mich nicht mehr erinnere) und ich sah zum ersten (?) Mal ein Chamäleon aus der Nähe. Es war wunderschön. Der Tomatenfrosch war lustig und ich überwand sogar ein bisschen meine Spinnenangst.
Als er noch ein Kleinkind war, war der Zoobesuch ein netter Ausflug, bei dem er lange die Erde neben dem Flamingogehege studierte und sich ganz doll über die Enten freute. Das war sehr süß und ich machte sehr viele Fotos von ihm und den Enten, aber irgendwann dachte ich, dass wir die Enten auch for free im Volksgarten hätten sehen können. Den Vorschlag, mal zu den anderen Tigern zu gehen, beantwortete er mit hysterischem Kreischen.
Kreischen kann er auch noch mit 3 sehr gut – nicht dass hier Missverständnisse aufkommen. ;)
Aber zum Fotografieren kam ich beim letzten Zoobesuch gar nicht, weil wir gemeinsam den Tomatenfrosch, den Doktor- und den Königsfisch und die Riesenwanzen entdeckten.
Na ja, die Wasserfälle bei den Elefanten und im Tropenhaus waren immer noch mindestens genauso spannend.
Auch wenn ich manchmal die Babyzeit vermisse – ich freue mich so darauf, mit meinem Kindergartenkind die Welt zu entdecken (und dabei auch einige Wissenslücken aufzuholen).
Ich kann jetzt schon den Stegosaurus vom Diplodocus unterscheiden.
Bald werden wir Astrid Lindgren und Tove Jannson lesen können.
Und auf das erste Mal Kino freue ich mich schon so sehr!
Dieser Satz ist so extrem abgelutscht, aber – Wahnsinn, wie die Zeit verflogen ist. Dieses Gefühl ist irgendwie schwer zu fassen.
Jetzt ist er 3 Jahre und 5 Monate alt. Die berühmten ersten drei Jahre sind um, ein ganz neuer Abschnitt hat begonnen.
Wenn sich das Kindergartenkind, müde vom Peng-Peng, abends zum Vorlesen ankuschelt und ganz babyhaft an seiner Milchflasche nuckelt, ist es schön.

Serienjunkies

Ich bin zur Zeit süchtig nach ‚Parenthood‘. Die NBC-Serie über die große Braverman-Familie ist wie für mich geschaffen – die Story. Die vielschichtigen und liebenswerten Charaktere, die ein kompliziertes Beziehungsgeflecht ergeben. Die grandiosen Schauspieler (u.a. Lauren Graham aus ‚Gilmore Girls‘), der Soundtrack, die realistische (soweit ich es beurteilen kann) Darstellung eines Jungen mit Asperger. All das macht mich süchtig und ‚Parenthood‘ zu meiner Lieblingsserie.
Ich denke, alle die ‚Gilmore Girls‘ mochten, werden auch ‚Parenthood‘ lieben. Aber ‚Parenthood‘ ist anders und noch besser. Ernster. Die Charaktere sind so viel facettenreicher und auch die Themenstränge/Geschichten sind weniger ‚harmlos‘ und tiefgründiger als bei ‚Gilmore Girls‘.

Ansonsten warte ich darauf, dass in April die neuen Folgen von ‚Game of Thrones‘ rauskommen. Ich hätte ja nie gedacht, dass ich Fan einer Mittelalter-Fantasy-Serie werden könnte, aber auch hier: Vielschichtige Charaktere gespielt von wunderbaren Schauspielern und ein kompliziertes Familiengefüge. Mit Kampf um den Thron. Und es ist wirklich atemberaubend spannend.

Auch freue ich mich auf die zweite Staffel ‚Girls‘ von und mit Lena Dunham, die vor kurzem rausgekommen ist. Diese neue Anti-‘Sex and the city‘-Serie über 4 New Yorker Freundinnen Mitte 20 in prekären Jobs und schwierigen Beziehungen ist sehr besonders, witzig und vor allem ziemlich realistisch. Die Serie ist das Gegenteil von Hochglanz, mit vielen Sex- und Nacktszenen von nicht perfekten Körpern und einem tollen Soundtrack.

Es gibt also mehr als genug Serienfutter für den Junkie in mir.

Aber auch das Kind hat mit zarten drei Jahren schon seine Serien: Biene Maja und neuerdings Pippi Langstrumpf (von 1969).
Und ich muss gestehen – auch ich liebe beide. Sogar die Titellieder ‚Hey Pippi Langstrumpf‘ und ‚In einem unbekannten Land‘ gehen mir (noch) nicht auf die Nerven.
Dem Kind zum Aufwachen ‚Hey Pippi Langstrumpf‘ anzumachen wirkt Wunder. Wenn alle Weckversuche scheitern und er nur grunzt und brummt und sich in die Kissen zurückfallen lässt, brauche ich nur das aktuelle Lieblingslied anzumachen und das zerknautschte, schlaftrunkene Kind schnellt hoch und strahlt. Aber auch ich kriege davon gute Laune.

‚Biene Maja‘ und ‚Pippi‘ sind schön langsame Serien.
Die Blumen- und Grasbilder in ‚Biene Maja‘ sind so ruhig, verglichen mit heutigen Serien und Filmen. Das ist echt angenehm. Das Kind findet die Geschichten, in denen meist eins der Insekten gerettet wird, superspannend. Alle Insekten-Protagonisten sind irgendwie schrullig-einmalig-liebenswert. Und die Stimmen von Maja und Willi finde ich toll.
An Karneval ging Kind als Biene Maja und ich war zum ersten Mal seit der Grundschule richtig verkleidet und ging – als Fräulein Cassandra. Er hatte mich überredet.

‚Pippi Langstrumpf‘ ist seine erste Serie mit richtigen Schauspielern. Ich war mir unsicher, ob er noch zu klein dafür ist (3 Jahre, 4 Monate), aber wir sind jetzt bei Folge 5 und er liebt es und wirkt nicht überfordert.
Jim Knopf hingegen haben wir ausprobiert und erstmal auf Eis gelegt. Er fand es gut, aber die Handlung war einfach zu kompliziert. Die Pippi-Geschichten sind einfacher. Die Gauner, die Pippis Gold klauen wollen, findet er witzig und dass Pippi so stark ist, dass sie ihr Pferd hochheben kann, noch witziger.
Pippi macht alles, was man nicht darf und das trifft genau seinen aktuellen Humor.
‚Pippi und die Geister‘ fand Kind besonders spannend – aber nicht gruselig –
Zitat: „Es gibt keine Gespenster, weil – die sind schon ausgestorben!“